Im Schatten der Macht

Teil 1 von 19


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.






Kapitel 1

Er rutschte ab. Unter seiner mechanischen Hand löste sich in die Asche und gab nach. Verzweifelt krallte er sich fester an den Hang. Er hatte Angst. Er spürte die Hitze, die ihn umgab, die drohte, ihn zu verschlingen. Und vor ihm stand sein ehemaliger Meister, das blaue Lichtschwert noch in der Hand haltend.
   Darth Vaders Herz schlug ihm bis zum Hals. Noch nie, nie in seinem ganzen Leben – das zugegebenermaßen noch nicht sehr lange währte – hatte er eine solche Angst gehabt wie jetzt. Das Feuer, die Lava, die Glut riefen Panik in ihm hervor, denn sie verhießen ihm nichts als den Tod. Tod…
   Aber er wollte nicht sterben! Er würde alles dafür tun, was er nur vermochte, um zu überleben! Alles! Man hätte ihm in diesem Augenblick darum bitten können, seine Seele zu verkaufen, er hätte es ohne zu zögern getan, wenn das bedeutete, dass er damit sein Leben retten konnte.
   Obi-Wan stand über ihm, einen Ausdruck im Gesicht, den Vader in diesem Augenblick seiner größten Not und Verzweiflung unmöglich zu deuten vermochte. Die Robe seines ehemaligen Meisters flatterte im Wind. Vader fühlte sich verraten, verhöhnt. Wenn das kein Beweis für die Falschheit der Jedi war! Obi-Wan ließ ihn den Hang hinunter rutschen, ihm war egal, was mit ihm geschah, er wollte ihn verbrennen, ihn einen qualvollen Tod sterben lassen!
   Er schrie auf, als er spürte, wie seine Beinstümpfe sich entzündeten. Es war also soweit. Das war sein Ende. Er krallte sich nur noch fester in den nachgebenden Hang. Nein! NEIN, so würde er nicht enden. So wollte er nicht enden. Er wollte nicht sterben, nicht so, nicht hier!
   Er hatte panische Todesangst, er fürchtete um sein Leben, und sehnte gleichzeitig den Tod herbei. Warum schlug ihm Obi-Wan nicht einfach den Kopf ab und beendete sein Leben hier und jetzt? Das wäre gnädiger, als langsam in den Tod zu schlittern und bei lebendigem Leibe zu verbrennen.
   Und dennoch…  mehr als alles andere wollte Vader in diesem Augenblick… leben!

~ ~ ~



Obi-Wan Kenobi rang mit sich selbst. Er hatte mit diesem jungen Mann nichts mehr zu tun. Das war nicht mehr Anakin Skywalker, sein Padawan, den er wie einen Bruder geliebt hatte. Das war Darth Vader, ein Mörder und Verräter, korrumpiert von der Dunklen Seite der Macht. Anakin Skywalker existierte nicht mehr.
   Und doch… er konnte es nicht tun. Er konnte sich nicht von ihm abwenden. Wer wäre er, wenn er ihn sterben ließ? Es musste noch etwas übrig sein von Anakin Skywalker. Irgendwo tief in ihm, verborgen und unterdrückt von der Dunklen Seite, musste ein Teil seines alten Freundes überlebt haben! Es durfte nicht anders sein. Er musste daran glauben! Wer war er, über Leben und Tod entscheiden zu können?
   Der Hass in den Augen seines einstigen Schülers erschreckte ihn, aber daneben sah er noch etwas anderes: Angst. Eine Pein, eine innere Qual, die nicht allein damit zu tun haben konnte, dass er kurz davor stand, abzustürzen. Eine Qual, die Anakin sich selbst wahrscheinlich niemals eingestehen würde, die Obi-Wan jedoch verriet, dass noch Hoffnung bestand… vielleicht. Ein winziger Funken Hoffnung, ja, aber vorhanden.
   Er streckte die Hand aus und ergriff das mechanische Handgelenk des jungen Mannes. Er zog mit aller Kraft und riss ihn vom Abgrund fort, beschwor die Macht und ließ das Feuer, das Anakins Beinstümpfe erfasst hatte, blitzschnell erlöschen. Danach hob er Anakins Lichtschwert auf und steckte es neben sein eigenes in den Gürtel. Er ignorierte die Stimme der Vernunft, die ihm sagte, dass er einen Fehler beging, dass womöglich noch viele in Zukunft unter Anakin leiden würden. Doch er konnte es einfach nicht tun, er konnte ihn weder zurück lassen noch töten.
   Er war ein Jedi. Mitleid und Gnade – sie leiteten seine Taten. Er konnte nicht grausam sein. Er war nicht dazu fähig. Anakin hatte sich der Dunklen Seite zugewandt, ja. Er hatte schreckliche Dinge getan – sich den Sith angeschlossen und Jünglinge getötet. Aber er brachte es einfach nicht über sich. Von einem vernünftigen Standpunkt aus war es falsch, es war ein Risiko. Aber die Vernunft außer Acht lassend war es richtig.
   Er musste daran glauben.

~ ~ ~



Atmen tat weh.
   Leben tat weh.
   Der Tod schien verlockend zu sein, aber er kam nicht, um ihn zu holen. Er entfernte sich von ihm. Immer weiter. Er zog sich zurück. Statt dem Tod war da ein Paar warmer, liebevoller Augen, feucht von Tränen. Ein helles Gesicht, umgeben von braunen Locken.
   „Komm zurück zu mir, bitte! Ohne dich will nicht leben. Ich liebe dich, Anakin! Kämpfe dagegen an! Du kannst es schaffen, komm zurück zu mir. Es hat keine Macht über dich, du bist stark. Bitte! Ich liebe dich!“
   „Nein… geht weg von ihm. Es ist zu gefährlich.“
   Ein leises Schluchzen. Schritte, die sich entfernten. Und dann… Stille.
   Schmerzen.
   Dunkelheit.
   Doch etwas blieb. Das Gesicht. Dieses Gesicht mit den warmen Augen, umrahmt von braunen Locken. Dieses Gesicht, das ihm mehr bedeutete als… als sein Leben. Und das ihn verraten hatte. Das er trotzdem liebte… obwohl es ihn schwach machte.
   Padmé.

~ ~ ~



Obi-Wan betrat den Medibereich des Raumschiffes. Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, hierher zu kommen, die bittere Enttäuschung über Anakins Verrat hatte mit seinem Mitleid für den schwerverletzten, jungen Mann gerungen.
   Anakin war bewusstlos. Er hatte die Augen geschlossen und wirkte so friedlich und harmlos. Seinem ehemaligen Schüler und Freund um soviel ähnlicher. In diesem Zustand schien es fast unglaublich, dass er sich innerhalb von so kurzer Zeit so sehr verändert hatte.
   Der Jedi-Meister trat leise näher an seinen einstigen Schüler heran. Er wollte ihn nicht wecken – einerseits war der Schlaf heilsam, andererseits wusste Obi-Wan nicht, was geschehen würde, wenn Anakin aufwachte. Im Schlaf mochte er harmlos sein, aber er war noch immer ein Feind. Ein Sith.
   Obi-Wan schüttelte den Kopf. Es schmerzte ihn, seinen ehemaligen Schüler in diesem Zustand zu sehen – mit Stümpfen anstelle der Beine und der Arme – aber die Gliedmaßen, die er ihm abgeschlagen hatte, durch Prothesen zu ersetzen war zu riskant. Anakin war auch so schon zu mächtig, und ihm nun die Fähigkeit zurück zu geben, sich eigenständig zu bewegen, war schlichtweg zu gefährlich.
   Seufzend wandte sich Obi-Wan wieder ab. Er wollte nicht hier sein, wenn Anakin wieder zu sich kam. Ein Teil von ihm fürchtete sich davor, seinem einstigen Schüler wieder in die Augen zu sehen. Und Obi-Wan wusste, dass er diese Furcht überwinden musste.
   Furcht führt zu Zorn, Zorn führt zu Hass, Hass führt zu unendlichem Leid. Er musste seine Furcht durch Gelassenheit ersetzen, aber bis ihm das gelungen war, konnte er Anakin nicht gegenüber treten.

~ ~ ~



Padmé schwankte zwischen Verzweiflung und Erleichterung. Anakin lebte, aber er war schwer verletzt und verkrüppelt. Und die Dunkle Seite hatte von ihm Besitz ergriffen. Er hatte schreckliche Dinge getan, er hatte sich verändert. Sie wusste, dass er nicht mehr der Mann war, in den sie sich verliebt, den sie auf Naboo geheiratet hatte. Aber sie musste daran glauben, dass dieser Mann und das Gute noch irgendwo in ihm existierten. Der Imperator konnte nicht alles, was gut in ihm gewesen war, ausgelöscht haben. Es gab zu viele Schichten in Anakin Skywalker, um sie alle zu zerstören. Es musste noch etwas da sein, noch ein Funken Gutes. Man musste es nur finden!
   Padmé stand auf, vorsichtig.
   „Meine Herrin, bleiben Sie hier! Das dürfen Sie nicht! Sie müssen sich schonen!“, protestierte C-3PO, aber sie ignorierte ihn. Sie wusste, dass der Droide sich nur Sorgen um sie und ihr ungeborenes Baby machte, aber… sie musste ihn sehen.
   Vielleicht hörte er sie ja jetzt. Vielleicht war er jetzt wach…
   Sie wollte ihn nicht aufgeben. Es gab Gutes in ihm.
   So schnell sie es in ihrem geschwächten Zustand vermochte, eilte sie in den Medi-Bereich des Raumschiffs und öffnete die Tür. Bei Anakins Anblick traten ihr Tränen in die Augen. Sein Körper war verstümmelt, so wie auch seine Seele, aber vielleicht… vielleicht konnte man ihn heilen. Es musste möglich sein!
  Sie trat neben seine Liege und strich ihm angesengte Strähnen aus dem Gesicht. Von seinem schönen Haar war nicht viel übrig geblieben. Funken der feurigen Lava hatten es angesengt. Noch etwas länger am Rand des Lavastroms, und er wäre zum Tode verurteilt gewesen. Die Funken, das Feuer hätten ihn verbrannt, seine Haare, seine Lungen versengt… und ihn schließlich selbst vernichtet.
   Aber er lebte.
   Nur wie er leben würde…
   Nein! So darf ich nicht denken. Es gibt Gutes in ihm, man muss es nur finden. Er ist ein guter Mensch. Der Imperator kann nicht alles Gute in ihm vernichtet haben!
   Sie streichelte ihm sanft die Wange und drängte ihre Tränen zurück. Sie würde sehr stark sein müssen, damit er stark sein konnte. Padmé musste daran glauben, dass er zurück zur Hellen Seite finden würde. Es musste einen Weg geben. Und sie würde ihm helfen, ihn zu finden und ihm bis zum Ende dieses Weges begleiten.
   Plötzlich schlug Anakin die Augen auf. Sie schossen hin und her, suchten den Raum ab, scheinbar ziellos. Doch schließlich verweilten sie… auf ihr.
   „Anakin! Ani… du bist wach! Wie geht es dir? Nein… antworte nicht. Das ist eine dumme Frage, natürlich geht es dir nicht gut…“
   „Padmé…“, Anakins Stimme klang sehr heiser. Heiser und angestrengt. „Du… lebst…“
   „Ja! Ich lebe…“
   „Noch.“
   „Nein, hör auf damit! Ich werde nicht sterben, hörst du? Du hast mich nicht… verletzt. Nicht körperlich.“
   Er schwieg. Padmé wusste nicht, ob aus Betretenheit, weil er sie gewürgt hatte, oder weil er zu schwach für eine Antwort war… oder ob es ihm schlicht nicht leid tat.
   „Wo… bin ich… hier?“
   „Auf dem Raumschiff, mit dem hierher gekommen bin… erinnerst du nicht? Obi-Wan hat dich gerettet.“
   „Er ist hier?“
   Padmé schrak zurück vor der Intensität des Hasses, die in diesen drei Worten mitschwang. Ein eisiger Schauder rann ihr den Rücken hinab.
   „Ist er hier?“, das klang fordernd, messerscharf.
   Padmé schloss die Augen. Bei der Macht, wie viel Hass kann ein Mensch empfinden? Ist das alles, wozu er noch fähig ist? Bitte, lass es nicht wahr sein!
   „Ja“, sagte sie leise. „Ja, er ist hier.“ Sie schluckte. „Tu ihm nichts, er… er hat dich gerettet. Ohne ihn wärst du tot.“
   „Er hat mich zum Krüppel gemacht!“
   Padmé schluckte und versuchte, ihre wachsende Verzweiflung unter Kontrolle zu bringen. Es gibt Gutes in ihm! Ich muss es nur finden!
   „Wärst du lieber tot?“
  Schweigen. Dann: „Ich bin zerstört… das ist kein Leben. Er… hat mich zerstört! Und das ist deine Schuld!“
   „Nein. Anakin… glaub mir, ich wusste nicht, dass er an Bord war! Ich habe ihm nichts verraten, kein Wort! Ich liebe dich!“
   „Du lügst.“
   Padmés Hand schoss automatisch zu ihrem Hals. Sie spürte ihn erneut, den Würgegriff der Macht. Er war nur eine Erinnerung, aber sie schmerzte. Sie bewies, wie sehr sich Anakin verändert hatte.
   „Der Imperator wird… mich finden und wiederherstellen. Ich kann ihn… dazu bringen, dich zu… verschonen, Padmé. Wenn du dich… mir anschließt!“
   „Hör auf! Ich werde mich nicht zu einer Sklavin des Imperators machen, so wie du. Er benutzt dich nur, siehst du das nicht? Komm zurück zu mir, Anakin! Du zerstört nur alles, wofür du früher gekämpft hast.“
   Anakin schwieg.
   „Anakin… ich bitte dich, wenn nicht für dich, dann für mich. Für uns!“
  „Hör auf, mich so zu nennen, Padmé“, zischte Anakin heiser. „Anakin Skywalker ist tot! Er existiert nicht mehr!“
   Padmé rückte von ihm ab. „Das willst du nur glauben. Aber ich weiß, dass es nicht wahr ist!“
   „Du irrst dich, Padmé.“ Anakins Stimme gewann an Festigkeit.
   Sie schüttelte den Kopf, voller Entsetzen. Er schien tatsächlich an das zu glauben, was er da sagte. Wie konnte er sich so verändert haben? In so kurzer Zeit? Warum gab er sich so auf? Bemerkte er denn nicht, was er da tat, welches Leid er hervor gebracht hatte!?
   „Ich werde dich nicht aufgeben, Anakin“, sagte sie und verbannte jedes Zittern aus ihrer Stimme. „Dafür liebe ich dich zu sehr. Ich hoffe, du wirst das eines Tages verstehen.“
   Mit diesen Worten stand sie auf und verließ den Medibereich des Raumschiffes, sie floh vor dem, was aus dem Mann geworden war, den sie liebte. Den Mann, den sie geschworen hatte zu retten.



Kapitel 2:

Darth Sidious starrte ungläubig auf die Stelle, an der sich eigentlich sein junger Schüler befinden sollte… aber er war nicht mehr da. Er war verschwunden. Der Sith-Lord ballte die Hände zu Fäusten. Das war unmöglich!
   Er drehte sich zu einem der Medi-Droiden herum und schleuderte ihn in die Lava. Er spürte Zorn. Wie hatte das geschehen können? Lord Vader… fort? Fort? Er war nicht in die Lava gefallen, das hätte er bemerkt!
   Es konnte nur eine Möglichkeit geben. Jemand hatte ihn von hier fortgeschafft, jemand war ihm zuvor gekommen! Aber wer…?
   Kenobi! Dieses Jedi-Aas! Ich hätte es wissen müssen!
   Darth Vader lebte. Er musste ihn nur finden. Darth Sidious konzentrierte sich auf die Verbindung, die er zu seinem Schüler hatte…
   „Lord Vader? Hört Ihr mich?“
   „Meister?“
   „Wo seid Ihr?“
   Als Antwort – Schweigen. Dann… „Auf Obi-Wan Kenobis Schiff. Den genauen Aufenthaltsort kann ich Euch nicht sagen, Meister.“
   „Haltet Euch bereit.“
   „Ich werde bereit sein, Meister.“
   Der Imperator unterbrach die Verbindung und gab den Befehl zum Aufbruch.

~ ~ ~



„Das war leichtsinnig von Euch, Padmé. Er ist noch immer sehr mächtig.“
   „Er hat mich nicht angegriffen.“
   „Dann ist er dazu vielleicht noch zu schwach, dennoch…“
   „Es ist noch Gutes in ihm, Obi-Wan. Ich spüre es.“
   „Das glaube ich sogar. Aber dieses Gute ist zu tief vergraben, die Dunkle Seite umgibt ihn wie ein schwarzer Mantel.“
   „Ich werde ihn nicht aufgeben, Obi-Wan! Ich kann es nicht.“
   Obi-Wan seufzte. Er verstand Padmé. Sie liebte Anakin – gegen jede Vernunft, aber seit wann folgte Liebe der Vernunft? Ihn aufzugeben bedeutete, sich einzugestehen, dass von dem Mann, den sie liebte, nichts mehr übrig war. Und auch Obi-Wan hoffte darauf, noch Gutes in seinem ehemaligen Padawan zu finden. Wenn er keine Hoffnung mehr für Anakin gehabt hätte, hätte er ihn getötet.
   Es würde aber Zeit brauchen, dieses Gute in Anakin wach zu rufen. Ihn der Dunklen Seite zu entreißen würde schwierig werden. Nicht umsonst lernten die Jedi, der verführerischen Dunklen Seite zu widerstehen. Obi-Wan konnte nur hoffen, dass es für Anakin noch nicht zu spät war.
   „Padmé… ich muss Euch um etwas bitten.“
   Sie sah ihn an, schweigend. Sie wartete ab.
   „Die dunkle Seite ist stark in Anakin. Um ihn zu retten brauche ich Eure Hilfe. Ich glaube, dass er Euch noch immer liebt.“
   „Ich sagte bereits, dass ich ihn nicht aufgeben werde.“
   „Ich weiß. Aber Anakin ist gefährlich. Besonders für das Kind, Padmé. Ich weiß, dass ich viel verlange, aber ihr dürft Euer Kind dieser Gefahr nicht aussetzen. Sobald es geboren ist, müsst Ihr erlauben, dass ich es in Sicherheit bringe. Solange die Dunkle Seite ihre Macht über Anakin nicht verloren hat, darf er sein Kind nicht sehen.“
   „Er würde doch nicht sein eigenes Kind in Gefahr bringen!“
  Obi-Wan erwiderte Padmés Blick fest – er spürte ihre Furcht, ihren Unglauben. „Padmé, wollt Ihr wirklich, dass dem Kind Schaden zugefügt wird? Und das nur, weil ihr auf die Menschlichkeit eines Mannes vertraut, der diese bereits verloren hat?“
  Padmé senkte den Blick. „Nein… das will ich nicht. Ihr habt recht, Obi-Wan. Ich möchte nicht, dass meinem Kind etwas zustößt. Aber wer wird auf mein Kind aufpassen?“
   „Wir werden das Kind an einen sicheren Ort bringen, wo das Imperium es nicht finden wird. Eurem Kind wir nichts geschehen, Padmé, das versichere ich Euch.“
   Sie schluckte. „Werde ich es jemals wieder sehen?“
   „Ich weiß es nicht. Es kommt ganz darauf an, ob wir Erfolg darin haben werden, Anakin wieder zur Hellen Seite zu bekehren.“
   „Welchen Planeten werdet Ihr auswählen?“
   „Je weiter wir Euer Kind vom Imperium fortbringen, desto besser. Ich werde Euch den Namen des Planeten nicht nennen.“
   Padmé war anzusehen, wie sehr sie dies schmerzte, aber sie war eine kluge Frau. Sie verstand die Notwendigkeit dieser Maßname. Auch, wenn es ihr große Überwindung abverlangte. Sie würde sich fügen. Es war das Beste für ihr Baby. Für alle.

~ ~ ~



Der Jedi-Meister meditierte.
   Er spürte die Macht, die alles umgab, alles durchdrang. Die in jeder lebenden Zelle, jeder Seele pulsierte, allumfassend und allgegenwärtig. Er spürte die helle Präsenz, die Padmé umgab, obgleich sie selbst nicht mit der Macht verbunden war. Er spürte das beständige, starre Glimmen der Droiden und des Raumschiffes. Er nahm seine eigene, ruhige Präsenz war. Und die aufgewühlte, von wilden Gefühlen durchtoste dunkle Aura seines ehemaligen Schülers, die Dunkle Seite, die an ihm zerrte.
   Er erlaubte sich keine Abscheu davor. Er erlaubte sich keinen Zorn auf diesen jungen, gefallenen Mann. Er verbannte jedes negative Gefühl aus seinem Geist und ersetzte es durch vollständigen Frieden und Verständnis. Er stellte sich seiner Furcht, denn er würde nicht zulassen, dass sie ihn beherrschte. Er akzeptierte sie als Teil seiner selbst und verwandelte sie dadurch in Hoffnung.
   Die helle Seite der Macht umgab ihn. Sie war ein warmer Mantel, ein ständiger Begleiter, ein wohlwollender Freund. Sie sang in ihm, in seinem Blut, in jeder lebenden Zelle. Sie war rein und klar, ohne Makel.
   Tiefste Gelassenheit breitete sich in ihm aus, ein innerer Frieden, der ihn stärkte und ihn wappnete. Der die Helle Seite der Macht noch fester in ihm verankerte.
   Es war vollbracht.
   Obi-Wan Kenobi öffnete die Augen und erhob sich. Er ging hinüber zum Medi-Bereich des Raumschiffes und öffnete die Tür. Er empfand keinen Abscheu vor der verkrüppelten Gestalt auf der Liege. Er empfand nur Mitleid, und den Wunsch, seinem einstigen Schüler zu helfen.
   Er setzte sich auf einen Stuhl, nicht unweit der Liege. Anakin hatte ihn längst bemerkt. Seine Augen starrten den Jedi-Meister mit einer Mischung aus Hass und Zorn an. Einem Hass, der so rein und intensiv war, dass er Obi-Wans Gelassenheit zu erschüttern drohte. Aber Obi-Wan wandte nicht den Blick ab. Er blieb ruhig, gelassen.
   „Was wollt Ihr hier? Euer Anblick widert mich an.“
   Obi-Wan seufzte. „Ich bin hier, um dir zu helfen, Anakin.“
   „Dieser Name hat keine Bedeutung mehr für mich. In bin Darth Vader.“
   „Nur, weil du dich nicht erinnern willst. Denn wenn du es tust, erkennst du, dass du dich selbst und damit auch deine Familie zerstörst.“
   „Ich habe vollbracht, wozu kein Jedi in diesem Krieg fähig war! Ich habe der Galaxis den Frieden gebracht! Und das wäre mir ohne meine neuen Kräfte nie gelungen!“
   „Den Frieden? Du hast den Krieg beendet, und ihn durch Angst und Unterdrückung ersetzt! Das ist kein Frieden, Anakin!“
   „Ihr habt keine Ahnung, Obi-Wan! Die Jedi wollten nie, dass der Krieg endet.“
   „Du bist verblendet, Anakin. Das kannst du nicht wirklich glauben!“
   „Ihr seid ein Narr, wenn Ihr glaubt, dass ich auf Eure Worte hereinfalle. Ihr erzählt nur Lügen.“
   Der Jedi-Meister seufzte. „Denk nach, Anakin! Du musst doch erkennen, dass du auf eine Lüge hereingefallen bist!“
   „Hört auf mich so zu nennen!“, explodierte Anakin. Seine künstliche Hand ballte sich zur Faust. Obi-Wan konnte den Hass spüren, der in dem jungen Mann siedete, ihn aushöhlte, und alle anderen Regungen verschlang.
   „Anakin!“
   „Ihr… erzählt mir keine… Lügen mehr, Obi-Wan!“, stieß der Sith-Lord angestrengt hervor. Obi-Wan schüttelte den Kopf und stand auf. Er griff nach der Macht, um sich zu schützen. Heute würde er nichts mehr erreichen. Es half nichts, Anakin ins Gewissen zu reden, denn dieses war offenbar von Darth Sidious zerstört worden.
   „Du tust mir leid, Anakin“, sagte er, bevor er den Medi-Bereich des Raumschiffes verließ, und er meinte es ehrlich.

~ ~ ~



„Konntet Ihr etwas erreichen, Obi-Wan?“, Padmé hoffte, dass die Antwort „ja“ sein würde. Doch insgeheim fürchtete sie, dass sie „nein“ hieß.
   „Nein“, sagte Obi-Wan und hörte sich müde an. „Er hört mir nicht zu. Ich dringe nicht zu ihm durch. Er scheint fest daran zu glauben, dass seine Taten richtig waren.“
   „Wie kann er das tun? Wie kann das Töten von Kindern richtig sein?“
   „Ihr versteht nicht, wie stark die Verführungskraft der Dunklen Seite der Macht ist. Viele Sith waren ehemalige Jedi. Und Anakin wurde manipuliert, vielleicht schon seit sehr langer Zeit, ohne dass wir es bemerkt haben.“
   „Ich habe Angst, Obi-Wan.“
   „Warum? Ihr müsst keine Angst haben.“
   „Was ist, wenn er meinetwegen so geworden ist?“ Padmé hatte sich geweigert, darüber nachzudenken, aber in ihrem Inneren beschlich sie eine schreckliche Ahnung. Anakins Albträume, in denen er sie sterben sah… war es am Ende alles ihre Schuld? „Er behauptete, er hätte es für mich getan. Um mein Leben zu retten. Er hatte Angst, mich zu verlieren.“
   „Ihr seid nicht schuld daran, Padmé. Er hat seinen Untergang selbst herbeigeführt, in dem er sich Angst gestattete.“
   „Angst ist menschlich“, sagte Padmé.
   „Ja, aber Angst kann zu Zorn führen, und Zorn führt irgendwann zu Hass. Hass und Zorn sind Instrumente der Dunklen Seite.“
   „Ist es falsch, sich um die zu sorgen, die man liebt?“
   „Nein. Padmé, verliert nicht die Hoffnung. Wenn noch Gutes in Anakin steckt, werden wir es finden. Wenn Eure Hoffnung stirbt, ist Anakin wirklich verloren.“
   „Haltet Ihr mich für naiv, weil ich ihn immer noch liebe?“
   „Liebe folgt keiner Vernunft, Padmé. Sie folgt ihren eigenen Gesetzen. Und sie ist stark, das einzige Gefühl, dass den Hass zu bezwingen vermag. Deswegen ist sie vielleicht seine einzige Chance.“
   Padmé schluckte. „Er denkt, ich habe ihn verraten. Sein Vertrauen in mich ist zerstört. Wie soll ich da zu ihm vordringen?“
   „Anakin ist voller Hass, aber er liebt Euch, Padmé. Ein Funken Licht in der Dunkelheit. Und darum werdet Ihr sein Vertrauen auch wieder erringen. Und seine Vergebung.“
   Die ehemalige Königin von Naboo nickte. Sie musste daran glauben! Obi-Wan war weise, er wusste bestimmt, wovon er sprach. Er musste die Wahrheit sagen… sie musste daran glauben! Es gab noch Gutes in Anakin.
 

~ ~ ~

 


Obi-Wan spürte es sogar noch vor Padmé. Die Macht teilte es ihm mit. Er eilte zu Padmés Kabine, wo die Senatorin schlief, und – kurz nach dem er sie betreten hatte – mit einem Schmerzensschrei erwachte. Sie hielt sich den geschwollenen Bauch und Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, rannen ihr übers Gesicht.
   Obi-Wan konnte ihr nicht groß helfen, und er wusste auch, dass sie lieber Anakin als ihn ihrer Seite wüsste, aber es war zu gefährlich und kam daher nicht infrage. Er versenkte sich in der Macht, um ihr beizustehen, die Schmerzen zu lindern, die sie empfand.
   Zeit war bedeutungslos. Obi-Wan blieb all die Stunden, die Padmé sich in den Wehen wand und schrie, bis sie keine Kraft mehr besaß, an ihrer Seite. Schließlich war es soweit… nach Stunden sank Padmé erschöpft in die Kissen. Ihre Haut glänzte vor Schweiß und ihre braunen Locken waren nass geschwitzt.
   Sie hielt ihre Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen, im Arm, und in ihren Augen standen Tränen, wohl weil sie wusste, dass sie bald, sehr bald ihre Kinder zu ihrem Schutze fortbringen lassen musste. Vielleicht weinte sie aber auch, weil Anakin bei der Geburt nicht hatte dabei sein dürfen.
   Obi-Wan ließ ihr Zeit, er wusste, dass er sie nicht drängen durfte. Der Autopilot steuerte sie ohnehin direkt auf jenen Planeten zu, der vorerst das Zuhause der beiden Babys sein würde. Die Stunde des Abschieds nahte früh genug.
   Nach einigen Stunden, Obi-Wan war inzwischen ins Cockpit zurückgekehrt, landete das Raumschiff in einem kleinen Raumhaufen. Obi-Wan hatte einen alten Freund per Hologramm über sein Kommen informiert. Der Jedi-Meister verließ das Cockpit und betrat Padmés Kabine.
   „Es ist soweit“, sagte er nur.
   Padmé kämpfte gegen die Tränen. Sie drückte die Zwillinge an sich, es war offensichtlich, dass sie ihre Kinder nicht hergeben wollte. Obi-Wan wartete. Er wusste, dass sie die Notwendigkeit einsehen würde. Und tatsächlich. Mit einem Gesicht, das nass von Tränen war, und mit Augen, in denen sich der Schmerz über die Trennung spiegelte, ließ sie zu, dass er ihr die Kinder abnahm.
   „Was geschieht jetzt… mit Leia und Luke?“
   „Ich werde sie bei einem Freund in Obhut geben. Er schuldet mir noch etwas und ist ein guter Mensch. Bei ihm werden die Kinder in Sicherheit sein.“
   „Wenn Anakin… geheilt ist…?“
   „Ja“, sagte Obi-Wan nur.
  Padmé nickte, man sah ihr an, dass sie große Hoffnungen darauf setzte, dass Anakin doch noch zum Guten bekehrt werden konnte. Obi-Wan konnte sie durchaus verstehen. Wie würde er empfinden, wenn er in ihrer Lage wäre? Wahrscheinlich nicht viel anders.
   Sein Freund erwartete ihn im Raumhafen. Er wirkte erstaunt, als er die Kinder sah, die der Jedi-Meister trug.
   „Sind das deine Kinder? Ich dachte…“
   Obi-Wan schüttelte kaum merklich den Kopf. „Das sind Kriegswaisen. Sie haben ihren Vater im Krieg verloren, und ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben. Ich kann mich nicht um sie kümmern… aber ich weiß, dass du und deine Frau euch immer Kinder gewünscht habt.“
   Ich belüge einen Freund, dachte der Jedi-Meister und fühlte sich schuldig. Aber die Wahrheit zu sagen ist zu riskant.
   Der Mann schürzte die Lippen, er wirkte bedrückt. „Ja… ja, das ist wahr. Wie kann ich so herzlos sein und diesen armen Kindern ein Zuhause verwehren? Ich werde mich um sie kümmern. Es wird ihnen an nichts fehlen. Wie heißen sie?“
   „Leia und Luke“, sagte Obi-Wan. Padmé würde sicher nicht wollen, dass die Babys andere Namen bekamen. Es wäre auch respektlos gewesen.
   Obi-Wans alter Freund nahm die Babys entgegen. Er wirkte gerührt. Das Mädchen, Leia, griff nach seinem Finger. Der Mann lächelte. „Sie werden es gut bei mir haben.“
   „Ich weiß. Deswegen habe ich sie auch zu dir gebracht.“
   Obi-Wans Freund furchte die Stirn. „Und was wirst du jetzt tun?“
   „Ich weiß es nicht. Fortfliegen, irgendwohin.“
   „Dann heißt das jetzt wohl Lebwohl.“
   „Ja, alter Freund.“ Obi-Wan klopfte dem frischgebackenen Ziehvater auf die Schulter. „Lebwohl und möge die Macht mit dir sein.“
   „Lebwohl. Möge die Macht mit dir sein.“
   Mit diesen Worten wandte sich Obi-Wan ab und kehrte ins Raumschiff zurück. Sie verließen den Raumhafen wieder, flogen davon ins kalte Vakuum des Alls. Auf dem kleinen Planeten blieb ein junger Mann mit zwei Babys, die nicht seine waren, zurück, und lächelte selig.

 



Ende von Teil 1
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