Keine größere Macht

Teil 2 von 3


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





 

 

Teil 2

 

Der Geruch der Gärten stieg Obi-Wan schon in die Nase, bevor er diese erreicht hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass diese Düfte vorher auch so stark gewesen waren. Vielleicht war es ein nächtliches Ereignis, das eine solch starke Reaktion bei diesen Blumen hervorrief. Es war ein fast himmlischer Geruch, der in der Luft lag. Doch in seiner augenblicklichen Verfassung und seiner Not konnte ihn nicht einmal dies beeindrucken.

Er rannte durch den mit wildem Wein bewachsenen Torbogen. Seine Augen durchkämmten die Blütenmeere nach einem Zeichen der blassen blauen Blumen. Ganz in seiner Nähe konnte er schließlich die Blütenblätter in der immer dunkler werdenden Dämmerung erkennen.

So schnell er konnte, stürmte er auf sie zu. Inmitten des exotischen Blumenfeldes fiel er auf seine Knie. Dabei zerdrückte er die zarten Stiele der Pflanzen. Doch daran konnte Obi-Wan in diesem Augenblick nicht denken. Fieberhaft tastete er mit seinen Händen die Erde ab. Er suchte. Hektisch suchte er diese wertvolle, kleine Flasche.

‚Wo ist sie?’, fragte er sich. ‚Sie muss hier sein. Sie muss.’ Ein erschreckender Gedanke durchzuckte ihn. ‚Hoffentlich hat sie niemand anders gefunden!’

Dann berührten seine Finger etwas Kleines und Kompaktes. Es war die fehlende Flasche, nach der er so ungeduldig suchte. Hastig und am ganzen Körper zitternd griff er danach. Schnell schraubte er den Deckel ab und schüttete den Inhalt der Flasche in seine offene Hand. Dabei verschüttete er die Kapseln auf dem Boden um ihn herum. Das frustrierte ihn noch mehr.

„Oh nein!“, rief der junge Jedi entsetzt aus.

Obi-Wan steckte eine der Kapseln von seiner Hand in den Mund und schluckte sie. Dann suchte er den Boden nach den heruntergefallenen Kapseln ab. Er hob diese auf und legte sie in die kleine Flasche zurück.

Als er schließlich seine Suche nach weiteren Kapseln aufgab, setzte er sich in das Blumenbett. Dann atmete er einige Male tief durch. Er fühlte sich bereits wieder besser. Er nahm noch zwei weitere Kapseln und schluckte diese ebenfalls. Seitdem er und Qui-Gon zu diesem Planeten aufgebrochen waren, waren drei Kapseln auf einmal seine normale Dosis geworden.

‚Es ist vorbei. Ich habe genügend gefunden, um den Weg zurück nach Coruscant zu überstehen’, dachte er erleichtert.

Fast zärtlich streichelte er die Flasche.

„Ich werde dich niemals wieder aus den Augen lassen, meine Kleine“, flüsterte er dieser zu. „Niemals wieder! Jetzt bleibst du immer bei mir.“

Nachdem er die kleine Flasche vorsichtig in die Tasche seines Umhangs gelegt hatte, trat Obi-Wan auf den Weg, der durch die Gärten führte, zurück. Er spazierte noch ein wenig herum. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, konnte er nun die Stille und die Lichter der Nacht, die bis zum Horizont reichten, genießen.

 

 

 

 

 

*******

 

 

 

 

 

Einige Stunden später kam er in den Palast zurück. Leise kehrte er zu seinem Gästezimmer zurück. Als er seinen Raum betrat, konnte er ein seltsames kläffendes Geräusch hören. Es kam aus Qui-Gons angrenzendem Zimmer. Er durchquerte das Badezimmer. Kurze Zeit später stand er vor der Türe, die in den Raum seines Meisters führte. Gespannt horchte er eine Weile.

Schließlich war er sich sicher, dass dieses tierische Kläffen aus Qui-Gons Zimmer kam. Zu seiner eigenen Sicherheit verstärkte er seine mentalen Schilde. Dann klopfte er an der Türe.

„Meister?”, fragte er.

 

Die Türe öffnete sich und der Jedi-Meister stand in der Türöffnung. Ein breites, fröhliches Lächeln lag auf seinem Gesicht.

„Komm herein, Obi-Wan“, sagte er. „Ich habe hier etwas, das ich dir sehr gerne zeigen möchte.“

Qui-Gon trat von der Türe weg und erlaubte seinem etwas verwirrt wirkenden Schüler, das Zimmer zu betreten. Im Hintergrund konnte der Teenager ein leises, raschelndes Geräusch hören.

 

Obi-Wan betrat den Raum. Er sah sich um. Schließlich entdeckten seine Augen eine kleine, pelzige Kreatur. Diese saß in der Mitte des großen, gemütlichen Bettes. Das Wesen hatte hellbraun gefärbtes, flaumiges Haar, dunkle Augen und sah absolut süß und niedlich aus. Es kläffte ein weiteres Mal, als würde es auf Obi-Wans fassungsloses Starren antworten.

 

„Nun, Obi-Wan? Was denkst du?“, wollte Qui-Gon wissen.

 

Der Padawan stand geschockt da. Regungslos starrte er auf das Lebewesen, das noch immer auf dem Bett seines Meisters saß und ihn mit seinen großen Augen anschaute.

 

„Obi-Wan?“, lachte der Jedi-Meister.

 

Der junge Jedi drehte sich zu Qui-Gon um. Ein verwirrter Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

„Was... was ist das, Meister?“

 

„Das ist ein Drangmul-Welpe, Padawan. Das ist ein Fleischfressendes, von den Cardanern gezähmtes Tier.“ Er schob Obi-Wan auf das Bett zu, auf dem die kleine Kreatur noch immer vollkommen ruhig und still saß. „Du musst keine Angst haben, Obi-Wan. Es wird dich nicht verletzen. Es ist völlig harmlos. Schau es dir ruhig an.“

 

Der Drangmul hob seine Vorderpfoten in eine trainierte Haltung. Dann kläffte er ein weiteres Mal. Vorsichtig bot der Teenager ihm seine Hand an. Als Dank dafür wurde die Hand des Padawans gründlich und voller Begeisterung abgeleckt.

 

„Woher kommt er?“, fragte Obi-Wan nun sehr interessiert.

 

„Ich habe ihm von Botschafter Corrunem bekommen. Er hat einen ganzen Wurf davon und dachte, dass es dir vielleicht besser gehen würde, wenn du einen neuen Freund hast.“ Qui-Gon lächelte. „Und ich habe ihm bereits in deinem Namen gedankt.“

 

„Und er hat ihn mir geschenkt?“, entgegnete sein Schüler überrascht.

 

Der Jedi-Meister nickte.

„Ja, Padawan. Er, oder sollte ich besser sagen, sie... gehört nun dir.“

 

„Mir?“

Obi-Wan starrte die kleine, pelzige Kreatur weiterhin an. Er war bisher noch nicht in der Lage, dies alles richtig zu begreifen und zu verstehen.

„Aber“, stammelte er ungläubig. „...aber als Jedi sollen wir doch keinerlei Geschenke annehmen, oder irre ich mich da, Meister?“

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Meister zu.

 

Qui-Gon schwieg für einen Moment. Er legte seine Hand auf die Schulter des Padawans. Nach einer kurzen Zeit des Überlegens meinte er:

„Nein, Obi-Wan, da hast du schon recht. Aber dies ist... Nun, es ist...“

 

„Was wollt ihr sagen, Meister?“

Der Teenager starrte den Jedi-Meister weiterhin an. Dieser schien offensichtlich voller Verlegenheit nach den richtigen Worten zu suchen.

 

„Nun... Obi-Wan”, fuhr Qui-Gon fort. Er wirkte ein wenig frustriert. „Es ist ja nur ein kleines Tier und keiner wird etwas von diesem Geschenk wissen... wenn wir es ihnen nicht erzählen.“

 

Der junge Jedi hatte große Mühe, das Lachen zu unterdrücken. Dennoch war er nicht bereit, es seinem Meister so einfach zu machen.

„Deutet ihr etwa an, dass wir lügen sollen, Meister?“, wollte er mit unschuldig klingender Stimme wissen.

 

„Nein. Aber wir müssen es doch nicht erwähnen, wenn keiner danach fragt. Hast du das verstanden, Padawan?“

 

Langsam und vorsichtig setzte sich Obi-Wan neben den kleinen pelzigen Drangmul auf das Bett. Er sah zu dem großen Mann auf, der in der Zwischenzeit ziemlich frustriert aussah. Der junge Mann lächelte schelmisch.

“Ihr wollt, dass wir lügen.”

 

Erschlagen drehte Qui-Gon sich um und ging in das Badezimmer. Murrend und leise vor sich hin schimpfend schloss er die Türe hinter sich.

 

Sein Schüler lachte stillvergnügt in sich hinein. Er sah den Drangmul an, der in der Zwischenzeit auf seinen Schoss geklettert war und leise kläffte. Er streichelte das Tier, dessen Fell ganz weich war. Sein anfängliches Misstrauen war vollständig gewichen.

„So, wie nennen wir dich denn?“

Vorsichtig nahm er sein neues Tier auf den Arm und stand auf. Er trug es aus dem Gästezimmer seines Meisters, dann durch den Gang und schließlich in seinen eigenen Gästeraum. Dort setzte er es auf sein Bett.

Nachdem er den Drangmul noch einige Male gestreichelt hatte, zog sich Obi-Wan seinen Schlafanzug an und bereitete sich darauf vor, ins Bett zu gehen. Noch einmal nahm er drei von den Kapseln. Dann legte er sich in das große Bett. Der kleine Welpe rollte sich neben ihm zusammen. Dann fiel er in einen leichten, unruhigen Schlaf.

 

 

 

 

 

*******

 

 

 

 

 

Obi-Wan erwachte in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Er war nicht in der Lage, wieder einzuschlafen. Das war zu einer üblichen Gewohnheit geworden, seitdem die Droge die Kontrolle über ihn an sich gerissen hatte. Er war überrascht, als er den schlafenden Drangmul-Welpen neben sich fand. Er hatte diesen vollkommen vergessen. Sanft strich er dem Welpen einige Male über das Fell. Dann stand er vorsichtig und ohne das Tier zu wecken auf.

Er holte saubere Kleidung aus seiner Reisetasche und ging dann in das Badezimmer, um eine heiße Dusche zu nehmen. Das Badezimmer war noch leer. So verschloss er beide Türen, damit sein Meister ihn nicht stören konnte, besonders da Qui-Gon für gewöhnlich sehr früh am Morgen aufstand.

Obi-Wan fühlte sich sehr zufrieden, denn in seinem Leben schien alles in Ordnung zu sein. Heute würden sie die Rückreise nach Coruscant antreten, er hatte ein neues, niedliches kleines Tier, er hatte seine Medizin – auf die er ziemlich oft zurückgriff – und Meister Qui-Gon ahnte überhaupt nichts. Alles lief ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

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Ungefähr eine Stunde später waren Qui-Gon und Obi-Wan auf dem Weg zum Raumhafen, um nach Coruscant zurück zu reisen. Der junge Jedi fand auch den Raumhafen wunderschön. Holzlauben, die mit dunkelgrünem Wein bewachsen waren, säumten die Wege. In regelmäßigen, kleinen Abständen standen große Töpfe mit karmesinroten, leuchtenden Blumen. Die aus Kopfsteinpflaster bestehende Strasse war mit winzigem, lilafarbenem Moos überzogen.

Sie kamen zu einem sehr belebten Platz. Dort mussten sie aufpassen, dass sie nicht von der Menge überrannt wurden. Jedes Mal, wenn sie sich an jemandem vorbeiquetschen mussten, drückte Obi-Wan den kleinen Welpen fester und enger an sich. Mit seinen Augen spähte er aufmerksam durch die entgegenkommende Menge, um einen Zusammenstoss zu vermeiden.

 

„Obi-Wan“, begann Qui-Gon.

 

„Ja, Meister?“

 

„Hast du dem Drangmul-Welpen in der Zwischenzeit einen Namen gegeben, Padawan?“

Keiner der beiden sah den anderen länger als notwendig an. Nur so konnten sie einem Zusammenstoß mit einer entgegenkommenden Person entgehen.

 

„Das habe ich in der Tat“, grinste der Teenager schadenfroh.

 

„Nun“, fuhr der Jedi-Meister voller Neugier fort. „Wie hast du sie denn genannt?“

 

„Ich habe sie Meister Sariel getauft“, antwortete sein Schüler mit funkelnden blaugrünen Augen.

 

Qui-Gon blieb abrupt stehen. Er packte den jungen Jedi am Arm und zog ihn auf die Seite, in die Nähe der Lauben.

„Hast du ‚Meister Sariel’ gesagt? Du hast dem Welpen den Namen ‚Meister Sariel’ gegeben?“, fragte er ungläubig. „Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?“

 

Obi-Wan war nicht in der Lage, das selbstgefällige Grinsen von seinem Gesicht zu bekommen, obwohl er es versuchte.

 

„Padawan, höre auf zu grinsen und erkläre mir, wieso du den Welpen ‚Meister Sariel’ genannt hast“, verlangte Qui-Gon energisch.

 

„Nun... ich denke, sie sieht ein wenig wie Meister Sariel aus. Findet ihr nicht auch, Meister?“, versuchte Obi-Wan zu erklären. Er betrachtete den Drangmul auf seinem Arm.

 

Qui-Gon musterte den Welpen stirnrunzelnd. Vergeblich versuchte er, irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen dem Tier und Meister Sariel zu sehen.

„Nein, ich denke nicht, dass sie so aussieht, Obi-Wan. Wie bist du denn nur auf diesen Gedanken gekommen?“

 

„Nun... ihr Fell ist so flaumig, und... es ist am ganzen Körper“, lachte er. „Sie ist einfach ein kleiner Fellball, Meister.“

 

Der Jedi-Meister runzelte erneut die Stirn.

„Wer?“, fragte er nach. „Der Welpe oder Meister Sariel?“

 

Auf diese Worte hin musste der junge Jedi noch mehr lachen.

„Oh, Meister. Das war... das war…” Er lachte nun so stark, dass er nicht mehr in der Lage war, irgendetwas zu sagen.

 

Qui-Gon wandte sich ab. Er versuchte, nicht zu lachen oder auch nur zu lächeln. Dann packte er Obi-Wan am Arm. Er zog ihn den Weg bis zu ihrem wartenden Shuttle entlang. Ganz langsam beruhigte sich sein Schüler wieder und hörte auf zu lachen.

 

Im Inneren des Shuttles bereiteten sich die beiden Jedi auf den Abflug vor. Sie setzten sich auf ihre Plätze und schnallten sich an. Obi-Wan setzte den Welpen auf den Sitz neben ihm. Auf eine raffinierte und geniale Art und Weise band er den Sicherheitsgurt um den schmalen Körper des Welpen. Er sicherte ihn genauso gut, wie er und Qui-Gon geschützt waren.

 

 

 

 

 

*******

 

 

 

 

 

Nach dem Essen spielte Obi-Wan mit dem kleinen Welpen auf dem Boden des Frachtraumes. Qui-Gon war vor einer Weile in seine Kabine gegangen.

‚Wahrscheinlich meditiert er’, überlegte sich Obi-Wan.

Dies war etwas, was der Padawan seit kurzem ziemlich vernachlässigte. Doch daran wollte der Teenager im Moment nicht denken. Er legte sich mit dem Rücken nach unten auf den Boden und hielt den kleinen Drangmul über seinen Kopf. Dieser wand sich und kläffte. Dann senkte Obi-Wan ihn auf seinen Brustkorb herunter und ließ ihn los. Der Welpe leckte sein Gesicht ab, während der junge Jedi einfach nur fröhlich lachte.

„Lass das, Meister Sariel. Du machst mich ja ganz nass“, kicherte er. „Ich habe mich heute Morgen schon gewaschen.“

Nachdem das Tier endlich aufgehört hatte, ihn abzulecken, fing es an, an seinem Umhang herum zu schnüffeln. Er begann schließlich, mit seinen Zähnen an irgendetwas zu ziehen. Nachdem er irgendetwas Hartes zwischen seine Zähne genommen hatte, zog der Welpe es mit einem kräftigen Ruck aus Obi-Wans Tasche und raste damit davon.

‚Meine Medizin!’, dachte Obi-Wan erschrocken.

Der junge Jedi versuchte das Tier zu fangen, doch dieses war zu schnell. So sauste der Welpe mit der geheimen kleinen Flasche des Teenagers aus dem Frachtraum.

„Hey!“, schrie Obi-Wan. „Hey, komm sofort zurück!“

Er sprang auf und machte Jagd auf den Welpen. Er rannte den Gang entlang und schaute in jeden Raum. Dennoch es war ihm nicht möglich, den kleinen Dieb zu finden. Voller Verzweiflung suchte Obi-Wan jeden Winkel des Shuttles ab, doch der Erfolg blieb ihm verwehrt.

„Meister Sariel, wo steckst du?“, fragte er ängstlich.

Auf einmal kam der Drangmul zu ihm zurück. Doch die kleine Flasche hatte er nicht mehr in seinem Maul. Auch sonst war die Flasche nirgends zu sehen. Obi-Wan geriet in Panik.

„Was hast du mit meiner Flasche gemacht? Wo hast du sie hingetan?“, rief er vollkommen außer sich. Erschrocken und völlig aufgelöst fiel er vor dem Welpen auf die Knie. „Wo ist sie? Bitte bringe mich zu mir zurück... bitte. Ich brauche sie ganz dringend”, flehte er.

Er sah sich auf dem Boden um, konnte aber seine Flasche nirgends finden. Der kleine Welpe sprang fröhlich kläffend um ihn herum.

„Meister Sariel, was hast du mit meiner Flasche gemacht?”, wiederholte er. „Wo ist sie?“

Ungerührt kläffte der kleine Drangmul weiter.

 

„Obi-Wan?“, erklang eine ihm sehr gut bekannte Stimme über ihm.

Das Herz des Padawans schlug schneller. Widerwillig sah er auf und bemerkte, dass sein Meister am Ende des Ganges stand. Obi-Wans blaugrüne Augen erstarrten, sobald er seine verschwundene Flasche sehen konnte. Sie befand sich nun in Qui-Gons Hand. Dann hob er seine Augen zu seinem Meister auf und sah ihm in die seinigen. Es schien ihm, als würden Qui-Gons scharfe blaue Augen durch ihn hindurch sehen und alles erkennen können, was er zu verbergen versuchte. Schnell verstärkte er seine mentalen Schilde.

 

Qui-Gons Gesicht war unlesbar. Doch seine Augen folgten jeder Bewegung seines Padawans.

„Obi-Wan? Was ist das?“, fragte er ruhig.

Er ging auf den Teenager zu, der plötzlich aufsprang.

„Padawan? Ich habe dich etwas gefragt.“

Er blieb direkt vor dem jungen Jedi stehen. Mit Hilfe der Macht versuchte er, etwas hinter den starken mentalen Schilden seines Padawans zu entdecken. Doch noch immer war er nicht in der Lage, dessen Gedanken zu erkennen.

 

Obi-Wan senkte seinen Blick auf den Boden. Er war nicht in der Lage, etwas zu sagen.

 

„Obi-Wan?“ Qui-Gons Stimme blieb weiterhin gefährlich ruhig.

 

„Es ist... Es ist...“, stammelte Obi-Wan.

Er fühlte sich, als würde er gleich ohnmächtig werden. Er atmete tief ein und aus. Seinen Blick richtete er weiterhin auf den Boden.

 

„Es ist was?“, hakte Qui-Gon nach.

 

„Es ist meine Medizin, Meister“, antwortete sein Schüler schließlich leise.

 

„Deine Medizin?“, wiederholte der Jedi-Meister.

 

Obi-Wan atmete noch einmal tief durch. Ein drückendes Schweigen lag zwischen den beiden Jedi. Noch immer hatte der Padawan seinen Blick auf den Boden gesenkt.

„Ja, Meister“, erwiderte er schließlich. Seine Gedanken rasten. „Ich habe sie mitgebracht... Für den Fall, dass ich sie brauche. Ihr wisst, man kann nie wissen, was auf einer Mission passiert...“ Seine Stimme brach ab. Die letzten Worte waren fast unhörbar gewesen.

 

Qui-Gon überlegte einen kurzen Moment. Dann fuhr er fort:

„Ist dies das Schmerzmittel, dass dir Heiler J’Reedon nach unserer letzten Mission gegeben hat?“

 

„Ja, Meister. Es ist das gleiche.“

Obi-Wan hatte den Kopf noch immer geneigt. Durch seine Augenwimpern warf er einen Blick auf den vor ihm stehenden Jedi.

 

Qui-Gons Gesicht blieb weiterhin eine Maske. Es war nicht zu erkennen, was auch immer für Emotionen darunter kochten. Er warf einen kurzen Blick auf die kleine Flasche, die er noch immer in der Hand hielt.

„Padawan, hast du dieses Schmerzmittel seitdem genommen?“, fragte er wissend.

 

„Nein, Meister“, stieß Obi-Wan hervor, bevor er darüber nachdenken konnte.

 

Nun veränderte sich der Gesichtsausdruck des Jedi-Meisters und wurde traurig. Er seufzte auf.

„Oh, Padawan. Du weißt sehr gut, dass du diese Kapseln seit zwei Monaten nimmst. Ist es nicht so, Obi-Wan?“ Seine Stimme war mitleidig, betroffen und traurig.

 

Obi-Wan schloss fest seine Augen. Er versuchte, seine Gefühle unter Kontrolle zu behalten. Doch eine Träne entschlüpfte und rann seine Wange hinunter. Er drehte sich um und wandte seinem Meister nun seinen Rücken zu.

‚Wie konnte das nur passieren?’, dachte er voller Verzweiflung.

 

„Ist es nicht so, Obi-Wan?“, fragte Qui-Gon ein zweites Mal.

 

Wieder schwieg sein Schüler.

 

Der Jedi-Meister erkannte, dass Obi-Wan ihm nicht antworten würde. Das machte ihn noch trauriger und betroffener. Erst hatte ihn der Teenager angelogen, und dann gab er es nicht einmal zu, obwohl es offensichtlich war. Obi-Wans Weigerung, die Wahrheit zuzugeben, sagte Qui-Gon mehr als tausend Worte. Dies machte ihn genauso bekümmert wie unglücklich. Es fiel ihm sehr schwer, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten und Obi-Wan ruhig gegenüber zu stehen.

„Also gut, Obi-Wan. Wenn du aufsässig und rebellisch wirst, dann werde ich dich entsprechend behandeln“, sagte er mit strenger Stimme. Er machte eine Pause. Er konnte fast selbst nicht glauben, was er da zu seinem Schüler sagte. „Gehe in deine Kabine und meditiere, bis ich zu dir komme. Und wenn ich erst in zehn Jahren komme, so erwarte ich, dass du noch immer meditierst. Hast du gehört, Obi-Wan? Hast du verstanden?“

 

„Ja, Meister“, brachte Obi-Wan mühsam heraus.

Er schlich den Gang entlang und zurück in seine Kabine. Kein einziges Mal sah er zurück. Er fürchtete sich vor dem Zorn, den er in den Augen seines Meisters finden würde.

 

Auch Qui-Gon ging in seine eigene Kabine zurück. Er hatte etwas Mühe, sich wieder zu beruhigen. Er versuchte, sich mit Hilfe der Macht von seinen Gefühlen zu befreien. Langsam verrauchten sein Ärger und seine Wut. Zurück blieben große Betroffenheit und hilflose Bestürzung über die Probleme und Nöte seines jungen Padawans. Er hatte schon auf Coruscant das Gefühl gehabt, dass bei seinem Schüler etwas nicht in Ordnung war. Doch damals hätte er nie gedacht, dass Obi-Wan mit einem so massiven und schweren Problem kämpfte. Woher hätte er wissen sollen oder können, dass der Teenager von einem Schmerzmittel abhängig geworden war. Er hatte sich abgekapselt und die Gedanken seines Geistes vor seinem Meister geheim gehalten.

‚Wo habe ich als Meister versagt?’, fragte sich Qui-Gon hilflos. ‚Und was habe ich falsch gemacht? Bin ich zu streng mit ihm gewesen? Ich hätte niemals gedacht, dass Obi-Wan mich irgendwann einmal so anlügen würde und es dann nicht einmal zugibt, obwohl es offensichtlich gewesen ist. Wenn er ein Problem hat, warum ist er damit nicht zu mir gekommen? Wir hätten mit Sicherheit eine Lösung gefunden. Ich kann es nicht verstehen. Warum hat er kein Vertrauen mehr zu mir? Seine Lügen verletzen mich mehr, als seine Sucht das jemals könnte.’

 

 

 

 

 

*******

 

 

 

 

 

Auf einmal wurde das Shuttle hart auf eine Seite geschleudert. Es warf seine Passagiere aus dem Gleichgewicht. Nur kurze Zeit später kam ein weiterer Stoss. Dieser war viel heftiger und warf den Jedi-Meister zu Boden. Qui-Gon erhob sich wieder und rannte aus seiner Kabine. Dabei stieß er fast mit seinem Padawan zusammen, der mit hoher Geschwindigkeit durch den Gang in das Cockpit stürmte. Nacheinander liefen sie ins das Cockpit, wo der Twi’lek Pilot, Captain Fehrion, saß. Seine Hände huschten über die Steuervorrichtungen.

„Was ist passiert, Captain?“, erkundigte sich Qui-Gon ruhig.

 

„Die Maschine reagiert nicht besonders gut. Ich weiß aber leider nicht, wodurch dies verursacht wird“, antwortete der Twi’lek.

 

Ein weiterer Stoß erschütterte das Schiff. Sowohl Qui-Gon als auch sein Schüler konnten sich gerade noch rechtzeitig festhalten. Sonst wären beide zu Boden geworfen worden.

 

Obi-Wan rannte zurück in den Gang und dann in den Maschinenraum. Dort angekommen, entdeckte er sogleich die Ursache für all die Schwierigkeiten. Der Drangmul-Welpe war damit beschäftigt, einzelne Leitungen zu zernagen. Helle Funken sprühten überall hin.

„Nein!“, schrie der Teenager dem kleinen Welpen zu.

Er hob das Tier hoch und warf es hinaus in den Gang.

 

Qui-Gon kam genau in diesem Augenblick dazu. Er trat hinter den Padawan, der vor dem Gewirr aus Drähten kniete.

„Was ist geschehen, Obi-Wan?“

 

„Meister Sariel hat unseren Antrieb gegessen, Meister. Ich glaube nicht, dass ich das Problem ohne ein neues Drähtesystem reparieren kann.“

 

Beide rannten ins das Cockpit zurück, um dem Piloten das Problem zu mitzuteilen. Auf dem Weg dorthin schnappte sich Obi-Wan den Welpen.

 

„Dort gibt es einen kleinen, bewohnbaren Planeten, Meister Jinn“, sagte Fehrion und deutete mit dem Finger auf einen Punkt auf der Karte. „Ich werde sehen, ob wir dort an einem einigermaßen sicheren Platz landen können.“

Sie schnallten sich alle fest an. Mit etwas Mühe brachte Fehrion das noch immer stark schaukelnde Shuttle dazu, in Richtung des angesprochenen Planeten zu fliegen. Auf dem Weg dorthin sandte der Captain eine Übertragung nach Coruscant. Er erklärte kurz das Problem und übermittelte dann die Karte mit ihrem Zielort.

Das Shuttle schaffte es kaum bis zu dem Planeten. Es wurde mehr von Willen gelenkt, als von irgendetwas anderem. Sie wären auch fast gescheitert, denn nachdem sie in die Schwerkraft des Planeten eingetreten waren, raste das Shuttle sehr schnell und sich drehend auf die Oberfläche zu. Es war absolut keine einfache Landung. Es war mehr ein Rutschen. Als das Shuttle auf den Rand des Tales zu fiel, bemühte sich Fehrion mit all seiner Kraft und all seinem Können, den Sinkflug des Schiffes zu verlangsamen und den vorderen Teil des Schiffes über dem hinteren zu halten.

 

Nachdem das Schiff stehen geblieben war, brauchten die vier Passagiere einige Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Dann befreiten sie sich aus dem verbeulten Wrack. Dank des Talents eines sehr begabten Piloten war niemand verletzt worden. Sie bargen alles, von dem sie dachten, dass sie es in irgendwie noch brauchen konnten.

 

Danach überprüfte Fehrion die Kommunikationseinrichtungen des Shuttles. Er sandte eine weitere Nachricht an den Jedi-Tempel auf Coruscant, in der er mitteilte, wo sie gelandet waren.

 

 

 

 

 

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Obi-Wan stand ein kleines Stück von dem Wrack entfernt. Er sah sich das Tal an, in dem sie gelandet waren. Es gab eine üppige und dichte Vegetation. Er konnte große, turmhoch gewachsene Bäume, dicke und dichte Weinreben, blühende Büsche und ein einfaches, aber undurchdringliches aussehendes, Unterholz erkennen. Glücklicherweise waren sie auf einer Lichtung gelandet.

Der junge Jedi sah sich um und bemerkte, dass Qui-Gon auf ihn zukam. Er fühlte sich noch immer beschämt, dass er den Jedi-Meister angelogen hatte. Er wollte seinem Meister im Moment nicht wieder gegenübertreten, doch es war unvermeidbar. Ganz besonders hier und in dieser Situation. Noch während er versuchte, sich zu beruhigen, drehte er sich zu dem großen Mann um. Der Welpe auf Qui-Gons Arm kläffte, als sie näher kamen.

 

„Obi-Wan, der Assistent im Tempel sagt, dass sofort ein Rettungsschiff losgeschickt wird. Doch es wird ungefähr vier Tage dauern, bis es hier ist“, sagte Qui-Gon. Er vermied, seinem Padawan in die Augen zu sehen. Stattdessen spähte er angestrengt über Obi-Wans Schulter in die dschungelähnliche Vegetation. „Im Moment sollten wir in der Nähe des Shuttles bleiben. Wir wissen nicht, was für Kreaturen hier leben.“

Der Jedi-Meister übergab Obi-Wan den Drangmul. Dann drehte er sich um, um wieder zurück zu dem Wrack zu gehen.

 

„Ja, Meister“, erwiderte Obi-Wan mit von Tränen erstickter Stimme.

Er schämte sich noch immer für seine Lügen, doch Qui-Gons gleichgültiges Verhalten ihm gegenüber verletzte ihn.

 

Qui-Gon, der bei Obi-Wans Worten kurz stehen geblieben war, setzte wortlos seinen Weg zurück zum Shuttle fort.

 

‚Wann wird dies alles enden?’, fragte sich Obi-Wan. ‚Es kann ja nicht ewig so weitergehen. Alles wird nur noch schlimmer. Und was geschieht, wenn Meister Qui-Gon mich nicht mehr als Padawan haben will? Was wird dann? Schließlich habe ich ihn doch angelogen. Aus seiner Sicht ist das sicherlich unverzeihlich. Ich habe unser Vertrauen gebrochen. Ich habe sein Vertrauen gebrochen. Auch Xanatos hat sein Vertrauen gebrochen, und darüber ist er niemals hinweggekommen. Was soll ich nur machen? Was kann ich noch machen? Ich möchte Meister Qui-Gon nicht verlieren.’

Er seufzte laut auf. Plötzlich stieg eine Welle der Übelkeit in ihm auf. Langsam ging er zu dem Wrack des Shuttles zurück. Sorgsam darauf bedacht, nicht in der unmittelbaren Nähe von Qui-Gon und dem Twi’lek zu sein, setzte er sich vorsichtig hin. Die Übelkeit nahm nur noch zu, nachdem er sich hingesetzt hatte. Er versuchte, sie zu unterdrücken, in dem er langsam und tief durchatmete. Das half ein bisschen, doch es beendete diesen Angriff nicht.

Er warf einen flüchtigen Blick in Richtung der beiden Männer. Diese schienen ihn nicht einmal zu bemerken, sondern unterhielten sich. Obi-Wan senkte erschöpft seinen Kopf, um sein Leid und seine Not zu verbergen. Und als wäre es nicht genug, machten sich dumpfe, aber für den jungen Jedi fast unerträgliche, Schmerzen in jedem einzelnen seiner Gelenke bemerkbar.

‚Ich kann das nicht ertragen.’

„Meister?“, fragte er mit verzerrt und angespannt klingender Stimme. „Meister?“

 

Nach einer Weile, die Obi-Wan wie eine Ewigkeit vorkam, kam Qui-Gon auf den Teenager zu und blieb vor ihm stehen. Er konnte sehen, dass Obi-Wan unter Schmerzen litt und er wusste ziemlich genau, woher diese kamen. Dann überprüfte er, ob sein Schüler seine mentalen Schilde in der Zwischenzeit wieder geöffnet hatte. Doch dessen Geist blieb weiterhin vor ihm verschlossen.

„Was ist los, Obi-Wan?“, wandte er sich an jungen Jedi, der sich noch immer weigerte, seinen Meister anzuschauen.

 

„Meister, habt ihr meine Medizin?“

 

Qui-Gon kniete sich vor den Padawan hin. Es schmerzte ihn, seinen lebenslustigen und fröhlichen Schüler so zu sehen.

„Ja, Obi-Wan. Ich habe sie.“

 

“Könnt ihr sie mir bitte geben?”

 

„Nein, Padawan. Es tut mir leid, aber ich werde sie dir nicht geben. Ich kann sie dir nicht geben“, entgegnete der Jedi-Meister mit fester Stimme. Seine Worte waren freundlich, aber bestimmt.

Er wusste, dass Obi-Wan dies wehtun würde. Doch er wollte und konnte nicht zulassen, dass sein Padawan noch länger ein Sklave dieser Sucht blieb. Er war ja erst achtzehn Jahre alt und noch gar nicht in der Lage, die Spätfolgen einer solchen Abhängigkeit abzuschätzen.

 

Jetzt sah Obi-Wan auf. Ein Ausdruck der Überraschung lag auf seinem Gesicht und in seinen blaugrünen Augen. Erstaunt starrte er seinen Meister an.

„Bitte, Meister. Ich brauche sie. Ich muss sie haben.“

 

Qui-Gons Gesichtsausdruck blieb ruhig und gefasst.

„Von mir bekommst du sie nicht.“

 

„Ohne meine Medizin werde ich sterben“, fügte der junge Jedi verzweifelt hinzu.

 

Der Jedi-Meister schüttelte seinen Kopf.

„Nein, Obi-Wan. Da musst du dir keine Gedanken machen, du wirst nicht sterben. Tordoxaine ist nur in extremen Überdosen tödlich.“

 

„Aber... ihr versteht nicht, Meister.“

 

„Doch, ich verstehe dich, Obi-Wan. Du bist süchtig nach diesem Schmerzmittel. Deswegen denkst du, dass du nur damit am Leben bleiben kannst. Dein Körper muss sich erst wieder daran gewöhnen, ohne es auszukommen, bevor du davon frei sein wirst. Erst dann wirst du wieder in der Lage sein, ein normales Leben zu führen. Erst dann wirst du wieder die Kontrolle über dich selbst haben und erkennen, dass du diese Kapseln nicht brauchst.“

Die beiden Jedi starrten sich gegenseitig in die Augen. Keiner der beiden sprach auch nur ein Wort. Doch Obi-Wan war sich sicher, dass sein Meister nicht nachgeben würde. Der Jedi-Meister war eine starke Persönlichkeit.

 

„Das ist nicht fair, Meister“, brach der junge Jedi die Stille. „Wenn ihr an meiner Stelle wärt, dann würdet ihr wissen, wie das ist.“

 

Qui-Gon stand wieder auf. Groß gewachsen stand er vor Obi-Wan und sah mit freundlichem, aber dennoch festem Blick auf seinen zusammen gekauerten Schüler herunter.

„Ich werde nicht zulassen, dass du mit dieser Sucht so weitermachst.“

 

„Können wir damit nicht warten, bis wir wieder auf Coruscant sind, Meister?“, bat Obi-Wan.

Kopfschüttelnd kniete sich der Jedi-Meister wieder hin.

„Nein, Obi-Wan.“

 

„Dann kümmert und sorgt ihr euch nicht um mich“, stieß Obi-Wan hervor. „Ich weiß, dass ihr das niemals getan habt. Ich weiß, das ihr mich nie als Schüler haben wolltet.“

 

„Ich mache mir sehr große Sorgen um dich, Padawan“, entgegnete Qui-Gon mit erzwungener Ruhe. Obi-Wans Not tat ihm in seiner Seele weh. Sein Herz blutete, als er das vor Schmerz verzerrte leichenblasse Gesicht und den brennenden Blick in Obi-Wans sonst hellen blaugrünen Augen sah. „Du bist mir sehr wichtig. Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich habe schon so viele Bekannte und Freunde verloren, die mir etwas bedeutet haben.“ Ein dunkler Schatten flog kurz über sein Gesicht. „Ich will dich nicht auch noch verlieren. Und das ist auch der Grund, warum ich nicht zusehen kann und werde, wie du weitermachst. Ich werde nicht zulassen, dass du dich weiterhin zugrunde richtest und kaputt machst. Du bist noch so jung, Padawan. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir. Doch es soll kein Leben in Sucht sein.“ Sanft strich der Jedi-Meister seinem Schüler über die kurz geschnittenen Haare. „Aber du musst dies nicht alleine durchstehen, Obi-Wan. Wenn du willst, dass ich dir dabei helfe, dann bin ich mehr als bereit, dies zu tun. Doch das ist eine Entscheidung, die nur du alleine treffen kannst.“

Qui-Gon stand wieder auf und ging zu dem Vorratshaufen, den sie aus dem Schiff geborgen hatten. Er begann, darin herum zu stöbern und die Sachen zu sortieren.

 

Zweifellos hatte Fehrion die Unterhaltung der beiden Jedi mit angehört. Doch er sagte kein Wort, als er sich neben den Jedi-Meister kniete, um diesem beim Sortieren der Vorräte zu helfen.

 

Qui-Gon wusste, dass er das Richtige getan und gesagt hatte. Doch noch immer tat es ihm sehr weh, in seinen Gedanken die Dinge zu hören, die Obi-Wan zu ihm gesagt hatte.

‚Er wird mich verstehen, wenn er die Situation klarer und deutlicher sehen kann – wenn er sich nicht mehr länger unter dem Einfluss dieser Droge befindet.’

 

Obi-Wan versuchte, die Macht zu nutzen, um die Schmerzen zu bekämpfen und zu kontrollieren. Er versuchte, sie als ein Teil von ihm zu akzeptieren und auf diese Weise damit umzugehen. Doch dies wurde immer schwieriger, je größer die Schmerzen wurden. Da er in der letzten Zeit seine Meditationen sehr vernachlässigt hatte, war seine Verbindung zur Macht ziemlich schwach. So schien es ihm, als würde sie sich ständig von ihm losreißen. Er hatte den Eindruck, als könnte er sie nicht festhalten. Doch den Grund dafür erkannte er während seiner, von der Droge verursachten, Entzugserscheinungen nicht. In seinen Augen schien sich die Macht irgendwo, jenseits seiner Vorstellung und weit entfernt, zu befinden.

 

 

 

 

 

*******

 

 

 

 

 

Einige Stunden später, nachdem sich die Dunkelheit über das Tal gesenkt hatte und alle schliefen, stand Obi-Wan von seinem Schlafplatz auf. Er war sich sicher, dass Qui-Gon und Fehrion eingeschlafen waren. Er schlich zu seinem Meister und kniete sich leise neben den schlafenden Mann. Er kannte Qui-Gon in der Zwischenzeit gut genug, dass er wusste, dass er die Medizinflasche so nahe wie möglich bei sich hatte.

 

„Tu das nicht, Padawan“, flüsterte Qui-Gon ruhig, ohne sich zu bewegen. Seine Augen blieben weiterhin geschlossen.

 

Erschrocken und bestürzt fiel Obi-Wan nach hinten. Während er wieder aufstand wurde ihm schwindelig. Die Dunkelheit schien für einen Augenblick aus sich bewegenden, schwarzen Wellen zu bestehen. Er wich ein wenig zurück.

„Ich kann es länger ertragen, Meister“, zischte er.

Dann drehte er sich um und rannte in den dunklen Dschungel.




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