Dopplereffekt

Teil 1 von 4


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.






Vardiss:

 

Colonel Breghala warf gerade den vorletzten Dartpfeil auf das lebensgroße Poster von Mon Mothma, das an die Wand hinter seinem Schreibtisch gepinnt war, und bereitete sich mit dieser überaus entspannenden Tätigkeit geistig auf das ebenso anstrengende wie unerfreuliche Rendezvous mit dem Polizeipräsidenten von Camorrha vor, als sein Kom einen durchdringend schrillen Quietschton von sich gab.

 

"Sir?" sagte die dienstbeflissene Jungmännerstimme des Adjutanten, der im Vorzimmer von Breghalas Büro thronte und den einzigen Zugang zum Allerheiligsten des Chefs mit der Entschlossenheit eines Zerberus bewachte und verteidigte.

 

Na ja, nicht immer, aber immer öfter, dachte Breghala. Er unterdrückte nur mit Mühe einen Seufzer und aktivierte den Videomodus der Kom-Einheit. Als der Bildschirm aufflammte und das vor Aufregung und Verlegenheit hochrote Gesicht seines Adjutanten zeigte, sagte er: "Was ist denn jetzt schon wieder, Paejonn?" und er sagte es ziemlich laut.

 

"Da will Sie jemand sprechen, Sir", sagte Paejonn und er sagte es ziemlich leise.

 

"Aber Sie wissen doch ganz genau, dass ich um eins eine Konferenz habe!" Breghala warf einen prüfenden Blick auf sein Armbandchrono. "Und es ist schon kurz nach zwölf", fuhr er fort. "Ich muss spätestens in einer halben Stunde los. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für irgendwelche Besucher. Nur aus reiner Neugier ... wer ist es überhaupt?" fügte er einen Augenblick später hinzu.

 

"Oh ... äh ... das weiß ich nicht so genau, Sir."

 

Dieses Mal unterdrückte Breghala seinen Seufzer nicht. "Aber Sie haben ihn doch sicher wenigstens nach seinem Namen gefragt, bevor Sie ihn ins Wartezimmer gesetzt haben, Paejonn, oder etwa nicht?" erkundigte er sich gefährlich sanft.

 

"Oh ja, natürlich, Sir. Das heißt, ich habe sie nach ihrem Namen gefragt. Sie heißt Sorkin ... Lieutenant Jessamy Sorkin, Sir."

 

"Sorkin ... Sorkin ... kenn ich nicht!" brummte Breghala, nachdem er erfolglos sein Gedächtnis strapaziert hatte. "Wer ist sie? Was will sie?"

 

"Oh ... äh ... das weiß ich nicht so genau, Sir."

 

Breghala schloss sekundenlang die Augen, krampfhaft bemüht, nicht die Beherrschung zu verlieren. "Wie lange arbeiten Sie jetzt schon für mich, Paejonn?"

 

"Ungefähr sechs Wochen, Sir", murmelte Paejonn und machte sich sichtlich auf eine Standpauke gefasst.

 

"Es sind heute auf den Tag genau sechs Wochen! Und Sie machen immer noch dieselben Fehler wie an Ihrem allerersten Tag. Eines sollten Sie sich für die Zukunft hinter die Ohren schreiben, Junge: 'Oh ... äh ... das weiß ich nicht so genau' ist exakt die Antwort, die ich auf gar keinen Fall von Ihnen hören will. Nie wieder! Habe ich mich klar ausgedrückt?"

 

 

"Vollkommen klar, Sir", flüsterte Paejonn geknickt.

 

"Und machen Sie gefälligst nicht immer so ein trübseliges Gesicht! Von mir einen Anpfiff zu bekommen, ist noch lange kein Grund, gleich die Flügel hängen zu lassen. Ich meine es schließlich nur gut mit Ihnen. Wenn ich es nicht gut mit Ihnen meinen würde, dann würde ich Sie einfach in hohem Bogen rauswerfen. Aber stattdessen sage ich Ihnen, was Sie falsch machen, damit Sie Gelegenheit haben, es in Zukunft richtig zu machen. Sie bekommen eine Chance von mir, Junge. Nutzen Sie sie!"

 

"Ja, Sir", klang es kleinlaut zurück.

 

"Na schön. Sagen Sie dieser ... Sorkin oder wie sie heißt, dass ich außer Haus bin und dass sie morgen wiederkommen soll. Geben Sie ihr einen Termin, vielleicht gegen zehn ... nein, warten Sie!" befahl Breghala, dem einfiel, dass sein Terminkalender für den nächsten Tag auch so schon ziemlich dicht war. Und wer konnte wissen, auf welche Ideen dieser Kretin von einem Polizeipräsidenten noch verfiel? Womöglich wollte er die Konferenz morgen fortsetzen. Es ging immerhin um die Planung von lückenlosen Sicherheitsvorkehrungen für den bevorstehenden Besuch des Gouverneurs von Devon. Aber auch wenn Colonel Breghala der Leiter der hiesigen Sektorzentrale des imperialen Geheimdienstes und noch dazu ein Organisationstalent war, konnte er sich schließlich nicht um alles kümmern. Wozu hatte er eigentlich einen Stellvertreter? "Schicken Sie sie zu Major Daimon. Er soll mit ihr reden. Und er soll wenigstens versuchen, sich zur Abwechslung mal wie ein halbwegs zivilisierter  Mensch aufzuführen - auch wenn es ihm noch so schwer fällt. Kein Gebrüll, keine Drohungen, keine gewalttätigen Ausbrüche, sagen Sie ihm das. Die nächste Dienstaufsichtsbeschwerde, die auf meinem Schreibtisch landet, leite ich nämlich weiter - das können Sie ihm ruhig auch sagen."

 

"Ah ... ich fürchte, der Major ist gerade eben in die Mittagspause gegangen, Sir", sagte Paejonn zaghaft.

 

"Kaum zwölf Uhr und Daimon ist schon auf dem Weg in die Kantine? Was ist denn das für eine Arbeitsmoral?" rief der allgewaltige Geheimdienstchef, dessen Magen plötzlich wie ein neurotischer Kettenhund knurrte und Visionen von einem riesigen, gut durchgebratenen Bruallki-steak vor seinem geistigen Auge auftauchen ließ, was seine Bereitschaft, den kleinen menschlichen Schwächen seiner Untergebenen gegenüber Nachsicht zu zeigen, nicht gerade steigerte. Und so was will mal mein Nachfolger werden! dachte er voller Verachtung. Doch die Tatsache, dass es ihm gerade gelungen war, einen weiteren Schönheitsfehler an seinem märchenhaft tüchtigen - und gefährlich ehrgeizigen - Stellvertreter zu  entdecken, stimmte ihn sofort wieder ein wenig milder. "Na gut. Wenn diese Person schon im Wartezimmer herumsitzt, kann ich sie mir ja wenigstens mal ansehen. Zeigen Sie sie mir", befahl er. "Los, los, Junge, ein bisschen Tempo!"

 

"Ja, Sir." Paejonns Finger veranstalteten einen hektischen Trommelwirbel auf der vor ihm stehenden Computertastatur.

 

Schon einen Augenblick später teilte sich das Bild auf Breghalas Monitor und zeigte neben dem naiv-eifrigen Jungengesicht seines Adjutanten, das noch von den letzten Spuren eines postpubertären Akneanfalls gesprenkelt war, einen tristen, ganz in Grau gehaltenen Raum, dessen einzige Möblierung aus ein paar schlichten und ziemlich unbequem aussehenden Stühlen bestand. Auf einem dieser Stühle, direkt im Fokus der Überwachungskamera, saß eine junge Frau, die sich in ihrer ebenfalls grauen Uniform so wenig von ihrer Umgebung abhob, als hätte sie Tarnkleidung angelegt. Breghala begutachtete sie voller Interesse. Mitte Zwanzig ungefähr. Schlank, drahtig, machte einen sportlichen Eindruck. Meerblaue Augen unter einem weizenfarbenen Lockenschopf, der sich so eigensinnig kringelte, dass ihn sogar der vorschriftsmäßige Kurzhaarschnitt nur teilweise gebändigt hatte. Eine Stupsnase, deren kesser Aufwärtsschwung ihrem Gesicht irgendwie auch dann eine fröhliche, spitzbübische Note verlieh, wenn sie so ernst aussah wie jetzt. Eine kleine Kerbe in dem kantigen Kinn, das Energie und Willenskraft verriet. Keine auffallende Schönheit, aber auf ihre Weise ganz attraktiv, entschied Breghala.

 

Die Frau namens Jessamy Sorkin rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, als fühlte sie, dass sie beobachtet wurde. Natürlich war sie nervös. Alle Leute, die in diesem Raum sitzen und warten mussten, waren nervös. Und die meisten von ihnen haben auch allen Grund dazu! dachte Breghala grimmig. Er rang sich zu einem Entschluss durch. Eigentlich hatte er definitiv keine Zeit, aber irgendetwas an dieser jungen Frau weckte seine Neugier. Er würde mit ihr reden. Vielleicht geht es ja nur um eine Bagatelle, irgendeine Kleinigkeit, die sich in ein paar Minuten abwickeln lässt ...

 

"Also gut, Paejonn, bringen Sie sie rein. Ich will mir mal anhören, was sie zu sagen hat", verkündete er in einem plötzlichen Anfall von Menschenfreundlichkeit, der sich sofort wieder verflüchtigte. "Nun hieven Sie schon Ihren Hintern hoch und setzen Sie sich endlich in Bewegung, Junge! Ich hab's eilig!"

 

"JA, SIR!" Paejonn sprang auf, versuchte gleichzeitig strammzustehen und zackig zu salutieren, machte dabei eine eher traurige Figur und sauste davon, um den Wunsch seines Herrn und Meisters schnellstmöglich in Erfüllung gehen zu lassen, wobei er natürlich vor lauter Eile über seine eigenen Füße stolperte.

 

Breghala schüttelte den Kopf, deaktivierte das Kom und wandte sich wieder dem zweidimensionalen Abbild der galaxisweit gesuchten Anführerin der so genannten Rebellen-Allianz zu, das seine Bürowand schmückte. Es war mit Dartpfeilen gespickt wie ein virianischer Igelschnäbler mit Stacheln und nach langjährigem intensiven Gebrauch mit zahllosen winzigen Löchern übersät. Er griff nach dem letzten Dart und drehte ihn nachdenklich in seiner Hand hin und her. Als moderner, aufgeklärter, kultivierter und vor allem zivilisierter Mensch glaubte er natürlich nicht an Vurudu-Magie oder anderen esoterisch angehauchten Schnickschnack. Seine Götter trugen die Namen Logik und gesunder Menschenverstand  und es war schlicht und einfach unter seiner Würde, die wilden Gerüchte zur Kenntnis zu nehmen, die über die angeblich ziemlich esoterischen Talente von Lord Vader und dem Imperator  im Umlauf waren. (Eindeutig Rebellenpropaganda! Man würde sich irgendwann ernsthaft um diese anarchistischen Schmierfinken von der Untergrundpresse kümmern müssen - und wenn man schon mal dabei war, auch gleich um all die anderen subversiven Schwätzer und Lästermäuler!)

 

Ungeachtet dieser Tatsache vertrat er die Meinung, dass es nicht schaden konnte, wenn man sich mit aller Kraft die totale Vernichtung des Feindes wünschte und seine ganze destruktive Energie auf dieses erhabene Ziel konzentrierte. Und von diesem - natürlich rein logischen! - Gedanken beseelt, stellte er seine hauchdünne Lackschicht aus moderner, aufgeklärter und kultivierter Zivilisation unter Beweis, indem er den letzten Dartpfeil mit einer locker-geschmeidigen Handbewegung in Richtung Poster schleuderte und ihn dank einer durch Übung erworbenen Zielfertigkeit exakt dort platzierte, wo bei Mon Mothma das Herz gewesen wäre, wäre sie aus Fleisch und Blut gewesen statt aus kartoniertem Papier.

 

Die erfolgreiche  Ermordung ... Eliminierung der Chef-Terroristin - auch wenn sie leider nur auf mentaler Ebene stattgefunden hatte - erfüllte ihn mit einem gewissen Triumph, was seine Laune so sehr verbesserte, dass er beinahe lächelte, als er zum Fenster hinüberging, wo er Stellung bezog, um seine eindrucksvolle, speziell für den Empfang von Besuchern vorgesehene Pose einzunehmen. Er faltete die Hände auf dem Rücken und blickte mit leicht gerunzelter Denkerstirn tiefsinnig durch die polarisierte Plastahlscheibe auf die mit erbarmungsloser Sorgfalt gestutzten Eiwazzbüsche, die das ebenso sorgfältig gemähte Rasenstück vor dem Gebäude beherrschten. Die öffentlichen Grünanlagen von Camorrha, der Hauptstadt von Vardiss, erfreuten das Auge des Betrachters mit einer beinahe militärischen Präzision, die so auffällig war, dass sich nicht einmal Vögel dort niederzulassen wagten - von spiel- und lärmsüchtigen Kindern und verdauungsgeplagten Hunden ganz zu schweigen. Sogar die Insektenwelt schien nur mit halber Kraft und unter möglichst gedämpftem Gesumm und Gebrumm über die gepflegten Blumenrabatten in den Stadtparks zu schwirren, in denen auch das hartnäckigste Unkraut nicht die leiseste Chance hatte, das Keimstadium zu überleben.

 

Breghala war gerade dabei, sich in tiefschürfenden Gedanken über die ausgesprochen befriedigende Wirkung von Unkrautvertilgungsmitteln zu verlieren, als sich jemand direkt hinter ihm diskret räusperte. Er drehte sich bewusst langsam um und sah zu seiner Überraschung nur seine Besucherin vor sich. Denn natürlich hatte Paejonn nicht nur wieder mal vergessen anzuklopfen, bevor er Sorkin hereingeführt hatte, nein, er hatte sie noch dazu einfach stehen lassen und sich wieder aus dem Staub gemacht, ohne sie formell anzukündigen, wie es sich gehörte und wie sein leidgeprüfter Vorgesetzter es ihm nun schon seit genau sechs Wochen beizubringen versuchte! Breghala bezwang seinen Ärger - er würde sich Paejonn später vorknöpfen und ihm das Fell über die Ohren ziehen, soviel stand fest! -, und schenkte seinem Gast ein schmales Lächeln.

 

"Willkommen auf Vardiss, Lieutenant Sorkin. Nehmen Sie doch Platz", sagte er mit einer einladenden Handbewegung zu dem Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch.

 

"Danke, Sir." Sorkin setzte sich.

 

Breghala ließ sich in seinen Schalensessel hinter dem Schreibtisch fallen und lehnte sich zurück, völlig entspannt. "Sie wollten mich sprechen, hier bin ich. Worum geht es?"

 

Jessamy Sorkin, die alles andere als entspannt war, saß sehr aufrecht da und faltete ihre Hände im Schoß - eine unbewusste Abwehrhaltung, die jedem, der sich ein bisschen mit Körpersprache auskannte, verriet, wie unbehaglich sie sich fühlte. Breghala war ein Experte auf diesem Gebiet und konnte allein durch die Beobachtung von Mimik und Gestik den emotionalen  Zustand jedes x-beliebigen Gesprächspartners erkennen und seine Reaktionen abschätzen.

 

"Wissen Sie, Sir, ich will niemanden in Schwierigkeiten bringen", sagte sie leise.

 

Breghala stöhnte innerlich auf. Irgendwann vor langer, langer Zeit hatte er sich die Mühe gemacht, all die sinnlosen Floskeln und leeren Phrasen aufzuschreiben, die ihm Tag für Tag von Denunzianten aller Art ins Ohr geflüstert wurden. Aber der Satz 'Ich will niemanden in Schwierigkeiten bringen ...' war immer noch die unbestrittene Nummer eins auf seiner Hitliste. Er warf einen unauffälligen Blick auf das Chrono an seinem Handgelenk. Genau 12.13 Uhr. Noch eine gute Viertelstunde also. Aber die Zeit blieb nicht stehen und wenn er noch in Erfahrung bringen wollte, warum Sorkin hier war, dann mussten sie beide allmählich einen Zahn zulegen. Er schaltete seinen Charme ein und knipste ein breites, väterlich wirkendes Lächeln an, das erfahrungsgemäß sogar auf seine zappeligsten Gesprächspartner einen beruhigenden Einfluss ausübte.

 

"Niemand von uns will irgendjemanden in Schwierigkeiten bringen, aber manchmal bleibt uns einfach nichts anderes übrig, nicht wahr?" sagte er seidenglatt. "Loyalität ist immer ein zweischneidiges Schwert, denn es ist schmerzhaft und sehr, sehr bedauerlich, wenn wir uns dazu gezwungen sehen, unserem Pflichtgefühl zu folgen und das Fehlverhalten von nicht ganz so loyalen und pflichtbewussten Kollegen bei den zuständigen Behörden zu melden."

 

 

 

Jessamy Sorkin starrte ihn ungläubig an, während sich ihr Gesicht irgendwo zwischen Kinn und  Backenknochen langsam zartrosa verfärbte.  Na, na, na ... für Skrupel und Gewissensbisse ist es jetzt aber wirklich ein bisschen zu spät, Kleine, dachte Breghala, verstärkte aber sein Lächeln vorsichtshalber um eine zusätzliche Dosis wohlwollend-überlegene Freundlichkeit.

 

"Sie brauchen sich auch keine Sorgen darüber zu machen, dass Ihnen dadurch vielleicht irgendwelche Nachteile entstehen, Lieutenant", fuhr er fort. "Wir sind hier unter vier Augen und  selbstverständlich wird alles, was Sie mir zu sagen haben, absolut vertraulich behandelt. Niemand wird je etwas von diesem Gespräch erfahren."

 

Sorkins Teint wechselte durch eine ganze Palette von immer dunkler schattierten Rottönen, bis sie eine gewisse Ähnlichkeit mit einer vollerblühten Paccarairose aufwies. "Eigentlich geht es hier nicht um eine dienstliche Angelegenheit, Sir", stammelte sie, sichtlich peinlich berührt. „Ich meine, es ist nicht direkt dienstlich ... es ist eher privat ... jetzt noch ... aber vielleicht nicht mehr lange,  verstehen Sie?“

 

Nein, Breghala verstand es nicht, aber dies schien kaum der geeignete Augenblick zu sein, sie darauf hinzuweisen. "Privat?" fragte er leicht irritiert und sah wieder auf sein Chrono. 12.17 Uhr. Das dauert und dauert ...

 

"Es geht nämlich  um meine Untermieterin, Sir. Ich glaube ..." Jessamy Sorkin zögerte.

 

"Na was?" sagte Breghala aufmunternd und schielte aus dem Augenwinkel erneut auf sein Chrono. 12.18 Uhr. Muss mich bald auf den Weg machen ... Spuck's endlich aus, Kleine! dachte er ungeduldig.

 

"Ich glaube, dass sie ..." Ein neuer schriller Misston von der Kom-Einheit unterbrach Sorkin mitten im Satz.

 

"Colonel Breghala, Sir!" rief Paejonn freudestrahlend.

 

"WAS IST?!" schrie Breghala, dem endgültig der Geduldsfaden riss. 12.19 Uhr. Gottverdammt!

 

"Major Daimon, Sir! Er ist wieder da, Sir. Er sagt, er kann Lieutenant Sorkin jetzt für Sie übernehmen, wenn Sie wollen, Sir! Damit Sie zu Ihrer Konferenz gehen können und überhaupt, Sir", quasselte diese wandelnde Katastrophe von einem Adjutanten, dessen einziges wahres Talent darin zu bestehen schien, Chaos und Vernichtung in das Leben seines vom Schicksal gebeutelten Vorgesetzten zu tragen.

 

"Ich glaube, dass sie eine Spionin ist", flüsterte Jessamy Sorkin, aber Breghala hörte sie trotzdem. 

 

Einen Augenblick lang herrschte allgemein ergriffenes Schweigen, dann sagte Breghala knapp: "Paejonn, sagen Sie Daimon, dass ich mich selbst um diese Angelegenheit kümmere. Und sorgen Sie dafür, dass wir nicht mehr gestört werden."

 

"Ja, aber ... was ist denn jetzt mit Ihrer Konferenz, Sir?"

 

"Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für irgendwelche Konferenzen!" schnappte Breghala, dessen größte Stärke in seiner Flexibilität lag, die es ihm erlaubte, auf unerwartete Entwicklungen blitzschnell zu reagieren und ebenso schnell seine Prioritäten neu zu definieren. "Rufen Sie den Polizeipräsidenten an und sagen Sie ihm einfach, dass wir unser Gespräch verschieben müssen. Sagen Sie ihm, dass ich beschäftigt bin. Erzählen Sie ihm irgendwas, irgendeine Geschichte, damit dieser Wichtigtuer nicht gleich wieder hysterisch wird. Lassen Sie sich etwas einfallen, Junge."

 

Der bloße Gedanke an die Zumutung, zum erstenmal selbstständig handeln und auch noch auf eigene Faust eine Idee ausbrüten zu müssen, ließ Paejonn vor Schreck beinahe zur  Salzsäule erstarren.  "A-aber ... was denn für eine Geschichte, Sir?" stotterte er aufgeregt, als sich der Schock wieder ein wenig gelegt hatte.

 

"Woher soll ich das wissen? Strengen Sie mal ein bisschen Ihre Phantasie an, Junge. Sie haben doch wohl so etwas wie Phantasie, oder etwa nicht?"

 

"Oh ... äh ... das weiß ich nicht so genau, Sir."

 

"PAEJONN!!!"

 

"Ja, Sir! Zu Befehl, Sir!" schrie Paejonn in dem verzweifelten Bewusstsein, dass ihm schon wieder die seit kurzem mit einem absoluten Tabu belegte Antwort entwischt war und dass nur vollkommene Hingabe diesen furchtbaren Fehler gutmachen konnte. "Ich werde mein Bestes geben, Sir!"

 

"Das rate ich Ihnen auch", sagte Breghala düster. Mit dieser unterschwelligen Drohung schaltete er das Kom ab und überließ den Unglückswurm in seinem Vorzimmer einfach seinem Schicksal. Er vertrat ohnehin die Meinung, dass es keinen Sinn hatte, Adjutanten mit allzu vielen Anweisungen zu verwöhnen. Das verhinderte nur, dass sie lernten, ihren Verstand einzusetzen. Und was Paejonn betraf, so war Breghala gerade eben zu dem Schluss gekommen, dass er mit diesem Jungen einfach erbarmungslos sein musste, wenn er überhaupt jemals flügge werden sollte. Mit diesem abschließenden Gedanken wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seiner Besucherin zu. "Und ich will jetzt Ihre Geschichte hören. Ihnen ist doch wohl klar, dass das eine sehr ernste Anschuldigung ist, nicht wahr? Wie kommen Sie überhaupt darauf, dass diese Frau eine Spionin sein könnte? Haben Sie irgendeinen konkreten Beweis dafür?"

 

Jessamy Sorkin starrte auf ihre Stiefelspitzen hinunter, als hätte sie dort unten gerade etwas ungeheuer Interessantes entdeckt. "Nein, einen Beweis habe ich eigentlich nicht", murmelte sie. "Aber mein Verdacht ist auf jeden Fall begründet, Sir. Ich gehöre bestimmt nicht zu den Leuten, die  hinter jeder Straßenecke Spione vermuten oder die mit wilden Beschuldigungen um sich werfen, nur weil ihnen die Nase von irgendjemandem nicht gefällt. Vielleicht ist das hier nur falscher Alarm. Ich wäre wirklich froh, wenn es so wäre, Sir.“ Sie zögerte einen Augenblick. „Es fällt mir nicht gerade leicht, einfach hierher zu kommen und ...  na ja...  Aber ich fürchte, es ist kein falscher Alarm. Alles ist so merkwürdig und je mehr ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger wird es."

 

"Na dann", sagte Breghala achselzuckend. "Ich bin ganz Ohr. Schießen Sie los!"

 

"Alles fing damit an, dass eine Freundin, mit der ich zusammengewohnt habe,  ganz plötzlich versetzt wurde, praktisch von einem Tag auf den anderen …“

 

 

Devon:

 

"... und ich finde es schrecklich unfair, dass sie mich schon wieder durch die Gegend scheuchen und das, obwohl ich mich doch gerade erst so richtig hier eingelebt habe und Commander Bronwyn mich bei jeder Gelegenheit über den grünen Klee gelobt hat. Erst letzte Woche hat er mir erzählt, dass  sie  noch  nie  so  wenige Programmabstürze  hatten  wie  in  den letzten beiden Jahren. Er hat

gesagt, ich wäre die gute Fee der EDV-Abteilung  und die Seele des ganzen Betriebs  und  er würde sich lieber hängen, rädern und vierteilen lassen als mich von Devon weggehen zu lassen. Das hat er wirklich gesagt, Sam, wortwörtlich! Und jetzt - keine acht Tage später! - drückt er mir einfach einen Versetzungsbefehl in die Hand, lächelt mich zuckersüß an und wünscht mir viel Glück und eine gute Reise. So ein Schleimer! Der dreht sich auch wie eine Wetterfahne im Wind, wenn es ihm in den Kram passt.

 

Aber so läuft das eben in diesem Laden. Erst machen sie einen Riesenwirbel um dich und dann, wenn du gute Arbeit geleistet hast und sie von dir genau das bekommen haben, was sie haben wollten, ja, dann lassen sie dich fallen wie eine heiße Batuknolle und reichen dich einfach weiter. Ich sag's ja immer: Verlass dich auf deine Vorgesetzten und du bist verlassen! Und was sagst du dazu?" Kaye Drumheller, die die letzte Viertelstunde damit verbracht hatte, ruhelos zwischen der auf antik gestylten Couch und dem dazu passenden Lehnsessel hin und her zu tigern und zu schimpfen wie ein Rohrspatz, blieb stehen, wischte sich eine dunkle Haarsträhne aus der erhitzten Stirn und sah ihre Mitbewohnerin fragend an.

 

Jessamy, die sich auf dem blassgrünen plüschigen Repulsorkissen des breiten Sessels zusammengerollt hatte, setzte sich auf, schwang beide Beine über eine der üppig gepolsterten Lehnen und zog nachdenklich die Stirn kraus. "Na ja, ich weiß auch nicht. Vielleicht konnte Bronwyn es ja gar nicht verhindern. Vielleicht brauchen sie jetzt eben auf Soraya dringend eine gute Programmiererin oder eine gute Fee oder was auch immer."

 

"Ha! Die werden mich von meiner Schokoladenseite kennen lernen, das sage ich dir! Wer will sich schon am anderen Ende der Galaxis an eine Computerkonsole ketten lassen? Soraya! Eine Schlammkugel von einem Planeten irgendwo im Nirgendwo ... finsterste Provinz ... absolut tote Hose! Warum mauern sie mich nicht gleich bei lebendigem Leibe in einem Mausoleum ein? Das wäre wenigstens kurz und schmerzlos", murrte Kaye. Sie neigte ein wenig zu Übertreibungen, wenn sie ihre aufsässigen fünf Minuten hatte.

 

Ein wenig erschöpft von ihrem wortgewaltigen Ausbruch ließ sie sich auf die Couch fallen, was der große rotgetigerte Kater, der sich dort häuslich niedergelassen hatte, mit einem empörten Fauchen und einem schnellen Tatzenhieb quittierte. Es war offensichtlich, dass er dieses edle Möbelstück als seine private Kuschelecke beanspruchte - und dass er es hasste, wenn hundertvierzig Pfund geballter Frust auf seiner Schwanzspitze landeten!

 

"Autsch! Also diese verdammte Katze werde ich ganz bestimmt nicht vermissen!" rief Kaye aufgebracht und rieb behutsam den Teil ihrer wohlgeformten vier Buchstaben, der von der krallenbewehrten Katerattacke in Mitleidenschaft gezogen worden war.

 

Und damit kommen wir endlich zum Kern der Sache, was? dachte Jessamy halb resigniert, halb amüsiert. Und genau so war es auch, denn schon einen Augenblick später wurde Kayes lebendiges, ausdrucksvolles Gesicht von einer tragikumwitterten Miene überschattet. Sie stieß einen schicksalsergebenen Seufzer aus und verkündete mit grabesschwerer Stimme: "Tja, tut mir Leid, Sam, aber du wirst dich nach einer neuen Untermieterin umsehen müssen."

 

Jessamy schnitt eine kleine Grimasse - über diesen Punkt hatte sie sich schon den Kopf zerbrochen, seit Kaye türenknallend nach Hause gekommen war und mit viel Temperament und noch mehr Stimmvolumen ihre Neuigkeiten an den Mann beziehungsweise an die Frau gebracht hatte. Ja, sie musste eine neue Mitbewohnerin finden - und das so schnell wie möglich. Nachdenklich kraulte sie den Rücken des Katers, der inzwischen dem Bannkreis von Kayes buchstäblich erdrückender Persönlichkeit entkommen war und auf Jessamys Schoß Zuflucht gesucht und gefunden hatte. 

 

Der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Problems war natürlich finanzieller Natur. Im Prinzip war der Sold eines Lieutenants der imperialen Raumflotte großzügig genug bemessen, um einen soliden Lebensstandard zu gewährleisten. Aber für irgendwelche Extravaganzen - zum Beispiel in Form eines kostspieligen Hobbys - ließ er wenig oder überhaupt keinen Spielraum. Jessamy hätte sich die hohe, aber nicht unerschwingliche Miete für die geräumige Wohnung im neunundvierzigsten Stock des Shaalizaar Inns, die sie sich nun seit fast zwei Jahren mit Kaye teilte, durchaus auch alleine leisten können. Aber in diesem Fall hätten die ständig fälligen Rechnungen, die Besitz, Unterhalt und Wartung eines eigenen Segelbootes nun einmal mit sich brachten, den Sollstand ihres Kontos mit rasantem Tempo in schwindelerregende Höhen getrieben.

 

"Es sei denn, du willst die Wohnung aufgeben und auf deinem Boot leben", fuhr Kaye fort. "He, warum eigentlich nicht? Das wäre doch toll ... richtig romantisch ... und praktisch umsonst!"

 

Jessamy schüttelte nur den Kopf. Kaye war eine unverbesserliche Romantikerin, was sich meistens darin äußerte, dass sie ein erstaunliches Repertoire an mehr oder weniger phantastischen Ratschlägen auf Lager hatte, die zwar immer gut gemeint, aber leider nur selten in die Tat umzusetzen waren. Die Nivess, die im Hafen von Delamere vor Anker lag, war ein stabiler, hochseetüchtiger Kajütensegler und für die Freizeitaktivitäten ihrer Besitzerin ideal, aber eine Luxusyacht war sie nicht gerade, dafür war sie entschieden zu klein.

 

"Kaye, hast du eigentlich eine Vorstellung davon, was es bedeutet, auf einem Segelboot zu wohnen? Und der nächste Winter kommt bestimmt", fügte Jessamy hinzu, obwohl der Frühling gerade erst damit angefangen hatte, die Stadtparks und Alleen von Delamere mit einem zarten grünen Schleier zu überziehen.

 

"Es zwingt dich doch niemand dazu, hier zu bleiben. Du könntest auch nach Cinbarra ziehen", meinte Kaye.

 

Cinbarra war genau wie Delamere eine Küstenstadt, lag aber auf der anderen Hemisphäre von Devon und zog mit seinen atemberaubenden Korallenriffen und seinem tropischen Klima Jahr für Jahr nicht nur ganze Heerscharen von erholungswütigen Touristen an, sondern auch zum Äußersten entschlossene Sonnenanbeter, die sich dort für immer niederlassen wollten. Einen Augenblick lang spielte Jessamy tatsächlich mit dem Gedanken, wie es wäre, sich ihnen anzuschließen - vielleicht sogar zusammen mit jemandem, der gerade im Begriff war, sich in etwas zu verwandeln, was ein bisschen mehr war  als nur ein guter Freund, obwohl in dieser Hinsicht noch alles in der Schwebe hing, aber man durfte ja immerhin träumen. Ewiger Sommer  unter einem  ewig  azurblauen Himmel ... laue Nächte, erfüllt von funkelndem Sternenlicht und dem betäubend süßen Duft exotischer Blüten ... schwereloses Dahingleiten durch türkisfarbenes Wasser ... segeln ... segeln ... einfach mit Zev Gilfoy auf und davon segeln ... und am besten nie wieder zurückkommen!

 

Doch an diesem gefährlichen Punkt ihrer Tagträumerei kam Jessamy mit einem jähen Ruck wieder zu sich und erinnerte sich mit leisem Bedauern daran, dass die Personalabteilung des Flottenoberkommandos im allgemeinen ziemlich wenig Verständnis für Offiziere aufbrachte, die sich ganz plötzlich einen Aussteigertrip oder ähnliche Flausen in den Kopf setzten. Und das galt natürlich umso mehr, wenn es dabei um einen Lieutenant ging, der gerade erst vierundzwanzig und geistig und körperlich kerngesund war und vor noch nicht allzu langer Zeit seine teure Ausbildung auf Kosten der braven imperialen Steuerzahler vollendet hatte, wofür er nach Meinung der zuständigen Stabsstelle gefälligst eine adäquate Gegenleistung in Form einer ausreichenden Anzahl an heroisch durchlittenen Dienstjahren zu erbringen hatte. Unter diesen Umständen war es vielleicht doch besser, sich von Cinbarra und seinem verführerischen Dolce-Vita-Ambiente fernzuhalten.

 

Abgesehen davon lebte Jessamy eigentlich ganz gerne in Delamere. Eine vor Leben pulsierende Großstadt konnte sehr anregend sein - vor allem dann, wenn man die Möglichkeit hatte, sich ihrer unvermeidlichen Hektik durch eine spontan durchgeführte Wochenend-Segeltour zu entziehen. Auch der Wechsel der Jahreszeiten hatte seine Reize. Der Anblick von malerisch verschneiten Straßen und filigranen Eisblumengirlanden an den Fenstern zum Beispiel hatte durchaus einen ästhetischen Wert, während ein endloser Sommer auf die Dauer wohl doch ein wenig eintönig werden musste. Aber in erster Linie ging es ihr um ihre Wohnung.

 

Jessamy, die den größten Teil ihres Lebens in der klaustrophobischen Enge einer nüchternen, rein funktionell eingerichteten Offizierskabine an Bord eines imperialen Patrouillenkreuzers verbringen musste, genoss schon die Weite der riesigen Zimmer, über die ihre wenigen, aber stilvollen Möbel ausgestreut waren wie Muscheln über einen einsamen Strand, aus ganzem Herzen. Sie liebte auch die gigantischen Fenster, die auf halber Höhe mit kunstvoll verschnörkelten schmiedeeisernen Einfassungen gesichert waren und soviel Licht einließen, dass die Wohnung an sonnigen Tagen strahlend hell war wie ein illuminierter Ballsaal. Und sie schwärmte für die verblassten Fresken an den hohen Decken, wo sich verblichene Dryaden und Faune in der Gesellschaft von schon beinahe unsichtbaren Einhörnern in einer vergilbten Märchenwaldszenerie tummelten, sie war voller Bewunderung für  die leicht verschrammten halbnackten Göttinnen und Götter, die die ebenfalls stark mythologisch angehauchten Reliefschnitzereien auf den großen Flügeltüren bevölkerten.

 

Wer verschwendete beim Anblick von soviel buchstäblich sagenhafter Schönheit auch nur einen Gedanken daran, dass diese Türen inzwischen so verzogen waren, dass sie nicht mehr richtig schlossen, was unweigerlich zur Folge hatte, dass an stürmischen Herbsttagen Zugluft in eisigen Böen durch die ganze Zimmerflucht fauchte? Und wer störte sich schon an der veralteten Zentralheizung, die erst dann geräuschvoll warme Brisen durch sämtliche Räume rülpste, wenn die Thermostate der Umweltkontrollen mit einer Zange und roher Gewalt auf null Grad eingestellt wurden? Jessamy nahm diese kleinen Unannehmlichkeiten gerne in Kauf. Auch die museumsreifen Badezimmerarmaturen mit ihren tückischen Wasserhähnen, die trotz modernster Dichtungen und liebevoller  Pflege immer  wieder nächtliche  Tropfkonzerte veranstalteten oder nur unter grollendem und gurgelndem Protest ihre Pflicht erfüllten,  taten ihrer Begeisterung keinen Abbruch. Das alles gehörte in ihren Augen einfach zum altmodischen Charme des Shaalizaar Inns, den sie um nichts in der Welt hätte missen mögen.

 

Das Shaalizaar Inn, ein fünfzig Stockwerke hoher Wohnkomplex in der 74. Straße West-Delamere,

war ein prachtvolles Stück Architektur, das den prunkliebenden und vielleicht auch etwas pompösen Geschmack einer Epoche widerspiegelte, die vor gut drei Jahrhunderten ihr Ende gefunden hatte. Doch es war noch keine drei Jahre her, dass der Magistrat das Haus widerstrebend unter Denkmalschutz gestellt hatte - und das auch nur, weil die Bürgerinitiative zur Erhaltung historisch wertvoller Bausubstanz mobil gemacht und der Stadtverwaltung den Kampf angesagt hatte. Seither befanden sich alle Beteiligten auf dem Kriegspfad und stritten sich mit zunehmend erbitterter Leidenschaft darüber, wer für die Sanierung beziehungsweise fachgerechte Restaurierung des Gebäudes zuständig war und vor allem die astronomischen Kosten hierfür übernehmen sollte. Die Anwälte der Bürgerinitiative, die dank dem hohen Streitwert Blut und Credits in rauen Mengen gewittert hatten, hatten vor kurzem endlich Klage beim Imperialen Verwaltungsgerichtshof, eingereicht, der für seine Verzögerungstaktik berühmt und berüchtigt war. Und so hatte das anhängige Verfahren alle Aussicht, sich dank der tatkräftigen Unterstützung durch die imperiale Bürokratie in einem schier undurchdringlichen Gespinst aus juristischen Haarspaltereien zu verheddern, wodurch es sich endlos in die Länge ziehen würde. Die schwerfälligen Mühlen der Justiz würden zweifellos noch jahrelang mahlen und bis es irgendwann endlich zum Prozessende und zur Urteilsverkündung kam,  würden wahrscheinlich sowohl die Kläger als auch die Beklagten längst das Interesse an der ganzen Angelegenheit verloren haben.

 

Inzwischen verrottete das Shaalizaar Inn fröhlich weiter vor sich hin. Doch trotz der abbröckelnden ockergelben Sandsteinfassade, trotz dem desolaten Zustand der anmutig geschwungenen Stuckornamente und aufwändig verzierten Wasserspeier, die nicht nur vom Zahn der Zeit benagt wurden, sondern auch unter der tödlichen Kombination von salzhaltiger Meeresluft und Großstadtsmog litten, trotz all der unübersehbaren Zeichen des Verfalls also hatte das Shaalizaar Inn immer noch das gewisse Etwas. Dank der angegammelten Pracht seiner zahllosen Erker, Vorbauten, Türme und Türmchen  und seinem von schlanken Säulen flankierten Haupteingang wahrte es seine Würde und hatte immer noch Ausstrahlung - ungefähr wie eine gealterte Diva, die zum allerletzten Mal auf der Bühne stand, auf der sie ihre größten Triumphe gefeiert hatte, und deren grandiose Ausdruckskraft ihr Publikum immer noch so zu fesseln vermochte, dass es ihr verwelktes Pfirsichgesicht vergaß und ihr frenetischen Beifall spendete. Nein, Jessamy wollte weder aus dem Shaalizaar Inn noch aus Delamere weg. Und dann war da natürlich noch ihr ganzer Freundeskreis. Ganz zu schweigen von Zev ...

 

"Ich finde bestimmt schnell jemand anderen. Ich werde einfach in der Imperial News inserieren", entschied Jessamy.

 

"Und ich hänge bei uns einen Zettel ans Schwarze Brett. Vielleicht finde ich ja eine Ersatzfrau für dich. Und wenn nicht ... na ja, so eilig ist die Sache nun auch wieder nicht. Meinen Anteil für nächsten Monat zahle ich dir natürlich noch", erklärte Kaye, wie immer die Großzügigkeit in Person.

 

"Das kommt gar nicht in Frage! Du ziehst ja schon in ein paar Tagen aus, da musst du doch keine neue Miete mehr zahlen. Außerdem brauchst du dein Geld selber", erwiderte Jessamy.

 

"Ach was! Die paar Credits", sagte Kaye mit einer lässig-wegwerfenden Handbewegung, als hätte sie ein Vierteldutzend steinreiche alte Erbtanten in ihrem Familienstammbaum und niemals Geldsorgen. "Wenn meine Unterschrift auf dem Mietvertrag stehen würde, müsste ich ja auch noch für den ganzen nächsten Monat zahlen, weil ich einfach Knall auf Fall ausziehe und die Kündigungsfrist nicht einhalte. Du brauchst dich deswegen also gar nicht so aufzuspulen, Sam. Betrachte es einfach als Abschiedsgeschenk, okay?"

 

"Aber ..."

 

"Ich will nichts mehr davon hören, Sam!" Kaye wurde energisch, was erfahrungsgemäß jede weitere Diskussion sinnlos machte.

 

"Also wenn du darauf bestehst", sagte Jessamy achselzuckend.

 

"Und ob ich darauf bestehe!" schnappte Kaye.

 

Schweigen breitete sich aus, während alle ihren Gedanken nachhingen - alle einschließlich dem Kater, der unter Jessamys streichelnder Hand wie ein Miniaturtiger schnurrte, aber wachsam blieb, als spürte er, dass eine Veränderung in der Luft lag.

 

"Wir waren ein gutes Team, nachdem wir uns erstmal zusammengerauft hatten, was?" sagte Kaye nach einer Weile leise.

 

"Ja, das waren wir", murmelte Jessamy und hatte plötzlich ein ganz enges Gefühl in der Kehle. Sie würde Kaye wirklich vermissen. Nach einer nicht ganz unproblematischen Startphase, in der sie die Fronten geklärt und ihre gegenseitigen Grenzen abgesteckt hatten, hatten sie schnell herausgefunden, dass sie sich hervorragend ergänzten, obwohl oder vielleicht gerade weil sie in mancher Beziehung grundverschieden waren. Sie waren Freundinnen geworden. Und jetzt ging Kaye weg ... vielleicht für immer ...

 

"Na ja, so weit weg ist Soraya nun auch wieder nicht", sagte Kaye und unternahm einen tapferen Versuch zu lächeln. "Wir werden uns oft anrufen und ab und zu werden wir uns auch sehen. Ich besuche dich bei Gelegenheit. Oder du besuchst mich ... bei Gelegenheit, meine ich. Wir kriegen das schon irgendwie hin."

 

Jessamy nickte nur. Keine von ihnen wagte auszusprechen, was jede von ihnen dachte - dass es nämlich ziemlich kompliziert werden würde, ihre jeweiligen Urlaube so miteinander zu koordinieren, dass sie ein Treffen verabreden konnten. Und verabreden mussten sie sich, denn schließlich war es keineswegs gesagt, dass Jessamy zufällig ausgerechnet dann zu Hause war, wenn Kaye ihren Urlaub genehmigt bekam und nach Devon fliegen konnte. Und es gab ebenso wenig eine Garantie dafür, dass Kaye sich gerade dann irgendwo in der Nähe ihres neuen Wirkungskreises aufhielt, wenn es Jessamy gelang, einen Abstecher nach Soraya zu organisieren ... Soraya, das in der Tat  ziemlich weit weg war ... jedenfalls von Devon aus gesehen ...

 

"Musst du jetzt ins Bad?" fragte Kaye unvermittelt.

 

"Nein, warum?"

 

"Weil ich schnell noch duschen will, bevor ich mich schick mache und gehe. Steevan und Catriona haben mich zum Essen eingeladen. Na, das ist doch die Gelegenheit, ihnen gleich auf Wiedersehen zu sagen, nicht wahr? Für eine große Abschiedsparty bleibt mir jedenfalls keine Zeit mehr", sagte Kaye ein wenig bitter und stand auf.

 

"Kopf hoch, Kaye, und immer lächeln ... Weißt du, so eine Versetzung ist nicht das Ende der Welt. Sie hat auch ihre guten Seiten. Eine neue Umgebung, neue Gesichter, neue Aufgaben, neue Erfahrungen, die zur Entwicklung deiner Persönlichkeit beitragen ... Sieh es einfach positiv!" sagte Jessamy, die selbst gerade erfolglos versuchte, es positiv zu sehen.

 

Kaye, schon auf dem Weg zur Tür, drehte sich noch einmal um und verzog das Gesicht. "Wie heißt es doch so schön? Ich bin kein Pessimist ..."

 

"... aber ein Realist", vollendete Jessamy. Sie mussten beide lachen.

 

Das Echo ihres gemeinsamen Lachens schien immer noch in den schattigen Nischen und Winkeln des großen Wohnzimmers zu vibrieren, als der Abend schon längst seine samtschwarzen Schwingen über das Shaalizaar Inn und ganz Delamere ausgebreitet hatte. Kaye hatte sich auf den Weg zu ihren Freunden gemacht, nachdem sie ihre mit rituellem Ernst durchgeführten abendlichen Waschungen hinter sich gebracht und dabei das Bad wie üblich in ein brütendes, vor Feuchtigkeit triefendes Treibhaus verwandelt hatte - ein Zustand, an den Jessamy sich inzwischen so sehr gewöhnt hatte, dass sie sich schon gar nicht mehr darüber aufregte. Sie ignorierte die kleinen Pfützen auf dem Boden rings um die Badewanne einfach, ebenso die ungefähr fünf Milliarden Wassertropfen auf den rosafarbenen Kacheln. Ein paar Kalkflecken mehr oder weniger fielen schließlich auch nicht mehr ins Gewicht, wenn das ganze Badezimmer sowieso schon wie eine hauseigene Tropfsteinhöhle mit eingebauter Sonnenuntergangsstimmung aussah, hatte Jessamy sich oft genug gesagt. Aber das hört jetzt wohl auch bald auf, dachte sie mit einem kleinen Seufzer. Und dieser Gedanke brachte sie darauf, dass sie noch etwas zu tun hatte.

 

Mit dem Kater auf dem Arm ging sie in die Diele hinaus, während der praktische Teil ihres Verstandes die Dinge auflistete, die noch zu erledigen waren. Übermorgen musste sie zurück auf die Warbride, auf der sie stationiert war. Mit etwas Glück würde sie in vierzehn Tagen wieder nach Hause kommen - wenn Captain Dakall inzwischen nicht schon wieder am Dienstplan herumgepfuscht und alles durcheinandergewirbelt hatte, was er aus Gründen, die der Crew der Warbride ein Rätsel waren, immer wieder gerne tat. Aber Kaye zog schon nächste Woche aus, was bedeutete, dass sie ihre Codekarte für das elektronische Türschloss entweder Mr. Furgan, dem Hausmeister, oder Mrs. Lagardia, der alten Dame, die direkt neben ihnen wohnte, geben musste, damit in der Zwischenzeit einer von beiden in die Wohnung gehen und die Topfpflanzen gießen und den Kater vor dem Hungertod bewahren konnte.

 

Vielleicht besser Mr. Furgan ... dann können sich die Bewerberinnen bei ihm melden und sich gleich die Wohnung zeigen lassen ... und er kann sie schon vorab ein bisschen aussieben, sozusagen die Spreu vom Weizen trennen, überlegte Jessamy, denn eigentlich überkam sie schon beim bloßen Gedanken an die Scharen von wildfremden Frauen, die sie bald zwecks Schlossbesichtigung und gegenseitigem Beschnuppern auf dem Hals haben würde, das große Grauen, zumal sie sich möglichst schnell, am besten sofort, für eine von ihnen entscheiden musste. Außerdem würde Mr. Furgan, der eine Respektsperson und auf dieselbe verwitterte Art und Weise ehrfurchtgebietend war wie das Shaalizaar Inn selbst, zweifellos entzückt sein, wenn Jessamy ihn mit dieser Aufgabe betraute. Er war von sich und der Wichtigkeit seiner Position sehr eingenommen, schätzte es aber trotzdem, wenn die Mieter ihn in seinem unangefochtenen Selbstvertrauen noch bestätigten. Aber bevor sie Mr. Furgan um seine tatkräftige Mithilfe bitten konnte, musste Jessamy erst einmal dafür sorgen, dass überhaupt Interessentinnen zur Verfügung standen.

 

Die Kom-Einheit stand auf einem niedrigen Glastisch in der hellsten Ecke des Flurs. Jessamy setzte den Kater auf dem schachbrettartig gemusterten Parkettboden ab und ließ sich mit gekreuzten Beinen auf dem Sitzkissen vor dem Tischchen nieder. Sie aktivierte den Dev-Net-Modus, suchte sich die Webadresse der Imperial News heraus und stellte die Onlineverbindung her. Als die Homepage der Zeitung auf dem Bildschirm aufflimmerte, klinkte Jessamy sich in die Annoncenschaltung für die Rubrik Immobilien / Mietwohnungen ein, zog die Tastatur an sich heran, dachte einen Augenblick lang nach und tippte dann energisch ein paar Zeilen in das angezeigte leere Fenster ein: Suche ab sofort Mitbewohnerin für App., 74. Str. West-Del., 3 ZI / KÜ / BA, Miete 300,- IC + Nebenkosten, Kom-Nr. 03212 / 555-6784.

 

Jessamy überflog ihre Annonce noch einmal und nickte zufrieden. Kurz und bündig, das war okay. Alles andere konnte man bei einem persönlichen Gespräch erörtern. Sie speicherte das Inserat ab, woraufhin sofort ein provokativ blinkendes Textfeld auf dem Bildschirm erschien, das sie über den Preis der Anzeige und die Abwicklung der Zahlungsmodalitäten in Kenntnis setzte. Ein Hoch dem Computerzeitalter, dachte Jessamy lächelnd und gab ihre Bankverbindung an, damit der fällige Betrag abgebucht werden konnte. Als das geschehen war,  deaktivierte  sie die Kom-Einheit, stand auf und streckte sich wie eine Katze. Das war´s, dachte sie. Jetzt musste sie nur noch Mr. Furgan Bescheid sagen, dessen Kom-Nummer sie schließlich in die Anzeige gesetzt hatte. Und dann ...

 

"Tja, und dann müssen wir einfach abwarten, was auf uns zukommt, nicht wahr, Tiger?" sagte Jessamy zu dem Kater, der direkt vor ihren Füßen saß, den langen rotgoldenen Schwanz um seine dicken samtigen Vorderpfoten gerollt und so regungslos, als wäre er seine eigene Statue. Er schien jetzt schon zu warten und der Dinge zu harren, die da kommen sollten ...

 

 

Vardiss:

 

Jessamy räusperte sich. Ihre Kehle war völlig ausgedörrt und fühlte sich an, als wäre sie aus Sandpapier. Sie fragte sich, welcher Faktor in erster Linie die Verantwortung dafür trug - war es ihr Endlosmonolog oder die trockene Luft in Breghalas Büro? Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte höflich: "Entschuldigen Sie, Sir, könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?"

 

"Schande über mich, ich vernachlässige ja meine Gastgeberpflichten!" rief Breghala, was eine Spur zu überschwänglich war, weshalb Jessamy sich prompt fragte, ob seine Bemerkung ironisch gemeint war. Machte er sich etwa über sie lustig?

 

Also wenn er glaubt, dass er mich auf den Arm nehmen kann, dann ... Jessamy war sich nicht ganz sicher, was sie dann tun würde. Einfach aufstehen und gehen? Aber das war unmöglich. Selbst wenn Breghala dazu bereit gewesen wäre, sie gehen zu lassen - was nach Lage der Dinge eher unwahrscheinlich war! -, gab es immer noch einen anderen Faktor in dieser Gleichung, der sie hier so sicher festhielt, als wäre sie an ihrem Stuhl angekettet. Ich habe ja gar keine andere Wahl, als hier herumzusitzen und ihm schön brav alles zu erzählen ... nicht nach allem, was inzwischen passiert ist ...  nicht nachdem Chevan mir den Captain auf den Hals gehetzt hat, dachte sie unglücklich.   Sie beäugte Breghala argwöhnisch über die schier unüberwindliche Barriere seines Schreibtisches hinweg, aber ihr plötzlich aufgeflackertes Misstrauen erlosch wieder, als sie den Ernst auf seinem scharfen Falkenprofil sah und begriff, dass er meinte, was er gesagt hatte.

 

"Möchten Sie nicht lieber eine Tasse Tee?" erkundigte sich Breghala, ganz der aufmerksame Gastgeber. 

 

"Ich ... ja, danke, Sir", erwiderte Jessamy, ein wenig verwirrt von seinem liebenswürdigen Plauderton.

 

Breghala berührte eine Sensortaste an seiner Kom-Einheit - die gleichzeitig als Sprechanlage zwischen seinem Büro und dem Vorzimmer fungierte, wie Jessamy erkannte - und sagte zu dem immer etwas schuldbewusst aussehenden jungen Mann, der sie hereingeführt hatte und sich jetzt ausgesprochen hastig meldete: "Bringen Sie uns doch etwas Tee, Paejonn. Und eine Kleinigkeit zu essen wäre auch nicht schlecht."

 

"JA, SIR!" bellte Paejonn und war offensichtlich glücklich darüber, dass man ihn mit einer leicht zu bewältigenden Aufgabe betraute. Keine zwei Minuten später klopfte es markig an die Tür.

 

"Herein!" sagte Breghala erstaunt.

 

Die Tür öffnete sich und Paejonn schwebte herein, ein vollgepacktes Tablett in jeder Hand und strahlend wie ein Märchenprinz, der sich anschickt, nach einem langen harten Kampf mit einem besonders heimtückischen Widersacher seine gerettete Brautprinzessin in die Arme zu schließen. Jessamy war von der Schnelligkeit, mit der er seinen Auftrag ausgeführt hatte, beeindruckt, aber Breghala war schlicht und einfach überwältigt.

 

Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder! dachte er ergriffen, als er seinen Adjutanten beobachtete, der buchstäblich auf Zehenspitzen näher kam und die beiden Tabletts so behutsam auf seinem Schreibtisch absetzte, als wären sie mit aktivierten Haftminen beladen, die bei der leisesten Erschütterung explodieren würden. "Danke, Paejonn", sagte er, während er dachte: Der Junge fängt tatsächlich  an mitzudenken. Na ja, besser spät als nie! "Sie können gehen. Wir bedienen uns selbst", fügte er hinzu, als Paejonn zögernd stehen blieb.

 

Paejonn, sichtlich erleichtert, trat hastig den Rückzug an. Er hatte schon die Tür erreicht, als Breghala etwas einfiel.

 

"Einen Augenblick noch, Junge", rief er, was Paejonn mitten im Schritt zu Stein erstarren ließ. Breghala füllte sehr, sehr langsam seine Tasse mit Tee, goss eine abgepackte Portion Sahne dazu und nahm sich auch noch die Zeit, eine mit Keksen gefüllte Schale in Jessamys Reichweite zu schieben, bevor er betont beiläufig fragte: "Haben Sie den Polizeipräsidenten erreicht?"

 

"Ja, Sir."

 

"Und was haben Sie ihm erzählt?"

 

"Ich habe ihm gesagt, dass die Konferenz verschoben werden muss, weil ... weil Sie sich um einen Notfall kümmern müssen, Sir“, sagte Paejonn zögernd.

 

"Ein Notfall, hm? Keine schlechte Idee und gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt", meinte Breghala. "Gut gemacht, Junge."

 

Paejonns Gesicht glühte vor Stolz und seine Haltung wurde gleich noch ein bisschen straffer.  "Danke, Sir!" schmetterte er.

 

Aber so schnell ließ Breghala ihn  nicht vom Haken. Zuckerbrot und Peitsche und das immer schön abwechselnd - so funktioniert es am besten, dachte er. "Und was hat er zu Ihrer Notfallgeschichte gesagt?" fragte er.

 

"Ah ... er hat eine ganze Menge dazu gesagt, Sir", sagte Paejonn ausweichend und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Es war nicht zu übersehen, dass er es lieber vermieden hätte, eine detaillierte Beschreibung der Reaktion des Polizeipräsidenten abzuliefern. "Also wenn ich ehrlich sein soll, Sir  - er war ziemlich wütend."

 

"Er ist vierundzwanzig Stunden am Tag wütend. Die wichtigste Qualifikation für seinen Job - und seine einzige Qualifikation, fürchte ich", erwiderte Breghala mit einem sardonischen Funkeln in den Augen. "In Ordnung, Junge. Sie dürfen jetzt gehen."

 

Paejonn ergriff dankbar die Flucht, bevor sein Chef dazu kam, es sich wieder anders zu überlegen. Breghala lehnte sich in seinem Schalensessel zurück und nippte an seinem Tee, der sogar noch heiß war. "Er macht sich, ja, er macht sich wirklich. Ist auch höchste Zeit, dass er sich ein bisschen am Riemen reißt", murmelte er vor sich hin. "Sie glauben ja gar nicht, wie mühsam es ist, so einen Grünschnabel abzurichten, der praktisch eben erst aus dem Ei gekrochen ist", fuhr er mit einem Blick auf Jessamy fort. "Aber nehmen Sie sich doch ein Sandwich, Lieutenant, nur keine falsche Bescheidenheit", fügte er liebenswürdig hinzu.

 

Jessamy griff gehorsam nach einem Sandwich und würgte es anstandshalber hinunter, obwohl sie im Gegensatz zum Colonel, der völlig ausgehungert zu sein schien, nicht den leisesten Appetit verspürte. Aber dies war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort,   unhöflich zu sein.

 

"Fahren Sie ruhig fort, Sorkin", sagte Breghala, als er sah, dass sie nervös ihre Tasse hin- und herdrehte, unschlüssig, ob sie weiterreden oder warten sollte.

 

"Ja, Sir. Wo waren wir stehen geblieben?" erkundigte sich Jessamy. Die kleine Teezeremonie hatte sie ein wenig aus dem Konzept gebracht.

 

"Sie haben in der Imperial News inseriert", soufflierte Breghala, der niemals den Faden verlor - nicht einmal dann, wenn Paejonn eine komplikationsträchtige und sehr, sehr zeitaufwändige Unterbrechung verursachte, was zu seinen Spezialitäten gehörte. Aber nicht mehr lange - hoffe ich jedenfalls, dachte Breghala.

 

"Ja, richtig", murmelte Jessamy und versank in ausdrucksvollem Schweigen, woraus Breghala fälschlicherweise den Schluss zog, dass sie nicht recht wusste, wie sie jetzt weitermachen sollte.

 

"Und? Hat der ehrfurchtgebietende Mr. Furgan die Spreu vom Weizen getrennt? Hat er die Scharen von Bewerberinnen vorab schon ein bisschen ausgesiebt, um Sie zu entlasten und Ihnen die Entscheidung zu erleichtern?" fragte er, um ihr wieder auf die Sprünge zu helfen.

 

"Nein. Dazu hatte er überhaupt keine Gelegenheit", erwiderte Jessamy.

 

"Warum nicht?"

 

"Weil sich niemand gemeldet hat."

 

"Niemand?"

 

"Überhaupt niemand. Weder auf mein erstes Inserat noch auf die beiden Anzeigen, die ich danach geschaltet habe. Erst beim nächsten Mal hatte ich endlich Glück. Aber auch da haben sich nur sechs Frauen gemeldet ... nein, eigentlich sieben. Am Ende waren es insgesamt sieben. Ist schon merkwürdig ..."

 

"Sie haben also mit einer wesentlich stärkeren Resonanz auf Ihre Anzeigenaktion gerechnet?"

 

"Oh ja. Delameres Wohnungsmarkt steht immer kurz vor dem Kollaps, das ist doch heutzutage in allen großen Städten so. Die Nachfrage nach einer halbwegs bezahlbaren Unterkunft ist immer viel größer als das Angebot. Viele Leute sind pausenlos auf der Suche nach einer einigermaßen günstigen Wohnmöglichkeit. Das gilt vor allem für Singles, die ja mit einem Gehalt auskommen müssen. Einzelne Zimmer, möbliert oder unmöbliert, und Wohngemeinschaften stehen bei uns hoch im Kurs. Deshalb hat es mich ja auch so gewundert, dass sich zuerst gar nichts gerührt hat.

 

Wissen Sie, die Imperial News ist die größte Tageszeitung auf Devon. Schon als Papierausdruck hat sie eine hohe Auflagenzahl, ganz zu schweigen von all den Lesern, die sie einfach jeden Tag über Dev-Net abrufen. Man erreicht schon ein ziemlich breites Publikum, wenn man in der News inseriert. Als ich zum erstenmal nach einer Untermieterin gesucht habe, hatte ich auf eine einzige Chiffre-Annonce hin achtundsechzig Zuschriften. Dass damals ausgerechnet Kaye Drumheller bei mir gelandet ist, war ein reiner Zufallstreffer. Ein Kollege, der wusste, dass ich ein Zimmer zu vermieten hatte, erzählte mir von einer Freundin, die verzweifelt nach einer Bleibe suchte. Er hat Kaye und mich zusammengebracht."

 

"Es geht doch nichts über gute Beziehungen", brummte Breghala.

 

"Ich hätte also nie gedacht, dass es so schwierig sein würde, jemand anderen zu finden. Tja, und nachdem ich dann endlich ein halbes Dutzend Interessentinnen aufgegabelt hatte, stellte sich heraus, dass jede von ihnen darauf bestand, zusammen mit der Wohnung auch gleich mich zu besichtigen. Sie alle wollten sich nur mit mir persönlich treffen und nicht erst mit Mr. Furgan."

 

"Das muss ja ein schwerer Schlag für Mr. Furgan gewesen sein", kommentierte Breghala mit einem Anflug von trockenem Humor.

 

Jessamy lächelte ein wenig. "Das war es auch. Als er mir seine Liste gegeben hat, war er richtig eingeschnappt." Sie nahm noch einen Schluck Tee, bevor sie fortfuhr: "An meinem nächsten freien Wochenende sind sie dann alle angerückt, eine nach der anderen. Mr. Furgan hatte auf meine Anweisung hin Termine mit ihnen ausgemacht. Sie kamen am Samstag und immer im Abstand von anderthalb Stunden zwischen den einzelnen Treffen. Ich wollte nämlich genug Zeit haben, um ihnen alles zu zeigen und mit ihnen zu reden, sie ein bisschen kennenzulernen. Na ja, das hätte ich mir sparen können. Reine Zeitverschwendung. Eine halbe Stunde für jede hätte vollkommen ausgereicht, vielleicht sogar eine Viertelstunde."

 

"Es war also kein großer Erfolg, was?" warf Breghala ein.

 

"Es war eine Katastrophe! Sie waren alle so ... na ja ... so zickig."

 

Breghala zog eine Augenbraue hoch. "Zickig?" wiederholte er halb amüsiert, halb fragend.

 

"Das ist das beste Wort dafür, Sir, wirklich. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie die sich angestellt haben. Und was die alles an meiner Wohnung auszusetzen hatten! Sie war ihnen entweder zu klein oder zu groß, zu primitiv oder zu luxuriös, zu zentral oder zu abseits gelegen. Die Miete war natürlich reiner Wucher für so ein baufälliges altes Gemäuer, die Nebenkosten waren der helle Wahnsinn und die Gegend ganz allgemein war überhaupt nicht nach dem Geschmack der Damen. Und das war noch längst nicht alles.

 

Der einen gefiel einfach die Aussicht nicht - und sie war doch so sensibel für ihre Umgebung! Die andere litt unter Höhenangst - unter diesen Umständen konnte sie natürlich auf gar keinen Fall in den neunundvierzigsten Stock ziehen. Die nächste war eine Musikstudentin, die gleich verkündet hat, dass sie jeden Tag sechs oder sieben Stunden lang auf ihrer Geige herumsägen muss und das war nun sogar mir zu viel. Mir reicht es schon, dass eine von meinen Nachbarinnen Cimbarolo-Unterricht gibt. Ich meine, wer sich dauernd das Runterklimpern von Tonleitern und die Tarzom-Etüden für  Anfänger anhören muss, braucht vielleicht Nerven aus Stahlseil, aber ganz bestimmt nicht noch mehr klassische Musik. Nummer vier war wenigstens in diesem einen Punkt ganz meiner Meinung und nahm schon deshalb gleich wieder Reißaus.  Nummer fünf war gegen Katzen allergisch und bekam beim Anblick meines Katers prompt einen Hustenanfall,  als würde sie  gleich ersticken  - ich dachte schon, ich müsste den Notarzt rufen. Nummer sechs entpuppte sich dafür als extrem tierlieb und hätte meine Wohnung am liebsten gleich in einen Zoo verwandelt. Es war schon von einer Voliere mit Shirin-Sittichen die Rede, von einem Terrarium mit Kussh-Eidechsen und von einem 200-Liter-Salzwasseraquarium für ihre ganz private Seepferdchenzucht."

 

"Seepferdchen", murmelte Breghala fasziniert und krakelte mit seinem Lichtstift auf dem Datenblock herum, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Er machte sich die ganze Zeit über Notizen.

 

"Tja, und das war's“, fuhr Jessamy fort. „Ein einziger Reinfall - bis  sie plötzlich aufgetaucht ist ..."

 

 

Devon:

 

Nachdem Jessamy die Seepferdchenfetischistin überstanden und hinauskomplimentiert hatte, sank sie sofort auf die Wohnzimmercouch, um ihre müden Füße hochzulegen und sich ein wenig von den Widrigkeiten des Lebens im allgemeinen und den Enttäuschungen dieses Tages im besonderen auszuruhen, bevor sie wieder in Aktion trat.

 

"Das darf doch wohl nicht wahr sein! Jetzt muss ich noch mal inserieren! Das glaube ich einfach nicht", stöhnte sie vor sich hin. Nach dieser Feststellung ging sie dazu über, dem Kater ihr Leid zu klagen, der auf der Rückenlehne der Couch kauerte und mit dem rätselhaften Gesichtsausdruck einer Sphinx auf sie herunterstarrte. Irgendwann schien er zu dem Schluss zu kommen, dass sein Mitgefühl gefragt war, was ihn dazu veranlasste, mit einem teilnahmsvollen  Miauen  und  einem eleganten Satz auf Jessamy hinunterzuspringen, wobei er rein zufällig, aber mit ziemlich viel Schwung genau auf ihrem Solarplexus landete.

 

Jessamy war noch damit beschäftigt, sich von dieser spontanen, aber schmerzhaften Sympathiekundgebung zu erholen, als die Türklingel schon wieder ihr melodisches Ging Gong Dong ertönen ließ.

 

"Du dämliches ... vollgefressenes ... Katzenvieh!" keuchte Jessamy. Sie schüttelte ihre empört fauchende Samtpfote ab, die unbestreitbar gut im Futter stand, und kam irgendwie wieder auf die Beine, obwohl sie einen Augenblick lang ernsthaft daran gezweifelt hatte, dass sie dazu überhaupt in der Lage sein würde. Während der Kater sich beleidigt auf das hohe Regal zurückzog, das mit einem Sammelsurium aus Holovid- und Audio-Discs, Bücherchips und allem möglichen Nippeskram vollgestopft und sein bevorzugter Aussichtspunkt und Schmollwinkel war, marschierte seine Dosenöffnerin, deren Laune inzwischen den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, in Richtung Wohnungstür, grimmig entschlossen, dem nächsten Schicksalsschlag die Stirn zu bieten. Ist wahrscheinlich sowieso nur Mr. Furgan, der wissen will, wie es gelaufen ist, dachte sie.

 

Aber es war nicht der treue Wächter und beinahe unumschränkte Herrscher des Shaalizaar Inns, der Einlass und Aufklärung begehrte. Es war eine junge Frau,  ein unscheinbares Geschöpf in einem unauffälligen dunkelgrauen Kostüm, das an ihrer schlaksigen Gestalt herunterhing wie ein Batuknollensack. Ihre demütige Haltung - leicht vornüber gebeugt, die schmalen Schultern vorgezogen, den Kopf ein wenig gesenkt - erinnerte an die von Verzweiflung geprägte Unterwürfigkeit erfolgloser Vertreter, die Tag für Tag klinkenputzend von Haus zu Haus und von Wohnungstür zu Wohnungstür zogen, um irgendwelche überflüssigen und überteuerten Haushaltsartikel oder Kosmetika zu verkaufen. Ihr bloßer Anblick löste sofort sämtliche Alarmsirenen in Jessamys Kopf aus. Vielleicht gehörte die Frau sogar zu diesen unglaublich aufopferungsbereiten Zeitgenossen, die pausenlos für irgendwelche Hilfsaktionen Spenden sammelten, zum Beispiel für die Errettung der vom Aussterben bedrohten Buntschwanzziegenfisch-Seeadler oder irgendwelcher grausam malträtierter Versuchskaninchen. 

 

Oh nein! Bitte nicht! Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt! dachte Jessamy, die momentan alles andere als hilfsbereit oder gar spendabel gestimmt war, eine Haltung, an der sich so schnell auch nichts ändern würde - es sei denn, irgendjemand kam auf die glorreiche Idee, eine kleine Spendenaktion für die Errettung  imperialer Junioroffiziere ins Leben zu rufen, die zwar nicht gerade vom Aussterben bedroht waren,  aber dafür genug andere Probleme am Hals hatten, Probleme, die beinahe genauso grausam waren wie das Schicksal von Versuchskaninchen.

 

"Ja?" sagte sie so abweisend wie nur möglich. Sie wollte die unerwünschte Besucherin schnell wieder abwimmeln und sie wusste aus Erfahrung, dass man bei solchen Leuten energisch und kurz angebunden auftreten musste, sonst wurde man von ihnen ruckzuck in Grund und Boden geplappert und hoffnungslos eingewickelt. Und wenn sie einen erstmal soweit hatten, dann wurde man sie nur noch los, indem man seinen Geldbeutel zückte oder seinen Namen auf irgendeinen obskuren Wisch von Unterschriftenaktion setzte, was noch viel schlimmer war, weil die meisten Unterschriftenaktionen, die heutzutage im Umlauf waren, die Tendenz hatten, sich mit gefährlichen Themen zu beschäftigen. Themen, die so gefährlich waren, dass man es hinterher wahrscheinlich für den Rest seines Lebens bereute, seine Meinung mit einem leichtsinnig hingeschmierten Namenszug verewigt und publik gemacht zu haben, statt die Tür geschlossen zu lassen und am besten gleich noch zusätzlich zu verriegeln. Schrecklich! Mir bleibt heute aber auch gar nichts erspart! dachte Jessamy missmutig.

 

Doch ihr schroffer Tonfall hatte eine geradezu vernichtende Wirkung auf ihr Gegenüber. Die junge Frau knickte in der Mitte ein, als hätte Jessamy ihr einen Fausthieb in den Magen verpasst, und wäre ein Mauseloch in der Nähe gewesen, hätte sie sich garantiert darin verkrochen oder es wenigstens versucht.

 

"Ich ... mein Name ist Rakosh, Sondra Rakosh", stammelte sie.

 

"Ach ja?" gab Jessamy ungerührt zurück. Jetzt nur nicht weich werden! ermahnte sie sich selbst. Sie reckte das Kinn, fixierte die Frau mit einem kühlen Blick und gab durch ihren betont gleichgültigen Gesichtsausdruck zu erkennen, dass diese Auskunft bei ihr auf ein geradezu monumentales Desinteresse stieß. (Dieses kleine Einschüchterungsmanöver hatte sie übrigens von Captain Dakall gelernt, der seinen Untergebenen auf diese Art und Weise klarzumachen pflegte, wie gelangweilt er sich fühlte, wenn man ihn mit Mitteilungen belästigte, die seiner Meinung nach völlig unwichtig waren. Wer einmal so kaltblütig abgefertigt und in die Flucht geschlagen worden war, dachte in Zukunft lieber zweimal darüber nach, ob er dem Captain ausgerechnet in der Frühschicht mit so unwesentlichen Dingen wie Krankmeldungen oder Urlaubsanträgen auf den Pelz rücken sollte, wenn der Mann doch sichtlich noch darum kämpfte, richtig wach zu werden, oder mit der Verdauung seines dritten Frühstücks rang.)

 

"Aber ... haben Sie mich denn nicht erwartet?" erkundigte sich Sondra Rakosh zaghaft und beäugte Jessamy mit großen, feuchten, dicht bewimperten braunen Rehaugen. "Ich weiß, ich bin ein bisschen zu früh dran, aber ich habe mir gedacht ..." Sie brach ab und wurde aus unerfindlichen Gründen purpurrot.

 

Und Jessamy ging endlich ein Licht auf. "Sie kommen wegen dem Zimmer?"

 

"Aber ja. Haben Sie das denn nicht gewusst? Ich habe doch extra einen Termin mit dem Mann von der Hausverwaltung ausgemacht. Sie haben das Zimmer doch noch nicht vermietet, oder?" fragte Sondra Rakosh beinahe ängstlich.

 

"Nein, nein, es ist noch frei. Kommen Sie doch rein", sagte Jessamy schnell und trat zur Seite, um die  unerwartete, aber hochwillkommene Interessentin hereinzulassen. "Tut mir Leid, dass ich eben so unfreundlich war, aber ich dachte, Sie wären  ... na ja, spielt ja eigentlich keine Rolle. Ich habe wirklich nicht gewusst, dass noch jemand kommt. Mr. Furgan hat mir gar nichts von Ihnen gesagt. Er muss Sie irgendwie  vergessen oder übersehen haben."

 

"Das würde mich nicht wundern. So was passiert mir oft. Die meisten Leute vergessen oder übersehen mich irgendwie", erwiderte Sondra Rakosh mit einer unüberhörbaren Spur von Bitterkeit in ihrer Stimme.

 

Jessamy ging nicht auf diese Bemerkung ein. Was hätte sie dazu auch sagen sollen? Minderwertigkeitskomplexe an sich waren ihr völlig fremd, denn sie waren mit einer Selbstverachtung verbunden, die sie nur schwer nachvollziehen konnte, weil sie mit sich und ihrem Leben im großen und ganzen ziemlich zufrieden war. Außerdem machte es sie immer ein wenig verlegen, wenn sie bei anderen Menschen auf soviel Verwundbarkeit, auf soviel Schmerz stieß. Trotzdem, wäre Sondra Rakosh eine Freundin gewesen, hätte Jessamy jetzt das Gefühl gehabt, sie unbedingt moralisch aufbauen zu müssen. Aber sie war keine Freundin. Sie war eine Fremde. Sie kannten sich nicht, sie waren sich gerade eben erst begegnet und für Jessamys Geschmack war das wirklich noch ein bisschen sehr früh für intime Bekenntnisse und vertrauliche Unterhaltungen ...

 

"Wie auch immer, Sie sind hier und das Zimmer ist noch frei", sagte sie betont munter, um die etwas peinliche Gesprächspause zu überbrücken. "Ich zeige Ihnen gleich alles." Und genau das tat sie dann auch. Zum siebtenmal an diesem Tag, der kein Ende zu nehmen schien, führte sie ihre ganz private kleine Sightseeingtour durch, komplett mit allen erforderlichen Erklärungen und Erläuterungen - sie kam sich allmählich vor wie ein Reiseführerdroide des städtischen   Informationszentrums, der die Touristen rudelweise von einer Sehenswürdigkeit zur anderen treiben und dabei immer wieder denselben kleinen Vortrag abspulen musste.

 

Doch bei diesem letzten Besichtigungsrundgang gab es einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu ihren übertrieben kritischen Vorgängerinnen war Sondra Rakosh restlos begeistert. Alles, aber auch alles in und an der Wohnung gefiel ihr und brachte sie zum Schwärmen. Die Wohnung war ja so groß, so hell, so bezaubernd altmodisch - sie war in jeder Hinsicht perfekt! Die Miete, die Nebenkosten? Ach, das war doch nur ein Klacks oder jedenfalls ein sagenhaft günstiges Angebot für dieses ziemlich teure Viertel. Es war phantastisch, es war märchenhaft, es war Liebe auf den ersten Blick! Letzteres galt übrigens auch für den Kater, der - magisch angezogen von Sondras entzückten kleinen Schreien - plötzlich wieder auf der Bildfläche erschien  und schnurrend um ihre Beine strich, was Jessamy noch mehr überraschte als alles andere.

 

"Also darauf können Sie sich etwas einbilden", sagte sie zu Sondra. "Normalerweise ist er Fremden gegenüber sehr scheu."

 

"Ach, ich liebe Katzen!" Sondra bückte sich, um den Kater zu streicheln, der sich sofort auf den Rücken rollte und sich sein weiches Bauchfell kraulen ließ, alle vier Pfoten wehrlos von sich gestreckt - eine fast noch erstaunlichere Demonstration von Zutraulichkeit.

 

"Sie sind also grundsätzlich an diesem Zimmer interessiert beziehungsweise mit den Konditionen einverstanden?" fragte Jessamy vorsichtig.

 

"Aber ja!" antwortete Sondra, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt.

 

"Na schön", sagte Jessamy und versuchte nicht allzu enthusiastisch zu klingen, obwohl sie natürlich selig war, dass sie endlich jemanden gefunden hatte, der überhaupt zum Einzug bereit war. Aber nach all den Bauchlandungen, die sie heute schon erlebt hatte, war sie immer noch ein bisschen auf der Hut - sie hatte momentan nicht gerade ein bedingungsloses Vertrauen in ihr Glück. Möglicherweise bahnte sich hier endlich die Lösung ihres Problems an - die erste Klippe war jedenfalls umschifft -, aber trotzdem musste sie sich noch mit dieser Frau unterhalten, ihr ein bisschen auf den Zahn fühlen, um herauszufinden, was für sonderbare Marotten sie hatte. "Setzen wir uns doch für einen Augenblick, damit wir ein bisschen reden können", schlug sie vor.

 

Sondra Rakosh nickte zustimmend und sie gingen ins Wohnzimmer hinüber. Jessamy ließ sich auf ihren Lieblingssessel fallen und machte es sich bequem. Ihre potentielle Untermieterin ließ sich so behutsam auf der Couch nieder, als hätte sie Angst, das gute Stück könnte unter ihr zusammenbrechen, und setzte sich noch dazu auf die alleräußerste Kante, als wäre sie bestrebt, so wenig Platz wie nur irgend möglich einzunehmen. Der Kater, der ihnen gefolgt war, hüpfte ohne zu zögern auf Sondras Schoß, um noch mehr Streicheleinheiten einzuheimsen. Es war, als würde er sie seit Jahren kennen. Jessamy hielt das für ein gutes Omen.

 

Jetzt, da sie endlich Gelegenheit dazu hatte, nahm sie die junge Frau, die ihr bolzengerade  gegenübersaß und mit der linken Hand nervös ihre kleine Handtasche umklammerte, während sie mit der rechten mechanisch den schnurrenden Kater tätschelte, näher in Augenschein. Sie fand ihren allerersten Eindruck mehr oder weniger bestätigt. Eine graue Maus - und ganz schön verklemmt! entschied sie.

 

Tatsächlich wirkte Sondra Rakosh eigenartig farblos, trotz ihrer dunklen Augen und  schwarzbraunen Haare, die sehr dicht und sehr wellig waren. Sie hatte eine wahre Löwenmähne, die sie schulterlang, offen und mit einem streng gezogenen Mittelscheitel trug, so dass sie in zwei  gekräuselten Vorhängen über ihr papierweißes Gesicht fiel und es halb versteckte, sobald sie den Kopf ein wenig neigte - eine Art Tarneffekt, der vielleicht sogar beabsichtigt war. Für jemanden, der so brünett war wie sie, war sie sehr blass, beinahe fahl. Ihren fast durchsichtigen Lilienteint hätte man eigentlich eher bei einer Blondine vermutet. Aber auch nur bei einer, die entweder vor jedem Sonnenstrahl flüchtet oder sich gleich pfundweise Creme mit einem extra hohen Lichtschutzfaktor aufkleistert, dachte Jessamy, die trotz ihrer ebenfalls sehr hell pigmentierten Haut immer leicht sonnengebräunt war, was sich auch kaum vermeiden ließ, wenn man bei Wind und Wetter segeln ging. Sondras Gesicht an sich war eher unauffällig, ein typisches Durchschnittsgesicht. Das Bemerkenswerteste daran war noch ihre Stupsnase, die irgendwie drollig aussah, und ihr Kinn, das ein wenig eckig war und genau in der Mitte eine kleine Kerbe hatte.

 

Auffällig war dagegen die steife, verkrampfte Art und Weise, wie sie da auf dieser Couch saß - ihre Schüchternheit war unübersehbar. Ihr Blick war unstet, irrte im Zimmer hin und her, verharrte hier und dort eine Sekunde lang und streifte gelegentlich auch Jessamy, schweifte aber sofort wieder ab, als wollte sie einen direkten Augenkontakt vermeiden. Jessamy, die ihr Gegenüber immer klar und offen ansah, ihm freimütig direkt in die Augen sah, fand diese Ausweichmanöver ziemlich irritierend, begriff aber, dass sie Teil von Sondras teenagerhafter Befangenheit waren. Sie hatte überhaupt etwas eigenartig Kindliches an sich, diese Sondra, etwas Unreifes, Unfertiges, das nicht so ganz zu dem Bild einer erwachsenen jungen Frau passte. Dabei muss sie ungefähr in meinem Alter sein, überlegte Jessamy.

 

"Am besten sagen wir gleich Du zueinander - wir müssen ja nicht so steif und förmlich sein, oder?" meinte sie und hoffte im Stillen, dass ihr Angebot das Eis brach und die Stimmung ein wenig auflockerte.

 

Sondra antwortete mit einem scheuen Lächeln. "Von mir aus. Gern."

 

"Mein Name ist Jessamy, aber meine Freunde nennen mich Sam."

 

"Dann also Sam", erwiderte Sondra und entspannte sich ein ganz klein wenig, aber sehr viel lockerer wurde sie nicht. Sie war so unruhig wie eine Schülerin vor der alles entscheidenden Abschlussprüfung - ein Vergleich, der  Jessamy sofort auf eine naheliegende Frage brachte.

 

"Was machst du eigentlich so? Beruflich, meine ich."

 

"Oh, nichts Weltbewegendes. Ich arbeite als Bürokraft für eine Zeitarbeitagentur. Du weißt schon, so eine Vermittlung, die Leute für ein paar Tage oder Wochen an alle möglichen Firmen vermietet, die gerade Personalmangel haben. Also so eine Art moderner Sklavenhandel auf Freiwilligenbasis."

 

Jessamy würdigte diesen nervösen kleinen Versuch auf einen Scherz mit einem Grinsen. "Dann musst du dich also dauernd an einem neuen Arbeitsplatz zurechtfinden und mit neuen Kollegen klarkommen. Das ist bestimmt gar nicht so einfach. Bei so einem Job musst du ganz schön auf Draht sein", sagte sie freundlich,  denn sie hatte das Gefühl, dass ein paar nette, aufmunternde Worte angebracht waren. "Aber es hört sich nach viel Abwechslung an. Langeweile kommt bei dir wohl nie auf, was?"

 

 

 

"Doch, manchmal schon. Es ist eigentlich immer dasselbe. Und was die neuen Kollegen betrifft - gerade wenn du dich ein bisschen mit ihnen angefreundet hast, musst du schon wieder gehen. Nein, auf die Dauer ist das nichts für mich. Aber was ist mit dir? Dieser Mann von der Hausverwaltung hat mir erzählt, dass du Offizier bei der Raumflotte bist. Das klingt ja nun wirklich toll! Auf einem Raumschiff sein, zwischen den Sternen dahinfliegen ... das muss wunderschön sein ... und aufregend."

 

"Na ja, so aufregend nun auch wieder nicht. Ich bin auf einem Kreuzer stationiert, der den Flugverkehr in diesem Sektor überwacht. Das wird mit der Zeit auch ziemlich langweilig. Hier in der Gegend ist es ja ganz ruhig, abgesehen von ein paar Schmugglern, die immer wieder mal versuchen, sich an uns vorbeizumogeln. Nein, so toll ist mein Job auch nicht. Aber er hat seine Vorteile. Unsere Patrouillen laufen normalerweise in so einer Art 14-Tage-Rhythmus. Dadurch habe ich ziemlich viel Landurlaub. Ich komme im Schnitt jedes zweite Wochenende nach Hause, manchmal auch für zwei oder drei Tage unter der Woche. Kommt drauf an, was da draußen los ist. Es hängt natürlich auch von unserem Dienstplan ab", fügte Jessamy hinzu und dachte dabei unwillkürlich an Captain Dakalls organisatorische Kapriolen.

 

Aber dann erinnerte sie sich ein wenig schuldbewusst an ihre zahlreichen Kollegen, die kreuz und quer durch die Galaxis gejagt wurden und nur nach Hause kamen, wenn sie ihren Jahresurlaub antraten. Und was war mit all den Offizieren und Mannschaften, die unmittelbar an der Front waren, die in Sektoren herumschwirrten, wo sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute mit Feindkontakt rechnen mussten? Es war Krieg! Man musste sich immer vor Augen halten, dass nicht alle so viel Glück hatten wie die Crew der Warbride, deren einzige Aufgabe darin bestand, einen sicheren Sektor im Herzen des Imperiums zu kontrollieren. Man muss seinem Schicksal auch dankbar sein, dachte Jessamy reumütig. Ab und zu jedenfalls ...

 

"Manchmal bin ich auch etwas länger weg und habe dafür dann eine ganze Woche frei - wir nennen das Volldienstausgleichsphase", fuhr sie fort. "Es kommt eben ganz darauf an, wie es läuft. Und dann ist da natürlich auch noch mein regulärer Urlaub ... Trotzdem, alles in allem bin ich ziemlich viel unterwegs. Du hättest die Wohnung also meistens ganz für dich allein, Sondra. Eine sturmfreie Bude sozusagen. Wir hätten nicht allzu viel Gelegenheit, uns gegenseitig auf die Zehen zu treten."

 

"Ich bin sicher, wir würden uns ganz wunderbar verstehen", sagte Sondra warm.

 

"Schon möglich." Jessamy schwieg einen Augenblick lang, dann sagte sie: "Ich bin eigentlich ziemlich pflegeleicht, weißt du. Große Ansprüche würde ich nicht an dich stellen." Sie dachte an Kaye und schmunzelte erinnerungsselig vor sich hin. Wer eine Zeitlang mit Kaye Drumheller zusammenwohnte, schminkte sich große Ansprüche ganz schnell ab. "Ich würde also nicht von dir erwarten, dass du den ganzen Tag mit einem Putzlappen durch die Gegend rennst und auf jedes einzelne Staubkorn Jagd machst. Aber wie eine Mülldeponie sollte die Wohnung natürlich auch nicht aussehen, wenn ich heimkomme. Und richtig wild macht es mich, wenn ich gärende Milchtüten, verfaultes Gemüse oder irgendetwas Verschimmeltes aus dem Kühlschrank ausgraben muss!" Wieder dachte sie an Kaye, die speziell auf diesem Gebiet ein echtes Phänomen war. Jessamy hatte jedes Mal, wenn sie den Kühlschrank inspizierte, halb und halb damit gerechnet, etwas darin zu finden, dessen Verfallsdatum schon irgendwann kurz nach den Klon-Kriegen abgelaufen war. Würg!

 

"Oh nein! So was würde bei mir garantiert nie vorkommen. Ist ja eklig!" Auch Sondra schien es schon beim bloßen Gedanken regelrecht zu schütteln. Offensichtlich teilte sie Jessamys Vorstellungen über gewisse Grundregeln der Hygiene.

 

Jessamy sah sie nachdenklich an, wog Pro und Kontra gegeneinander ab und traf eine Entscheidung, was ihr nicht schwer fiel, weil sie im Prinzip gar keine Alternative hatte. "Okay", sagte sie leichthin. "Und wann willst du einziehen?"

 

Sondra starrte sie einen Augenblick lang wortlos an, dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht, als hätte Jessamy ihr ein kostbares Geschenk gemacht. "Du gibst mir das Zimmer? Du willst es wirklich mit mir versuchen?" Sie schien ihr Glück kaum fassen zu können.

 

"Natürlich. Warum nicht? Ich glaube, wir passen ganz gut zusammen."

 

"Oh ja, das tun wir", erwiderte Sondra und war von einem Augenblick auf den anderen wieder ganz ernst. "Das tun wir wirklich. Vielleicht mehr als du denkst ..."

 

Einen Augenblick lang fragte sich Jessamy, was Sondra mit dieser Bemerkung meinte, dann tat sie es mit einem Achselzucken ab. Sondra war schon ein bisschen versponnen, aber auf eine sympathische Art. Und Jessamy konnte es sich nicht mehr leisten, allzu wählerisch zu sein. "Du hast mir noch keine Antwort gegeben. Wann willst du einziehen?"

 

Sondra zögerte. "Also wenn es dir nichts ausmacht ... am liebsten gleich morgen."

 

Das kam nun doch ein bisschen plötzlich. "Geht das überhaupt?" fragte Jessamy erstaunt. "Ich meine, es macht mir nichts aus, du kannst ruhig kommen, aber  was ist mit deiner alten Wohnung? Kannst du da einfach so ausziehen, von heute auf morgen? Brauchst du nicht noch ein bisschen Zeit, um zu kündigen und alles zu regeln? Und was ist mit deinen Sachen, deinen Kleidern und dem ganzen Zeug? Musst du nicht erst alles zusammenpacken und es herkutschieren lassen?"

 

"Ich wohne noch bei meinen Eltern. Und meine paar Sachen hierher zu schaffen ist kein Problem."

 

"Ach so", murmelte Jessamy.

 

"Ich muss ja zum Glück keine Möbel herschleppen. In dem Zimmer ist ja eigentlich schon alles, was ich brauche. Und du hast nichts dagegen, wenn ich gleich morgen einziehe?"

 

Warum eigentlich nicht? Je schneller, desto besser, dachte Jessamy. "Ja, sicher", sagte sie. "Immer rein in die gute Stube. Ach ja, bevor ich es vergesse - brauchst du es schriftlich? Willst du einen richtig offiziellen Mietvertrag oder reicht es, wenn wir uns einfach  die Hand darauf geben?"

 

Sondras Mundwinkel zuckten, als würde sie sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Aber das Lächeln, das ihr trotzdem entwischte, war schelmisch genug,  um zum erstenmal eine Spur von  Schalk in ihren  dunklen Augen aufblitzen zu lassen. "Aber Sam,  einen Mietvertrag brauche ich nun wirklich nicht von dir.“

 

Irgendetwas an diesem Lächeln, das eigentlich ein unterdrücktes Lachen war, störte Jessamy - sie wusste selbst nicht genau, was oder warum. Vielleicht war es nur dieser Unterton, der  in Sondras Stimme mitschwang, ein Unterton, der anzudeuten schien, dass sie zwar keinen Mietvertrag brauchte, aber dafür etwas anderes. Etwas ganz anderes ...

 

Mit plötzlichem Unbehagen wurde Jessamy bewusst, dass sie im Begriff war, einem wildfremden Menschen Einlass in ihre Wohnung und  damit auch in ihr Leben zu gewähren, einem Menschen, über den sie im Grunde nichts, aber auch gar nichts wusste. Sie würde schon am Montagmorgen in aller Frühe auf die Warbride zurückkehren und rund zwei Wochen lang weg sein, während Sondra sich hier breit machte, wo sie in Jessamys Abwesenheit ganz nach Belieben schalten und walten konnte. Aber da ist immer noch Mr. Furgan -- er wird sie schon im Auge behalten. Was ist denn los mit dir? Nimm dich zusammen! Sei froh,  dass  du  endlich  jemanden  gefunden hast, ermahnte  sich  Jessamy.  

 

"Alles in Ordnung?" fragte Sondra, beunruhigt durch ihr Schweigen, und sah sie aus weitgeöffneten Augen an. Ja, diesmal wichen sie Jessamys Blick nicht aus, diese braunen Augen. Rehaugen ... so sanft, so unschuldig ...

 

Auf einmal kamen Jessamy die Zweifel, die sie so unvermutet überfallen hatten, absurd vor, geradezu lächerlich. Wenn sie jemals einen hundertprozentig harmlosen Menschen vor sich gehabt hatte, dann Sondra Rakosh. Und damit warf Jessamy alle Bedenken endgültig über Bord.

 

"Aber ja", erwiderte sie und  meinte es sogar ehrlich. Sie gab ihrer neuen Untermieterin die Hand. "Herzlich willkommen im Shaalizaar Inn, Sondra", sagte sie lächelnd.

 

Ein paar Minuten später -  Sondra war gerade gegangen - warf sich Jessamy mit einem Jubelschrei auf ihre Couch, schnappte sich den Kater und knuddelte ihn durch, was er gnädig über sich ergehen ließ, obwohl er eben damit angefangen hatte, diskret seine Krallen an den grünen Seidenquasten der Kissen zu wetzen, die natürlich viel verführerischer waren als sein mit Sisalfasern bespannter Kratzbaum.

 

"Wir haben es geschafft, Tiger!" rief Jessamy. Sie fühlte sich, als würde sie auf einer rosaroten Wolke schweben, nachdem ihre finanziellen Sorgen wie zentnerschwere Felsbrocken von ihrer Seele heruntergerollt waren. Im Überschwang des Augenblicks beschloss sie sogar, sich zur Feier des Tages ein teures Ferngespräch mit Soraya zu gönnen. Sie wollte die frohe Botschaft an jemanden loswerden, der sich mit ihr freute,  und bei der Gelegenheit auch gleich einen längst überfälligen kleinen Plausch mit Kaye halten. Dieser kleine Plausch zog sich dann allerdings ziemlich in die Länge, weil auch Kaye gerade eine mitfühlende Seele brauchte, der sie ihr Herz ausschütten konnte.

 

Sie hatte sich immer noch nicht davon  erholt, dass sie Hals über Kopf nach Soraya verpflanzt worden war,  was vor allem daran lag, dass sich die imperiale Garnison, der sie zugeteilt worden war, wirklich irgendwo im Nirgendwo befand. Tatsächlich war die Giantana-Basis  so weit von der nächsten menschlichen oder auch nicht-menschlichen Siedlung entfernt, dass Kaye zu ihrem hellen Entsetzen dazu gezwungen gewesen war, dort ein Quartier zu beziehen, statt sich  eine eigene Wohnung oder eine ähnlich private und vor allem zivile Unterbringungsmöglichkeit zu suchen. Sogar ihre Freizeit in der wenig anheimelnden Atmosphäre eines Militärstützpunktes verbringen zu müssen, schlug der lebenslustigen Kaye schon sehr auf das Gemüt, aber es gab offenbar auch noch andere  Faktoren, die ihr das Einleben  schwer machten. Worum es dabei ging, konnte Jessamy nur aus ein paar sehr vorsichtig formulierten  Andeutungen heraushören, denn Kaye legte zwar oft  ein bisschen mehr Temperament an den Tag, als gut für sie war, war aber doch nicht so leichtsinnig, ihren Frust ausgerechnet über eine öffentliche Kom-Leitung zu verbreiten, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überwacht wurde. So blieb es also im Wesentlichen Jessamys Phantasie überlassen, sich den Kern von Kayes Schwierigkeiten auszumalen - und da sie selbst  Mitglied einer fast ausschließlich männlichen Crew war, musste sie dafür  nicht gerade besonders viel Phantasie aufwenden.

 

Die ziemlich kostenintensive Unterhaltung endete schließlich mit großer Herzlichkeit und dem von beiden Seiten oft wiederholten Versprechen, sie so schnell wie möglich fortzusetzen. Nachdem sie so mit Kayes tatkräftiger Unterstützung dafür gesorgt hatte, dass ihre nächste Kom-Rechnung furchterregende Dimensionen annehmen würde, rief Jessamy Mr. Furgan an, um auch ihm mitzuteilen, dass sie eine neue Mitbewohnerin hatte.

 

"Ah, es hat also endlich geklappt! Das freut mich aber für Sie, Miss Sorkin." Das von zahllosen Falten und Fältchen zerknitterte Gesicht des alten Mannes verzog sich zu einem freundlichen Schmunzeln. "War aber auch höchste Zeit, nicht wahr?"

 

"Oh ja!" seufzte Jessamy, die an ihren desolaten Kontostand dachte.

 

"Und für welche  der jungen Damen haben Sie sich jetzt entschieden?" erkundigte sich Mr. Furgan.

 

Jessamy war amüsiert und gerührt zugleich. Es war so typisch für Mr. Furgan, dass er einfach davon ausging, dass sie die Wahl getroffen hatte. Es wäre ihm niemals in den Sinn gekommen, dass es Leute gab, die sein Haus für eine halbe Ruine ohne jeden modernen Wohnkomfort hielten. Für ihn war es einfach unvorstellbar, dass irgendjemand auf die Idee verfallen konnte, lieber in einem anonymen Neubau zu hausen, dessen Appartements ungefähr die Größe von Hamsterkäfigen hatten, statt die atemberaubende Möglichkeit wahrzunehmen, in den weitläufigen Zimmerfluchten des grandiosen Shaalizaar Inns zu leben. Guter alter Mr. Furgan ...

 

"Für Sondra Rakosh", sagte sie. "Sie will gleich morgen einziehen. Ich muss ihr noch Kayes Codeschlüssel geben. Kann ich ihn morgen bei Ihnen abholen, vielleicht gegen elf Uhr?"

 

"Aber natürlich", sagte Mr. Furgan. Dann zog er seine buschigen Augenbrauen zusammen. "Wie war doch gleich noch mal der Name?"

 

"Rakosh. Sondra Rakosh", wiederholte Jessamy.

 

"Das ist aber keine von den jungen Damen auf meiner Liste, oder?" fragte Mr. Furgan zweifelnd.

 

"Äh ... nein." Jessamy zögerte. Dieses Thema hätte sie eigentlich lieber vermieden - sie wollte den alten Mann nicht kränken und er war schrecklich schnell gekränkt. "Sie war gar nicht auf der Liste. Sie hat Sie wohl erst viel später angerufen, nachdem Sie mir die Namen und die Termine schon durchgegeben hatten", erklärte sie schließlich mit diplomatischem Feingefühl.

 

Aber das half auch nichts. Mr. Furgan fühlte sich in seiner Ehre verletzt und stellte sofort die Stacheln auf. "Es hat mich aber gar niemand mehr angerufen, nachdem ich Ihnen die Liste durchgegeben hatte", protestierte er. "Und alle, die mich vorher angerufen haben, habe ich sofort aufgeschrieben. Es waren sechs. Sechs junge Damen. Genau ein halbes Dutzend. Leicht zu merken." Der Hinweis, dass diese Zahl leicht zu merken war, enthielt eine deutliche Warnung, dass Jessamy sich ja davor hüten sollte, ihm so etwas wie Vergesslichkeit zu unterstellen.

 

"Ist ja auch egal", sagte Jessamy beschwichtigend. Sie hatte die Kampfansage erkannt und wollte die Sache nicht auf die Spitze treiben. "Also morgen um elf. Benachrichtigen Sie die Hausverwaltung wegen dem Zuschlag für die nächste Nebenkostenabrechnung oder soll ich ..."

 

"Nein, das mache ich", fiel Mr. Furgan ihr brüsk ins Wort. Es war nicht zu übersehen, dass er  sehr verstimmt war. Sogar sein salz- und pfefferfarbener Haarschopf schien sich vor Empörung zu sträuben. "Aber um auf meine Liste zurückzukommen: Ich kann sie ja noch mal heraussuchen und Ihnen zeigen, wenn Sie mir nicht glauben. Ich kann Ihnen auch meinen Einzelverbindungsnachweis für diesen Tag zeigen. Dann sehen wir ganz genau, von wem, wann und wie oft ich angerufen worden bin. Ja, genau das werde ich tun. Ich werde den  Nachweis sofort ausdrucken und zu Ihnen heraufkommen und dann ... "

 

"Aber das ist wirklich nicht nötig, Mr. Furgan", unterbrach Jessamy ihn hastig und ein wenig verzweifelt. "Ich glaube Ihnen auch so." Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber sie wollte auf gar keinen Fall wegen einer im Grunde völlig unwichtigen Kleinigkeit in eine endlose zähflüssige Diskussion verwickelt werden. Sie hatte einen langen Tag hinter sich. "Bis morgen dann. Gute Nacht."

 

"Gute Nacht, Miss Sorkin", sagte Mr. Furgan steif. Und damit war das Gespräch beendet.

 

"Ach du liebes Bisschen! Da habe ich ja wieder was angerichtet. Hätte ich doch nur die Klappe gehalten", murmelte Jessamy vor sich hin. Sie stieß einen kleinen Seufzer aus und ging in die Küche, um den Kater zu füttern, der eine eingebaute Uhr im Magen zu haben schien und inzwischen demonstrativ vor dem Schrank Stellung bezogen hatte, in dem ganze Stapel von Shiwa - der Powersnack! (Wertvolle Vitamine und Proteine  für Ihren vierbeinigen Liebling!) und anderes Katzenfutter aufbewahrt wurde. Als der Kater über seinen gefüllten Napf herfiel, machte sich Jessamy an die Vorbereitungen für ihr eigenes Abendessen. Während sie damit beschäftigt war, ging sie im Geist noch einmal die Unterhaltung mit Mr. Furgan durch.

 

Natürlich hatte er vergessen, Sondra auf die Liste zu setzen beziehungsweise ihren Besuch anzukündigen, soviel stand fest. Er musste einfach mit Sondra gesprochen haben - woher hätte sie sonst Jessamys genaue Adresse und das Datum des Besichtigungstermins wissen sollen? Beides war in den Annoncen nie erwähnt worden, also konnte Sondra es nur von Mr. Furgan persönlich erfahren haben. Und hatte Sondra nicht gesagt, dass Mr. Furgan ihr sogar erzählt hatte, dass Jessamy bei der Raumflotte war? Na also! Er wird eben auch nicht jünger, dachte Jessamy nachsichtig, obwohl Mr. Furgan bis jetzt eigentlich noch keine Anzeichen von beginnender Senilität gezeigt hatte. Aber genau so fängt es an -- man wird einfach ein bisschen vergesslich und bringt die Fakten durcheinander. Und damit war die Angelegenheit für sie erledigt.

 

Aber für Mr. Furgan war sie noch lange nicht erledigt, darüber war Jessamy sich vollkommen im Klaren. Und deshalb war sie auch ein klein wenig erleichtert, als sie ihn am nächsten Morgen um elf Uhr weder in seinem Büro im Erdgeschoss noch in seiner Wohnung, die direkt daneben lag, finden konnte. Stattdessen traf sie in der Eingangshalle auf Gleb Botkin, der immer als Mr. Furgans Assistent bezeichnet wurde, obwohl niemand genau wusste, worin er dem Hausmeister des Shaalizaar Inns eigentlich assistierte, denn die Arbeit hatte Gleb nach der allgemein vorherrschenden Meinung nicht gerade erfunden. Diesen Eindruck hatte jetzt auch Jessamy, als sie Gleb beobachtete, der sich auf einen zerfledderten Wischmop lehnte und vorwurfsvoll auf die schwarzweiß gewürfelten Marmorfliesen des Bodens starrte, die es offensichtlich ablehnten, sich selbst zu putzen.

 

"Guten Morgen, Gleb."

 

Gleb Botkin runzelte die Stirn und grunzte etwas vor sich hin, das sich ganz entfernt wie  "’n Morgen" anhörte. Er sprudelte immer beinahe über vor Herzlichkeit, wenn einer der Mieter die Unverfrorenheit besaß, nicht nur seinen Weg zu kreuzen, sondern ihn auch noch anzusprechen. Doch wenn er gehofft hatte, die Bedrohung seiner kleinen Verschnaufpause mit einem finsteren Gesicht zu verscheuchen, so hatte er sich geirrt. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn war Jessamy an den Umgang mit wirklich grimmigen Zeitgenossen gewöhnt und daher von Glebs Griesgrämigkeit nicht besonders beeindruckt.

 

"Wissen Sie zufällig, wo Mr. Furgan ist?" fragte sie.

 

 

 

"Zufällig ja", brummte Gleb. "Hängt irgendwo drüben im Nordflügel rum. Kümmert sich um einen Wasserrohrbruch." Sein Tonfall ließ klar erkennen, dass er davon überzeugt war, dass die Bewohner des Shaalizaar Inns Wasserrohrbrüche und ähnliche Unannehmlichkeiten aus reiner Bosheit verursachten, nur um den Hausmeister auf Trab zu halten - von seinem geknechteten und hoffnungslos überarbeiteten Assistenten natürlich ganz zu schweigen!

 

"Und wo genau im Nordflügel, wenn ich fragen darf?" erkundigte sich Jessamy. (Sie konnte hartnäckig sein, wenn es sein musste.  Und bei Leuten wie Gleb musste es sein.)

 

Gleb machte ein leidendes Gesicht - eine mimische Leistung, die er außergewöhnlich gut beherrschte - und schüttelte langsam und traurig den Kopf. Es war nicht zu übersehen, dass die Beantwortung von so vielen Fragen auf einen Schlag beinahe über seine Kräfte ging.

 

"Weiß ich doch nicht", knurrte er schließlich und starrte Jessamy mit unverhohlener Feindseligkeit durch die flachsfarbenen Haarbüschel an, die ihm strähnig in die Augen hingen und förmlich nach einer Schere schrien.

 

"Wenn Sie ihn sehen, dann richten Sie ihm doch bitte aus, dass ich später noch mal vorbeikomme, um den Codeschlüssel zu holen", sagte Jessamy mit angestrengter Höflichkeit. Glebs Antipathie beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.

 

"Ach so, Ihr Schlüssel", grummelte Gleb und fing an, in sämtlichen Taschen seines schmierigen blauen Overalls herumzukramen. Nach einer eher lustlos durchgeführten Suchaktion förderte er endlich das Objekt von Jessamys Wünschen zutage. Er übergab ihr die transparente, rechteckige Kunststoffkarte, auf die der Computercode für den elektronischen Schließmechanismus ihrer Wohnungstür eingeprägt war, im Zeitlupentempo. "Den sollte ich Ihnen ja bringen. Hab ich glatt vergessen."

 

Die Tatsache, dass er Mr. Furgans Auftrag vergessen hatte, schien ihn nicht gerade in Verzweiflung zu stürzen. Um genau zu sein: Das breite Grinsen, das sein Gesicht von einem Ohr bis zum anderen spaltete, war mehr als nur ein bisschen unverschämt und eine offene Herausforderung. Jessamy überlegte kurz, wie Captain Dakall auf eine derartige Provokation reagieren würde, und kam zu dem Schluss, dass er seinem Gegner mit einer geballten Ladung gletscherkalter Ironie den Wind aus den Segeln nehmen würde.

 

"Danke, Gleb. Sie waren eine große Hilfe - wie immer!" sagte sie kühl, drehte sich auf dem Absatz um und ging davon. Sie hatte schon den Lift erreicht, als es Gleb endlich dämmerte, dass er gerade beleidigt worden war.

 

"He! He, Sie!"

 

Jessamy ignorierte ihn einfach. Schlechte Manieren bestrafte man am besten mit schweigender Verachtung - auch hierin gab Captain Dakall bei jeder Gelegenheit ein nachahmenswertes Beispiel ab. (Captain Dakall war überhaupt in jeder Lebenslage ein leuchtendes Vorbild - eine Tatsache, auf die er immer wieder ausdrücklich hinwies -, aber das änderte im Grunde auch nichts daran, dass er als Vorgesetzter eine wahre Heimsuchung war.)

 

Die Lifttüren öffneten sich mit einem asthmatischen Schnaufen und Jessamy betrat gerade die mit angelaufenen Spiegeln ausgekleidete Kabine, als Gleb gereizt hinter ihr herblökte: "Mr. Furgan lässt Ihnen ausrichten, dass er heute irgendwann bei Ihnen vorbeikommt. Er hat gesagt, dass er irgendwas mit Ihnen besprechen will."

 

Oh nein, nur das nicht! dachte Jessamy. Hoffentlich taucht er wenigstens noch vor Sondra auf, sonst wird es vielleicht peinlich.

 

Aber als Sondra am späten Nachmittag eintraf, hatte Mr. Furgan noch nichts von sich hören oder sehen lassen. Jessamys neue Mitbewohnerin rückte mit einem Koffer, zwei Reisetaschen und drei großen Kartons an, deren Gewicht ihrem Umfang zu entsprechen schien. All das wurde nach und nach von einem jungen Mann, der in Sondras Kielwasser folgte und das Abzeichen der Taxigleitergilde am Kragen seines Jacketts trug, unter theatralischem Keuchen und Stöhnen hereingeschleppt und mit viel Gepolter auf dem Boden ihres Zimmers abgesetzt.

 

Als das vollbracht war, zückte der Taxifahrer sofort ein zerknülltes Papiertaschentuch, wischte sich demonstrativ nicht vorhandene Schweißtropfen vom Gesicht und befühlte mit wehleidiger Miene seinen Rücken, womit er offensichtlich andeuten wollte, dass Sondras Gepäck seine Wirbelsäule irreparabel geschädigt und wahrscheinlich auch noch seine durchschnittliche Lebenserwartung um Jahre verkürzt hatte. Nachdem er mit einem kurzen prüfenden Seitenblick festgestellt hatte, dass sein Fahrgast von seiner Darbietung gebührend beeindruckt war, lehnte er sich, scheinbar von einem Schwächeanfall heimgesucht, gegen die Tür und forderte mit versagender Stimme einen unverschämt hohen Preis für all seine Mühen. Sondra wühlte zunehmend nervös in ihrer Handtasche herum,  fischte schließlich einen Geldbeutel heraus, dessen Münzfach so mit  Creditchips vollgestopft war, das er fast aus den Nähten platzte,  und bezahlte die verlangte Summe widerspruchslos. Nachdem die skrupellose Entfaltung seines schauspielerischen Talentes auch noch mit einem viel zu großzügigen Trinkgeld gewürdigt worden war, erholte sich der Taxifahrer mit wunderbarer Schnelligkeit von seinem kräftezehrenden Auftritt und verschwand, um sich auf die Jagd nach seinem nächsten und vielleicht genauso nachgiebigen Kunden zu machen.

 

Jessamy, die die  filmreife kleine Szene mitverfolgt und sich dabei nur mit Mühe das Lachen verkniffen hatte, empfand fast so etwas wie Bewunderung für die professionelle Freibeutermentalität, mit der dieser moderne Pirat des öffentlichen Nahverkehrs auf Kaperfahrt ging. "So ein Gauner! Der hat dich ganz schön ausgenommen, Sondra."

 

"Ich weiß. Aber ich habe immer Schwierigkeiten damit, nein zu sagen, wenn's drauf ankommt. So bin ich nun mal", sagte Sondra und lächelte verlegen. "Außerdem halte ich mich an den Grundsatz: Jeden Tag eine gute Tat."

 

Jessamy grinste. "Sieht so aus, als hätte ich mir gerade eine echte Pfadfinderin zugelegt. Soll ich dir beim Auspacken helfen?" fuhr sie mit einem Blick auf Sondras Gepäckstapel fort.

 

"Nein, nein, das ist nicht nötig", wehrte Sondra hastig ab. "Das schaffe ich auch allein."

 

Nun, aufdrängen wollte sich Jessamy nicht. "Na dann ...", sagte sie achselzuckend. "Ich bin im Wohnzimmer, falls du mich doch noch brauchst oder irgendeine Frage hast."

 

"Gut", sagte Sondra, ging in ihr Zimmer hinein und machte die Tür hinter sich zu, was den Kater, der seit ihrer Ankunft um sie herumwieselte und um ihre Aufmerksamkeit bettelte, sichtlich irritierte. Einen Augenblick lang verharrte er schmollend vor der Tür, die ihm einfach vor der Nase zugeschlagen worden war, dann trottete er zu Jessamy, die es sich inzwischen gemütlich gemacht hatte, um Musik zu hören und die letzten Stunden ihrer kurzlebigen Wochenendfreiheit zu genießen.

 

An   diesem   Tag   sah   Jessamy   nicht  mehr   viel   von   ihrer  Untermieterin,  obwohl sie dafür umso mehr  von ihr hörte.  Sondra werkelte stundenlang unter großem Gepolter in ihrem Zimmer herum - die Verstauung   ihrer   Habseligkeiten schien eine komplizierte und vor allem langwierige

Angelegenheit zu sein. Sie kam erst wieder zum Vorschein, als Jessamy gegen Abend an ihre Tür klopfte und sie zu einem kleinen Imbiss in der Küche einlud, ein Angebot, das Sondra mit einer so überschäumenden Dankbarkeit annahm, als hätte Jessamy ihr ein 3-Gänge-Menü in einem 5-Sterne-Restaurant spendiert. Aber eine besonders lebhafte Unterhaltung kam bei dieser ersten gemeinsamen Mahlzeit nicht auf. Sondra erklärte und entschuldigte ihre Einsilbigkeit damit, dass sie nach dem ganzen Hin und Her des Tages todmüde sei, und Jessamy war inzwischen in eine leicht umwölkte Stimmung verfallen, die die spottlustige Kaye immer als die klassische Sorkin-Sonntagabend-Melancholie bezeichnete. (Eine Bemerkung, auf die Jessamy übrigens immer zu antworten pflegte, dass die Aussicht, vierzehn endlose Tage lang einem Plagegeist wie Captain Dakall auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, auf die Dauer sogar die sprichwörtliche heitere Gelassenheit eines tivatanischen Bettelmönches überfordern würde.) Nach dem Essen wünschten die beiden sich gegenseitig eine gute Nacht und gingen bald darauf schlafen.

 

Doch als Jessamy am Montagmorgen aus ihrem Bett taumelte und mit halbgeschlossenen Augen in Richtung Badezimmer schlafwandelte, drang aus der Küche bereits ein verheißungsvolles Klappern und Klirren von Schranktüren und Geschirr und das würzige Aroma von frischem Cofecea zog eine unwiderstehliche Duftspur durch den Flur, die Jessamys Nase kitzelte und sie wie ein Magnet zum Schauplatz des Geschehens zog. Wie sie gleich darauf mit mildem Erstaunen feststellte, war Sondra nicht nur schon hellwach, sondern auch bereits damit beschäftigt, ein großartiges Frühstück zu zaubern.

 

"Hallo!" sagte sie strahlend, als Jessamy hereinstolperte und leicht verdrossen in das helle Licht der Küchenlampe blinzelte wie ein Nachtkauz, der von der Morgensonne geblendet wurde. "Willst du dein Ei hartgekocht oder wachsweich?"

 

"Weich", murmelte Jessamy und gähnte, als könnte sie nie wieder damit aufhören. Aber diese zusätzliche Sauerstoffzufuhr trug soviel zu ihrer vollständigen Wiederbelebung bei, dass sie jetzt sogar dazu in der Lage war, die Augen ganz aufzumachen und eine Frage zu formulieren. "Bist du aus dem Bett gefallen oder bist du immer schon so früh munter?"

 

"Nein,  aber  wir können doch nur heute zusammen frühstücken - bis  du  wiederkommst,  meine ich -, und die Gelegenheit müssen wir nützen, finde ich", sagte Sondra.

 

Es dauerte einen Augenblick, bis Jessamy die ganze Tragweite dieser Aussage erfasst hatte - ihr Körper war inzwischen vielleicht schon wach, aber ihre Logik befand sich morgens um 04.30 Uhr für gewöhnlich noch im Reich der Träume.

 

"Soll das heißen, dass du nur meinetwegen praktisch mitten in der Nacht aufgestanden bist?" fragte sie verwundert. Sondra nickte eifrig. "Wow! Also das ist wirklich nett von dir, danke."  Jessamy war ganz erschlagen von soviel Selbstlosigkeit.

 

An diese Form von Altruismus war sie nicht gewöhnt. Kaye Drumheller war durch und durch ein nettes Mädchen, aber um sie auch nur zehn Minuten früher als unbedingt notwendig aus den Federn zu bringen, hätte man schon einen Feueralarm auslösen müssen. Und Sondra hatte ihr Bett nur verlassen, um mit Jessamy frühstücken zu können. Das war rührend und irgendwie richtig süß, fand Jessamy und als Sondra ihr schüchtern vorschlug, sie solle gleich ins Bad zu gehen und ihre Morgentoilette hinter sich bringen, damit ihr für das Frühstück auch noch genug Zeit blieb, ging sie sofort darauf ein. Sie zog sich in ihre Nasszelle zurück und erledigte die ganze alltägliche Prozedur vom Duschen übers Zähneputzen bis zum Anziehen im Schnellverfahren. Trotzdem war es schon fast fünf, als sie mit einem Kamm bewaffnet aus dem Bad stürmte und ihren feuchten Haarschopf einigermaßen glattstriegelte, während sie in ihr Zimmer lief, wo sie ihren roten Seidenpyjama  über eine Stuhllehne warf und rasch ihr Bett machte, indem sie Laken, Kopfkissen und Decke zurechtzupfte und -schüttelte, bevor sie sich wieder in der Küche einfand.

 

"Phantastisch!" lobte sie mit einem Blick auf den üppig gedeckten Frühstückstisch, der keine Wünsche offen ließ. "Nur schade, dass ich so wenig Zeit habe. Ich muss punkt 06.15 Uhr am Raumhafen sein."

 

"Bis dahin ist es doch noch eine Ewigkeit", sagte Sondra beruhigend und legte eine frische Scheibe Röstbrot auf Jessamys Teller, vor dem schon ein Eierbecher mit einem kochendheißen Ei wartete. "Jetzt setz dich erstmal hin und iss was. Du kannst doch nicht mit leerem Magen auf- und davonfliegen."

 

"Genau das hat meine Mutter auch immer gesagt. Sie hatte eine Menge Sprüche dieser Art auf Lager, wenn es darum ging,  mich zum Essen zu bringen." Jessamy Lächeln fiel ein wenig schief aus - es tat immer noch weh, wenn sie so unerwartet an ihre Eltern erinnert wurde, die sie vor drei Jahren im Abstand von nur wenigen Monaten verloren hatte. Aber Sondra hatte einfach ein Lächeln verdient, nicht wahr? Sie war so nett, so fürsorglich, so ...

 

"Vermisst du sie sehr?" fragte Sondra unvermittelt. Doch als sie sah, dass Jessamys Lächeln einfror und wortlosem Staunen Platz machte, überzog eine flammende Röte ihr blasses Gesicht, bis es von innen heraus zu glühen schien wie ein Tanagrakristall. "Oh ... ich ... du hast doch in der Vergangenheitsform von ihr gesprochen und du hast dabei so traurig ausgesehen ... da habe ich mir natürlich gedacht, dass sie tot ist ... deine Mutter, meine ich", stammelte sie und war ganz außer sich vor Verlegenheit. "Oh Gott, ich hätte lieber den Mund halten sollen. Du hältst mich doch jetzt bestimmt für schrecklich aufdringlich und taktlos", sagte sie niedergeschlagen.

 

Jessamy atmete tief durch. "Nein. Nein, das tue ich nicht. Ist ja auch kein Geheimnis oder Tabuthema oder so. Nur ... ich möchte meine Familiengeschichte nicht unbedingt hier und jetzt durchkauen, verstehst du?"

 

"Aber ja, natürlich!" erwiderte Sondra hastig. "Tut mir ja so Leid, dass ich überhaupt davon angefangen habe."

 

"Schon gut", sagte Jessamy ruhig. "Gibst du mir bitte das Salz? Danke. Oh, ist das etwa frischer Rangoonasaft? Na, ich muss schon sagen, das ist mit Abstand das feudalste Montagmorgen-frühstück, das ich je hatte. Du verwöhnst mich ja richtig."

 

Sondras Miene hellte sich so schnell wieder auf wie ein verhangener Himmel, dessen Regenwolkenfront von einem kräftigen Wind davongewirbelt wurde. Es dauerte nicht lange, bis es Jessamy gelungen war, sie in ein Gespräch zu verwickeln, obwohl sie den Löwenanteil dieser Unterhaltung alleine bestreiten musste, wie sich bald herausstellte. Um sowohl Sondra als auch sich selbst bei Laune zu halten beziehungsweise in Stimmung zu bringen, bevor der graue Alltag sie endgültig wieder einholte, erzählte Jessamy von den kleinen Schrullen und Macken ihrer diversen Vorgesetzten, denen man teilweise durchaus eine komische Seite abgewinnen konnte - solange man nicht unmittelbar mit ihnen konfrontiert wurde. Sondra erwies sich als dankbares Publikum und quittierte die Pointen von Jessamys Anekdotensammlung mit viel Gekicher. Unter Essen und Schwatzen verging die Zeit wie im Flug und als Jessamy einen Blick auf das Wandchrono warf, um zu sehen, ob sie sich noch ein Stück Brot mit dem köstlichen Melusinengelee gönnen konnte, mit dem Mrs. Lagardia sie immer so großzügig bedachte, war es schon 05.42 Uhr - eine Erkenntnis, die Jessamy nach einer Schrecksekunde mit einem wilden Aufschrei aufspringen ließ.

 

"Oh, nein! Ich komme zu spät!" Sie stürzte in den Flur hinaus, wo sie in der Hektik ihrer Aufbruchsstimmung ihre Hausschuhe ausnahmsweise schwungvoll in die nächstbeste Ecke schleuderte, statt sie wie üblich ordentlich wegzuräumen, bevor sie energisch ihren rechten Fuß in einen ihrer Uniformstiefel hineinzwängte.

 

"Ach was. Du kommst nicht zu spät. Du hast doch noch über eine halbe Stunde Zeit und so früh am Morgen wirst du nicht mal vom Berufsverkehr aufgehalten. Das schaffst du leicht", sagte Sondra, die ihr mit der Cofeceatasse in der Hand gefolgt war.

 

Aber Jessamy beurteilte die Situation etwas weniger optimistisch und dazu hatte sie auch allen Grund. Um den Raumhafen zu erreichen, der außerhalb von Delamere lag, musste sie mit ihrem Gleiter durch die ganze Innenstadt. Und in der City gab es zur Zeit nicht weniger als vier Großbaustellen, die für einen kaum noch überschaubaren Wirrwarr aus komplizierten Umleitungen zwischen den Häuserschluchten sorgten. Flugbahnwechselverbote, Geschwindigkeitsbegrenzungen, willkürlich installierte Ampeln und Warndisplays, die wie exotische Giftpilze über Nacht aus dem Boden zu schießen schienen, dazu Scharen von tyrannischen Überwachungsdroiden, die ihre ausgesprochen größenwahnsinnige Vorstellung von ihren Kompetenzbereichen und Machtbefugnissen mit ihren menschlichen Pendants von der Verkehrspolizei teilten und damit das Chaos komplett machten. Um diesem vorprogrammierten verkehrstechnischen Infarkt wenigstens morgens zu entgehen, machten sich die berufstätigen Bürger von Delamere momentan so früh wie nur möglich auf den Weg zu ihren Arbeitsplätzen, was unweigerlich zur Folge hatte, dass der tägliche Guerillakrieg der klassischen Rushhour einfach eine Stunde früher ausbrach als sonst. Und deshalb bezweifelte Jessamy ernsthaft, dass sie es schaffen würde, sich noch rechtzeitig auf der Landeplattform einzufinden, wo ein Shuttle von der Warbride bereit stand, um die Wochenendlandurlauber zurückzubringen.

 

Oh, der Shuttle-Pilot würde natürlich warten, wenn ihm gemeldet wurde, dass die Schäfchen seiner Herde noch nicht vollzählig versammelt waren. Ihm war es egal, ob er eine Viertelstunde früher oder später im Hangar der Warbride landete. Aber Captain Dakall war es nicht egal  und er würde ziemlich schnell herausfinden, wer an dieser Verspätung schuld war. Danach würde er die Sünderin sofort zu sich zitieren und ihr vor den Augen und Ohren der halben Besatzung eine lange, lange Strafpredigt halten. Er würde ihr mit seiner tiefgekühlten Gelassenheit, die soviel wirkungsvoller war als das Geschrei und Gezeter von anderen Vorgesetzten, klarmachen, dass Pünktlichkeit nicht nur die Höflichkeit der Könige, sondern auch eines der vielen Markenzeichen von imperialen Offizieren war. Er würde Jessamy mit dem frostigen Sarkasmus, der so typisch für ihn war,  zu verstehen geben, dass ihr offensichtlich gestörtes Verhältnis zum Faktor Zeit die Disziplin der ganzen Raumflotte unterminierte und dass ihr egoistisches Bedürfnis nach einem möglichst ausgedehnten Frühstück eines Tages höchstwahrscheinlich den totalen Zusammenbruch des Imperiums verursachen würde, womit natürlich automatisch die ganze Galaxis dem sicheren Untergang geweiht war. Nach diesem niederschmetternden Blick in die Zukunft würde er Jessamy in Ungnaden entlassen. Und für die nächste Zeit würde er sich wie ein Biest aufführen und Jessamy bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Leben schwer machen, um sie endgültig von den Segnungen militärischer Disziplin und der Notwendigkeit, die Vorschriften einzuhalten, zu überzeugen. Schon der Gedanke daran versetzte Jessamy in eine milde Panik, die Kaye ziemlich treffend als "fünf Minuten vor der Angst" bezeichnet hätte.

 

"Hoffentlich laufe ich jetzt nicht auch noch Mr. Furgan in die Arme", seufzte sie, während sie gewaltsam den zweiten Stiefel über ihren linken Fuß zerrte. "Sonst fängt er wieder mit seiner Liste an. Er kann es gar nicht fassen, dass er dich vergessen hat. Stell dir vor, er hat doch tatsächlich behauptet, dass er überhaupt nicht mit dir gesprochen hat.“ Sie griff nach einer Tasche, die ein paar unverzichtbare persönliche K            leinigkeiten enthielt. „Er wollte gestern sogar zu mir kommen und mir den Ausdruck von irgendeinem Nachweis-Dingsbums zeigen, um es mir zu beweisen."

 

In diesem Augenblick ließ Sondra ihre Tasse fallen. Das oval geformte Gefäß zersprang sofort in tausend Stücke, als es auf eine Ecke von Jessamys Greelholzkommode prallte  und ein Regen aus orangefarbenen Keramikscherben und goldbraunem Cofecea ergoss sich über das kitschige himmelblaue Blümchenmuster von Sondras bravem Kleinmädchennachthemd.

 

"Oh ... das tut mir so Leid. Wie dumm von mir! Ich bin heute morgen wirklich das reinste Trampeltier!" In Sondras Augen erschien ein verdächtig feuchter Schimmer - die Vorhut einer ganzen Armee aus Tränen.

 

"Ach, mach dir nichts draus. Scherben bringen Glück und Glück ist genau das, was ich jetzt brauche", sagte Jessamy leichthin, doch im Stillen hoffte sie, dass Sondra nicht zu diesen schusseligen Zeitgenossen gehörte, die ständig das Gesetz der Schwerkraft unter Beweis stellten, indem sie praktisch ununterbrochen Gläser, Teller und andere leicht zerbrechliche Küchenutensilien Bodenkontakt aufnehmen ließen. Jessamys Geschirrbestände konnten ein paar Ausrutscher durchaus verkraften, aber unerschöpflich waren sie nicht. Dieser Gedanke brachte sie darauf, dass sie Sondra noch gar keine Verhaltensmaßregeln für kleine und größere Notfälle gegeben hatte. Den Türknauf schon in der Hand drehte sie sich noch einmal um, um dieses Versäumnis schnell nachzuholen. "Ach ja, noch was: Wenn du irgendein Problem hast, während ich weg bin, dann wendest du dich am besten an Mr. Furgan."

 

"Oh, das werde ich, darauf kannst du dich verlassen", murmelte Sondra.

 

"Du kannst auch zu Mrs. Lagardia gehen. Sie wohnt direkt neben uns und ist ein echter Schatz", sagte Jessamy hastig,  mit einem Fuß schon draußen auf dem Hausflur, denn die Zeit zerrann ihr wie Sand zwischen den Fingern und in ihrer Phantasie erhob sich drohend eine Vision von Captain Dakall, der mit unheilverkündendem Lächeln ein wahres Dracheneinest von grässlichen Schikanen für einen gewissen Lieutenant ausbrütete. Die bloße Vorstellung beschleunigte ihre Abschiedszeremonie fast auf Lichtgeschwindigkeit. "Aber ich muss jetzt wirklich los. Freitag in zwei Wochen sehen wir uns ja wieder – hoffe ich jedenfalls! Bis dann und mach’s gut, Sondra“, sprudelte sie atemlos heraus.

 

"Auf Wiedersehen, Sam", sagte Sondra mit Wärme. "Pass auf dich auf."

 

"Ich werd's versuchen", seufzte Jessamy und stürmte davon. Sie legte die glücklicherweise recht kurze Strecke bis zum Aufzug in Rekordzeit zurück, was aber nichts daran änderte, dass der Lift Jahre zu brauchen schien, bis er sich in den neunundvierzigsten Stock hinaufgequält hatte. Doch die Talfahrt mit seinem einzigen Passagier dauerte Jahrhunderte - zumindest kam es Jessamy, die inzwischen vor Ungeduld fast verging, so vor. Als der Lift endlich im Erdgeschoss angekommen war und seine Türen sich unendlich langsam Millimeter für Millimeter aufgeschoben hatten, stob Jessamy hinaus wie ein TIE-Jäger aus seiner Startrampe. Im nächsten Augenblick erfüllten sich ihre schlimmsten Befürchtungen, denn sie entdeckte Mr. Furgan, der direkt neben der Eingangstür auf der Lauer lag, jederzeit bereit zum Angriff.

 

"Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Miss Sorkin", rief er sofort, als er Jessamy erspähte. "Ich ..."

 

"Lieber Mr. Furgan, ich bin schrecklich spät dran und wenn ich nicht in ... oh Gott! ... siebenundzwanzig Minuten am Raumhafen bin, bekomme ich furchtbaren Ärger ", fiel Jessamy ihm ins Wort.

 

"Aber ich ..." begann Mr. Furgan.

 

"Ich weiß, ich weiß", unterbrach Jessamy ihn erneut, denn sie hatte seine ersten Worte als Beginn einer Beichte aufgefasst. "Sie haben sich geirrt, es tut Ihnen Leid, Sie wollen sich dafür entschuldigen und ich nehme Ihre Entschuldigung hiermit an. Wiedersehen!"

 

Ohne Mr. Furgans Reaktion auf ihren Wortschwall abzuwarten, fegte sie durch die Drehtür des Shaalizaar Inns hinaus auf die Straße, wo ein strahlender Morgen sie in Empfang nahm. Als sie sich Sekunden später mit ihrem Gleiter in den fließenden Verkehr einfädelte und ihre Aufmerksamkeit von anderen Dingen in Anspruch genommen wurde, hatte sie Mr. Furgan und all die anderen kleinen Sorgen und Nöte ihres häuslichen Daseins bereits vergessen.

 

 

Vardiss:

 

"Fassen wir doch noch einmal zusammen, nur fürs Protokoll." Colonel Breghala sprang mit  bemerkenswerter Elastizität aus seinem Schalensessel und begann mit schwungvollen, raumgreifenden Schritten hinter seinem Schreibtisch auf- und abzugehen. "Sie mussten insgesamt viermal in der größten Tageszeitung von Devon inserieren, um überhaupt ein paar Interessentinnen für Ihr möbliertes Zimmer zu finden", dozierte er. "Aber sogar diese wenigen Bewerberinnen sind am Ende alle abgesprungen - trotz Ihres relativ günstigen Angebotes und trotz der allgemein schlechten Wohnungsmarktlage in Delamere. Und sie alle haben ihre Ablehnung mit eher irrelevanten Argumenten begründet. Alle haben abgelehnt ... und dann kam Sondra Rakosh ..."

 

Er blieb einen Augenblick lang stehen und starrte nachdenklich vor sich hin, bevor er fortfuhr: "Inzwischen war seit Drumhellers Auszug  natürlich schon einige Zeit  vergangen ..."

 

"Mehr als zwei Monate, Sir", warf Jessamy ein.

 

"... und Ihre finanziellen Reserven waren restlos erschöpft", fuhr Breghala unbeirrt fort.

 

"Restlos nicht“, widersprach Jessamy und fragte sich im gleichen Augenblick, warum sie sich überhaupt die Mühe machte.  Es ging schließlich niemanden etwas an, wie sie mit ihrem Geld umging - oder vielleicht doch?

 

Breghala lächelte ein wenig. "Na schön, aber Sie hatten auf jeden Fall einen kleinen ... Engpass,  der sich leicht zu einem echten Problem hätte auswachsen können, nicht wahr? Sie waren also in einer Situation, in der Sie Sondra Rakosh einfach akzeptieren mussten. Sie hätten sie gar nicht ablehnen können - nicht einmal dann, wenn sie Ihnen unsympathisch gewesen wäre, oder?"

 

"Na ja  ... ich hätte es wahrscheinlich trotzdem mit ihr versucht", räumte Jessamy ein.

 

"Aber zum Glück war sie Ihnen ganz und gar nicht unsympathisch ... und schon haben sich all Ihre Probleme in Wohlgefallen aufgelöst." Die leise Ironie in Breghalas Tonfall gefiel Jessamy nicht, aber bevor sie sich dazu äußern konnte, sagte er trocken: "Ich schlage vor, wir machen weiter."

 

Jessamy schluckte ihren leicht angekratzten Stolz hinunter und gehorchte. "Als ich zwei Wochen später wieder nach Hause kam", begann sie, "schien auf den ersten Blick alles ganz in Ordnung zu sein. Mehr als nur in Ordnung ..."

 

 

 

 

Devon:

 

Jessamy drehte sich langsam um ihre eigene Achse, während sie sich in ihrem Wohnzimmer umsah. Der sorgfältig gebohnerte Parkettboden schimmerte im Sonnenlicht, als wäre sein Firnis mit Honig glasiert worden und die Scheiben der großen Fenster funkelten vor Sauberkeit. Die leicht kränklich aussehende Phrinxpalme in der Ecke neben der Tür, die Jessamy schon seit Monaten umtopfen wollte, war in frisches Hydrokulturgranulat eingepflanzt worden und ragte jetzt aus einem hübschen neuen Keramikkübel heraus, der exakt dieselbe blassgrüne Farbe hatte wie die Polster der Sessel und der Couch. Der Läufer vor dem Kamin leuchtete in dem tiefen satten Mooston, den er, wie Jessamy aus leidvoller Erfahrung wusste, nur dann aufwies, wenn er in mühseliger Kleinarbeit von sämtlichen Fusseln befreit und mit Teppichreiniger bearbeitet worden war. Nirgendwo Katzenhaare. Nirgendwo auch nur die Andeutung eines Staubflöckchens, weder auf den Möbeln noch auf dem Laub der Topfpflanzen, die offenbar einer gründlichen Dusche unterzogen worden waren. Nicht einmal auf dem Holovid-Schirm oder der Stereoanlage, die wahre Staubfänger waren. Nirgendwo lag eine Zeitschrift oder irgendein anderer Gegenstand herum, der der Szenerie Leben eingehaucht hätte. Der ganze Raum strahlte die unberührte Makellosigkeit eines Modellwohnzimmers in einem Möbelgeschäft aus.

 

Kaye würde bei diesem Anblick wahrscheinlich einen Gähnkrampf bekommen, dachte Jessamy und grinste ein wenig. Sie selbst war angenehm überrascht. Sie warf einen letzten Blick in die Runde, dann wandte sie sich Sondra zu und sagte anerkennend: "Donnerwetter, hier blitzt und blinkt ja alles. Ich bin wirklich beeindruckt, Sondra."

 

"Ich habe auch die Sachen auf dem Regal ein bisschen aufgeräumt. Du hast doch nichts dagegen, oder?" fragte Sondra beinahe ängstlich.

 

Jessamy sah sich das Regal aus der Nähe an und stellte fest, dass Sondra sämtliche Bücherchips, Holovid- und Audio-Discs nach Titeln, Autoren und Interpreten geordnet hatte und das alles streng nach Alphabet. Sogar die zartfarbigen Glaskugeln und all die anderen Ziergegenstände, die über die einzelnen Fächer verstreut waren, präsentierten sich jetzt gruppenweise in starren Dreiecksformationen, was Jessamy, die bei diesem Anblick unwillkürlich an Sternzerstörer- übungsmanöver denken musste, nun doch ein klein wenig übertrieben fand. Aber nach all der Mühe, die Sondra sich gegeben hatte, beschloss sie, darüber kein Wort zu verlieren. Stattdessen sagte sie: "Nein, nein, ganz im Gegenteil. Ich bin froh darüber. Ich wollte das ganze Zeug schon seit einer Ewigkeit durchsortieren, aber entweder hatte ich keine Zeit oder ich war einfach zu faul dazu. Danke, dass du dich darum gekümmert hast."

 

"Ach, das war doch eine Kleinigkeit", sagte Sondra bescheiden, aber sie strahlte wie ein Kind, das für eine besonders bravourös erledigte Hausaufgabe gelobt wurde. "Wollen wir in die Küche gehen? Ich muss nach dem Essen sehen. Ich habe uns einen Beljauka-Auflauf gemacht. Du magst doch Fisch, oder?" fragte sie ein wenig besorgt.

 

"Beljauka-Auflauf!" rief Jessamy ekstatisch. "Genau davon träume ich auf der Warbride immer, wenn sie mir in der Kantine zwei Kellen matschigen Eintopf oder irgendeinen anderen verkochten Einheitsfraß auf den Teller knallen. Du bist ja die reinste Hellseherin, Sondra."

 

Und das schien Sondra tatsächlich zu sein, denn als sie in die Küche kamen, die sich in dem gleichen Zustand porentiefer Reinheit befand wie das Wohnzimmer und der ganze Rest der Wohnung, entdeckte Jessamy auf dem schon fertig gedeckten Tisch einen Tonkrug mit einem riesigen Strauß aus zierlichen dunkelblauen Blütendolden, die einen feinen frischen Duft ausströmten.

 

"Karmissveilchen ... das sind meine Lieblingsblumen!"

 

"Wirklich? Meine auch." Sondra sah so erfreut aus, als wäre das ihr persönlicher Verdienst.

 

"Ein tolles Essen und Blumen zur Begrüßung - das ist vielleicht ein Empfang!" lächelte Jessamy.

 

"Du sollst dich doch freuen, wenn du nach Hause kommst", sagte Sondra sanft.

 

"Also das tue ich ganz bestimmt. Kann ich dir irgendwie helfen?" erkundigte sich Jessamy, als Sondra geschäftig in der Küche herumzuwuseln begann.

 

"Nein, ich muss nur noch den Salat anmachen. Setz dich doch schon hin, Sam. Ich bin gleich fertig." Sondra versammelte mit atemberaubender Geschwindigkeit sämtliche für die Zubereitung einer Salatsoße erforderlichen Zutaten auf der Arbeitsplatte neben der Spüle und begann eine kompliziert aussehende Mixtur zusammenzurühren. "Und wie ist es am Montag gelaufen? Bist du zu spät gekommen?" fragte sie teilnahmsvoll.

 

"Nein. Ich hab's gerade noch geschafft, buchstäblich in der letzten Minute. Und dann hat sich herausgestellt, dass ich mich ganz umsonst so abgehetzt habe. Das war vielleicht ein Ding!" Jessamy nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, füllte die beiden Gläser, die auf dem Tisch standen, und ließ sich auf der Eckbank nieder. "Es fing schon damit an, dass in der 76. Straße ein Unfall war", erzählte sie. "Stau ohne Ende, oben, unten, überall, und ich natürlich mitten drin - wo sonst? Ich denke so für mich: Ganz toll! Jetzt bist du dran. Aber der Stau hat sich dann doch ziemlich schnell wieder aufgelöst und ich bin sofort wieder losgezischt wie ein geölter Blitz.

 

Dafür hat mir eine Polizeistreife in der Kitaro-Avenue dann gleich die Quittung präsentiert. Stell sie dir nur vor, zwei Bullen wie vom Werbeplakat mit diesem typischen Wir-sind-das-Auge-des-Gesetzes-und-du-bist-Staub-unter-unseren-Stiefeln-Blick in der Pupille. 'Wissen Sie eigentlich, was ein Tempolimit ist, Miss? Ja? Na, macht nichts, Sie kriegen trotzdem einen hübschen kleinen Strafzettel von uns. Hundert Credits, wenn ich bitten darf. Danke! Einen schönen Tag noch, Miss!' Und die ganze Zeit grinsen diese beiden Mutanten mich an wie zwei Honigkuchenpferde. Denen muss ihr Job ja Spaß machen. Aber das war noch lange nicht alles. 

 

Irgendwie und irgendwann komme ich dann endlich doch noch am Raumhafen an. Inzwischen bin ich natürlich fix und fertig. Auf mein Chrono sehe ich schon gar nicht mehr. Ich parke meinen Gleiter in der Tiefgarage, sprinte zum nächsten Turbolift, zwänge mich zwischen mindestens fünfhundert Leute und fahre ungefähr tausend Jahre lang durch die Gegend, bis der Lift endlich auf meiner Ebene anhält. Ich krieche auf allen Vieren raus, halb zerquetscht und zu drei Vierteln tot, aber irgendwie raffe ich mich dann doch wieder auf und sause los. Ich biege um die letzte Ecke ... und da steht doch dieser Admiral einfach mitten im Weg wie ein Fels in der Brandung und ich ... tja ... ich sehe ihn einfach zu spät und renne ihn prompt über den Haufen.  Ich helfe ihm natürlich beim Aufstehen  und entschuldige mich sofort bei ihm, aber er zetert trotzdem gleich drauflos.

 

'Frechheit!' keift er mich an. 'Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie unverschämter Fratz? Haben Sie keine Augen im Kopf? Und was soll überhaupt dieses Gerenne? Als ich noch in Ihrem Alter war, hatte ich schon so etwas wie Haltung. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, durch die Gegend zu galoppieren wie ein Fohlen auf der Flucht vor einem Bremsenschwarm. Und ich wäre nie so impertinent gewesen, einen höherrangigen Offizier  in Grund und Boden zu stampfen wie ein Grasbüschel auf einer Pferdekoppel. Unglaublich!' und so weiter und so fort. Gott, hat der mich runtergeputzt! Ich bin fast gestorben!

 

Irgendwann lässt er mich dann endlich gehen und ich wanke zu diesem verdammten Shuttle hinüber  und  flehe dabei meinen Glücksstern an, dass er mir diesen Admiral nie wieder über den Weg laufen lässt. Ich steige ein und lasse mich auf irgendeinen Sitz fallen, während die anderen mich mit lautem Hallo begrüßen und mich fragen, wo ich eigentlich die ganze Zeit gesteckt habe, denn natürlich bin ich als allerletzte eingetrudelt. Also erzähle ich ihnen meine ganze Leidensgeschichte und die herzlose Bande lacht mich auch noch aus! Die Zeit vergeht und es wird immer später und später und ich fange gerade an, mich ein bisschen darüber zu wundern, warum wir nicht endlich starten. Plötzlich geht die Einstiegsluke noch mal auf ... und wer steht gleich darauf vor meiner Nase und tötet mich beinahe mit  Blicken?"

 

"Der Admiral!" rief Sondra.

 

"Ganz genau", sagte Jessamy. "Und natürlich setzt er sich sofort auf den Sitz direkt mir gegenüber.   Und auf dem ganzen Flug starrt er mich an ... mit so einem Gesicht!" Sie schnitt eine fürchterliche Grimasse, um die finstere Miene des entrüsteten Admirals möglichst plastisch wiederzugeben. Sondra kicherte. "Gott, war das peinlich!" seufzte Jessamy. "Ich war richtig froh, als wir endlich auf der Warbride gelandet sind und ich mich aus der Schusslinie zurückziehen konnte." Sie nahm einen Schluck Wasser aus ihrem Glas. "Na, und was ist mit dir? Hast du dich inzwischen schon ein bisschen eingelebt?"

 

"Oh ja!" erwiderte Sondra im Brustton der Überzeugung.

 

"Bist du gut zurechtgekommen?“

 

„Oh ja!“

 

„Alles klar? Keine Probleme?"

 

Dieses Mal zögerte Sondra einen Herzschlag lang, bevor sie antwortete. "Alles klar. Keine Probleme“, sagte sie schließlich, aber der Blick, den sie  Jessamy dabei unter gesenkten Wimpern zuwarf, sagte etwas ganz anderes. Es war der halb verstohlene, halb triumphierende Blick eines kleinen Mädchens, das aus Versehen die Lieblingsvase seiner Mutter zertrümmert und den Scherbenhaufen klammheimlich entsorgt und durch ein  hastig gekauftes Duplikat  ersetzt  hatte, sich aber trotzdem nicht ganz sicher war, ob seine Missetat  verborgen bleiben würde oder nicht.

 

Jessamy, die nicht wusste, wie sie diesen Blick deuten sollte, war erstaunt und einen flüchtigen Augenblick lang unangenehm berührt. Sondra gehörte ganz entschieden zu der Sorte Mensch, die allgemein als „stilles Wasser“ bezeichnet wurde und stille Wasser waren tief. Vielleicht sogar ein wenig zu tief? Ach was, Blödsinn! dachte  Jessamy unwillig. Sondra ist ganz in Ordnung. Aber ein Rest von Unbehagen blieb.

 

"Na, dann ist es ja gut", sagte sie kurz, nur um irgendetwas zu sagen. Sie beäugte kritisch den Kater, der sich gerade an ihrem Hosenbein hochhangelte wie an einem Baumstamm, was seine Art war, seiner Wiedersehensfreude Ausdruck zu verleihen. Zum Glück achtete das Imperium bei der Ausstattung seines Militärs auf Qualität und das galt auch für die Stoffe, aus denen die Uniformen hergestellt wurden. Die durchschnittliche Offiziersuniform war zwar kaum dazu geeignet, irgendwelche ästhetischen Ansprüche zu befriedigen, aber sie war immerhin halbwegs bequem und hielt einiges aus - sogar die Tatzen des Katers, obwohl die Kletteraktionen von leicht übergewichtigen Katzen mit Sicherheit das Allerletzte waren, woran die Designer bei der Auswahl eines einigermaßen widerstandsfähigen Textilgewebes gedacht hatten.

 

 

 

"Du wirst ja langsam eine richtige kleine Kugel", neckte sie und kraulte das unübersehbar gewölbte Bäuchlein des Katers, als er sich schnurrend auf ihren Knien zusammenrollte, um sich von seinem Kraftakt zu erholen. "Du darfst ihm nicht so viel Futter geben, Sondra. Er wird allmählich wirklich zu dick."

 

"Er ist so süß", murmelte Sondra entschuldigend.

 

"Und verfressen. Und ein ganz raffinierter Bettler", lachte Jessamy. Es war nicht leicht, dem Kater zu widerstehen, wenn er seine Mitleidstour abzog.

 

Sondra goss die fertige Soße über den Salat, mischte ihn vorsichtig und stellte die Schüssel auf den Tisch. Sie öffnete gerade den Mikrowellenherd, um die Auflaufform mit ihrem brutzelnden und köstlich duftenden Inhalt herauszuholen, als die Kom-Einheit im Flur ein melodisches Viertonsignal von sich gab. Als sie sah, dass Jessamy den Kater absetzte und aufstand, sagte sie schnell: "Bleib doch sitzen, Sam. Ich geh schon ran."

 

"Erwartest du einen Anruf?" fragte Jessamy.

 

"Nein, aber ..." Sondra brach mitten im Satz ab.

 

"Na, dann kann ich doch rangehen, während du dich um deinen Auflauf kümmerst", sagte Jessamy achselzuckend und trabte hinaus, bevor Sondra Protest erheben konnte. Der Kater folgte ihr wie ein Schatten, samtpfötig und lautlos.

 

Der Bildschirm der Kom-Einheit blieb dunkel, als Jessamy auf die Taste drückte, die den Empfangskanal öffnete. Die undurchdringliche Schwärze wurde nur von einem unruhigen blassblauen Flackern durchbrochen, das über den Monitor tanzte wie Elmsfeuer um die Mastspitzen eines Segelschiffes. Der Anrufer hatte den Videomodus deaktiviert - offenbar legte er keinen großen Wert darauf, seinen Gesprächspartner zu sehen beziehungsweise von ihm gesehen zu werden. Gleich darauf stellte sich heraus, dass er nicht einmal Wert darauf legte, mit seinem Gesprächspartner zu reden, denn kaum hatte Jessamy ihren Namen in das Freisprechmikrophon hineingesäuselt, drang aus den Kom-Lautsprechern auch schon ein leises Klicken und dann ein langgezogener dumpfer Pfeifton, der sich wie eine stark verschnupfte Piccoloflöte anhörte und verkündete, dass die Leitung wieder frei war. Der Anrufer hatte die Verbindung unterbrochen, ohne ein Wort zu sagen. Na so was. Er hätte sich wenigstens melden können, dachte Jessamy.

 

"Wer ist es denn, Sam?" rief Sondra aus der Küche.

 

"Keine Ahnung. Hat einfach aufgelegt. Hat sich wahrscheinlich verwählt", gab Jessamy zurück.

 

"Ich bin soweit. Kommst du?"

 

"Ja, gleich", antwortete Jessamy. "Ich muss nur noch etwas erledigen." Ihr war gerade eingefallen, dass sie noch nicht einmal dazu gekommen war, einen Blick in ihre Mailbox zu werfen. Das wollte sie nachholen, bevor sie sich zum Essen hinsetzte. Sie rief den Zentralspeicher des Koms auf und initiierte die Statusüberprüfung. Sofort öffnete sich auf dem Bildschirm ein blinkendes Textfenster: Statusüberprüfung beendet. Mailbox - keine neue Daten erfasst.

 

Jessamy runzelte die Stirn. "Das gibt's doch gar nicht", murmelte sie vor sich hin. "Sondra?"

 

"Ja?" klang es aus der Küche zurück.

 

"Sag mal, hat denn die ganze Zeit über niemand geschrieben oder angerufen?"

 

Sondra erschien in der Küchentür, eine hübsch zurechtgefaltete Recycling-Papierserviette in der Hand, und sah so verwirrt und verständnislos aus, als hätte Jessamy plötzlich damit angefangen, Kisambesi zu sprechen statt Basic. Jessamy setzte gerade dazu an, ihre Frage zu wiederholen, als Sondra sagte: "Nein, niemand."

 

Jessamy war ein wenig enttäuscht. Sie hatte fest damit gerechnet, zumindest von Kaye Drumheller und  Zev Gilfoy eine Nachricht vorzufinden. Aber offenbar hatte es keiner von beiden für nötig befunden,  von sich hören zu lassen. Auch ihre anderen Freunde - die meisten von ihnen kannte Jessamy aus dem Nautilus-Segelclub - schienen beschlossen zu haben, sich in kollektives Schweigen zu hüllen. Kein Mensch hat mich vermisst! dachte Jessamy und war einen Augenblick lang fast gekränkt, obwohl sie im Grunde genau wusste, dass diese Reaktion kindisch war. Schließlich kannten ihre Freunde ihren Lebensrhythmus gut genug, um zu wissen, dass man sich am besten an den Wochenenden mit ihr in Verbindung setzte. Aber trotzdem ... Jessamy konnte sich gar nicht daran erinnern, jemals nach Hause gekommen zu sein, ohne mindestens ein halbes Dutzend Anrufe oder E-Mails im Speicher ihrer Kom-Einheit vorgefunden zu haben. Ach, was soll's? dachte sie. Keine Nachricht ist immer noch besser als eine schlechte Nachricht ...

 

"Das Essen ist fertig", erinnerte Sondra.

 

"Ja, ich komme gleich. Ich will mir nur noch schnell die Hände waschen."

 

Sondra kehrte in die Küche zurück und Jessamy ging ins Badezimmer. Sie wollte Sondra nicht noch länger warten lassen, also beeilte sie sich. Aber als sie sich die Hände abgetrocknet hatte und gerade im Begriff war, wieder hinauszugehen, fiel ihr Blick in den Spiegel und auf ihren widerspenstigen Haarschopf, dem anzusehen war, dass Jessamy vor kurzem von einem kräftigen Windstoß zerzaust worden war.

 

"Oh Gott! Ich sehe ja aus wie ein Wizzgat ... nein ... wie ein Wizzgat nach einem Stromschlag!" Jessamy streckte die Hand nach ihrem Kamm aus und stieß dabei gegen eine kleine Parfümflasche, die auf der Ablage über dem Waschbecken stand. Das Fläschchen kippte um und der pyramidenförmige Glasstöpsel, der als Verschluss diente, löste sich und fiel klirrend in das Waschbecken. Sofort schwappte ein ganzer Schwall des edlen und nicht gerade billigen Duftwassers mit dem poetischen Namen Undine über die Ablage und tropfte als dünnes, aber bedenklich schnelles Rinnsal über die Kacheln und in das Becken hinunter.

 

"Mist!" Jessamy griff hastig zu, um zu retten, was noch zu retten war, aber als es ihr schließlich gelungen war, den Flakon wieder aufrecht hinzustellen, befand sich nur noch ein trauriger kleiner Rest Undine darin. Tatsächlich war nur noch der Boden des Fläschchens mit Flüssigkeit bedeckt, was Jessamy nun doch ein wenig wunderte. Sie benutzte nur selten Parfüm und sie hätte schwören können, dass der Flakon noch halbvoll gewesen war, als sie zum letzten Mal von dem Bedürfnis überwältigt worden war, ihre feminine Seite mit einer sparsam bemessenen Dosis Undine zu unterstreichen. War in diesen Sekundenbruchteilen, bevor sie sich das Fläschchen wieder geschnappt hatte, wirklich soviel Parfüm ausgelaufen? Jessamy betrachtete die beiden winzigen gelblichen Pfützen auf der Ablage und im Waschbecken mit Skepsis. Sie schienen viel zu klein zu sein, um eine solche Menge an verschüttetem Parfüm zu enthalten.

 

"So kann der Mensch sich irren", murmelte sie kopfschüttelnd und stöpselte den Flakon wieder zu. Danach wischte sie die Ablage gründlich ab und spülte auch das Becken sorgfältig aus. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass über der ganzen Wohnung eine wahre Dunstglocke von ihrem Parfüm hing, als sie das Badezimmer verließ. Sogar in der Küche glaubte sie neben dem ziemlich bunt zusammengemixten Aromabukett aus Fisch, diversen Gewürzen und Blumen eine ganz schwache Spur von Undine wahrzunehmen. Konnte man sich Gerüche einbilden? Noch als sie schon am Tisch saß, schnupperte Jessamy in der Luft herum wie ein Jagdhund, der Witterung aufnahm.

 

Sondra, die sie dabei beobachtete, zog die Augenbrauen hoch und sagte: "Also ich weiß ja, dass Fisch nicht gerade nach Karmissveilchen riecht, aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht, oder?"

 

"Nein, nein, das hat überhaupt nichts mit deinem Auflauf zu tun. Aber ich habe eben im Bad mein Parfüm hingeschmissen und jetzt habe ich irgendwie diesen Geruch  in der Nase. Sogar du riechst danach - und wie!" Jessamy schnupperte versuchshalber noch einmal in Sondras Richtung und rümpfte die Nase, als ihre olfaktorischen Rezeptoren unerklärlicherweise einen neuen Schwall Parfümduft an ihr  Gehirn meldeten. "Ist das nicht verrückt? Ich könnte schwören, dass du ..."

 

"Wir sollten jetzt endlich mit dem Essen anfangen, sonst wird noch alles kalt", sagte Sondra rasch und schaufelte energisch gigantische Portionen auf Jessamys Teller und auf ihren eigenen. "Guten Appetit."

 

"Wünsche ich dir auch." Jessamy griff nach ihrer Gabel, aber das Undine-Phänomen ließ sie einfach nicht los. "Wie das bloß kommt?" überlegte sie halblaut. "Na ja, vielleicht habe ich einen Spritzer von dem Zeug auf meine Jacke bekommen, als die Flasche umgekippt ist. Oder ich habe etwas davon eingeatmet. Oder ich ..."

 

"Schmeckt es dir, Sam?" fiel Sondra ihr ins Wort.

 

"Mhm", murmelte Jessamy, die gerade den Mund voller feingewürztem Beljauka hatte, undeutlich. Aber die Zufriedenheit in ihrem Kommentar war nicht zu überhören und das schien Sondra eine wahre Last von der Seele zu nehmen. Warum sonst hätte sie so erleichtert aussehen sollen?

 

Eine Zeitlang gab sich Jessamy schweigend dem Genuss ihres Lieblingsessens hin, aber nachdem der erste Hunger gestillt war, wollte sie die Unterhaltung fortsetzen. "Hast du gewusst, dass ganz normale Sterbliche wie du und ich nur vier verschiedene Gerüche auf einmal unterscheiden können?" fragte sie zwischen zwei Bissen. "Aber es soll Leute geben, die bis zu ..."

 

"Möchtest du noch ein bisschen Salat, Sam?" unterbrach Sondra.

 

Sie ist wirklich ein Schatz, dachte Jessamy. Trotzdem ... ich wünschte, sie würde mich mal ausreden lassen und nicht dauernd dazwischenquasseln!  "Gerne.  Aber um auf das Thema  zurückzukommen ..." begann sie von neuem.

 

Doch heute Abend war es ihr offenbar nicht vergönnt, auch nur einen einzigen Satz zu Ende zu bringen, denn in diesem Augenblick trillerte die Kom-Einheit im Flur schon wieder los und Sondra sprang auf wie von einer Amunspinne gebissen und lief, nein, stürzte förmlich hinaus.

 

"Wenn es für mich ist, sag mir Bescheid, okay?" rief Jessamy hinter ihr her und genehmigte sich noch eine kleine Portion Salat. Als sie weiteraß, schoss ihr unwillkürlich der Gedanke durch den Kopf, dass Sondra wohl doch einen Anruf erwartete und einen ziemlich wichtigen noch dazu. Warum sonst hätte sie es so eilig haben sollen?

 

 

 

 

 

Aber so wichtig schien es dann doch nicht gewesen zu sein, denn gleich darauf kam Sondra auch schon wieder zurück, lächelnd und jetzt sichtlich entspannter als zuvor. "Es war nur mein Vater", erklärte sie, obwohl Jessamy gar nicht danach gefragt hatte. "Bist du fertig?" erkundigte sie sich mit einem Blick auf Jessamys geleerten Teller.

 

"Ja. Das war ein tolles Essen, Sondra, vielen Dank."

 

Das Kompliment ließ Sondras Gesicht sofort zartrosa anlaufen. "Ach, das war doch nichts Besonderes", sagte sie verlegen.

 

"Doch, das war es. Ein dreifaches Hoch auf die Köchin - hipp, hipp, hurra!" lächelte Jessamy. "Warte, ich helfe dir", fügte sie hinzu, als Sondra Anstalten machte, den Tisch abzuräumen. Gemeinsam sammelten sie das benutzte Geschirr ein und verfrachteten es in die Spülmaschine. "Na, was meinst du? Wollen wir es uns gemütlich machen und mal sehen, was heute im Holovid kommt?"

 

"Prima Idee!" sagte Sondra so begeistert, als hätte Jessamys Vorschlag den absoluten Gipfel der Genialität erreicht und als könnte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen eine noch originellere Freizeitbeschäftigung vorstellen. Sie gingen wieder in das Wohnzimmer hinüber, in dem es jetzt so dunkel war, dass man kaum noch die Hand vor den Augen sehen konnte.

 

"Licht!" befahl Jessamy. Die Umweltkontrollen reagierten sofort auf den Klang ihrer Stimme und tauchten den Raum in ein warmes Dämmerlicht.

 

"Wie finster es da draußen plötzlich ist", wunderte sich Sondra. "So spät ist es doch noch gar nicht."

 

Jessamy trat an die breite Fensterfront und spähte hinaus, ein wenig besorgt. Als sie am Nachmittag auf dem Raumhafen eingetroffen war, war sie von einem leuchtendblauen Himmel begrüßt worden und der frische Wind hatte ihr Herz höher schlagen lassen. Aber in diesen Breitengraden veränderte sich das Wetter so schnell, dass die Klimasatelliten, die im Orbit von Devon schwebten, oft überfordert waren. Ihr regulierender Einfluss machte sich - wenn überhaupt - nur sehr zögernd bemerkbar. Der Wind hatte inzwischen stark zugelegt und peitschte zerfetzte Wolkenbänke über den Himmel, der jetzt schiefergrau und regenschwer über der Skyline von Delamere hing. Als Jessamy in die Tiefe hinunterstarrte, konnte sie im schwankenden Licht der heftig hin- und herschaukelnden Straßenlaternen sehen, dass sich die hochstämmigen Glinkabäume, die die 74. Straße säumten, unter der Wucht der kurzen heftigen Böen bogen, als würden ihre Wipfel von den Fäusten wütender Riesen durchgeschüttelt.

 

"Oh, oh. Da braut sich ganz schön was zusammen."

 

"Ja?" fragte Sondra ein wenig geistesabwesend. Sie hatte inzwischen das Holovid eingeschaltet und war gerade damit beschäftigt, die Gesamtprogrammübersicht auf dem ersten Kanal zu begutachten.

 

"Ja." Jessamy wandte sich vom Fenster ab und ging zu ihr hinüber. "Entschuldige, aber wir müssen mal kurz umschalten", sagte sie. "Ich brauche unbedingt den Wetterbericht von einem Regionalsender."

 

"Warum?"

 

 

 

 

"Weil ich wissen muss, ob sich das da draußen zu einem richtigen Sturm auswächst oder nicht. Ich will wissen, ob ich Angst haben muss, dass mein Boot heute nacht Flügel bekommt und sich in Kleinholz verwandelt, sozusagen vom Winde verweht", erwiderte Jessamy mit einem Anflug von Galgenhumor.

 

Sondra starrte sie großäugig an, als sie ihr die Holovid-Fernbedienung übergab. "Du hast ein Boot? Du segelst? Davon hast du mir ja noch gar nichts erzählt!" Sie sagte es beinahe vorwurfsvoll, als hätte Jessamy ihr gerade ein heimliches Laster gebeichtet.

 

"Na, dazu hatte ich bis jetzt ja auch noch nicht viel Gelegenheit." Jessamy schaltete auf den achtundneunzigsten Kanal um, wo sie gerade noch das Ende der 19.30-Uhr-Nachrichten und damit die obligatorische Wettervorhersage erwischte, die sogar noch schlimmer ausfiel, als sie befürchtet hatte. Als der Meteorologe der Delamere-Nachrichtenagentur ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet ankündigte, erschien eine steile kleine Falte auf ihrer Stirn. Aber als von der Windgeschwindigkeit die Rede war, sprang sie sofort auf und ging hinaus, um Giff Mendozza, den Manager des Nautilus-Clubs anzurufen.

 

Sie brauchte fast eine halbe Stunde, um ihn zu erreichen, weil seine Kom-Nummer dauernd besetzt war - offenbar war Jessamy nicht die Einzige, die gerade durch die Wettervorhersage aufgeschreckt worden war. Aber als sie es schließlich geschafft hatte, wurde ihr sofort und mit sehr viel Nachdruck versichert, dass die Nivess von Mr. Mendozza gehütet wurde wie sein eigener Augapfel. Jedes einzelne Nautilus-Boot war schon am Vormittag mit Sturmankern und Nullgrav-Leinen vertäut worden, weil Mr. Mendozza nämlich ein weiser und vorausschauender Mann war und haargenau wusste, was er seinen Kunden und ihren schwimmenden Kostbarkeiten schuldig war, sobald das Barometer fiel. Und wenn es zum Schlimmsten kam, würde der Hafenmeister sowieso den Schutzschild einschalten. Nein, nein, Miss Sorkin brauchte sich absolut keine Sorgen zu machen - nicht einmal  in einer Wüste wäre ihr Eigentum sicherer als hier in Delamere unter der aufopferungsvollen Fürsorge von Giff Mendozza in höchsteigener Person. Hatte er Miss Sorkin etwa schon jemals enttäuscht? Nein? Na also! Miss Sorkin konnte wirklich vollkommen beruhigt sein: Ob Orkane, Springfluten, eine neue Eiszeit oder ein Bombenangriff dieser verrückten Rebellen - Mr. Mendozza und der Hafenmeister waren so ziemlich auf alle nur denkbaren Katastrophen vorbereitet. Aber ja! Wenn Miss Sorkin morgen kam, um segeln zu gehen ... Also bis morgen würde sich das Wetter ja wohl beruhigt haben, nicht wahr? Ah, diese Klimasatelliten! Der reinste Weltraumschrott! Wozu zahlte man eigentlich all diese Steuern? Also falls es bis morgen wieder aufklarte und Miss Sorkin kam, um segeln zu gehen, würde sie feststellen, dass die Nivess wie üblich in Topform  war. Und bis dahin ... auf Wiedersehen!

 

Halb erleichtert, halb benommen von Mendozzas fast hypnotischem Wortschwall kehrte Jessamy in ihr Wohnzimmer zurück. Wie alle Segler empfand sie eine tiefverwurzelte Ehrfurcht vor den Naturgewalten Wind und Wasser, aber sie musste zugeben, dass Mr. Mendozza und der Hafenmeister die Situation im Griff hatten. Alles, was man tun konnte, war getan worden, und es war sinnlos, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Also machte Jessamy es sich wieder auf ihrer Couch bequem, legte die Füße hoch, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und versuchte sich zu entspannen. Aber irgendwie gelang es dem Holovidfilm, der inzwischen angefangen hatte, trotzdem nicht, ihr Interesse zu wecken. Die komplizierte, aber spannungslose Handlung plätscherte einfach an ihr vorbei, ohne dass sie dazu in der Lage gewesen wäre, wirklich zu erfassen, worum es überhaupt ging. Bald hörte sie nur noch mit halbem Ohr zu und schließlich vereinigten sich Dialoge und Musikfetzen zu einer bedeutungslosen Kollektion aus Hintergrundgeräuschen, während Jessamys Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge gerichtet war - sie lauschte dem Sturm, der draußen vor den Fenstern sein wildes Lied sang.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie es merkte, aber irgendwann fiel ihr auf, dass auch Sondra dem Film kaum noch Beachtung schenkte. Stattdessen beobachtete sie Jessamy. "Was ist?" fragte Jessamy.

 

"Irgendwie langweilig, dieser Film, findest du nicht auch?" erwiderte Sondra.

 

"Wenn du dir lieber etwas anderes ansehen willst, von mir aus“,  meinte Jessamy achselzuckend.

 

Sondra zögerte einen Augenblick lang, dann sagte sie: "Ach, ich weiß nicht, irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Holovid uns beiden heute Abend nicht viel zu bieten hat. Wollen wir uns nicht lieber ein bisschen unterhalten? Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt und wissen noch gar nichts voneinander. Ich würde gerne mehr über dich erfahren, Sam."

 

"He, wie wär's, wenn du mir erstmal ein bisschen was über dich erzählst?"

 

Die großen dunklen Augen, die in dem blassen jungen Gesicht seltsam dramatisch wirkten, wurden schmal, verengten sich zu mandelförmigen Schlitzen, und ein oder zwei Sekunden lang hatte Jessamy den deutlichen Eindruck, dass ihr Vorschlag aus irgendeinem Grund auf wenig Gegenliebe stieß. Doch dann lächelte Sondra ein erstaunlich süßes Lächeln und sagte lebhafter und  sehr viel bestimmter, als ihre sonst so stille, scheue Art erwarten ließ: "Nein, du zuerst. Ich bestehe darauf, Sam."

 

Na ja, irgendjemand muss ja anfangen, dachte Jessamy. "Na schön. Was willst du über mich wissen?"

 

"Einfach alles" sagte Sondra schlicht.

 

Jessamy lachte. "Sonst nichts?"

 

"Sonst nichts."

 

"Und womit soll ich anfangen?"

 

"Ich weiß auch nicht. Mit deinem Boot vielleicht ... oder mit deiner Arbeit. Weißt du, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie der Alltag eines Raumflotten-Offiziers aussieht. Sag mal, was ist das für ein Gefühl, auf so einem Schiff zu leben und zu arbeiten? Was treibst du eigentlich den ganzen Tag auf der Warbride, Sam?"

 

Jessamy schnitt eine kleine Grimasse. Die Warbride war so ziemlich das Letzte, worüber sie an einem Freitagabend reden wollte. "Dasselbe wie du in deinem Büro ... na ja, so ungefähr."

 

"Erzähl mir davon!" bat Sondra, hartnäckig wie eine Fünfjährige, die um eine Gute-Nacht-Geschichte bettelte.

 

"Da gibt's eigentlich gar nicht viel zu erzählen", sagte Jessamy abwehrend.

 

"Ach, komm schon, Sam, es interessiert mich wirklich. Wie sind sie so, deine Kollegen und dieser Captain ... wie war noch mal sein Name ... Schakal?"

 

"Dakall. Er heißt Dakall  und er ist ein richtiger Chauvi. Die sind alle Chauvis! Nein, seien wir fair, es gibt auch ein paar Ausnahmen - nicht viele, aber immerhin."

 

Jessamy grinste ein wenig, was nicht zuletzt an „Captain Schakal“ lag. Außerdem  fing sie an, sich für das Thema zu erwärmen. Sie rollte sich auf die Seite und versuchte einen kleinen Teil des Kissens zurückzuerobern, auf dem sich inzwischen der Kater breitgemacht hatte. Aber der Kater verteidigte die Stellung energisch gegen seine Herrin und Ernährerin und nach ein paar fruchtlosen Kommunikationsversuchen von Mensch zu Katze kapitulierte Jessamy vor seiner krallenbewehrten Entschlossenheit und stützte ihren linken Ellbogen stattdessen auf die Lehne der Couch. Der Kater reckte und streckte sich, gähnte herzhaft, fläzte sich demonstrativ quer über das umkämpfte Kissen und begann zu schnurren. Offenbar wollte er zeigen, dass er nicht nachtragend war. Jessamy fuhr ihm sanft mit den Fingerspitzen durch das schimmernde rotgoldene Fell und sagte: "Na ja, das Militär ist eben eine richtige Männerwelt, auch heute noch. Ob du dir die Flotte ansiehst oder die Armee, es ist überall dasselbe. Es gibt nur wenige Frauen bei den Mannschaftsdienstgraden und unter den Offizieren sind es sogar noch weniger. Das meiste weibliche Personal findest du immer noch in den Lazaretten - nur ein paar handverlesene Med-Techs natürlich, aber dafür Krankenschwestern in rauen Mengen. Angewandte Psychologie, verstehst du? Unsere müden Helden werden nämlich viel schneller wieder munter, wenn sie ein bisschen bemuttert und ab und zu nett angelächelt werden." Jessamys Grinsen wurde breiter und Sondra kicherte.

 

"Aber das Lazarett ist auch der einzige Ort, wo du als Frau gerne gesehen wirst", fuhr Jessamy fort. "Überall sonst sehen sie in dir erst mal nur einen Störfaktor oder sogar eine Konkurrenz. Du bist nicht nur eine echte Bedrohung für den kollektiven Seelenfrieden der ganzen Crew, nein, du bist auch noch eine Rivalin, wenn es um die nächste wohlverdiente Beförderung geht - und das ist nun wirklich schrecklich und absolut unverzeihlich! Deshalb versuchen sie dir und auch sich selbst ständig einzureden, dass Frauen schlechte Soldaten sind, dass sie weniger leistungsfähig sind als Männer, dass sie keine Disziplin haben, dass sie sofort den Kopf verlieren und hysterisch werden, wenn es mal brenzlig wird, dass sie sentimentale Heulsusen sind, die immer kurz vor einer Befehlsverweigerung stehen und so weiter und so fort. Du musst gegen so viele Vorurteile ankämpfen, dass du einen verdammt schweren Stand hast, wenn du ganz neu in einer Crew bist. Zuerst halsen sie dir nur die miesesten Jobs auf, ödes Zeug, das sonst keiner machen will, Arbeiten, für die niemand Zeit oder Lust hat. Dazu werfen sie dir auch noch alle fünf Minuten irgendeinen dummen Macho-Spruch an den Kopf, bis du am liebsten senkrecht an die Decke gehen würdest. Das nervt, aber da musst du einfach durch. Mit der Zeit wird es besser. Sie gewöhnen sich langsam an dich und mit ein bisschen Glück akzeptieren sie dich irgendwann sogar ... mehr oder weniger."

 

"Wie war es für dich, als du auf der Warbride angefangen hast? Haben sie dich sehr gepiesackt?" fragte Sondra, von Kopf bis Fuß nichts als Mitgefühl.

 

Jessamy schmunzelte. "Also gepiesackt werde ich auch heute noch, das kann ich dir sagen. Wie es ganz am Anfang war? Na ja, ich weiß noch, dass ich in den ersten Wochen praktisch nur in den Laderäumen herumgekrochen bin. Ich musste endlose Inventarlisten aufstellen, es war verrückt ... es war, als hätte sich seit einer Ewigkeit keine Menschenseele mehr darum gekümmert, was dort unten so alles herumliegt und einstaubt. Nach ein paar Tagen habe ich nur noch Zahlen und Artikelnummern gesehen ... ich habe nachts davon geträumt! Und als ich das endlich hinter mir hatte, wurde ich einfach zum Mädchen für alles befördert. Wenn Dakall zum Beispiel eine Konferenz hatte, wurde grundsätzlich ich zum Getränkeservieren abkommandiert. Das wäre eigentlich die Aufgabe von Dakalls Ordonnanz gewesen, aber er hat lieber mich die Kellnerin spielen lassen. So ging das eine ganze Weile ... bis ich eines schönen Tages die Sprinkleranlage ausgelöst und den ganzen Konferenzraum überschwemmt habe."

 

Sondra fiel vor Staunen der Unterkiefer herunter, sie starrte Jessamy mit weit aufgerissenen Augen an. "Was? Das hast du dich getraut?" flüsterte sie atemlos. "Das war aber mutig von dir!"

 

"Ach, weißt du, mit Mut hatte das gar nichts zu tun. Es war eigentlich nur ein Versehen", gestand Jessamy lachend.

 

Sondra beugte sich ein wenig vor, ihre Augen funkelten vor Aufregung wie Sterne. "Was ist denn passiert? Erzähl!"

 

Und Jessamy erzählte es ihr. Sie erzählte von der randvollen Thermoskanne, die ihr in einem Augenblick der Unachtsamkeit einfach aus der Hand geglitten war, um auf dem Holoprojektor des Konferenzraums eine Bruchlandung zu erleiden. Sie schilderte die heftige Reaktion des Holoprojektors, der die Überschwemmung mit einer kochendheißen Ladung Minjongtee so übel genommen hatte, dass er sofort einen farbenprächtigen Funkenschauer in alle Richtungen versprüht hatte, um gleich darauf mit einem furiosen Knall endgültig den Geist aufzugeben, was wiederum einen Kurzschluss ausgelöst hatte, der nicht nur das sensible Innenleben sämtlicher  Computerterminals auf dem Konferenztisch geröstet, sondern auch noch die Brandbekämpfungsautomatik aktiviert hatte. Sie erinnerte sich lebhaft an den schrecklichen Moment, als die Düsen der Sprinkleranlage damit begonnen hatten, einen flockigen Wasserfall aus chemischen Löschmitteln über dem ganzen Raum auszuspeien, bis der Captain und alle Senioroffiziere der Warbride mit steinernen Gesichtern bis zu den Hüften in einem blubbernden Schaumbad gesessen hatten, während der Gestank nach verschmorten Kabeln wie eine ätzende Wolke über ihnen hing und irgendwo eine Alarmsirene losheulte wie ein heiseres Nebelhorn.

 

Sie berichtete, wie Dakall langsam aufgestanden war, um leicht durchfeuchtet, aber mit unangefochtener Würde und Autorität durch den Löschschaum zu waten wie durch eine Schneewehe, bis er die Unheilstifterin erreicht hatte, die regungslos mitten in dem von ihr verursachten Chaos gestanden hatte, als wäre sie zur Salzsäule erstarrt. Er hatte sich vor ihr aufgebaut und sie von oben bis unten gemustert, als würde er sie zum allerersten Mal sehen, bevor er auf seine kühle, ironische und immer ein wenig herablassende Art verkündet hatte: "Also wirklich, Sorkin, wenn Sie immer soviel Schwung draufhaben, dann ist es vielleicht an der Zeit, dass ich eine etwas anspruchsvollere Aufgabe für Sie finde, damit Sie Ihre Energie in Zukunft wenigstens sinnvoll einsetzen."

 

Mit diesem Schlusswort, das sie augenzwinkernd und in einer gelungenen Imitation von Captain Dakalls Tonfall vortrug, beendete Jessamy ihre Geschichte und Sondra, die sich vor Lachen gebogen hatte, sank erschöpft in ihren Sessel zurück. Doch als sie sich wieder ein wenig erholt hatte, wurde ihr Gesicht ernst. "Haben sie dich dafür bestraft?" fragte sie.

 

"Na ja, ich musste den Konferenzraum saubermachen - und glaub mir, das war Strafe genug", seufzte Jessamy in wehmütiger Erinnerung an ihren einsamen Kampf mit Bergen von klebrigem Löschschaum. "Aber das war noch nicht das Schlimmste an der Sache. Das Schlimmste daran war, dass es sich wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Zehn Minuten, nachdem es passiert war, war es schon das Tagesthema in der Offiziersmesse und bis zum Abend hat die ganze Besatzung Bescheid gewusst. Ich war der Witz des Jahres! Das reiben sie mir heute noch unter die Nase. Dabei fällt mir ein ..."

 

Und  Jessamy gab noch ein anderes Warbride-Histörchen zum besten, während Sondra schweigend in ihrem Sessel saß, den Kopf leicht zur Seite geneigt, den Blick auf Jessamys Gesicht fixiert. Es wäre eine krasse Untertreibung gewesen zu behaupten, dass sie einfach nur aufmerksam zuhörte. Sie hing  förmlich an Jessamys Lippen ...

 

Die Zeit verging wie im Flug. Es war schon fast Mitternacht, als Jessamy aufstand und gähnend erklärte: "Du, mein Bettzipfel winkt. Machen wir Schluss für heute, ja?" Sondra stimmte sofort zu und stand auch auf. "Wer geht zuerst ins Bad?"

 

 

"Geh ruhig du, Sam."

 

"Okay. Dann gute Nacht, Sondra."

 

"Gute Nacht."

 

Doch davon konnte nicht die Rede sein, denn als Jessamy ein wenig später in ihrem Bett lag, fand sie trotz ihrer Müdigkeit einfach keine Ruhe. Der Sturm tobte und brauste mit scheinbar unerschöpflicher Kraft über Delamere hinweg und rüttelt das Shaalizaar Inn durch, dass die Fensterscheiben klirrten.

 

Wie soll man bei diesem Krach schlafen? dachte Jessamy, die sich unruhig von einer Seite auf die andere warf. Doch der Lärm war nicht das einzige, was sie wach hielt. Sie musste an die Nivess denken (Hoffentlich ist sie morgen auch wirklich in Ordnung ...), an Zev und Kaye (Warum haben sich die beiden bloß nicht gemeldet?), an einen sehr unerfreulichen Zwischenfall auf der Warbride, der einen bedauernswerten Offizierskollegen wahrscheinlich demnächst vor das Kriegsgericht bringen würde (Armer Kerl, ich möchte nicht in seiner Haut stecken ...), und an tausend andere Dinge, die ihr durch den Kopf geisterten und sie immer ruheloser machten. Auch Mr. Furgan fiel ihr jetzt wieder ein.

 

Eigentlich merkwürdig, dass er heute gar nicht aufgetaucht ist, dachte Jessamy, während sie ihr inzwischen hoffnungslos zerknautschtes Kopfkissen so energisch aufschüttelte und zurechtklopfte, als wäre es an ihrer Schlaflosigkeit schuld. Sieht ihm gar nicht ähnlich. Ob er wütend auf mich ist, weil ich ihm einfach davongelaufen bin? Sie beschloss, Mr. Furgan im Lauf des Tages einen Besuch abzustatten, um die Lage zu peilen und ihn im Fall der Fälle wieder versöhnlich zu stimmen. Doch auch jetzt fand sie keinen Schlaf. Eine seltsame nervöse Spannung hatte sich ihrer bemächtigt. Sie war hellwach.

 

Die Stunden schlichen dahin, ohne dass Jessamy ein Auge zutat. Als es dämmerte, gab sie auf und verließ ihr Bett. Leise, um Sondra nicht zu wecken, ging sie ins Bad, duschte und zog sich einen bequemen Jogginganzug an. Ursprünglich hatte sie geplant, in die Küche zu gehen und für sich und Sondra Frühstück zu machen, aber ihre innere Unruhe trieb sie aus dem Haus. Sie musste einfach schnell zum Yachthafen hinausfahren und nach der Nivess sehen.

 

Der Sturm, der die ganze Nacht gewütet hatte, aber im Morgengrauen endlich abgeflaut war, hatte beträchtliche Schäden hinterlassen. Einige Glinkabäume hatten zahlreiche dicke Äste eingebüßt, die jetzt überall herumlagen, und einer war sogar entwurzelt worden. Auch das Shaalizaar Inn hatte gelitten, wie etliche zerbrochene Dachziegel auf dem Gehweg bewiesen. Als Jessamy mit ihrem Gleiter durch den kühlen böigen Morgen davonschwebte, wunderte sie sich darüber, dass Mr. Furgan noch nicht unterwegs war, um das Ausmaß der Sturmschäden festzustellen beziehungsweise zu beseitigen, obwohl er ein Frühaufsteher und um diese Uhrzeit für gewöhnlich schon längst auf den Beinen war. Dass Gleb Botkin nirgendwo zu sehen war, wunderte sie dagegen überhaupt nicht.

 

Als Jessamy knapp zwei Stunden später zurückkehrte, strahlte sie wie ein Sonnenaufgang und befand sich in einer dieser blendenden Stimmungen, in denen sie sich immer im Einklang mit dem ganzen Universum fühlte, weshalb sie ohne weiteres dazu bereit gewesen wäre, jedermann zu umarmen - eventuell sogar Captain Dakall! Die Nivess hatte den Sturm tatsächlich heil und ohne einen einzigen Kratzer überstanden und die Wetterlage hatte sich dank der  Launen der Natur oder vielleicht auch dank des bescheidenen Einflusses der Klima-Satelliten inzwischen so sehr verbessert, dass Jessamy bereits erwog, den Samstagnachmittag und den ganzen Sonntag auf See zu verbringen, wo eine steife Brise - das einzige sinnvolle Relikt eines ansonsten völlig überflüssigen Sturmes, wie Jessamy dachte -  für ideale Segelbedingungen sorgte.

 

Glücklich, hungrig und ein klein wenig übermüdet, was ihrer guten Laune aber keinen Abbruch tat, sammelte Jessamy die Einkäufe, die sie auf dem Heimweg gemacht hatte, von den Rücksitzen ihres Gleiters und fegte temperamentvoll durch die schwingende Drehtür des Shaalizaar Inns. Einen Augenblick später sah sie sich einer kleinen Abordnung ihrer Nachbarn gegenüber, die sich in der Eingangshalle um Gleb Botkin geschart hatten und über irgendetwas zu diskutieren schienen.

 

Mrs. Lagardia, die jedermanns erklärter Liebling war, entdeckte Jessamy als erste. "Da sind Sie ja, Kindchen!" rief sie und ihre sanften vergissmeinnichtblauen Augen leuchteten. "Ich wusste doch, dass Sie dieses Wochenende wieder nach Hause kommen, aber die nette junge Dame, die jetzt bei Ihnen wohnt, war sich da offenbar nicht so sicher. Aber nun sind Sie ja hier und wir können Sie gleich persönlich fragen, ob Sie sich daran beteiligen wollen oder nicht."

 

Jessamy, die rein intuitiv sofort das beklemmende Gefühl hatte, dass sich eine Krise anbahnte, stellte ihre Einkaufstüten ab und sagte: "Woran will ich mich beteiligen oder nicht?"

 

"Worrran! Was fürrr eine Frrrage, Sorrrkin! An dem Krrranz natürrrlich!" schnarrte der alte Major  Nestroy und brachte es dabei fertig, jedes einzelne R in seinem Satz so zu rollen, dass es wie Geschützdonner durch die ehrwürdige Halle des Shaalizaar Inns grollte. (Seit er zu seiner Bestürzung herausgefunden hatte, dass Jessamy bei der Raumflotte war, gab er sich in ihrer Gegenwart immer betont militärisch. Jessamy war es noch nicht gelungen herauszufinden, was die Wurzel seiner Missbilligung war: War es ihr Geschlecht oder war es ihre Zugehörigkeit zur Flotte, die der Major als ehemaliger Infanterist naturgemäß abgrundtief verachtete? Vielleicht war es beides. Auf jeden Fall rechnete Jessamy bei jeder Begegnung mit dem längst pensionierten Haudegen damit, zum Schauexerzieren auf den Hinterhof abkommandiert oder sonst wie mit der scheinbaren Überlegenheit der ach so kampferprobten und abgehärteten Armeeoffiziere gegenüber den angeblich hoffnungslos verweichlichten Flottenoffizieren konfrontiert zu werden.)

 

Jessamy fühlte, wie ihr inneres Freudenfeuer erlosch und nur noch schwelende Asche zurückließ. "Was für ein Kranz?" fragte sie leise.

 

"Der Kranz für Mr. Furgan!" zirpte der kleine Mr. Chink, fuhr sich nervös über sein dünnes, sorgfältig gescheiteltes Haar und zupfte erregt an seinem adretten weißen Seidenhalstuch.

 

Jessamy schluckte. "Ist Mr. Furgan ... ? Ist er etwa ...?" Sie konnte den Satz einfach nicht zu Ende bringen.

 

"Mausetot, verblichen, hin, ex, weg!" rief Gleb Botkin, der es nicht mehr aushielt.

 

"Es war ein Unfall, ein fürchterlicher, grässlicher, absolut entsetzlicher Unfall", hauchte Madame Rozianko, eine ziemlich affektierte Cimbarolo-Lehrerin älteren Datums, die zu Jessamys Leidwesen in der Etage  unter ihr residierte, aus dem Hintergrund und presste ein zartviolettes Taschentuch gegen ihre tränenlosen grauen Steinaugen.

 

"Ach du meine Güte! Haben Sie denn noch gar nichts davon gewusst, Kindchen?" Mrs. Lagardia schüttelte bekümmert ihre puderweißen Locken und tätschelte Jessamys Arm; ihr rosiges Apfelbäckchengesicht glühte vor Mitgefühl.

 

Jessamy, die den starren Blick des Majors auf sich ruhen fühlte, riss sich zusammen und räusperte sich. "Äh ... nein. Ich ... also das ist das erste, was ich davon höre. Was ist denn passiert?"

 

Sofort redeten alle gleichzeitig auf sie ein und es dauerte eine Weile, bis sich die allgemeine Aufregung soweit gelegt hatte, dass es Jessamy endlich gelang, aus einem Wirrwarr von verschiedenen Ansichten und Einsichten ein paar Informationen herauszufiltern, die  schließlich wie  zusammengesetzte Mosaiksteinchen Stück  für Stück ein Bild  ergaben:

 

"Ich war ja schon immer der Meinung, dass dieser Lift lebensgefährlich ist. Dieser zu groß geratene Affenkäfig, der wie eine Rakete durch das ganze Haus schießt, immer wieder rauf und runter, rauf und runter. Aufzüge sind einfach teuflisch, wenn Sie mich fragen", schrillte Mr. Chink, der nur im dritten Stock wohnte und sich im Gegensatz zu den Mietern, die in luftigeren Höhen angesiedelt waren, seine Lift-Phobie leisten konnte.

 

"Errr ist natürrrlich selbst schuld darrran. Warrrum musste errr auch im Liftschacht herrrumkrrriechen? Das gehörrrte doch garrr nicht zu seinen Aufgaben. Errr hätte das dem Warrrtungsdienst überrrlassen sollen", bellte Major Nestroy, dessen ganzes Weltbild von streng gegliederten Hierarchien und Verantwortungen beherrscht wurde,  so dass er  schon auf die  leiseste Andeutung von Kompetenzgerangel zwischen verschiedenen Zuständigkeitsbereichen  allergisch reagierte.

 

"Aber der Wartungsdienst war ja schon hier", warf Gleb Botkin mürrisch ein. "Und diese Null von einem Techniker hat die ganze Elektronik auseinandergewurstelt und jeden Mikro-Schaltkreis einzeln durchgecheckt, ohne was zu finden. Ich hab ja  gleich gesagt, dass es 'n Wackelkontakt sein muss, aber auf mich hört ja niemand. Dieser Pfuscher hat den ganzen Tag daran herumgemurkst und dann hat er gesagt, dass er auch nicht weiß, warum das verdammte Ding dauernd zwischen zwei Stockwerken hängenbleibt. Dann hat er Mr. Furgan 'ne Riesenrechnung in die Pfote gedrückt - 'nen Stundenlohn haben diese Lämmergeier! - und ist wieder abgezwitschert. He, in dieser alten Burg funktioniert doch sowieso nichts mehr richtig. Die ganze Hütte sollte einfach abgerissen werden. Na ja, und am Donnerstag ist es dann schon wieder passiert und diesmal wollte Mr. Furgan es selber in Ordnung bringen. Also mir kann niemand was vorwerfen! Ich hab ihn gewarnt. Ich hab zu ihm gesagt: 'He, Mister', hab ich zu ihm gesagt, 'lassen Sie lieber die Griffel davon.' Aber Sie wissen ja, was für ein sturer Knochen er war. Er ... "

 

"Er hätte es wirklich lassen sollen - er war schließlich auch nicht mehr der Jüngste!" seufzte Mrs. Lagardia.

 

"Halsstarrrigerrr alterrr Narrrr!" brummte der Major vor sich hin.

 

"Jedenfalls ist er in den Liftschacht geklettert. Und er muss direkt unter dem Lift herumgekrabbelt sein, was einfach däm ... äh ... nicht gerade schlau von ihm war", sagte Gleb. "Und dann ..."

 

"Oh, es ist ja sooo schrecklich!" wimmerte Madame Rozianko.

 

"Ich darf gar nicht daran denken", ächzte Mr. Chink, auf dessen Stirn feine Schweißperlen erschienen waren.

 

"Und dann setzte sich derrr Lift offenbarrr ganz plötzlich wiederrr in Bewegung ...", röhrte der Major ungeduldig.

 

"Ich sag's ja, 'n Wackelkontakt", rief Gleb, der es hasste, unterbrochen zu werden.

 

"... und der arme, arme Mann konnte nicht mehr ausweichen."

 

"Wohin hätte errr denn auch ausweichen sollen, Mrs. Lagarrrdia?!" Der Major war sichtlich irritiert von soviel technischem Unverständnis – typisch Frau!

 

"Tja und da hat's ihn eben voll erwischt. Der kam runter wie 'ne Sternschnuppe! Oh Mann, das  müssen mindestens zwölf Stockwerke gewesen sein. Ich sag Ihnen, der war nur noch Matsch, als er unten angekommen ist!" verkündete Gleb, gefühlvoll wie ein Sensationsreporter.

 

Madame Rozianko quiekte vor Entsetzen und Mr. Chink lehnte sich haltsuchend an die nächstbeste Wand. "Grauenhaft ... einfach grauenhaft ...", wisperte er kraftlos.

 

"Mr. Botkin!" rief Mrs. Lagardia empört.

 

"Verrrdammt noch mal, Gleb! Keine blutigen Einzelheiten - es sind Damen anwesend!" schnaubte der Major, in dem unerwartet längst verschüttete Kavaliersregungen zum Leben erwachten.

 

Gleb zog einen beleidigten Flunsch. "Jedenfalls ist morgen Mittag um drei die Beerdigung", sagte er schmollend.

 

"Und wir vier und Mr. Botkin gehen hin, im Namen aller Mieter und der Hausverwaltung. Wir haben schon einen Kranz bestellt. Und deshalb wollten wir Sie fragen, ob Sie sich auch daran beteiligen, Kindchen", erklärte Mrs. Lagardia, die sich wieder gefasst hatte.

 

Jessamy, die sich wie betäubt fühlte, brauchte ein paar Sekunden, um auf dieses Stichwort zu reagieren. „Oh ja, natürlich. Ich würde Sie auch gerne begleiten, wenn es Ihnen Recht ist, Mrs. Lagardia."

 

"Natürlich, Kindchen. Kommen Sie einfach gegen zwei bei mir vorbei und wir fahren alle zusammen. Major Nestroy war so freundlich ..."

 

"Trrransporrrt berrreits gerrregelt! Abfahrrrt punkt 14.15 Uhrrr - und keine Minute späterrr!" dröhnte der Major in unverkennbar imperialem Kommandoton.

 

"Ich werde da sein - pünktlich!" fügte Jessamy mit einem kühlen Blick in Richtung Major hinzu. "Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden ..." Sie wandte sich zum Gehen.

 

"Ihre Taschen, Kindchen", mahnte Mrs. Lagardia.

 

Jessamy hob ihre Einkaufstüten auf, die sie völlig vergessen hatte, und ging langsam zum Lift hinüber. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Watte, sie ging wie zwischen Wolken. Als sie den Lift betrat, schauderte sie ein wenig. Sie fragte sich, ob sie ihn je wieder mit unvoreingenommenen Augen als alltäglichen Gebrauchsgegenstand sehen würde oder ob sie von nun an immer an Mr. Furgan denken würde, wenn sie ihn benutzte.

 

Als sie auf ihrer Etage angekommen war und die Wohnungstür öffnete, kam Sondra ihr schon entgegen, noch im Nachthemd, den Kater auf dem Arm. "Wo hast du bloß die ganze Zeit gesteckt, Sam? Ich habe mir richtig Sorgen gemacht."

 

"Ich habe nur kurz nach der Nivess gesehen", murmelte Jessamy.

 

Sondra sah sie forschend an. "Du bist ja kreideweiß. Ist dein Boot doch kaputt?"

 

"Nein. Die Nivess ist okay, aber ... Mr. Furgan ..."

 

"Oh ... du weißt es also schon", sagte Sondra langsam.

 

"Ja. Ich habe unten ein paar Nachbarn getroffen und die haben es mir erzählt." Jessamy schwieg einen Augenblick lang, dann fragte sie ruhig: "Warum hast du mir nichts davon gesagt, Sondra?"

 

Sondra drückte den Kater so fest an sich, dass er ein protestierendes Maunzen von sich gab. "Ich hätte es dir ja gesagt, Sam, aber ... na ja ... ich wollte dich nicht gleich damit überfallen, als du gestern nach Hause gekommen bist", stammelte  sie. (Jessamy  war  wirklich bewegt. Sondra  war so ... so rücksichtsvoll.) "Und heute morgen warst du ja schon weg, bevor ich aufgestanden bin", fuhr Sondra fort. Sie zögerte ein, zwei Sekunden lang. "Du bist doch nicht böse auf mich, oder?" fragte sie zaghaft.

 

"Nein, natürlich nicht. Ich wollte dir keine Vorwürfe machen, Sondra. Ich hab mich nur ein bisschen gewundert, das ist alles." Jessamy stieß einen kleinen Seufzer aus. "Der arme Mr. Furgan. Das ist ja furchtbar."

 

"Ja, furchtbar", murmelte Sondra.

 

"Wenn ich daran denke, dass er noch quicklebendig war, als ich ihn am Montagmorgen unten  getroffen habe", sagte Jessamy versonnen.

 

Sondra starrte sie an und ihre dunklen Augen hatten denselben Ausdruck tödlich intensiver Konzentration wie der Blick des Katers zwei Sekunden vor einer wilden Attacke auf eine  Spielzeugmaus.  "Du hast ihn noch mal gesehen?"

 

"Ja, aber nur ganz kurz. Wenn ich damals gewusst hätte, dass wir uns zum allerletzten Mal ..."

 

"Hast du mit ihm gesprochen?" fiel Sondra ihr ins Wort.

 

"Ja ... nein ... nicht direkt. Ich hatte es doch so eilig. Eigentlich habe ich ihn gar nicht richtig zu Wort kommen lassen."

 

"Was hat er zu dir gesagt?"

 

Sondras Neugier, die  unter diesen Umständen nicht nur unangebracht, sondern fast schon makaber war,  begann Jessamy ein wenig zu irritieren. Sondra konnte es doch wohl völlig egal sein, ob und worüber Jessamy und Mr. Furgan miteinander gesprochen hatten, oder? "Nicht viel. Er hat sich entschuldigt. Ich glaube, er wollte mir sagen, dass er sich wegen deinem Anruf damals doch geirrt hat, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Aber das spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr. Warum fragst du?"

 

Sondra spielte mit den Pfoten des Katers, der sich versöhnlich schnurrend in ihren Arm schmiegte. "Ach, nur so."

 

"Morgen ist seine Beerdigung. Ich gehe mit ein paar Nachbarn hin. Das bin ich ihm irgendwie schuldig."

 

Sondra warf Jessamy einen schrägen Seitenblick zu. "Du hast ihn wirklich gern gehabt, ja?"

 

"Ja. Er war auf seine Weise wirklich sehr nett. Er wird mir fehlen", erwiderte Jessamy ernst.

 

"Tut mir Leid für dich", sagte Sondra unbeholfen.

 

"Schon gut. Solche Dinge passieren eben. Das  Leben muss trotzdem weitergehen." Eine kleine Pause trat ein, bis Jessamy in einem etwas leichteren Tonfall fortfuhr: "Komm, lass uns in die Küche gehen, damit ich endlich diese Tüten loswerde."

 

Sondra reckte den Hals und spähte neugierig in die Einkaufstaschen hinein. "Was ist denn da drin?"

 

"Frische Risskafladen, Obst,  Kleinkram. Ich habe auf dem Heimweg eingekauft. Heute mache ich das Frühstück. Ich muss mich schließlich für deinen phantastischen Auflauf gestern Abend revanchieren und du bist mir sowieso schon um ein Frühstück voraus."

 

Sondra strahlte. "Toll! Ich liebe Risskafladen!"

 

"Sieh mal einer an, jetzt bin ich wohl unter die Hellseher gegangen", erwiderte Jessamy mit der schwachen Andeutung eines Grinsens.

 

Das Frühstück bereiteten sie schließlich trotz Jessamys Protest zu zweit zu, weil Sondra unbedingt helfen wollte und einfach nicht davon abzubringen war. Während sie gemeinsam alles zusammensuchten, was sie brauchten, Tee kochten  und den Tisch deckten, wurde Sondra, die bis dahin eher still und zurückhaltend gewesen war, zum erstenmal richtig gesprächig, ja beinahe geschwätzig. Sie redete über dieses und jenes, sprang von einem Thema zum anderen, vermied es dabei aber krampfhaft, auch nur ein Wort über Mr. Furgan zu verlieren oder über irgendetwas, das möglicherweise an ihn hätte erinnern können, was Jessamy natürlich bald auffiel. Sondra war offensichtlich rührend bemüht, sie aufzuheitern oder wenigstens auf andere Gedanken zu bringen. Und als sie einander gegenübersaßen und sich Risskafladen, Kilagg's Müsliflocken und andere mehr oder weniger gesundheitsbewusste Leckerbissen schmecken ließen, dachte Jessamy, dass es trotz des Schattens, der so unerwartet über das Shaalizaar Inn gefallen war, schön war, wieder zu Hause zu sein.

 

Und eines stand fest: Mit Sondra als Untermieterin hatte sie das große Los gezogen. Sondra war eine Perle -  in jeder Beziehung!

 

 

Vardiss:

 

"Ah!" Breghala lehnte sich in seinen Schalensessel zurück, seine Falkenaugen glitzerten vor Zufriedenheit. "Mr. Furgan hatte also einen kleinen Unfall. Manche Unfälle sind ja so ... praktisch."

 

Auf diese Idee war Jessamy inzwischen auch schon gekommen, obwohl sie sich immer noch dagegen  sträubte, weil schon der bloße Gedanke allzu unangenehme Schlussfolgerungen und eine siedendheiße Welle von Schuldgefühlen nach sich zog. "Damals habe ich mir überhaupt nichts dabei gedacht, Sir."

 

Breghala beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die blankpolierte Schreibtischplatte, legte sein Kinn auf seine verschränkten Hände und musterte Jessamy nachdenklich. "Natürlich nicht. Aber jetzt denken Sie sich etwas dabei, nicht wahr?"

 

"Ja." Jessamy schwieg einen Augenblick lang, dann sagte sie gepresst: "Ich frage mich jetzt die ganze Zeit, ob Mr. Furgan vielleicht doch Recht hatte, als er behauptet hat, er hätte überhaupt nicht mit Sondra gesprochen. Ich frage mich, ob er mir an diesem Montagmorgen beweisen wollte,  dass er Recht hatte."

 

"Was auch immer er  Ihnen erzählen wollte, sein Tod hat verhindert, dass es dazu kam  und das ist schon ein seltsamer Zufall. Und seltsame Zufälle sind meistens überhaupt keine Zufälle", meinte Breghala. "Wenn Rakosh gelogen hat und Ihre Adresse und die anderen Insider-Informationen aus einer anderen Quelle gekommen sind, dann war Mr. Furgan ein echter Risikofaktor für sie. Er hätte im Handumdrehen ihre ganze Tarnung auffliegen lassen können und sie wusste es  - und das gibt ihr immerhin ein ziemlich gutes Motiv, für Mr. Furgan einen kleinen Unfall zu inszenieren,  nicht wahr? Aber wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen. Weiter, Sorkin.“ Er wartete, aber es kam nichts. Er zog fragend eine Augenbraue hoch. „Das war doch hoffentlich noch nicht alles, Sorkin, oder?“

 

"Nein, nein, das ist noch längst nicht alles. Da ist noch viel mehr", sagte Jessamy. "Aber es ist gar nicht so einfach, alles in die richtige chronologische Reihenfolge zu bringen, sich ganz genau daran zu erinnern, wann was passiert ist. Ist schon eigenartig, was?“  Sie runzelte nachdenklich die Stirn. "Vielleicht liegt es einfach daran, dass es so harmlos angefangen hat. Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten ..."


Ende von Teil 1

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