Erinnerung


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





Ben Kenobi saß in dem Unterschlupf, der ihm seit geraumer Zeit als Zuhause diente. Seine Gedanken schweiften wie schon so oft in die Vergangenheit ab...

 

 

 

 

 

„Obi-Wan!“ Die Stimme des kleinen Jungen riss Obi-Wan aus seinen Gedanken.

 

„Was gibt es, Anakin?“

 

„Werde ich Mutter wieder sehen?“

 

Obi-Wan blickte in das kleine, offene Gesicht und sah den Schmerz darin, einen Schmerz, in den sich vage Hoffnung mischte.

 

Und mehr als eine vage Hoffnung vermochte Obi-Wan seinem Schützling auch nicht zu geben: „Ich bin mir sicher, du siehst sie wieder.“

 

Hoffnung blitzte in den Augen des kleinen Jungen auf.

 

Er ist so unschuldig, dachte Obi-Wan.

 

„Wann?“, fragte Anakin, und Obi-Wan setzte den Gedanken fort.

 

Und ungeduldig. „Hab Geduld. Den Zeitpunkt kann ich nicht voraussagen, doch ich weiß, du siehst sie wieder.“

 

 

 

 

 

Ein scharfer Schmerz durchzuckte den alten Ben. Hätte ich ihm doch nicht soviel Hoffnung gemacht. Ich hätte wissen müssen, dass sie nur enttäuscht werden konnte. Hätte ich geahnt, in welchem Zustand er sie wieder sieht... Fehler, meine Fehler. Und ich habe sie immer wieder gemacht.

Ben Kenobi spürte die Dunkelheit schon lange in den Knochen. Sie breitete sich unaufhaltsam in der Galaxis aus, und es gab nur einen, der sie würde aufhalten können... vielleicht. Doch dazu müsste eine Laune des Schicksals den jungen Mann zu ihm führen, und Ben hatte schon lange den Glauben an eine glückliche Wendung der Dinge verloren... Obwohl er immer noch hoffte. Wie ein bitterer Geschmack pochte die Hoffnung noch immer in seinem Herzen, und er wusste: Solange er lebte, würde diese Wunde nicht aufhören zu schmerzen.

 

 

 

 

 

„Meister.“

 

„Anakin.“

 

„Der Rat will mich nicht zum Meister machen. Ihr wisst, dass ich Meister sein könnte. Ich habe alles gelernt, was es zu lernen gibt.“

 

Mein ungeduldiger Schüler, die wichtigste Lektion hast du nicht gelernt: Das Lernen hört nie auf, am wenigsten, wenn du Meister bist.

„Vertraue dem Rat, Padawan. Die Zeiten sind kritisch, und der Rat braucht dich hier.“

 

„Ich könnte Meister sein“, beharrte Anakin.

 

„Dein Ehrgeiz wird dich eines Tages zerfressen. Schalte einen Gang zurück und bleib bei dir. Du bist erst dann ein Meister, wenn du deine Mitte gefunden hast.“

 

„Und Ihr meint, ich sei noch nicht soweit?“, forderte Anakin seinen Meister heraus.

 

„Du hast dich noch nicht gefunden, mein Freund. Wann immer ich dich reden höre, strebst du zuviel an anstatt den Dingen  ihren Lauf zu lassen. Manchmal muss man die Macht fließen lassen, Anakin.“

 

„Ich beherrsche die Macht“, beharrte Anakin.

 

„Genau das ist der Punkt: Die Macht ist nicht dazu da, von uns ‚beherrscht’ zu werden, sondern sie ist ein Geschenk an uns, mit dem wir behutsam umgehen müssen. Fließt die Macht zu schnell durch deine Hände, ist die Macht, die du erlangst, umso zerbrechlicher. Lerne Geduld, Anakin. Lerne ruhig zu sein.“

 

„Ich bin geduldig genug.“

 

„Nach deinen Maßstäben. Anakin, ich wünschte, du würdest mir genauer zuhören.“

 

„Ich höre Euch zu.“

 

„Meine Worte gehen an dir vorbei anstatt in dein Herz zu sickern. Du lernst, was du zu lernen bereit bist. Du lernst schnell, manches zu schnell.“

 

„Die Macht ist mit mir. Ich bin der Auserwählte.“

 

„Auserwählt wozu? Kannst du mir darauf eine Antwort geben, Anakin?“

 

„Ich bin auserwählt, das Gleichgewicht der Macht wieder her zu stellen.“

 

„Das hat man dir eingebläut, seit du ein kleines Kind warst. So dankbar ich bin, dass du darüber nicht das selbständige Denken vergessen hast, so unsicher bin ich mir, zu wissen, was diese Prophezeiung wirklich bedeutet.“

 

„Ich handle für das Gute in der Welt.“

 

„Ich bin überzeugt, dass du nur Gutes willst, aber vergiss nicht, wohin die Macht dich in den letzten Jahren geführt hat: Du reist zwischen den Welten hin und her, du hast keine Freunde, weil dir die Zeit für sie fehlt, du machst alles mit dir selbst ab.“

 

„Und das ist gut so. Obi-Wan... Ich bin dir dankbar, dass du dir für mich den Kopf zerbrichst, aber... Ich bin erwachsen. Ich bin bereit.“

 

„Deine Fähigkeiten sind voll entwickelt, und dein Verstand ist bereit. Doch nicht dein Herz. Du hast dich von dem schnellen Fluss deines Lebens mitreißen lassen statt dir einen Ort zu suchen, den du ‚Zuhause’ nennen kannst. Ein Ort, an dem dein Leben zum Stillstand kommen kann, damit du Ruhe findest.“

 

„Ich habe einen Ort, an dem ich mich zuhause fühle.“

 

Erstaunt hob Obi-Wan eine Braue, doch etwas in Anakins Haltung sagte ihm, dass dieser nicht darüber reden wollte. Ein leiser Schmerz durchzuckte ihn. Ausgeschlossen. Ausgeschlossen vom Leben seines begabtesten Schülers. Er respektierte das, doch es machte ihn traurig.

 

 

 

 

 

Ben Kenobi seufzte. Zur Zeit suchten ihn die Erinnerungen an diese Zeit immer öfter heim. Er wollte mit dem, was dort draußen in der Welt geschah nichts mehr zu tun haben, doch ein Instinkt sagte ihm, dass die Welt da draußen noch nicht fertig mit ihm war. Ben entzündete das Lichtschwert und bewegte es. Die Waffe lag locker in seiner Hand, und noch fühlte er die Verbindung zu ihr.

 

Er sah das pausbäckige unschuldige Gesicht vor sich, als sei es gestern gewesen. Und was war aus diesem Kind geworden? Der Mann, zu dem das Kind geworden war, hatte seine Naivität abgestreift wie eine Schlange ihre Haut, und mit seiner Naivität hatte er auch seine Unschuld verloren. Er war ein Mann ohne Gnade, ohne Herz- und ohne Heimat. Sein Name lautete jetzt Darth Vader, und unter seiner Maske verbarg sich ein an Leib und Seele zerstörter Mann.

 

Schon oft hatte Ben gedacht: Könnte ich ihm doch nur helfen. Doch er wusste nicht, wie.

 

Vader kannte ihn nicht mehr, hatte alle Fäden zu seiner Vergangenheit gekappt.

 

Doch dort draußen- manchmal trugen ihm die Gerüchte Geschichten über einen naiven jungen Mann, fast noch ein Kind, zu. Ein junger Mann, der ein hervorragender Pilot war und sich in seiner Begeisterung rasch mitreißen ließ. Ein junger Mann, der ganz nach seinem Vater kam.

 

Ben stöhnte. Sein Schwertarm schmerzte. Er hatte die Zeit vollkommen vergessen. Ich muss bereit sein. Bereit für den Tag... Er wird kommen. Eines Tages wird er kommen. Ich hoffe, ich erlebe diesen Tag.

 

 

 

 

 

Vader erschauerte. Er nahm seinen Helm ab und betastete vorsichtig das vernarbte Gewebe seiner Haut. Die Berührung schmerzte schon lange nicht mehr, die Erinnerung an das, was diese Schwülste einst gewesen waren umso mehr. Mein Meister hatte Recht. Ich habe zuviel gewollt und teuer dafür bezahlt. Ich war bereit für die Macht- doch sie nicht für mich. Deshalb hat sie mich verbrannt.

Er dachte an Obi-Wan nur noch als an den ‚Meister’. Obi-Wans Gesicht war in den letzten Jahren verblasst, doch das feine Kräuseln in der Macht spürte er noch immer gelegentlich, auch wenn er es nicht lokalisieren konnte. So taub ich einst für seine Worte war, so blind bin ich heute für seine Aura. Ich wünschte, ich könnte mich noch einmal mit ihm messen- um ihn zu töten. Wenn er tot ist, werden auch die Erinnerungen an ihn mich nicht länger quälen. Eines Tages wird er Vergangenheit sein- durch meine Hand.

 

 

 

 

 

Eines Tages werde ich Vergangenheit sein- durch seine Hand, dachte Ben Kenobi. Das Schwert hatte inzwischen die Hand gewechselt- er war Rechtshänder, doch sollte er seine Hand verlieren, wollte er die andere genauso nutzen können.

 

 

 

 

 

„Vader“. Palpatines Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

 

Vader stand auf und trat seinem Meister entgegen. Was für eine Ironie. Ich konnte nicht schnell genug Meister werden, und deshalb bin ich jetzt noch immer Schüler. Und ich lebe nur noch, weil ich den Willen meines Meisters vollstreckt und alle Spuren unserer gemeinsamen Vergangenheit getilgt habe.

 

Palpatine, der seinen Namen aufgegeben hatte und der Imperator geworden war, verbarg seine zerstörten Züge unter einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze.

 

Wie ähnlich wir uns doch sind: Die Vergangenheit ein Scherbenhaufen und das Gesicht eine zerstörte Landschaft. Kein Leben, nur noch Tod für alle, die uns im Weg stehen. Und Erfolg- mehr, mehr, mehr. Doch erfüllt es uns? Mir reißt es die Seele in Stücke, und er- hat er noch eine Seele?

 

Der Imperator blickte seinem Schüler entgegen. Ich spüre Ungeduld in ihm. Er wartet- worauf? Ich habe ihm alles gegeben, was ich ihm geben konnte. War das etwa nicht genug?

Gleichmütig fragte er: „Wie geht es Euch, Vader?“

 

„Wie jeden Tag.“

 

Das sagt alles und nichts. Was denkst du wirklich? Der Imperator war verärgert über diesen letzten Rest Jedi-Bildung, der in beiden schlummerte, die Fähigkeit, die Gedanken nach außen verschließen zu können.

 

„Ich spüre ein Kräuseln in der Macht. Er ist dort draußen, irgendwo.“

 

„Könnt Ihr ihn lokalisieren?“

Oft schon hatten sie dieses Gespräch geführt, und immer hatte es sich im Sand verlaufen. Wie sich die Tage doch glichen. Dem Imperator und seinem Schüler waren die Gesprächsthemen ausgegangen.

Die Vernichtung reicht mir nicht mehr. Sie gibt mir keine Befriedigung mehr. Und Vader- er ist nur ein Spiegel meiner selbst. Aller Eigenschaften, die ich an mir selbst so schätze und gleichzeitig verabscheue. Zwei Männer ohne Vergangenheit, ohne Gesicht. Ich hasse ihn. Wäre er anders, könnte ich noch mit ihm reden. Wie lange ist es her, dass ich zuletzt den Wunsch verspürte, zu reden?

 

„Nein, Meister.“

 

Wie erwartet. Seltsamerweise stieg nicht einmal mehr Ärger in dem Imperator auf. Ich bin tot, dachte er seltsam gleichgültig, innerlich bin ich tot.

 

Vader holte tief Luft, als durchführe ihn ein unerwarteter Gedanke, doch er schwieg.

 

Palpatine beobachtete ihn mit schmalen Augen. Nur einer ist noch dort draußen, der meine Vergangenheit – und mein Gesicht, wie es einst war – kennt. Deshalb muss er sterben. Wann- darüber entscheidet das Schicksal.

 

 

 

 

 

Ben Kenobi legte das Schwert beiseite. Genug für heute. Er wollte die Macht nicht auf die Probe stellen. Er atmete tief durch und ließ die Macht durch sich hindurch fließen. Am Rande seines Bewussteins prickelte es- Vader.

Ben zog sich behutsam zurück.

 

 

 

 

 

Vader stand mit schief gelegtem Kopf da.

 

Der Imperator beobachtete ihn still. Er wusste, was das zu bedeuten hatte. Kenobi, dachte er hasserfüllt.

 

Kenobi. Der Gedanke ließ Hass in Vader empor steigen, doch außer dem Imperator war niemand da, an dem er seinen Hass austoben konnte, und er fürchtete den Imperator zu sehr, um ihn auf die Probe zu stellen.

 

 

 

 

 

Ben Kenobi streckte sich auf seiner harten, schmalen Liege aus und schloss die Augen. Genug für heute. Morgen war auch noch ein Tag.




Ende