Schatten der Dunkelheit

Teil 1 von 9


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





Prolog 

How can you see into my eyes like open doors
Leading you down into my core
Where I've become so numb without a soul
My spirit sleeping somewhere cold
Until you find it there and lead it back home

 

Wake me up inside
Wake me up inside
Call my name and save me from the Dark
Bid my blood to run before I come undone
Save me from the nothing I've become

 

Now that I know what I'm without
You can't just leave me now
Breathe into me and make me real
Bring me to Life

 

Wake me up inside
Wake me up inside
Call my name and save me from the Dark
Bid my blood to run before I come undone
Save me from the nothing I've become
Bring me to Life

(Evanescence)

 

 

Es war schon spät in der Nacht. Die meisten Bewohner des Jedi-Tempels auf Coruscant schliefen bereits seit einiger Zeit. Nur diejenigen, die eine wichtige Mission vorbereiteten oder Dienst auf der Krankenstation hatten, waren noch wach.

Die Nacht war ruhig und friedlich. Junge Anwärter lächelten zufrieden im Schlaf, Padawane erholten sich von langen und anstrengenden Trainingstagen und Meister träumten davon, wie stolz sie auf ihre Schüler waren. Eine harmonische Stille lag über dem Tempel. Niemand befand sich in irgendwelchen Schwierigkeiten.

Doch dies alles würde sich bald ändern.

Es begann mit einem kleinen, sanften Prickeln im Hinterkopf eines jeden Bewohners. Die Gesichter der schlafenden Jedi zuckten als Antwort auf dieses plötzliche Gefühl. Dann überflutete das Gefühl die Sinne eines Jeden. Es traf alle Personen, die sich im Tempel befanden, vom jüngsten Anwärter bis zum ältesten Meister. Der Schlaf wurde ihnen geraubt. Die vorher so friedliche Stille war nun voller unbestimmter Spannung und Nervosität.

Jedi-Meister Qui-Gon Jinn, ein großer Mann mit langen, braunen Haaren und blauen Augen, saß mit einem Mal aufrecht in seinem Bett. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Solch eine dunkle Welle in der Macht konnte nichts Gutes bedeuten. Sie konnte keine guten Nachrichten bringen.

Da er aber wusste, dass er sonst nichts tun konnte, glitt Qui-Gons Geist in eine unruhige Meditation. Auf diesem Weg versuchte er, eine Antwort auf diese dunkle Erschütterung zu finden. Er wusste, dass er nicht mehr in der Lage sein würde, noch etwas Schlaf zu finden.

 

 

 

~*~*~*~

 

 

 

Der zehnjährige Obi-Wan Kenobi war von Dunkelheit umgeben. Es gab nichts anderes mehr. Nur tiefste Dunkelheit verschlang alles um ihn herum. Die normalerweise glatten, weißen Wände des Jedi-Tempels zerfielen langsam vor seinen Augen. Sie bekamen eine rostig-braune Färbung. An manchen Stellen waren sie mit Blut bespritzt. Auch auf dem Boden befanden sich ungewöhnlich intensiv rot leuchtende Blutflecken.

Überall um sich herum konnte der Junge die Schreie des Entsetzens und der Angst der anderen Jedi hören. Das Böse lachte irgendwo in einiger Entfernung. Es klang tödlicher als die lebhafteste Vorstellung es jemals heraufbeschwören könnte. Die Schritte des Jungen hallten unter ihm wider. Sein Atem ging hart und stoßweise.

"Hilfe", wisperte Obi-Wan durcheinander. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. "Kann mir bitte irgendjemand helfen?"

Langsam und vorsichtig schlich er den Gang entlang. Immer wieder sah er sich um. Auf einmal bemerkte der Junge ein Bündel Kleider, das von einer der Wände herunterhing. Neugierig geworden streckte er seine Hand aus. Behutsam berührte er es. Was auch immer sich unter den Kleidern befand, es war warm. Obi-Wan presste seine Hand erneut gegen das Bündel. Dieses Mal drückte er stärker zu. Irgendeine Flüssigkeit begann unter den Kleidern heraus zu laufen. Einige Spritzer davon tropften auf die Hand des Jungen. Trotz des ziemlich trüben Lichts erkannte er, dass es sehr dickes, rotes Blut war.

Obi-Wan schrie auf. Fassungslos und vollkommen erschüttert zog er seine Hand wieder zurück. Wie betäubt taumelte er rückwärts. Dabei stieß er gegen einen weiteren leblosen Körper. Auch dieser war noch warm. Vor Schock und Schrecken schreiend stolperte er über seine eigenen Füße. Dann begann er, so schnell er konnte, den Gang entlang zu rennen.

Auf einmal hörte er Schritte hinter sich. Irgendjemand oder irgendetwas verfolgt ihn und versuchte, ihn zu fangen. Obi-Wans Herz klopfte vor Entsetzen und Angst. Sein Brustkorb und seine Lungen schmerzten. Er zitterte am ganzen Körper. Dann kniff er seine Augen zusammen, weil er nicht sehen wollte, was sich hinter ihm und um ihn herum befand.

Die unheimlich widerhallenden Schritte hatten ihn nun schon fast erreicht. Sie waren in der Zwischenzeit so nah, dass Obi-Wan das Ding fühlen konnte. Er konnte spüren, wie es seine Arme ausstreckte, um ihn zu packen. In einer letzten verzweifelten Hoffnung, Hilfe zu finden, nahm er allen Mut, den er besaß, zusammen.

"Kann mir bitte irgendjemand helfen!?", schrie er so laut er konnte. Seine Stimme zitterte vor Grauen und Entsetzen. "Helft mir! Bitte!"

Dann stürzte sich irgendetwas von hinten auf ihn und landete auf seinem Rücken.

 

 

 

~*~*~*~

 

 

 

"Kann mir bitte irgendjemand helfen!?"

Qui-Gon öffnete seine Augen, als er den angsterfüllten Schrei hörte. Dieser schien genau von dem Gang, der sich vor seinem Quartier befand, gekommen zu sein. Instinktiv griff er nach seinem Lichtschwert. Dann stand er auf, zog sich an und verließ seine Unterkunft.

Draußen sah sich der Jedi-Meister in dem Gang um. Außer ihm befanden sich dort noch einige andere Jedi. Sie waren ebenfalls durch den lauten Schrei gestört worden und hatten dann darauf reagiert. Die Lichter des Korridors waren nur sehr schwach eingestellt. Dennoch war alles sehr klar und deutlich zu sehen.

Qui-Gon blieb stehen und horchte einen Moment. Ganz in der Nähe konnte er jemand leise schluchzen hören. Vorsichtig ging er in die Richtung, aus der das Weinen ertönte.

Nur ein kleines Stück von seinem eigenen Quartier entfernt fand er einen vollkommen verängstigt wirkenden, kleinen Jungen. Er kauerte an der Wand und weinte. Seine dunkelblonden Haare waren zerzaust. Er zitterte am ganzen Körper. In seinen blaugrünen Augen stand das blanke Grauen.

Langsam, um ihn nicht zu erschrecken, ging Qui-Gon auf den Jungen zu und kniete vor ihm nieder. Einen Moment lang hatte er überlegt, ob er ihm seine Hand auf die Schulter legen sollte. Doch er hatte sich dagegen entschieden. Er wollte ihn lieber nicht berühren, denn er befürchtete, dem Jungen noch mehr Angst einzujagen und das wollte er nicht.

"Hallo du", sagte Qui-Gon mit der kinderfreundlichsten Stimme, die aufzubieten er in der Lage war. "Was machst du denn zu so später Stunde noch hier draußen?"

Langsam hob der Junge seinen Kopf. Seine einzige Antwort war erst einmal ein kurzer Blick um sich herum und in seine nähere Umgebung. Dann sah er dem Jedi-Meister in die Augen.

"Was?", stammelte er leise. Seine Stimme zitterte ein wenig. "W-wo bin ich?"

Erst jetzt legte Qui-Gon dem Jungen vorsichtig seine Hand auf die Schulter.

"Du bist im Tempel", antwortete er sanft und beruhigend. "Erinnerst du dich? Es sieht aus, als wärst du im Schlaf spazieren gegangen."

Der Junge sah sich ein weiteres Mal um. Es schien, als wollte er sich versichern, dass all das, was in diesem Moment geschah, real war und er sich nicht in einem Traum befand.

"Es ist alles in Ordnung", flüsterte er. "Es ist wirklich alles in Ordnung."

Qui-Gon bezweifelte das. Noch immer war in den blaugrünen Augen des Jungen ein unaussprechliches Grauen zu sehen. Und noch immer zitterte er am ganzen Körper.

"Kann ich jetzt zurück in mein Zimmer gehen?", fragte er.

Der Jedi-Meister sah ihn einen Moment lang nachdenklich an.

"Möchtest du nicht vorher mit irgendjemand sprechen?", schlug er vor. "Du hast noch vor nicht einmal einer Minute sehr aufgeregt und durcheinander geklungen. Das könnte dir helfen, dich wieder zu beruhigen."

Der Junge schüttelte den Kopf.

"Mir geht es gut", entgegnete er und stand auf. "Es war nur ein Albtraum. Jeder leidet doch manchmal unter Albträumen, oder?"

Qui-Gon betrachtete den Jungen unsicher. Er konnte sehen, dass dieser versuchte, einen mutigen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Das zeugte angesichts des seelischen Zustands des Jungen, von großer, innerer Stärke.

"Soll ich dich zurück zu deinem Quartier bringen?", bot Qui-Gon an.

Der Junge nickte ein wenig schüchtern.

"Ich weiß wirklich nicht, wo ich hier bin."

"In Ordnung. Wo befindet sich dein Zimmer, Anwärter ...?"

"Kenobi, Sir", antwortete der Junge. "Obi-Wan Kenobi."

Die Macht wirbelte ganz leicht zwischen den beiden. Ganz im Gegensatz zu Qui-Gon bemerkte Obi-Wan gar nichts davon. Doch der Jedi-Meister wollte es nicht bemerken. Er ignorierte es. Er hatte kein Interesse an diesem Jungen. Eigentlich hatte er den Wunsch, überhaupt kein Interesse mehr an irgendeinem Jungen zu haben. Er wollte auch keinen Anwärter mehr zum Jedi-Ritter ausbilden. Dennoch war dieses sanfte Wirbeln der Macht ein Fingerzeig auf die Zukunft der beiden. Auch wenn Qui-Gon in diesem Moment noch nicht bereit war, ihn zu erkennen.

Der Jedi-Meister brachte Obi-Wan zu dessen Unterkunft zurück. Nachdem sich der Junge in Sicherheit befand, kehrte Qui-Gon zu seinem eigenen Quartier zurück. Nachdenklich schüttelte er den Kopf. Dies war seit sehr langer Zeit das erste Mal gewesen, dass er sich mit einem jungen Anwärter unterhalten hatte. Doch noch niemals zuvor hatte er unter solch merkwürdigen Umständen ein Gespräch geführt.

Und obwohl ihm von seinem vorherigen Padawan so viele Schmerzen und Verletzungen zugefügt worden waren, spürte Qui-Gon so etwas Ähnliches wie ein beunruhigtes und besorgtes Gefühl in sich. Ein wenig widerstrebend nahm er dieses Gefühl zur Kenntnis. Vielleicht sollte er den Lehrern des Jungen mitteilen, unter welchen Umständen er ihn an diesem Abend fast genau vor seiner Wohnungstür gefunden hatte.

Der Jedi-Meister seufzte laut auf. Dies war mit Sicherheit eine sehr merkwürdige Nacht.

 

 

 

Kapitel 1

 

Sieben Jahre später war das Grauen zurückgekehrt. Die Dunkelheit versuchte, ihn zu verschlingen. Sie versuchte, ihn für sich zu beanspruchen. Sie versuchte, ihn zu einem Teil von sich zu machen. Sie wollte ihn haben.

Der siebzehnjährige Obi-Wan Kenobi rannte so schnell er konnte durch die dunklen Korridore des Jedi-Tempels. Wieder einmal war er nicht in der Lage, dem Dunklen Schrecken und Entsetzen zu entkommen, die in einer vollkommen normalen Nacht Jagd auf ihn machten.

"Obi-Wan", ertönte ein bekannter Ruf. "Obi-Wan, hilf mir!"

Erschöpft schrie der junge Jedi auf.

"Meister!"

Dann griff die Dunkelheit an.

 

 

 

~*~*~*~

 

 

 

Qui-Gon Jinn beugte sich über Obi-Wan. Sanft schüttelte er den schlafenden Teenager.

"Padawan, wach auf!"

Die Zeit war an diesem Morgen schon ziemlich weit fortgeschritten. Doch Qui-Gon hatte seinem Schüler erlaubt, länger zu schlafen, da Obi-Wan bis zum Nachmittag frei hatte. Erst dann musste der junge Jedi seinen Auftrag ausführen. Er musste ein junges Machtsensitives Kind von einer örtlichen Familie auf Coruscant abholen.

Der Jedi-Meister war bereits bei einer Versammlung des Jedi-Rats gewesen. Dort war Obi-Wans Anwesenheit nicht nötig gewesen. Eine ältere Jedi-Meisterin war gestorben. Die Meisterin, eine Bothanerin mit dem Namen Yasleigh, war unter sehr mysteriösen und unerklärbaren Umständen ums Leben gekommen. Aus dem Bericht der Heiler ging hervor, dass sie während des Schlafs durch einen unerklärlichen Schock gestorben war.

Der Jedi-Rat war der Meinung, dass bei Meister Yasleighs Tod nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Sie war schon während ihrer Zeit als Jedi-Ritter eine in der Öffentlichkeit sehr bekannte Persönlichkeit gewesen. Ihre Verbindung zur Macht war schon immer sehr stark gewesen und sie hatte des Öfteren Visionen erhalten.

Sie hatte immer Machtsensitive Lebewesen, die nicht nach Coruscant in den Tempel gebracht worden waren oder Jedi, die aus welchen Gründen auch immer den Jedi-Orden verlassen hatten, gesucht. Sie hatte diese gewarnt, vorsichtig mit ihren ungewöhnlichen Fähigkeiten umzugehen. Sie wollte sicherstellen, dass keiner von ihnen der Dunklen Seite der Macht verfiel, obwohl sie nicht alle hatte finden können und nicht allen hatte helfen können. Die Galaxie war einfach zu groß.

Nach Ansicht der Ratsmitglieder war sie von irgendjemand, dem sie einmal geholfen hatte und der nun der Dunklen Seite diente, irgendwie getötet worden. Der Rat hatte eine Liste von möglichen Verdächtigen zusammengestellt und sie Qui-Gon übergeben. Außerdem war der Jedi-Meister darüber informiert worden, dass er zusammen mit Obi-Wan diesen Fall untersuchen sollte.

Kurz nachdem er das Ratszimmer verlassen hatte, konnte er spüren, dass bei seinem Schüler etwas nicht in Ordnung war. Über die gemeinsame mentale Verbindung erkannte er, dass die Gefühlswelt des jungen Jedi sich vollkommen in Aufruhr befand. Es war wohl doch keine so gute Idee gewesen, dass er Obi-Wan die Erlaubnis gegeben hatte, länger im Bett liegen zu bleiben. Der Teenager hatte einen Albtraum ... wieder einmal. So schnell er konnte, war der Jedi-Meister in das gemeinsame Quartier gerannt.

"Padawan, wach auf!", wiederholte Qui-Gon und schüttelte seinen Schüler noch einmal. "Es ist nur ein Traum. Obi-Wan, wach auf!"

Obi-Wan litt schon seit einigen Wochen immer wieder unter Albträumen. Doch in den letzten Tagen waren sie besonders schlimm geworden. Qui-Gon hatte festgestellt, dass sein Schüler schlafwandelte. Oder genauer gesagt, er war die letzten Nächte schlafend im Tempel herumgerannt. Es war deutlich zu erkennen, dass diese Albträume dem Teenager schreckliche Angst einjagten. Dennoch erzählte der junge Jedi sogar seinem Meister nur wenige Details der unheimlichen Träume. Doch Qui-Gon hatte keine großen Schwierigkeiten, sich das, was der junge Jedi ihm verheimlichte, selbst zusammen zu reimen und vorzustellen.

Irgendetwas Dunkles verfolgte Obi-Wan durch einen Teil des Tempels. Was auch immer es war, sein Schüler konnte ihm nicht entkommen. Das Schlafwandeln erinnerte den Jedi-Meister an den zehn Jahre alten Obi-Wan. Diesen hatte er vor sieben Jahren zusammengekauert in dem Gang vor seinem damaligen Quartier im Tempel gefunden.

Obi-Wan erwachte mit einem lauten Schrei. Innerhalb einer Sekunde saß er kerzengerade in seinem Bett. Es dauerte einen Moment bis er wieder durchatmen konnte. Dann drehte er sich zu seinem Meister um. Qui-Gon erschrak erst einmal, als er das leichenblasse Gesicht und den gehetzten Blick in den blaugrünen Augen sah.

"Meister!", rief Obi-Wan erleichtert.

Zu Qui-Gons Überraschung umarmte er seinen Meister fest. Sanft und beruhigend strich ihm Qui-Gon mit seiner Hand über den Rücken.

"Derselbe Traum?"

Der junge Jedi nickte.

"Derselbe Traum", bestätigte er.

"Möchtest du mit mir darüber sprechen?", fragte Qui-Gon.

Sein Schüler schüttelte den Kopf.

"Nein", sagte er. "Im Moment nicht."

"Kann ich dir sonst irgendwie helfen, Padawan?", wollte der Jedi-Meister wissen.

Obi-Wan löste sich aus der Umarmung, um seinem Meister in die Augen sehen zu können.

"Nun, eigentlich gibt es etwas, das ich euch fragen möchte", begann er. "Ich habe über einige Dinge nachgedacht. Und ich möchte gern wissen, warum wir die Macht in die Dunkle Seite und in die Helle Seite aufteilen? Warum gibt es so viele Menschen, die Angst vor der Dunkelheit, wie zum Beispiel der Nacht, haben? Und warum brauchen kleine Kinder nachts Licht, um nicht von Monstern heimgesucht zu werden? Liegt es daran, dass jegliche Gestalt und Form der Dunkelheit böse ist?"

Qui-Gon sah ihn erstaunt und auch etwas nachdenklich an. Als er in Obi-Wans Alter gewesen war, hatte er ebenfalls neugierig nach solchen Dingen gefragt. Doch das machte die Antwort jetzt absolut nicht einfacher. Das sagte er auch seinem Schüler.

"Warum fragst du, Padawan?"

Obi-Wan runzelte die Stirn.

"Ich weiß es wirklich nicht. Ich denke, es hat irgendetwas mit diesen sonderbaren Träumen zu tun." Er stand auf und streckte sich. "Ich glaube, ich werde jetzt besser eine Dusche nehmen", wechselte er ganz plötzlich und unvermittelt das Thema. "Ich muss ja bald dieses Kind abholen. Und ich bezweifle, dass mein derzeitiges Aussehen den Eltern des Kindes eine gute Meinung von den Jedi vermitteln wird."

Der Jedi-Meister sah ihm gedankenverloren hinterher. Dann verließ auch er das Schlafzimmer seines Schülers. Noch immer dachte er über Obi-Wans Frage nach. Irgendetwas daran ließ sämtliche Alarmglocken in seinem Geist klingeln.

Irgendetwas über die Dunkle Seite ...

Qui-Gon setzte sich auf die Couch im Wohnzimmer. Er schloss seine Augen und öffnete seinen Geist der Macht. Er wartete darauf, dass die Macht ihm die richtigen Antworten gab. Als er wusste, was er zu sagen hatte, öffnete er seine Augen wieder.

"Ja, natürlich", meinte er zu sich selbst.

Er rief nach Obi-Wan.

"Padawan, ich denke, ich habe einige Antworten für dich."

Einige Minuten später kam der junge Jedi aus dem Badezimmer. Er war schon angezogen und rieb sich gerade mit einem Handtuch sein dunkelblondes, kurz geschnittenes Haar trocken.

"Antworten worauf, Meister?"

"Antworten auf deine Frage, warum wir einen Teil der Macht die Dunkle Seite nennen", erläuterte Qui-Gon. "Komm, setz dich und ich werde dir alles erklären."

Obi-Wan warf das Handtuch in den Wäschebeutel. Dann setzte er sich in den Sessel, der gegenüber der Couch stand, auf der Qui-Gon saß. Seine ganze Aufmerksamkeit war einzig und allein auf seinen Meister gerichtet.

"Als ich ein Padawan war, wollte ich ebenfalls wissen, warum wir diese Aufteilung in die Dunkle Seite und in die Helle Seite der Macht machen. Meister Yoda hat mir dann etwas von den Erlebnissen eines alten Jedi-Meisters erzählt, der während der Zeit der Sith gelebt hat", begann Qui-Gon. "Dieser Meister wurde von einem Sith angegriffen, aber nicht auf eine physische Art und Weise. Der Sith attackierte ihn zuerst in seinen Träumen des Nachts. Dann begann der Meister aufgrund der unerklärlichen Angriffe auf seinen Geist tagsüber immer wieder ohnmächtig zu werden.

Was auch immer der Sith getan hatte, seine Attacken führten schließlich dazu, dass der Jedi-Meister vollkommen den Bezug zur Realität verlor. Er war nicht mehr länger in der Lage, zu sagen, was real war oder was alles in seinem Geist erschaffen wurde und nur in seiner Vorstellung existierte. Seinen letzten Aufzeichnungen nach war er der Meinung, dass die Dunkle Seite der Macht dabei war, den Jedi-Tempel zu übernehmen und ihn in eine riesige Folterkammer des unvorstellbaren Schreckens zu verwandeln."

Der Jedi-Meister machte eine Pause. Aufmerksam studierte er das Gesicht seines Schülers. Obi-Wan war vollkommen in seinen Gedanken verloren. Nach einigen Augenblicken hob er seinen Kopf und bat Qui-Gon, mit seiner Erklärung fort zu fahren.

"Nun, der Meister hat dann versucht, diesem Gefängnis, in dem er sich in seinen Augen befand, zu entkommen. Er ist wie im Wahn randalierend durch den Tempel gerannt. Dabei hat er vollkommen den Kopf verloren und immer wieder "Die Dunkelheit ist hinter mir her!" oder "Die Dunkelheit verfolgt mich!" geschrieen. Außerdem hat er ständig um Hilfe gerufen, obwohl er von niemand körperlich angegriffen wurde."

Der Jedi-Meister konnte den überraschten Ausdruck in Obi-Wans blaugrünen Augen sehen. All das kam dem Teenanger offensichtlich nur allzu bekannt vor.

"Wie ist er gestorben?", erkundigte sich der junge Jedi leise.

"Er hat Selbstmord begangen", entgegnete Qui-Gon. "Er konnte das alles einfach nicht mehr länger ertragen."

Obi-Wan nickte. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Meister.

"Und?", erkundigte er sich. "Da gibt es doch noch mehr, was ihr mir sagen wollt?"

Qui-Gon seufzte kurz auf. Er versuchte, die Sorgen, die er sich um seinen Schüler machte, zu unterdrücken. Dann sah er ihn wieder an.

"In seinen medizinischen Aufzeichnungen gab es nur noch einen anderen Vorfall, der mit einem solchen Zusammenbruch in Verbindung gebracht werden konnte. Sieben Jahre vor den Angriffen des Sith hatte er einen Heiler aufgesucht. Damals hatte er unter Albträumen gelitten, in denen er auch schlafwandelte."

Der junge Jedi runzelte die Stirn.

"Ihr denkt, dass mir das auch zustoßen wird, weil ich vor sieben Jahren ebenfalls schlafwandelte und ihr mich damals in der Nähe eures Quartiers gefunden habt?", fragte er skeptisch.

Der Jedi-Meister lachte ein bisschen.

"Nein, Padawan. Ich erzähle dir nur, dass in diesem ... Bericht ... das erste Mal die Dunkle Seite in unseren Gesichtsbüchern erwähnt wird."

Obi-Wan lächelte ein wenig.

"Für eine Minute dachte ich wirklich, dass ihr mir sagen wolltet, dass auch ich mich nahe am Rand eines solchen Zusammenbruchs befinde."

Qui-Gon klopfte seinem Schüler auf die Schulter.

"Glaub mir, Obi-Wan, wenn ich dieser Meinung wäre, dann hätte ich dich sicher in einem Zimmer der Krankenstation eingeschlossen."

Der Teeanger warf seinem Meister einen scheinbar ungläubigen Blick zu.

"Und das sollte mir dann helfen? Meister, manchmal frage ich mich, ob euch wirklich das Beste für mich am Herzen liegt."

Der Jedi-Meister sah ihn mit einem reservierten Blick an.

"Das würdest du jetzt gern wissen, nicht wahr?"

Obi-Wan stand auf. Er nahm sein Lichtschwert und hängte es an seinen Gürtel. Dann ging auf die Eingangstür zu. Dort angekommen, drehte er sich noch einmal um.

"Vielen Dank, Meister. Es ist schön zu wissen, dass ihr euch um mich sorgt. Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet, ich muss ein kleines Kind abholen und ihr habt ..."

"Einige Berichte, die ich durchgehen muss", beendete Qui-Gon mit einem breiten Grinsen den angefangenen Satz.

Der junge Jedi schüttelte den Kopf.

"Auf Wiedersehen, Meister", sagte er und verließ lachend das Quartier.

Qui-Gon lächelte dem Platz zu, wo Obi-Wan gestanden war. Dann nahm er das Datapad mit den Berichten der Ratsmitglieder in die Hand und begann zu lesen. Schon bald war er vollkommen in die neue Mission, die ihm der Rat übertragen hatte, vertieft. So dachte er kein einziges Mal mehr über die Ähnlichkeiten zwischen den Träumen seines Schülers und des alten Jedi-Meisters und über die Gefahr, in der sich Obi-Wan tatsächlich befand, nach.




Ende von Teil 1

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