Mein Bruder



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"Du warst mein Bruder, Anakin. Ich habe dich geliebt, aber ich konnte dich nicht retten."
Meine Stimme ist heiser und ich ersticke fast an diesen wenigen Worten. Sie sagen so vieles aus und ich gebe damit ebensoviel preis.
Nicht zuletzt mein Versagen. Nicht zuletzt meinen Willen, keine Hand zu rühren, obwohl es mich schmerzt wie eine nie verheilende Wunde. Ich fühle mich allein, in einen Schatten der Verzweiflung gezogen – und dieser Schatten lauscht, tastet und spürt begierig die Schwäche in mir. Er hört, sieht und kennt mich, mehr als mir lieb ist.
Und ich vernehme sein Flüstern. Es ein geisterhaftes Rauschen in der Macht, das sich in meine Seele brennt und leise Worte formt – i c h b i n d u k e n o b i -, die an den Rändern meines Bewusstseins treiben wie dünne Wolken an einem fremden Himmel, bedrohlich, unheilverkündend.

Ich blinzle die Tränen fort, die in meinen Augen zu beißen beginnen, rede mir ein, dass sie von der Hitze hervorgerufen werden, die auf Mustafar herrscht und nicht von dem Gefühl der absoluten Hilflosigkeit und Trauer, das sich wie ein eiserner Ring um meine Brust legt und den Druck verstärkt, der dort herrscht, seit ich die Wahrheit erkennen musste. Besser, sie akzeptieren, sie mir selbst eingestehen – e s i s t e i n f a c h d a s w e g s c h a u e n u n d a n g e n e h m –, weil ich die Zeichen in der jüngsten Vergangenheit zwar sehen konnte, aber nicht deuten wollte.
Ich hätte wissen müssen, welchen Weg Anakin nach und nach einschlug, denn es gab so viele schwarze Flecken – d a s a b s o l u t e d u n k e l – in seinem Herzen und seiner Seele, die er schützend um die Geheimnisse gelegt hatte, die sein Leben überschatteten.

Ich konnte nur erahnen, was es war. Ein Schüler sollte vor seinem Meister nichts verbergen, er sollte aufrichtig sein, zu seinen Handlungen stehen und Ermahnungen verinnerlichen.
Er sollte ... unschuldig sein, ohne Bürde, ohne den unsichtbaren, niederdrückenden Mantel des Jedi, der in seinem Dienst zuviel gesehen und getan hat.
Nun, Anakin ist nicht mehr mein Schüler. Doch es ist noch gar nicht lange her; seine Ritterschaft noch jung, aber seine – d i e e r k e n n t n i s i s t h ä u f i g b i t t e r – Schuld alt.

Mühsam lenke ich meine Gedanken in die Vergangenheit und suche nach dem Augenblick, an dem sich das Blatt wendete. Ich sollte es nicht tun, denn ich werde den Moment nicht finden; es hat ihn nie gegeben, denn es waren seiner viele. Sie griffen allmählich ineinander und woben ein festes Netz, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Dunkelheit hat Anakin immer begleitet, gerade weil er ein strahlender Stern in der Macht ist.
War ...
Dieses magische Feuer, das ihn so einzigartig erscheinen ließ, hat sich gewandelt, es brennt ... schwarz, unheimlich, vereinnahmend und kalt. Ich spüre es wie eine unsichtbare Hand nach mir greifen, es vertreibt die Hitze Mustafars mühelos und lässt den Schweiß auf meiner Haut kühl werden. So kühl, dass ich ein Erschauern nicht unterdrücken kann. Es kriecht über meinen Körper – s o n ä h r s t d u i h n u n d m i c h –, schöpft neue Energie aus meiner Müdigkeit und Mutlosigkeit.

Aus einem Impuls heraus habe ich mich wenige Augenblicke zuvor nach Anakins Lichtschwert gebückt. Die Waffe ist immer noch heiß, aber ich kümmere mich nicht um das Brennen in meiner Hand.
Es ist nichts gegen den Schmerz, der meine Seele peinigt. Ich komme mir entwurzelt vor, habe den ruhenden Pol in meiner Mitte verloren, der mir immer Halt gegeben hat, bin in Selbstzweifeln gefangen. War es richtig, sich an Padmés Fersen zu heften? Ich habe ihr Vertrauen missbraucht – aus ehrbaren Gründen, und sie nicht zuletzt dadurch vor Anakins Zorn gerettet – o d e r v e r d a m m t.
Dennoch fühle ich mich schuldig. Jede Entscheidung zieht Ereignisse nach sich und manche Wahl kann nur zwischen zwei Übeln erfolgen, kommt mir ein Lehrsatz in den Sinn. Ein schwacher Trost.

Ich habe meine Aufgabe erfüllt und sicherlich wird mir niemand einen Vorwurf machen können, wie ich es tat. Schon dass ich es tat, bedeutete ein Opfer für mich, wie ich es mir nie erträumt hätte. Nicht einmal Qui-Gons Tod riss eine solche Wunde in mein Herz, wie Anakins Verrat, denn mein Meister starb im Frieden mit der Macht.
Doch Anakin ...?
Sein Ende wird kein friedliches sein – h a r t e s w i s s e n n i e m a l s f r i e d e n w e d e r f ü r i h n n o c h f ü r d i c h – und auf ihn wartet die Finsternis, die ihn betrogen hat. Die Finsternis, deren sanftes Streicheln den Geist unvermittelt in einen eisernen Würgegriff nimmt, der sich niemals wieder lockern wird.

In der flirrenden Hitze bemüht Anakin sich mit einer Hand Halt an dem abschüssigen Hang zu finden, an dem er liegt und auf den ich mich zurückgezogen habe. Aber das lose Gestein gibt nach und die Schwerkraft zieht Anakin unweigerlich nach unten, auf den tobenden Lavafluss zu, dem wir beide knapp entronnen sind.
Seine Beinstümpfe fangen Feuer und die Kleidung beginnt zu schwelen. Der schwere Stoff des Jedi-Gewands brennt schnell und wo der Stoff vergeht, bietet Fleisch den Flammen grausige Nahrung. Ich spüre Anakins Qual nur zu deutlich, auch wenn ich versuche mich abzuschirmen. Doch da ist immer noch ein schwaches Band zwischen uns, so als wolle die Macht unsere endgültige Trennung hinauszögern.
Meister und Schüler, dann gleichwertige Jedi-Ritter und – Freunde.

Nein.
Mehr als das.
Anakin und ich haben so viel erlebt und gemeinsam durchstanden, dass er tatsächlich einem Bruder entsprach. Ich habe ihm mehr als einmal mein Leben anvertraut und wurde nicht enttäuscht. Konnte mich auf Anakin verlassen, auch wenn seine sorglose Art mich manchmal schier zur Verzweiflung brachte. Er war immer dann zur Stelle, wenn ich ihn am nötigsten brauchte.
Kann ich ihn wirklich so – b e s i e g t u n d z e r s c h l a g e n d e i n w e r k u n d m e i n e s – zurücklassen?

Als Jedi ist es meine Pflicht denen Hilfe zu leisten, die sie benötigen und der tief verwurzelte Drang es auch bei Anakin zu tun, zerrt an mir, will mich zu ihm treiben, Schmerzen lindern und Schlimmeres verhüten lassen. Aber ich wäre ein Narr, diesen Gefühlen nachzugeben und meiner Aufgabe zuwiderzuhandeln.
Es war Yoda klar, was nötig sein würde, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, die Sith aufzuhalten, und auch mir – egal wie gerne ich mich geweigert hätte und wie inbrünstig ich das Gesehene – z u v i e l e b e k a n n t e g e s i c h t e r – und Geschehene – z e r s t ö r u n g u n d v e r n i c h t u n g – auch verleugnen wollte.
Als Hüter des Lebens vieler, einem Leben den Tod zu bringen ist mehr als eine Ironie des Schicksals, es ist eine Prüfung, die mich zwischen Mitleid und dem befriedigenden Gefühl, Gerechtigkeit verübt zu haben, wanken lässt.

Anakin hat seine Strafe erhalten. Denn wer kann ihm seine Taten vergeben? Nicht einmal ich. Mein Mitleid hingegen gilt dem Mann – dem Anakin -, den ich einst kannte und der seinem Lebensweg ein fatale Richtung gab, zum Schaden der Republik, der Jedi, Padmés und nicht zuletzt seiner selbst.
Der ... Andere ... hat gemordet, ohne einen Gedanken zu verschwenden, im Tempel gewütet wie ein Wahnsinniger, die jüngsten Padawane erschlagen, alles verraten, woran er einmal geglaubt hat.
Woran ich – f ü h l e t i e f e e n t t ä u s c h u n g – geglaubt habe!
Den Auserwählten, der die Macht ins Gleichgewicht bringen würde. Es war ein langer Weg bis zu dieser Überzeugung, mit Steinen überhäuft, die mich oftmals straucheln ließen. Aber schließlich war ich bereit gewesen, mich Qui-Gons Urteil anzuschließen. Unter all dieser Arroganz und Unzufriedenheit, diesem störrischen und rebellischen Wesen, das Anakin zu eigen war, hatte ich den Jedi erblickt, der er einst hätte werden können und sollen.

Von diesem Augenblick an habe ich alles dafür getan, dass es so kommt, habe alle Eventualitäten bedacht, ihn die Lehren der Jedi verinnerlichen lassen und nimmermüde über ihn gewacht, wann immer es möglich gewesen war, in der Überzeugung, dass mir nichts entgehen würde, was Anakin hätte beeinflussen können.
Ich – e m p f i n d e z e r s t ö r t e h o f f n u n g – habe mich selbst betrogen – aus unterschiedlichen Gründen; jeder für sich genommen eine gute Entschuldigung: aus Achtung vor Qui-Gons Wunsch, aus Rücksicht auf den Jedi-Orden und seine Zukunft und weil ich Anakin liebte wie einen Bruder. Mein Herz war blind und hat dem Verstand geboten zu schweigen, der mehr als einmal die Sorge hegte, dass die ungeheure Kraft, die in Anakin schlummerte, eines Tages hervorbrechen und alles vernichten würde.

Aber in meinen schlimmsten Albträumen war der Sieg der Dunklen Seite niemals so unvorstellbar deutlich gewesen. Ich hatte viele kleine Ängste; die eine große nicht, weil ich mir alles vorstellen konnte, nur nicht diese absolute Wandlung – b e g r e i f e d a s f u r c h t b a r e e s g i b t k e i n z u r ü c k – einer kostbaren Seele, deren Hülle ihr jetzt in die hässliche Vergänglichkeit folgt.
Anakin versucht, zu mir zu kriechen, nicht bereit aufzugeben. Seine mechanische Hand krallt sich in die lockere Ascheschicht am Rande des gewaltigen Lavaflusses, auf dem wir Augenblicke zuvor noch gekämpft haben.

Ein Bild des Jammers bietet sich mir und beinahe vergesse ich meinen Vorsatz, ihm nicht helfen zu wollen.
Ich könnte es ohne viele Mühen. Die Macht rufen und seine Schmerzen lindern, ihn zu Padmés Raumschiff bringen, an einen Ort, wo man ihn medizinisch versorgen würde ... Einen Ort des Vergessens, dem die Vergangenheit – d e i n w u n s c h b l e i b t u n e r f ü l l t b i s i n a l l e i n e w i g k e i t – nichts würde anhaben können ...
Plötzlich hebt Anakin den Kopf.
Seine Haare sind beinahe gänzlich versengt und sein Mund ist vor Anstrengung verzerrt. Er keucht und ich meine, hervorgestoßene Worte zu vernehmen. Sein Blick fixiert mich und ich schrecke zurück. Seine Augen lodern wie die unbezwingbare Lava, sind so voller Zorn, wie ich es noch nie gesehen habe. Welcher Feind auch immer gegen mich stand, keiner verdammte mich so inbrünstig, wie Anakin, den ich vor kurzem noch Freund genannt habe.

Er will mich immer noch töten, ist besessen von dem Gedanken, dass alles meine Schuld ist, dass ich ihm sein Imperium und seine Zukunft nehmen wollte, - seine Zukunft mit Padmé.
Ich glaube, sie ist der Schlüssel zu Anakins Herz; war es, denn vorhin auf der Landeplattform hat er sie – d i e u n s c h u l d i g e n  s e l t e n w i d e r f ä h r t i h n e n g e r e c h t i g k e i t – ebenso als Feind betrachtet, wie mich, nur weil sie ihren Gefühlen gehorchte und in seiner glorreichen Zukunftsvision das sah, was sie tatsächlich sein würde: ein tragischer Untergang.
Padmé war das Zentrum von Anakins Universum. Ein strahlender Stern in seiner Finsternis, den zu beschützen er sich geschworen hatte. Kann ich ihn deswegen verdammen? Auch wenn er alle Grenzen übertreten hat, die einem Jedi jemals gesetzt worden sind?

Seine enge Beziehung zu Padmé, die ich anfangs für die Suche einer einsamen Seele nach Geborgenheit hielt und die ich später geflissentlich übersah, die zu Liebe und Lust führte – und dem sichtbaren Zeichen, das in Padmé herangewachsen ist.
Natürlich haben die beiden versucht, Heimlichkeit walten zu lassen. Und vermutlich ist ihnen die Täuschung in vielerlei Hinsicht auch gelungen. Aber ich wusste es. Auch blind und taub hätte ich es gespürt, denn die Gefühle Anakins überfielen mich durch unser Band in der Macht mehr als einmal. Mit offenen Augen und Ohren brauchte ich nur zu warten – auf das Funkeln in Padmés Blick, wenn Anakin und ich von einer Mission nach Coruscant zurückkehrten, auf die mühsam verborgene Erwartung in Anakins Haltung, wenn er Padmé ansah.

Ich habe es geduldet, weil ich nichts anderes tun konnte.
Wer will – d u h ä t t e s t e s v e r s u c h e n k ö n n e n – eine sterbende Sonne aufhalten, die sich selbst und alles andere verzehrt?
Ich kann und werde nicht über die beiden urteilen, denn ich glaube zu verstehen und ich weiß, dass die Gebote, die die Jedi sich selbst auferlegt haben, zu allen Zeiten von einigen gebrochen wurden. Niemand ist vollkommen, keine Gemeinschaft kann von sich sagen, den idealen Weg gefunden zu haben; sie kann ihn nur suchen.
Und vielleicht haben die Jedi diesen Pfad schon vor langer Zeit verlassen.

Ketzerische Gedanken!
Und doch ...
Haben wir uns nicht in Selbstgerechtigkeit gehüllt und von anderen Unrecht gefordert? Die Bitte des Rates an Anakin, Auge und Ohr zu sein, um Palpatine auszuspionieren, ist nur ein Beispiel unter vielen. Wir sind in dem verrotteten System aufgegangen, das sich unserer bediente, um den Anschein von Rechtschaffenheit zu bewahren. Und wir haben es nicht einmal bemerkt.
Die Zerstörung des Ordens war – e i n u r a l t e r p l a n – der Auftakt zur Zerstörung der Republik, die sich selbst ihrer Grundfesten beraubt hat. Alles greift ineinander – alles.

Langsam dämmert mir, wie es Palpatine gelingen konnte, Anakins Seele zu vergiften und ihn auf die Seite der Sith zu ziehen.
Es war ein perfides Spiel mit den Ängsten eines jungen Mannes, der seiner Gefühle niemals wirklich Herr geworden ist, der nur äußerlich unerschütterlich erschien und im Inneren wankte wie ein dürrer Halm im Wind.
Ein Mann, der niemals loslassen konnte und sich vom Schicksal betrogen fühlte, der Grenzen überschritt, um die Ohnmacht zu überwinden, der sich jedes denkende Wesen in seinem Leben stellen muss – oder sie zu akzeptieren, sie als einen Teil des ewigen Kreislaufes anzusehen, dem alles unterworfen ist.

Ich versuchte, Anakin dieses Wissen zu vermitteln und ihm einen Halt zu bieten. Aber dazu hätte er ganz auf die Macht vertrauen müssen, selbstlos handeln bis zur Aufgabe seines Daseins. Ich weiß, wie schwer es ist, an diesen Punkt zu gelangen, gerade in diesem Augenblick stoße ich an meine eigenen Grenzen, bin in Schuldgefühlen und Zweifeln gefangen, während derjenige, dem sie gelten und der zugleich ihre Ursache ist, weiterkämpft.
Seine schmerzverzerrten Augen suchen die meinen und ich kann seinem Blick kaum standhalten, obwohl ich mich im Recht wähnen müsste und Anakin derjenige ist, dem die Anklage gilt.

Wieder und wieder krallt sich seine künstliche Hand in den Boden. Die Hitze hat das synthetische Fleisch zerstört und die metallenen Finger gleichen denen eines – t o d w i e d e r g e b u r t u n d d e r k r e i s s c h l i e ß t s i c h – Skeletts, der blutrote Schein des Lavaflusses spiegelt sich auf ihnen.
Ich sollte mich umdrehen und diesen Ort verlassen, der Vergangenheit den Rücken kehren und der ungewissen Zukunft entgegensehen.
Was quäle ich mich selbst, indem ich Anakin seinem Schicksal überlasse?
Weil es für mich keine andere Lösung gibt.

Ich werde dir nicht helfen! Ja, dies war mein Schwur an den Menschen, der in so vielen Jahren meine Familie darstellte, der Freude und Trauer mit mir teilte und dem ich bedingungslos vertraute – und der mich verriet.
Heißer Wind streicht – b e r ü h r e v e r f ü h r e d i c h i h n h u n g r i g - über mein Gesicht, wirbelt schwarze Schlacke auf und entfacht kleine Glutnester in der Asche ringsum.
Er brennt in meinen Augen, so wie die Tränen, die darauf warten vergossen zu werden. Äußerlich teilnahmslos sehe ich Anakins Bemühungen zu und spüre seine Wut, mehr noch aber seine Enttäuschung, denn es gelingt ihm nicht, mich zu erreichen oder an mein Mitgefühl zu apellieren.

Es geht ihm so wie mir: er kommt sich verraten vor. Doch anders als ich, akzeptiert er die Tatsache nicht, dass wir uns gegenseitig in den Abgrund der Schuld gestoßen haben – auch wenn ich mir zugute halten kann, dass meine Beweggründe sich von denen Anakins mehr als genug unterscheiden.
Doch tun sie es wirklich?
Bin ich frei von Empfindungen, die mir nicht gut anstehen?
Frei von Entsetzen und Bitterkeit, der Angst vor Verlust – und Zorn?
Ich fürchte nicht.

Sie haben sich herangeschlichen und unter die Gefühle gemengt, die ich guten Gewissens als rein und ehrlich bezeichnen kann. Und nun beherrschen sie mich, die negativen Gedanken, wirbeln meinen Geist durcheinander und versuchen mich hinab zu zwingen, zu lähmen, in Resignation zu hüllen.
Es ist ein Gaukelspiel der Dunklen Seite!
Sie weiß, wann die Herzen der Standhaftesten schwach werden. Aber ich weiß, wie ich mich verteidigen kann – so wie gegen Anakin, mit Trauer und Mitgefühl und der Berufung, das Richtige tun zu müssen, auch wenn es das Schmerzhafteste ist, was man von mir bisher verlangt hat. Ich habe Anakin besiegt und ich besiege den Zweifel in mir.

Der dunkle Schleier hebt sich wieder, weicht der erschreckenden Gegenwart und dem Anblick des Mannes, der vor mir über die schwarze Asche kriecht.
Von Schmerzen gepeinigt keucht Anakin auf.
"Ich hasse dich!" bringt er hervor.
Ja, das tut er und es gibt mir einen Stich – e i n e c h o s e i n e s d e i n e s m e i n e s s c h m e r z e s  - ins Herz. Ich habe es nicht verdient. Es war immer nur das Beste, was ich für Anakin wollte. Sicher, ich war ein strenger Lehrer mit eisernen Prinzipien. Aber nicht weil ich es genoss, sondern weil es nötig war.
Ich sollte mir vorwerfen, nicht streng genug gewesen zu sein – gegen mich. Was geschehen ist, kann man auch mir anlasten, denn ich habe die Augen vor der Wahrheit verschlossen, als ich sie erkannte.

Dem Menschen, dem man sich verbunden fühlt, sieht man seine Fehler mehr als bereitwillig nach.
Und Anakin war mein Bruder im Geiste, mochten wir auch noch so verschieden sein.
Er hat die Grundfesten meines Vertrauens erschüttert. Man mag mich naiv schimpfen, arglos. Früher war ich es gewesen, der hinter allem das Verborgene und Unfreundliche witterte, der auf seine eigenen Instinkte mehr gab, als auf die lebendige Macht.
Heute lasse ich mich von ihr leiten. Und sie war es, die meine Hand führte, die mich die Entscheidungen fällen half, wegen derer ich nun hier stehe und Abschied nehmen werde.

Es ist ein stilles Scheiden. Voller Enttäuschung und Gram auf meiner Seite; von Groll erfüllt auf Anakins, denn er begreift den tieferen Sinn all dessen nicht, was auf Mustafar geschehen ist.
Ich habe ihn für seine frevelhaften Taten büßen lassen.
Nein.
Darth Vader.
Nicht mehr Anakin.
Der zerstörte Körper vor meinen Füßen beherbergt einen anderen Geist, von Rache und Hass getrieben, einen Geist, der keine Gnade kennt und sie nicht würde walten lassen, wenn ich mich in der gleichen Lage befände.

Gnade ...
Welch seltsames Wort angesichts des Leids. Ein gezielter Streich mit dem Lichtschwert und es wäre vorbei.
Und dennoch ...
Ich werde meine Waffe nicht noch einmal erheben, denn es würde den letzten Dienst an einem Freund zunichte machen, der mich in dem Chaos verlassen hat, das auch ich verantworten muss.
Anakin habe ich erlöst, indem ich den Anstoß zu Vaders Vernichtung gab.
Den endgültigen Fall des ... Anderen ... überlasse ich der – j a g i b m i r w a s m e i n i s t w a r – Macht, denn ich werde nicht der Richter über Vaders Leben oder Tod sein. Das ist der einzige Trost, den ich finden kann.

Meine Bestimmung wartet an einem fernen, seltsamen Ort – ich spüre es, sehe es in den Nebeln der Zeit. So deutlich wie ich die Annäherung einer bösen Macht empfinde, die mich zur Flucht zwingt.
Vielleicht bin ich der letzte Jedi und der, der das Dunkel mit sich bringt, wird der letzte Sith sein und damit wäre die Prophezeiung – n i c h t d i e e r s t e n i c h t d i e l e t z t e – erfüllt. Auf eine unerwartete Weise, aber dennoch entstünde das erhoffte Gleichgewicht.
Vielleicht ...
Ich verlasse die Stätte, an der zahlreiche Träume und Hoffnungen zu Asche geworden sind, aus der etwas neues entstehen kann, sollte dies der Wille der Macht sein – v i e l l e i c h t.
Ich sehe mich nicht um.

Vaders anklagende Stimme in meinem Geist hat nur Worte des Hasses für mich. Ich lausche ihr wie sie leiser, aber auch flehender wird. Der Hass ist dem Schmerz gewichen, denn durch mein Fortgehen wird ihm seine Quelle entzogen.
Die Zeit der Erkenntnis kommt auch für das Wesen, das ich zurücklasse.
Tief in seinem Inneren weiß es, dass die Dunkelheit allein keinen Frieden birgt. Und dass sie nur die andere Seite des Lichtes ist, das man nicht ablehnen kann, ohne bitter dafür zu büßen. Das Licht verstehen: ist der Schlüssel, es zu bewahren: das Ziel; und sei es eine noch so winzige Flamme, die überlebt – g e b o r g e n i n e w i g e r n a c h t –, damit die Zuversicht auf ein anderes Morgen bleibt.
Möge die Macht mir vergeben ..., denke ich erschauernd, als mich ein letztes Echo trifft.
Lebewohl ... Obi-Wan ... Bruder! höre ich e s flüstern.
Mit der unverkennbaren Stimme des – s c h a t t e n s ...


*~~~*



ENDE

@Dairyû Januar bis Juli 2006