Silent Agony




Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





Schwärze.

 

Kein Lebewesen dieser Galaxie, außer dem einen, der mir die Macht gezeigt hat, die in absoluter Schwärze verborgen ist, könnte auch nur ansatzweise nachvollziehen, welche Zufriedenheit einem die Dunkle Seite geben kann. Was für ein Segen sie sein kann. Obwohl so mancher sich zweifellos weigern wird, das erwähnte Lebewesen als solches zu sehen und es in der Blindheit des Unwissens stattdessen lieber als Monster bezeichnet, waren es genau dieser Mann und seine Verbundenheit zur Dunklen Seite, die am Ende das gerettet haben, was von mir nach meinem letzten Kampf übrig war, was noch fähig und willens war, zu leben, als ich von meinem alten Lehrmeister, von demjenigen, der eigentlich wie ein Vater für mich hätte sein sollen, dem Tod überlassen wurde.

 

Nicht dass es da noch viel zu retten gab. Der tödlich verwundete, verbrannte Körper, den Sidious an diesem schicksalhaften Tag nahe der Lava von Mustafar fand, war so gut wie erledigt. Das ‚so gut wie’ kann man vermutlich streichen. Um genau zu sein bin ich mir ziemlich sicher, dass mein Körper praktisch tot war, als Sidious mit seinen Leuten auf Mustafar ankam.

Ich werde nie begreifen, wie mein Körper überhaupt so lange überleben konnte, in unmittelbarer Nähe dieser kochenden, tödlichen, beinahe schon lebendigen Substanz, deren Hitze ich schon kurz nach meiner Niederlage im Kampf gar nicht mehr spüren konnte, weil meine Haut völlig verbrannt war. Aber irgendwie habe ich es geschafft, mich mit dieser einen Hand, das Einzige, was von meinen Gliedmaßen noch übrig war, zumindest ein Stück vom Lavastrom wegzuschleppen, das zu retten, was an meinem Körper nicht verzichtbar ist, was nicht einfach ersetzt werden kann.

Alle entbehrlichen Teile waren zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden, außer dieser einen Hand, die mir jetzt fast fremder und künstlicher vorkommt als meine anderen Implantate. Das war Obi-Wans Verdienst. Und er hat verdammt gute Arbeit geleistet.

 

Als Sidious dann auf Mustafar ankam, ergriff er die Chance, die ich ihm gelassen hatte, indem ich so lange überlebt habe... Oder aber er hat seinem Glück einfach ein wenig nachgeholfen. Wenn Anakin nicht schon gestorben ist, als er seine Frau getötet hat, dann ist das, was noch von ihm übrig war, kurz darauf verbrannt. Niemand hätte das ohne die Hilfe der Macht überlebt, nicht einmal ich. Da bin ich mir einfach sicher. Nun, fast.

 

Wie viel Macht hat mein Meister wirklich? Wie weit entwickelt sind seine Kräfte, die Midi-Chlorianer zu beeinflussen? Wie viel hat er von seinem Mentor darüber gelernt? Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mehr mit mir darüber. Vielleicht, weil er es auf eine gewisse Weise bereut, sich auf mich eingelassen zu haben? Sidious ist ein Genie, daran besteht kein Zweifel. Er hat die ganze Galaxie an der Nase herumgeführt. Aber er ist auch ein Sith, und anders als ein Jedi kann ein Sith von seinen Gefühlen übermannt werden. Etwas tief in mir drin sagt mir, dass es genau das ist, was auf Mustafar passiert ist, obwohl ich es nie mit Sicherheit wissen werde. Er hätte mich sterben lassen und sich einen stärkeren Schüler suchen können. Er hat es nicht getan.

Zehn Jahre Arbeit, nur um den, den Meister Windu und Sidious beide als den Auserwählten ansahen, in seinen Bann zu ziehen... Zehn Jahre zerstört von einem Fall in eine Lavagrube... In meinem Herzen weiß ich, dass Sidious das nicht akzeptieren konnte. Weder sein Stolz noch sein kalter, kalkulierender Ehrgeiz konnten das akzeptieren. Also hat er eine Grenze überschritten. Und das bereut er jetzt. Alles was er erreicht hat, war den verkrüppelten, gebrochenen Schatten eines Mannes zu retten, von dem er einmal gedacht hat, dass er irgendwann sein stärkster Verbündeter werden würde. Trotzdem hätte er es nicht mehr unterlassen können als ich nahe bei der Lava hätte liegen bleiben können um zu sterben. Pech für die Galaxie.

 

Also hat Sidious es akzeptiert, und jetzt macht er da weiter, wo er aufgehört hat. Er zwingt mir sein Denken und seinen Geist auf, wie er das seit Jahren macht. Obwohl ich ärgerlich sein sollte, weil ich das erst jetzt begriffen habe, wütend auf ihn, weil er dasselbe macht, was ich an Obi-Wan immer so gehasst habe, stelle ich jetzt fest, dass es mir nicht gleichgültiger sein könnte. Nichts zählt mehr. Mit Sidious zu arbeiten, das Imperium aufzubauen, das zu jagen, was von den Jedi noch übrig ist, ihnen mit unbeweglicher Miene dabei zuzusehen, wie sie ihren bedeutungslosen Tod sterben... Nichts davon kann noch irgendeine Emotion in mir auslösen, genauso wenig wie der dumpfe Schmerz meiner Implantat, ein Schmerz, der niemals vergehen wird und der mich in jeder Sekunde meines neuen Lebens darin erinnern wird, was ich getan habe.

Aber meine Pflichten beschäftigen mich zumindest. Darum dreht sich eigentlich alles nur noch. Arbeiten. Vergessen. Mehr noch... Verstecken.

 

Einige denken, dass dieses sorglose, grauenvolle Töten mir eine Art von kranker Befriedigung gibt. Die Jedi, die ich entweder mit meinem Lichtschwert oder mit bloßer Hand getötet habe zum Beispiel. Und die Soldaten, die allein bei der Erwähnung meines Namens eine Gänsehaut bekommen.

 

Und Obi-Wan ebenso. Am Ende hätte nichts mehr seine Ansichten über mich ändern können. Das war ja nichts Neues. Ganz unrecht hatte er mit seinem Standpunkt natürlich nicht...

 

Aber keiner von ihnen wird jemals durch die Maske sehen können. Sie werden niemals wissen, wie falsch sie liegen. Ich bezweifle, dass es sie beruhigen würde, wenn sie sehen könnten, was sich auf meinem Gesicht widerspiegelt, wenn wieder einmal ein menschliches Leben durch Sidious oder mich ausgelöscht wird. Da ist keine Spur von Zufriedenheit. Es ist Gleichgültigkeit. Es zählt einfach nicht mehr. Vader zählt nicht mehr.

Meine Arbeit ist nichts als ein Weg, den Tag zu überstehen. Denken ohne zu fühlen, Stille ohne Erinnerungen, ein Gedächtnis ohne Vergangenheit. Auf eine gewisse Weise ist es fast amüsant... Diese ganzen Gefühle, von denen Obi-Wan mir immer gepredigt hat, dass ich sie loswerden muss, sind jetzt endlich verschwunden. Alle bis auf eins. Irgendwie bezweifle ich jedoch, dass mein alter Mentor deswegen stolz auf mich sein würde.

 

Was zurückbleibt ist Schwärze. Der Hass. Das Wort ‚Wut’ reicht nicht länger, um zu beschreiben, was hinter meinen Handlungen steht, was die Sidious’ verschlagene Augen jedes Mal erfreut aufleuchten lässt, wenn wir uns unterhalten. Wut wurde genauso aus meinem Geist verbannt wie alle anderen Emotionen. Jetzt gibt es nur noch Hass. Die tröstende, schützende Dunkelheit des Hasses.

Ein Trost, den einst einmal ein Körper, so bezaubernd und gleichzeitig so verletzlich wie die Ewigkeit selbst, geben konnte... Wieder eine Welle des Hasses, die diese schreckliche Erinnerung so leicht fort wäscht wie die Hitze des Feuers und Lava sämtliche meiner Hautschichten verbrannt hat. Nichts als Illusionen, auf die der naive, arrogante Dummkopf, der ich früher war, vor Jahren einmal hineingefallen ist. Allein der Gedanke, dass es im Leben eines Jedi so etwas Warmes und Schönes wie Liebe geben könnte... Für jemanden, der gelobt hat, vom Hals abwärts an tot zu sein... Lächerlich.

 

Diese Illusion hat mich viel und sie noch viel mehr gekostet. Obwohl sie es wirklich von Anfang an hätte besser wissen müssen... Wie viel leichter es doch ist, Schuld zuzuweisen als für sie gerade zu stehen...

 

Und doch... So lange gab es keinen Jedi, der lieben konnte. Aber ich habe es getan. Ich habe geliebt. Und trotz allem, was wir beide falsch gemacht haben, wird kein Hass jemals so lange in mir existieren wie diese Liebe, tief versteckt unter meinem lebensnotwendigen Beatmungsapparat, wo irgendwo vermutlich immer noch ein Herz sein muss. Kein Hass wird je so lange in diesem Herzen existieren wie meine Liebe für sie... Außer einem- dem Hass auf mich selbst.

 

Und das ist auch alles, was mich im Moment am Leben erhält. Der Tod wäre viel zu leicht, viel zu milde für mich. Meine Strafe wird mein eigenes Leben sein, solange ich durch diese verdammte künstliche Lunge irgendwie Luft bekomme. Und wenn ich mir das so ansehe, was sich jetzt mein Leben nennt, scheint es Strafe genug zu sein. Meine Pflicht hält mich davon ab, mich an irgendetwas zu erinnern, das mich ohnehin nur ablenken würde. In der Nacht hält mich mein Hass am Leben, in dieser dunklen Zelle, die mein persönliches Gemach ist. Das Einzige, was in meinem Quartier wirklich zählt. Alles andere ist nutzloses Mobiliar, dem ich ohnehin keinen zweiten Blick gönne. Mein Quartier ist nie ein großes Problem für den Captain des Raumschiffs, mit dem ich reise.

Auf jeden Fall nicht so ein großes Problem wie alle meine anderen Befehle. Und die Konsequenzen, wenn meine Wünsche nicht ordnungsgemäß erfüllt werden. Manchmal zieht so ein Versagen den Verlust eines Kommandos nach sich, manchmal ein oder zwei gebrochene Knochen. Manchmal den Tod. Der Hass überwältigt mich von Zeit zu Zeit. Dann verliere ich die Kontrolle über meine Fähigkeiten, die Dunkle Seite meiner Fähigkeiten, und ein Macht-Würgegriff verwandelt sich in eine Todesumarmung, die dem Opfer ohne viel Mühe das Genick bricht. Kein großer Verlust.

 

Auch nicht für Sidious, außer, der betreffende Offizier war wichtiger, als mir bewusst war. Als das zum ersten Mal passierte, war sein unter heiserem Lachen gewisperter, amüsierter Kommentar so etwas wie: ‘Hättet Ihr Eure unendliche Arroganz nicht im Grab des Ordens zurücklassen können, Lord Vader? Ich hoffe doch, es war niemand, den ich mochte.’

 

Nein... Es war niemand gewesen, den er gemocht hatte.

 

Der Tod ist meistens ziemlich dumm. Nur wenige dieser Morde erfüllen einen tieferen Zweck- wie zum Beispiel das Abschlachten der Jedi. Diese Tätigkeit zähmt den Hass, der wie ein wildes Tier in mir wütet, zumindest für ein paar Stunden.

Meistens genau so lange, bis es Nacht wird. Nicht, dass dieser Ausdruck viel bedeutet, wenn man auf einem Raumschiff lebt, aber mein halb mechanischer Körper braucht regelmäßige Regenerationszeit, vor allem jetzt, wo alles daran noch so neu und innovativ- mit anderen Worten experimentell ist. Die volle Regeneration dauert nur ein paar Stunden, vor welchen ich jeden Tag Angst habe. Sechs Stunden ohne Arbeit, die mich davon abhält, daran zu denken, was passiert ist, bevor ich diesen Helm getragen bekommen habe.

Tage und Wochen vergingen, in denen ich es einfach nicht geschafft habe, zu schlafen, diese Stunden irgendwie hinter mich zu bringen. Ich bin meistens wieder aufgestanden und habe mich mit unwichtigen Arbeiten abgelenkt, weil ich es nicht ertragen konnte, all diese Bilder zu sehen, die mir mein Geist zeigte, kaum, dass ich keinen Dienst mehr hatte. Vor ein paar Tagen jedoch hat mich eine medizinische Assistentin unmissverständlich darauf hingewiesen, dass ich auf dem besten Weg bin, noch einen Körper zu verlieren, wenn ich meine Regenerationszeit nicht einhalte. Da ich wirklich kein Interesse an einer zweiten derartigen Operation habe – einmal ist genug für ein ganzes Leben – musste ich den Rat annehmen.

 

Also habe ich angefangen, nachts auf eine andere Weise zu arbeiten... In meiner Dunkelkammer. Der Schatten, der sich über meinen Geist legt, wenn ich mich an den Sturz zu erinnern versuche, den Obi-Wan auf Mustafar verursacht hat, an diese Sekunden, als mein menschlicher Körper zerstört wurde... Dieser Schatten ist immer noch da. Ich wäre nicht überrascht, herauszufinden, dass Sidious hinter diesem Gedächtnisverlust steckt. Obwohl ich vermutlich froh sein sollte, dass ich diese Momente nicht mehr sehen kann, wünschte ich, ich könnte es. Ich weiß, dass etwas passiert ist... Etwas die dunkle Seite betreffend... Etwas, wovon mein Meister mir vor meinem Fall erzählt hat.

Keiner hätte das überleben können, was ich auf Mustafar durchgemacht habe. Trotzdem, für mich hat es eine Möglichkeit gegeben. Je mehr ich versuche, durch diesen Schatten zu sehen, der mein Gedächtnis blockiert, umso mehr wird mir klar, dass es vielleicht doch nicht Sidious ist, der diese Amnesie erzeugt. Vielleicht bin ich es selbst, weil ich mich unbewusst vor der Macht fürchte, die diese Erinnerung beinhalten.

Vor langer Zeit habe ich jemandem, der jetzt tief in meinen verdrängten Erinnerungen begraben ist, versprochen, dass ich irgendwann Leute vor dem Tod würde retten können. Ist dieser Tag gekommen? Wenn die Dunkle Seite solche Kräfte verleiht, wie kann sich irgendein Jedi nicht davon angezogen fühlen? Sidious hat mir versprochen, mir die Geheimnisse der Dunklen Seite zu zeigen, aber ich glaube, ich habe schon mehr davon gesehen als ich jemals wollte.

Es war die Dunkle Seite, die meinen Körper am Leben erhalten hat, bis ich gerettet wurde. Davon bin ich überzeugt. Diese Tatsache erschreckt mich weit mehr als sie mich faszinieren könnte. Ich frage mich manchmal, ob ich das, was immer ich getan habe, um mich zu retten, wieder tun könnte. Die Extremsituation des Kampfs auf Mustafar hat diese temporäre Fähigkeit ausgelöst hat. Der Hass auf Obi-Wan und all die anderen Jedi hat mich davon abgehalten, meinen Tod einfach zu akzeptieren. Ich bezweifle, dass ich noch einmal dazu fähig wäre.

 

Und doch habe ich es in den letzten Nächten versucht. In kleinen Schritten bin ich immer tiefer in die Dunkle Seite eingetaucht, wie in einen riesigen, gefährlichen, tiefen Ozean, in dem alle möglichen Monster auf einen warten. Befriedigt konnte ich feststellen, dass die Schwärze all diese verhassten Gedanken und Zweifel in meiner Seele, die ich so verzweifelt zu verdrängen versuche, ausgelöscht hat.

Und dann ist etwas ganz Erstaunliches passiert... Dieser unangenehme Druck auf meiner Brust hat sich plötzlich verringert. Für einen Moment hat es sich tatsächlich so angefühlt, als würde ich durch eine normale, gesunde Lunge atmen, ein Gefühl, das ich schon fast vergessen hatte.

Es ist gefährlich. Ich bezweifle, dass Death Sticks eine gefährlichere Droge sein können. Aber ich werde es trotzdem weiter versuchen. Denn die dunkle Seite ist gut. Keiner außer Sidious und mir würde das im Moment verstehen. Sie ist gut. Sie ist etwas, woran man sich festhalten kann, wenn alles andere verloren ist. Sie birgt mehr Macht in sich als sich irgendeiner der Jedi-Meister, deren Leben ich ausgelöscht habe, jemals hätte vorstellen können. Wenn mir diese dunkle Energie hilft, eine friedliche Regeneration ohne Nachdenken hinter mich zu bringen, werde ich sie mit offenen Armen begrüßen.

Als Kind hatte ich Angst im Dunkeln. Jetzt erscheint mir diese Vorstellung lächerlich. Dunkelheit ist der einzige Trost, den ich in meinem Leben je wieder finden werde. Alles, was am Ende des Tages auf mich wartet. Nur...

Schwärze.



ENDE