Dopplereffekt

Teil 2 von 5


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.






Devon:

 

Jessamy nahm den  Sweater mit dem roten Rautenmuster aus dem obersten Regal und war gerade im Begriff, die Schwebetüren ihres Kleiderschrankes wieder zuzuschieben, als sie plötzlich stutzte, mitten in der Bewegung innehielt. Irgendetwas an oder vielmehr in diesem Schrank war anders als sonst. Oh, nichts war durcheinander, nichts war in Unordnung, ganz im Gegenteil - es war zu ordentlich, zu perfekt!

 

Ein wenig verblüfft musterte Jessamy die Stapel in den verschiedenen Schrankfächern, die so gleichmäßig nebeneinander aufgereiht waren und so kerzengerade in die Höhe strebten, als hätte man sie mit einer Wasserwaage ausgerichtet und die Abstände zwischen ihnen mit einem Lineal  auf  den  Millimeter  genau  ausgemessen.  Pullover,  T-Shirts, Unterwäsche ... die einzelnen Stücke waren nicht nur sorgfältig zusammengelegt, wie es sich gehörte, sondern auch noch ganz exakt aufeinander aufgeschichtet, Kante auf Kante, Saum auf Saum, mit der unerbittlichen  Präzision  eines Haushaltsdroiden. Und  das  war noch längst nicht alles ... Sie ließ sich im Schneidersitz auf ihrem  Bett nieder, um dieses Mirakel aus sicherer Entfernung zu bestaunen.

 

Jessamy kannte viele junge Offiziere -  nicht nur Kollegen von der Warbride -, die dazu neigten, dem Leben mit einer gewissen Nonchalance gegenüberzutreten, sobald man ihnen dazu Gelegenheit gab. Dies äußerte sich meistens in möglichst hedonistischen oder betont unkonventionellen   Freizeitaktivitäten  - manchmal aber auch darin, dass sie in ihren eigenen vier Wänden, wo sie niemandem Rechenschaft über ihr Tun und Lassen schuldig waren, die Dinge ganz gerne ein wenig lockerer angehen ließen. Und wer konnte ihnen das verdenken? Schließlich verbrachten sie einen ziemlich großen Teil ihres Daseins unter den Argusaugen von strengen  Vorgesetzten, die selbst korrekt bis ins Knochenmark und daher oft extrem anspruchsvoll waren, wenn es um Leistung und Disziplin ihrer Untergebenen ging. Als Ausgleich dafür musste offenbar eine Art Ventil aus kreativer Unordnung geschaffen werden, was bei besonders unbekümmerten Zeitgenossen schnell in ein fröhliches Chaos ausarten konnte.

 

Kaye Drumheller, die sich immer wieder als überzeugte Freizeitanarchistin outete und in ihren Sternstunden dazu in der Lage war, wie ein Tornado durch ein Zimmer zu wirbeln und  innerhalb von Minuten das Unterste  zuoberst zu kehren,  war ein gutes Beispiel für diese Laisser-faire-Haltung, die nach einer formlosen Ungezwungenheit strebte, die Berufssoldaten sich grundsätzlich nur in ihren sparsam bemessenen Mußestunden leisten konnten. Kaye pflegte immer zu sagen: "Wenn ich nicht mal zu Hause so richtig abschalten und die Seele baumeln lassen kann ... na, wo dann?" Und auf irgendeiner Ebene hatte sie damit sogar Recht.

 

Was Jessamy anging, so entsprach ihr ziemlich stark ausgeprägter Sinn für Ordnung einer natürlichen Veranlagung, die durch ihre Arbeit noch gefördert worden war und sich daher auch in ihrem Privatleben widerspiegelte. Aber glücklicherweise war sie nur eine Perfektionistin und keine Pedantin, wie Kaye oft lachend erklärte, wenn sie Jessamy wegen ihrem "Fimmel" aufzog. Und tatsächlich hatte es trotz all der Akkuratesse, die tief im Kern von Jessamys Wesen verwurzelt war, nur eine einzige kurze Phase in ihrem Leben gegeben, in der sie sich dazu gezwungen gesehen hatte, ihr Hab und Gut so ... penibel aufzuräumen, wie sie es hier und jetzt in ihrem Kleiderschrank vorfand. Dieser einmalige Präzedenzfall hatte sich während ihrer Ausbildung an der Militärakademie ereignet, nachdem ein Sergeant namens Pinnbec, der für die regelmäßige Inspektion der Kadettenquartiere zuständig gewesen war, Jessamys Spind fünfmal hintereinander komplett ausgeräumt und seinen ganzen Inhalt quer über den Boden verstreut hatte, um sie für ihre angebliche Schlamperei zu bestrafen, was natürlich nichts anderes als  reine Schikane gewesen war.

 

Jessamy  lächelte vor sich hin, als ihre Gedanken in die  Vergangenheit  zurückschweiften. Natürlich hatte sich Pinnbec - ein Schleifer wie aus einem Handbuch für Möchtegern-Sadisten und damit der personifizierte Alptraum jedes Kadetten - allgemeiner Unbeliebtheit erfreut. Jessamy und ihre Leidensgenossen hatten angesichts der sinnlosen Tyrannei, der sie Tag für Tag ausgesetzt waren, alle möglichen  Rachepläne ausgeheckt, bis irgendjemand irgendwann einen echten Geistesblitz produziert und den Vorschlag gemacht hatte, einfach zwei paarungsbereite arionische Stinklurche im Quartier ihres Peinigers freizulassen - eine Idee, die  sofort stürmische Heiterkeitsausbrüche unter den Verschwörern ausgelöst hatte und daher mit heller Begeisterung aufgegriffen worden war.

 

Die "Operation Pinnbec" war mit einem strategischen Kalkül, das den Taktiklehrer dieser hoffnungsvollen Offiziersanwärter-Klasse bestimmt mit Stolz erfüllt hätte, hätte er je davon erfahren,  geplant und  in einer Aufsehen erregenden Nacht-und-Nebel-Aktion in die Tat umgesetzt worden. Und natürlich hatte sie sich als durchschlagender Erfolg erwiesen: Die reichlich abgesonderten Drüsensekrete der Stinklurche, die der großen, glücklichen und artenreichen Familie der Amphibien angehörten, verbreiteten ein unbeschreiblich intensives Aroma, das sich noch wochenlang an dem gesamten lebenden und toten Inventar von Pinnbecs Quartier gehalten und   jedem, der auch nur in seine Nähe gekommen war, prompt die Tränen in die Augen getrieben hatte.

 

Darüber hinaus hatten die lieben Tierchen offenbar auch ziemlich aggressiv auf die wilden Verfolgungsjagden, brutalen Mordversuche und ähnlich rabiaten Störungen ihrer Balzrituale reagiert: Ein anderer Ausbilder, der das Pech hatte, Pinnbecs Zimmernachbar zu sein, war durch lautes Gepolter und noch lautere Flüche aus seinem wohlverdienten Schlaf gerissen und auf diese Weise Ohrenzeuge der gewalttätigen mitternächtlichen Konfrontation zwischen Mensch und Natur geworden. Außerdem war es am nächsten Tag nicht zu übersehen gewesen, dass Pinnbecs sonst so forscher Marschschritt durch ein leichtes Humpeln beeinträchtigt wurde - ein weiterer Beweis dafür, dass die Stinklurche nicht nur ihre scharfkantigen Rückenkämme, sondern auch ihre gefährlich gezackten Beißerchen energisch zu ihrer Verteidigung eingesetzt hatten.

 

Übrigens hatte Pinnbec später irgendwie herausgefunden, wer für diesen Anschlag verantwortlich war, obwohl die ganze Aktion unter dem Siegel der Verschwiegenheit organisiert und durchgeführt worden war. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten Jessamy und ihre Komplizen schon mit ihrem Examen und dem damit verbundenen Prüfungsstress gekämpft. Und noch bevor Pinnbec dazu gekommen war, Vergeltungsmaßnahmen gegen die Attentäter einzuleiten, hatten sie alle ihr Offizierspatent und ihre Abkommandierung in den aktiven Dienst in der Hand. Sie verließen die Akademie als strahlende Sieger und räumten das Schlachtfeld in dem triumphalen Bewusstsein, dass ihr Feind geschlagen, gedemütigt und ohne die leiseste Hoffnung auf Revanche zurückblieb. Die Erinnerung an diesen glorreichen Augenblick zauberte ein breites spitzbübisches Grinsen auf Jessamys Gesicht. Das waren noch Zeiten! dachte sie mit einem Hauch von Nostalgie. Ein wenig widerstrebend schloss sie ihre Reminiszenzen ab und kehrte in die Gegenwart zurück.

 

Ja, Pinnbec hatte ihr damals ganz schön zu schaffen gemacht - aber nicht einmal er hätte sie dazu gebracht, ihre Sachen nach Farben zu sortieren. Oder vielleicht doch? Jessamy schüttelte den Kopf, als sie den Inhalt ihres Schrankes noch einmal genauer in Augenschein nahm. Die auf Drahtbügel aufgehängten Kleider waren natürlich immer in zwei Reihen aufgeteilt – Oberteile links, Unterteile rechts –, aber Jessamy konnte sich nicht daran erinnern,  das kurzärmlige Lacozz-Sporthemd  jemals direkt neben der edlen Seidenbluse mit der Doppelreihe aus zierlichen goldenen Schmuckknöpfen platziert zu haben, nur weil die  beiden Stücke rein zufällig das gleiche aparte  Bernsteingelb aufwiesen. Und was hatte die zu einem fahlen Blau  verblasste Nietenhose, die  schon so abgetragen war, dass Jessamy sie nur noch zum Segeln trug  und  demnächst endgültig ausrangieren wollte, ausgerechnet neben der todschicken nagelneuen Schlaghose mit ihren samtig schimmernden Flockprintmustern in tiefen leuchtenden Azur- und Indigotönen zu suchen? Und hatte sich Jessamy beim letzten Wegräumen  eines ganzen Schwungs frisch gewaschener Slips  und Unterhemden wirklich die Mühe gemacht,  die weißen  Garnituren fein säuberlich von den bunten zu trennen? Nein ... jedenfalls nicht bewusst.

 

Aber das ließ nur zwei Möglichkeiten offen: Entweder hatte sie irgendwann in einer Art Trance ihre ganze Garderobe umsortiert oder ... Oder es war Sondra! Der bloße Gedanke kerbte eine steile Falte zwischen Jessamys Augenbrauen. Dass sie ihre Wohnung mit einer Untermieterin teilte, hieß noch lange nicht, dass sie dazu bereit war, ihre Intimsphäre aufzugeben. Es gab ganz persönliche Grenzen, die respektiert werden mussten, Grenzen, deren Überschreitung sie nicht dulden konnte und auch nicht dulden würde.

 

Natürlich würde sie wegen so einer Lappalie keinen Streit vom Zaun brechen, aber diese Angelegenheit musste ausdiskutiert werden. Oder vielleicht doch nicht? Wie sollte  sie dieses heikle Thema überhaupt zur Sprache bringen? Sollte sie Sondra einfach damit konfrontieren, es ihr auf den Kopf zusagen? Sie waren bis jetzt immer so gut  miteinander ausgekommen - zu schade, wenn sich daran etwas ändern würde. Sondra war so unsicher, so verletzbar. Wenn Jessamy sie jetzt aus heiterem Himmel heraus wegen dieser doch etwas peinlichen Sache zur Rede stellte, würde Sondra wahrscheinlich buchstäblich im Erdboden versinken vor Verlegenheit. Sie würde sich vielleicht sogar so sehr schämen, dass sie  gleich ihre Siebensachen packte und  auf und davon lief - ein Risiko, das Jessamy auf  gar keinen Fall eingehen wollte.

 

Jessamy stieß einen kleinen Seufzer aus. Sondra war ganz anders als Kaye - in jeder Beziehung. Mit Kaye hätte sie  ganz offen über dieses Problem reden können. Aber mit Kaye wäre es  ja auch gar nicht erst dazu gekommen. Kaye wäre garantiert nie auf die Idee verfallen, in Jessamys Schlafzimmer herumzustöbern ... Kaye, die so offen war wie eine aufgeklappte Muschel und so treu wie Gold ... Kaye, die sich seltsamerweise schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gemeldet hatte und auch  gar nicht mehr auf  Jessamys  Anrufe  oder  sonstige Kontaktversuche reagierte, was noch viel seltsamer war ...

 

Wie auf Stichwort ertönte im Flur ein Klingeln, das sich für Jessamy anhörte wie eine Symphonie aus Sphärenklängen - wenn sie je einen ausführlichen Gedankenaustausch mit einem wahren Bollwerk aus Freimütigkeit und Geradlinigkeit gebraucht hatte, dann jetzt! „Ein Hoch auf die weibliche Intuition!“ sang sie vor sich hin, als sie  einen Spurt in Richtung Kom einlegte. 

 

 

 

Doch es war gar nicht Kaye Drumheller, die nach einer viel zu langen Sendepause endlich mal wieder den Wunsch verspürt hatte, ein Lebenszeichen von sich zu geben.  Es war auch niemand sonst von Jessamys Freunden - jedenfalls hoffte sie das, denn sie legte nicht den allergeringsten Wert auf anonyme Anrufer in ihrem Bekanntenkreis. Halb verärgert, halb ratlos starrte sie auf den Kom-Monitor, der schwarz  blieb  wie immer, wenn der große Unbekannte anrief, was neuerdings ziemlich oft vorkam. Wahrscheinlich bestand  sein ganzer Lebensinhalt darin, jeden Tag bei ihr und vermutlich noch bei einem Dutzend anderer Frauen anzurufen, ihnen zwei- oder dreimal laut ins Ohr hineinzuatmen und dann einfach die Aus-Taste zu betätigen. Denn das war alles, was Mr. X je tat. Er sprach nie, er sagte kein einziges Wort, nicht einmal.  Da war nichts als dieses  absolute Schweigen,  nachdem Jessamy sich gemeldet hatte, eine beinahe hypnotische Stille, die sie so in ihren Bann zog, dass sie unwillkürlich regungslos stehen blieb und  auf die unvermeidlichen Atemzüge lauschte, bis das charakteristische elektronische Knacken in der Leitung kam, mit dem die Verbindung abriss. Jessamy wusste selbst nicht genau warum, aber aus irgendeinem Grund  beunruhigte sie dieses beharrliche Schweigen mehr,  als es bei dem üblichen Schwall von Obszönitäten der Fall gewesen wäre, den man normalerweise von  solchen Leuten zu hören bekam - falls man bei diesen Freaks überhaupt noch von so etwas wie Normalität sprechen konnte. 

 

Sie spielte schon seit einer  Weile  mit dem Gedanken,  eine Fangschaltung installieren zu lassen - sie gehörte nicht zu den Frauen, die es widerstandslos hinnahmen, dass irgendjemand seine sexuellen Obsessionen oder Frustrationen oder was auch immer an ihnen abreagierte. Aber bis jetzt hatte sie darauf verzichtet, weil Sondra diese Maßnahme für zu drastisch hielt. Sondras Meinung nach war Mr.  X  nämlich völlig harmlos - ein bisschen unheimlich, ja, aber harmlos. Doch konnte man sich bei Sondra überhaupt noch auf Objektivität verlassen, wenn es um die Beurteilung von  merkwürdigen Verhaltensweisen ging? Konnte man sich heutzutage überhaupt noch auf irgendetwas verlassen? Spleenige Untermieterinnen, die ihre Nasen in Dinge hineinsteckten, die sie absolut nichts angingen, verrückte Männer, die alleinstehende Frauen mit sonderbaren Anrufen terrorisierten - was kam als nächstes?

 

Leicht gereizt kehrte Jessamy in ihr Schlafzimmer zurück - gerade noch rechtzeitig genug, um   den  Kater zu verscheuchen, der den immer noch offenstehenden Kleiderschrank als eindeutige Einladung interpretiert hatte und nach einer kurzen Forschungsexpedition in all die neuen geheimnisvollen Winkel und Nischen gerade im Begriff war,  ein bodenlanges Abendkleid auf seine Tauglichkeit als Schmusedecke zu untersuchen. Jessamy schloss die verlockenden Schwebetüren mit einem aggressiven kleinen Knall,  verjagte den enttäuschten Kater auch noch von ihrem  Sweater, den sie vorhin unvorsichtigerweise einfach auf den Boden hatte fallen lassen, und hob das jetzt leicht mit Katzenhaaren verunzierte Stück auf, um endlich hineinzuschlüpfen. Sie  kämpfte gerade darum, ihren Kopf durch den ziemlich engen Halsausschnitt zu zwängen und gleichzeitig ihre linke Hand aus einem völlig  verhedderten Ärmel zu befreien, als  es schon wieder klingelte. Dieses Mal war es die  Tür.

 

Jessamy fluchte, brachte das widerspenstige letzte Stück ihres Outfits nur unter roher Kraftentfaltung in die vorgesehene Position  und stürmte hinaus,  nur allzu bereit, einen akuten Anfall von schlechter Laune an jedem Störenfried auszulassen, der jetzt das Pech hatte, sich als geeigneter Blitzableiter zu präsentieren. Der Kater, der interessante Ereignisse vorausahnte, schoss hinter ihr her wie ein abgefeuerter Protonentorpedo hinter einem feindlichen Schiff, holte sie dank seiner vierbeinigen Überlegenheit in der nächsten Kurve ein und geriet dabei prompt auf Kollisionskurs mit ihren Füßen. Jessamy, die nicht mit dem plötzlichen  Auftauchen eines lebenden Stolpersteines gerechnet hatte, stieß im Fallen eine Bodenvase um, die unter einer dekorativen Tarnung aus bunten Bimbassa-Gräsern mit allem möglichen Krimskrams gefüllt war, und landete unter erstaunlich großem Lärmaufwand zwischen einem Sammelsurium aus zerknautschten Mini-Regenschirmen, Schuhlöffeln, zerfledderten Fell-O-Plastbällen und Recyclingtüten auf ihrem Teppich. Laut schimpfend raffte sie sich wieder auf und untersuchte flüchtig sämtliche in Mitleidenschaft gezogenen Körperteile, bevor sie wutentbrannt die letzten Schritte  zur Tür hinüberhinkte, die sie schließlich so heftig aufriss, dass der hochaufgeschossene rothaarige junge Mann, der inzwischen  vor Neugier fast verging und sich angestrengt lauschend an die mit Intarsien verzierte Echtholzfüllung geschmiegt hatte, seinerseits das Gleichgewicht verlor und ihr beinahe in die Arme fiel.

 

„Wow! Das ist aber eine stürmische Begrüßung!“ lachte er ein wenig atemlos, als er wieder halbwegs sicher  in der Senkrechten stand.

 

„Zev!“ rief Jessamy und fiel ihrem Besucher spontan um den Hals, eine Umarmung, die ebenso spontan erwidert wurde, was die allgemeine Wiedersehensfreude noch um eine Zehnerpotenz steigerte und alle im Entstehen begriffenen blauen Flecken und andere Unannehmlichkeiten sofort in Vergessenheit geraten ließ - zumindest vorläufig. „Seit wann bist du wieder hier  in Delamere? Warum hast du so lange nichts von dir hören lassen? Weißt du eigentlich, dass ich furchtbar böse auf dich bin?“ sprudelte sie heraus, während sie ihren Gast durch den neuen Hindernisparcours im Flur lotste und ihn in die Küche dirigierte, wo sie beide dankbar auf den  nächstbesten Stuhl sanken.

 

„Ach, deshalb musste ich beinahe vor dir auf die Knie fallen. Ich bitte vielmals um Entschuldigung! Reicht das oder muss ich mich doch noch voller Demut auf den Boden werfen?“  sagte Zev Gilfoy augenzwinkernd.

 

Jessamy lachte. „Also wenn du mich schon so fragst ... Ich mag es irgendwie ganz gerne, wenn Männer vor mir niederknien“, neckte sie.

 

„Das glaube ich dir sofort“, erwiderte Zev trocken. „Aber mal ganz im Ernst, Sam, es ist nicht gerade leicht, mit dir in Kontakt zu bleiben - vor allem, wenn man genauso viel unterwegs ist wie du.

 

Ich war die letzten drei Monate mit Dad auf Ceras 4. Wir hatten  einen Großauftrag von  einem unserer wichtigsten Kunden, eine neue Konservenfabrik mit allem, was dazu gehört. Wir waren ziemlich unter Zeitdruck, weil das ganze Ding schon vor der nächsten Erntesaison fertig sein sollte und dann auch noch die üblichen Probleme. Dieses ganze Theater um Genehmigungen hier und Bestimmungen da kann einen wirklich fast wahnsinnig machen und dann auch noch diese ständigen Lieferschwierigkeiten. Ich meine, tonnenweise Obst und Gemüse möglichst schnell einzudosen, damit das Zeug nicht verrottet, sollte auf einem Planeten, dessen ganze Wirtschaft mit dem Export von Lebensmitteln steht und fällt, ja wohl mindestens genauso wichtig sein wie ein neuer Bürokomplex für irgendeine Behörde, die sowieso niemand will oder braucht. Aber versuch das mal einer Horde von verbohrten Erbsenzählern beizubringen!  Diese Papiertiger von der Administration sind scheinbar der Meinung, dass Regierungsprojekte ruhig die ganze Baumaterialzuteilung einkassieren können -  der Rest der Welt kann ja unter freiem Himmel hausen und arbeiten! Die denken wohl, wenn sie mit ihrem eigenen Hintern schön warm und trocken sitzen, macht es nichts, wenn alle anderen buchstäblich im Regen stehen!“ 

 

Zev legte eine kleine Atempause ein - vielleicht meditierte er auch ein wenig  über die  ziemlich eingleisige Weltsicht des typischen imperialen Beamten - bevor er  etwas ruhiger fortfuhr:  „Na ja, jedenfalls  waren wir den ganzen Tag auf Achse und ich war abends  immer fix und fertig. Trotzdem habe ich mir wenigstens ab und zu mal die Mühe gemacht, bei dir anzurufen,  aber es war entweder ewig besetzt oder es ging nie jemand ran. Also wirklich, Sam,  der Imperator ist  leichter an die Strippe zu kriegen als du.“

 

 

 

„Ziemlich unwahrscheinlich, aber wer weiß? Du kannst es ja mal versuchen.“  Jessamys Schmunzeln ging beinahe nahtlos in ein Stirnrunzeln über. „Aber dass du nie durchgekommen  bist, verstehe ich irgendwie nicht ganz, Zev. Ich  kann mir nicht vorstellen, dass Sondra abends die Leitung mit Dauergesprächen blockiert. Dafür ist sie gar nicht der Typ. Und dass sie es einfach klingeln lässt ... na, ich weiß auch nicht. Sie könnte ja wenigstens die Mailbox einschalten, wenn sie schon keine Lust hat, ranzugehen. Ob sie Probleme mit dem Teil hat? Gesagt hat sie jedenfalls nichts davon.“

 

„Wer ist Sondra?“

 

„Ach, davon weißt du ja noch gar nichts ...“ Und Jessamy ging dazu über, Zev auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Als sie damit fertig war, merkte sie, dass sein schmales Gesicht sich ein wenig umwölkt hatte. Seine leuchtend grünen Augen verdunkelten sich, als er die Brauen zusammenzog,  und das Band aus Sommersprossen, das sich quer über den Rücken seiner langen Nase spannte, kräuselte sich, als er einen kleinen Flunsch zog. „Was ist?“

 

„Dass das aber auch ausgerechnet dann passieren musste, als ich weg  war -  so ein Pech!“ klagte Zev.

 

„Wieso?“

 

 „Na ja, wenn ich da gewesen wäre ...“ Zev zögerte einen Augenblick lang und zeichnete mit dem Zeigefinger die Maserung der Tischplatte nach. „Wenn ich hier auf Devon gewesen wäre“, sagte er leise und ohne Jessamy anzusehen, „dann hättest du ja vielleicht erstmal mich fragen können, ob ich bei dir einziehen will, statt dir irgendjemanden einzuquartieren.“

 

Jessamy war  verblüfft und ein ganz klein wenig verwirrt. Diese Möglichkeit war ihr nie in den Sinn gekommen. Warum eigentlich nicht? Sie starrte Zev an, der immer noch konzentriert auf die Tischplatte hinunterblickte, scheinbar völlig fasziniert von den spiralförmigen Kringeln in dem hellen Kifarholz, während sein Gesicht und seine Ohren langsam eine Farbe annahmen, die durchaus mit dem feurigen Rot seiner Haare konkurrieren konnte, was Jessamy vollkommen verstand - sie fühlte selbst gerade eine prickelnde Wärme, die langsam über ihre Wangen aufwärts kroch und sich in Richtung Stirn ausbreitete.

 

„Tut mir Leid, Zev“, hauchte sie schließlich verlegen. „Daran habe ich irgendwie gar nicht gedacht.

Ich wusste ja nicht, dass du ...  Wenn du mir nur früher gesagt hättest ... Ich meine, immerhin haben wir noch nie richtig darüber geredet, ob wir vielleicht ...“ Sie brach ab.

 

„Na ja, was nicht ist, kann ja noch werden, oder?“  Zevs Stimme war um eine Oktave abgerutscht und hatte plötzlich einen samtig-heiseren Beiklang, der sofort Schmetterlinge durch Jessamys Magen flattern ließ. 

 

Da sie beim besten Willen nicht wusste, was sie darauf antworten sollte, flüchtete sie in ein Ablenkungsmanöver und rief nach dem Kater, der sie natürlich vollkommen ignorierte. Er  hatte gerade seine Fell-O-Plastbälle wiederentdeckt und war jetzt vollauf damit beschäftigt, seine verschütteten Raubtierinstinkte auszuleben,  indem er eine der elastischen und mit bunten Kunstpelzfasern überzogenen Kugeln  mit heftigen Prankenhieben kreuz und quer durch den Flur scheuchte, fauchend und maunzend wie besessen und ganz außer sich vor Eifer und Mordgelüsten.  (Um seinem Bedürfnis nach katzengerechter Action gerecht zu werden, ließ Jessamy jedes Mal, wenn er das Interesse an einem vielbenutzten Spielzeug verlor,  das Teil für eine Zeitlang in der Versenkung verschwinden und  ersetzte es einfach durch irgendein Vorgängermodell, das von ihrer Samtpfote immer wieder so enthusiastisch in Empfang genommen wurde, als wäre es brandneu. So sorgte sie für ständige Abwechslung und verhinderte gleichzeitig, dass der Kater aus purer Langeweile damit anfing, ihre Möbel oder sie selbst mit seinen Krallen zu tätowieren oder sich ähnlich unterhaltsame Härtetests für seinen Menschen und seine Umwelt auszudenken.) Er hörte sich vielleicht nicht ganz so wild und gefährlich an wie ein  ausgehungerter Pardeg, der  gerade eine  Antilope in die Ewigen Jagdgründe beförderte, aber es bestand nicht der leiseste Zweifel daran, dass er sich genau so fühlte und es daher momentan vorzog, nicht an seine Haus- und Kuscheltierexistenz erinnert zu werden.

 

Von dieser Seite her war also vorläufig keine Hilfe zu erwarten und wer weiß, zu welchen Erkenntnissen, Geständnissen oder Gefühlsausbrüchen es noch gekommen wäre, wenn nicht ausgerechnet in diesem Augenblick Sondra erschienen  wäre wie eine Statistin in der  Kuss-Szene einer Holovid-Schnulze.  Jessamy war erleichtert - sie brauchte ein bisschen Zeit, um über die unerwarteten, wenn auch keineswegs unwillkommenen Entwicklungen nachzudenken -,  aber Zev war gar nicht glücklich über diese Unterbrechung und deshalb fiel die obligatorische Begrüßungszeremonie ein klein wenig kühler aus, als es unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre.

 

Auch Sondra floss nicht gerade über vor Begeisterung, als sie dem Gast vorgestellt wurde, was wohl an ihrer fast schon manischen Schüchternheit lag - vielleicht war sie einfach überfordert, wenn sie plötzlich mit einem wildfremden Menschen konfrontiert wurde. Auf jeden Fall murmelte sie sofort etwas von grässlichen Kopfschmerzen nach einem absolut grauenhaften Tag im Büro  und war gerade im Begriff, sich fluchtartig in ihr Zimmer zurückziehen, als Jessamy sich einschaltete.

 

„Bleib doch noch ein bisschen hier. Ich mache uns gleich eine Tasse Tee und etwas zu essen, das wird dir bestimmt gut tun, du wirst sehen.“

 

„Ach, ich weiß nicht“, sagte Sondra mit einem scheuen Seitenblick auf Zev.

 

Mitleid und Zuneigung brandeten wie eine warme Welle über Jessamy hinweg. Natürlich hatte Sondra, hypersensibel wie sie nun einmal war, sofort gemerkt, dass eine gewisse Spannung in der Luft lag wie ein unsichtbares Energiefeld, und  fühlte  sich jetzt  als fünftes Rad am Wagen, woran Zev nicht ganz unschuldig war. Arme Sondra! Sie war so ängstlich darauf bedacht, nur ja niemandem im Weg zu sein, dass sie sich lieber unter irgendeinem Vorwand in ihrem Schneckenhaus verkroch, als das Risiko einzugehen, durch ihre bloße Anwesenheit zum Störfaktor zu werden.

 

„Jetzt setz dich schon hin“, sagte Jessamy mit einer freundlichen Bestimmtheit, die erfahrungsgemäß jeden weiteren Widerspruch im Keim erstickte. (Den Hebel der Autorität setzte sie  am liebsten so behutsam wie möglich ein und der Erfolg gab ihr zumindest auf der Warbride immer Recht. Dort hatte man schon hartgesottene Sturmtruppensoldaten und als aufmüpfig verschriene Techniker-Crews vor dieser sorgfältig dosierten Mischung aus Verbindlichkeit und sanftem Druck die Waffen strecken und ohne Gemurre oder demonstrativen Bummelstreik lammfromm eine Extraschicht nach der anderen schieben sehen. Es kam nur selten vor - zum Beispiel bei so unerfreulichen Zeitgenossen wie Gleb Botkin -, dass Jessamy sich dazu gezwungen sah, den vor ihr bevorzugten milden Befehlston  mit einer schärferen und  entsprechend  durchsetzungsfähigeren Note zu versehen.)

 

Sondra  ließ sich prompt fügsam auf dem Stuhl nieder, der am weitesten von Zevs Sitzplatz entfernt war, blieb aber während des Smalltalks, der sich nun entfaltete, mucksmäuschenstill. Sie sah die ganze Zeit über starr geradeaus, Zev ihr Profil zukehrend, als hätte sie Angst, er könnte sie anspringen, wenn sie es ihm leichtsinnigerweise gestattete, sie ganz direkt anzusehen. Jessamy, die aus den verschiedensten Gründen nach einem harmlosen unverfänglichen Thema lechzte, das alle Anwesenden in die Unterhaltung einbezog, widerstand tapfer der Versuchung, mit Zev ausschließlich über ihre gemeinsame Clique zu schwatzen, und begann über aktuelle Tagesgeschehnisse zu reden, während sie schnell einen etwas zusammengewürfelten, aber dafür  einladend bunten Imbiss herrichtete.

 

„... und Begriel hat extra seine Jahres-Tournee unterbrochen und Yaksonn soll sogar einen Auftritt in der Corellia-Live-Gala abgesagt haben, nur um rechtzeitig für das Benefizkonzert hier auf Devon sein zu können“, erzählte sie, als sie sich wieder zu den anderen setzte.

 

„Ach verdammt, hätten sie das nicht ein bisschen früher an die Presse geben können? Dann hätten wir wenigstens noch eine Chance gehabt, an Karten heranzukommen. Jetzt ist es natürlich hoffnungslos. Es heißt, das Metropolis-Stadion war innerhalb von zwei Stunden völlig ausverkauft. Und warum auch nicht? Es ist immerhin das Event. Na ja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“,  seufzte Zev mit einem wehmütigen Blick auf Jessamy,  die sehr wohl gemerkt hatte, dass er nicht nur auf das ihm entgangene Konzert anspielte. 

 

Sondra musste sichtlich ihren ganzen Mut zusammennehmen, um sich der beinahe lebensgefährlichen Aufgabe zu  stellen, der Abwechslung  halber den Mund aufzumachen, um auch mal etwas zu dem Gespräch beizutragen, statt nur ein weiteres halbes Dutzend  Silvarzwiebeln auf einmal hinein zu stopfen. „Wirklich schade, nicht?“

 

Niemand hätte behaupten können, dass ihr Einwurf die geistreichste Äußerung aller Zeiten war, aber Jessamy fand trotzdem, dass Zevs Antwort ruhig ein klein wenig entgegenkommender und vor allem sehr viel weniger herablassend hätte ausfallen dürfen.

 

„Schade?! Na, das nenne ich die Untertreibung des Jahres. Das ist viel mehr als nur schade, Mädchen, das ist eine echte Tragödie! Begriel  und Yaksonn  zusammen auf  einem  Fleck ... das ist wie eine  Supernova! Absolut phantastisch und absolut einzigartig! So eine Gelegenheit zu verpassen ... das ist doch der blanke Horror für jeden echten Redrox-Fan!“ Zevs Gesicht legte sich in kummervolle Falten, was so drollig aussah, dass Jessamy trotz allem ein Grinsen nicht ganz unterdrücken konnte.

 

Aber Sondra machte große verständnislose Augen. „Warum? Sind die beiden denn so berühmt?“

 

So viel Naivität ging weit über Zevs Schmerzgrenze hinaus. „Berühmt?! Wir reden hier von Pitar Begriel  und Mikhall Yaksonn, Mädchen - nur Gott ist noch berühmter!  Was ist bloß los mit dir? Man könnte meinen, du hättest noch nie von ihnen gehört.“

 

„Also wenn ich ehrlich sein soll ...“ Sondra ließ den unvollendeten Satz in der Luft hängen und biss sich auf die Lippen, als hätte sie ihre Worte am liebsten zurückgeholt und wieder heruntergeschluckt, aber es war schon zu spät.

 

Hätte sie gestanden, eine Analphabetin zu sein, Zev hätte sie nicht ungläubiger oder entsetzter anstarren können, als er es jetzt tat. Ein bodenlos tiefer Abgrund aus musikalischer Ignoranz oder ganz allgemeiner Ahnungslosigkeit tat sich hier direkt vor seiner sommersprossigen Nase auf, eine unbegreifliche Bildungslücke von geradezu kosmischen Ausmaßen! Er war wirklich erschüttert.

 

„Um Himmels willen ... das kann doch wohl nicht wahr sein!“  Er umklammerte haltsuchend den Griff seiner Gabel, auf deren Zinken ein Käsewürfel aufgespießt war, was  beinahe so aussah, als hielte er ein Ausrufungszeichen in der Hand, um seinen Worten durch ein sichtbares Symbol noch mehr Nachdruck zu verleihen, als es allein durch seinen Tonfall möglich gewesen wäre. „Sondra, es gibt keine Top-Tausend-Charts ohne irgendeinen Song von den beiden ganz oben an der Spitze,  keinen Holokanal ohne Werbung für ihre neuesten CDs, keine Zeitung ohne Klatschspalten-Schlagzeilen über Begriels ewige Hochzeiten und Scheidungen und die vielen kleinen Affären dazwischen oder Yaksonns endlose Prozesse wegen Steuerhinterziehung oder Zensurverletzung oder was weiß ich. Wo hast du bloß die letzten paar Jahre gelebt, Mädchen? Unter einer Glasglocke? In einer unterirdischen Höhle? Auf einem einsamen Asteroiden in der Randzone?“

 

Sondra wurde erst schneeweiß und dann feuerrot. Jessamy seufzte innerlich. Die Bekanntschaft zwischen ihrer neuesten Mitbewohnerin und ihrem ältesten Freund stand unter keinem guten Stern, soviel stand fest. Warum musste Zev, der sonst immer der Inbegriff von Charme und guter Laune  war, ausgerechnet Sondra gegenüber so schroff,  ja beinahe aggressiv sein, dass sich jede Bemerkung, die man ohne weiteres als Witz hätte abtun können, wäre sie nur in einem entsprechend  humorvollen Tonfall vorgebracht worden, wie eine persönliche Beleidigung anhörte?  Und warum musste Sondra so eine Mimose sein und auf alles, was auch nur ansatzweise nach Kritik klang, reagieren, als würde man sie für eine öffentliche Auspeitschung an einen Pranger ketten, so dass praktisch aus jedem offenen Wort, das man zu ihr sagte, sofort eine  emotionale Hinrichtung wurde?

 

Sondra schlug vor Zevs inquisitorischem Blick die Augen nieder, als könnte sie ihn keine Sekunde länger ertragen.  „Na ja, in manchen Dingen bin ich wohl ein bisschen hinter dem Mond. Und mit Redrox und diesen ganzen anderen modernen Richtungen kenne ich mich schon gar nicht aus“, stammelte sie. „Ich bin eben eher der stille klassische Typ. Ich stehe mehr auf Livvadia und Tarzom und solche Sachen ... Okay, Tarzom ist nicht gerade meine Nummer  eins“, verbesserte sie sich hastig, als  Jessamys Mundwinkel unwillkürlich nach unten rutschten.  „In letzter Zeit mache ich mir gar nicht mehr so viel aus ihm.“

 

„Na, Gott sei Dank“, murmelte Jessamy - sie hatte schon vor längerer Zeit eine persönliche Abneigung gegen diesen Komponisten  entwickelt, vor allem gegen seine Cimbarolostücke, die sie  inzwischen für eine antike Form der akustischen Folter hielt. (Ein unvermeidlicher Nebeneffekt all der zähflüssigen Lektionen, die ganze Scharen von lustlosen Wunderkindern Tag für Tag unter Madame Roziankos inspirierter, aber scheinbar nicht besonders inspirierender Fittiche erdulden mussten - und Jessamy mit ihnen.)

 

„Eigentlich habe ich mir nie besonders viel aus ihm gemacht, wirklich nicht“, beteuerte Sondra  eifrig, ja, beinahe ängstlich. Es fehlte nicht mehr viel  und sie hätte hoch und heilig geschworen, Samadéu Tarzom und seine gesammelten Werke aus tiefster Seele zu hassen.

 

Doch auch ohne dieses überdeutliche Signal willenloser Anpassungsbereitschaft war der Bogen jetzt eindeutig überspannt. Vielleicht lag es daran, dass Jessamy Tag für Tag dem unwiderstehlichen Sog militärischen Herdentriebs und absoluten Kadavergehorsams ausgesetzt war und daher schon aus Prinzip großen Wert auf Meinungsfreiheit und vor allem freie Meinungsäußerung legte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass aus Unsicherheit geborene Unterwürfigkeit irgendwann jedem, der ständig damit konfrontiert wurde, auf die Nerven ging. Auf jeden Fall strapazierte Sondras an Selbstverleugnung grenzender 180-Grad-Schwenk Jessamys Toleranz in diesem Augenblick ein klein wenig mehr, als sie zu erdulden bereit war. 

 

„Ist ja gut!“ rief sie ungeduldig, bereute ihren kleinen Ausbruch aber sofort wieder, als sie Sondras bestürzten Gesichtsausdruck sah. Sehr viel  milder fuhr sie fort: „Es ist ganz allein deine Sache, welche Art Musik du am liebsten hörst, Sondra. Jeder Mensch hat seinen eigenen Geschmack, seine ganz persönlichen Vorlieben. Du musst dich  nicht dafür entschuldigen oder rechtfertigen oder was auch immer.“

 

Aber Sondra schien  sich da gar nicht so sicher zu sein. Geknickt starrte sie auf ihren Teller hinunter und begann eine Brotrinde zu zerkrümeln, die dort einsam und vergessen lag.  Doch als sie merkte, dass Zev  sie beobachtete,  hörte  sie abrupt damit auf, legte rasch ihre Hände in den Schoß und flocht nervös ihre Finger ineinander wie ein schuldbewusstes Kind, das ermahnt worden war, gefälligst nicht mit dem Essen herumzuspielen.

 

Ein unbehagliches Schweigen breitete sich über der Tischrunde aus. Es war gerade dabei, wirklich peinlich zu werden, als der Kater mit einem abgerissenen Fetzen Kunstpelz im Maul hereintigerte. Er hatte seine Beute inzwischen erfolgreich niedergemetzelt - oder  wenigstens so getan als ob - und stolzierte nun mit hocherhobenem Schwanz und einer unbestreitbaren Aura von Selbstgefälligkeit  um den Küchentisch herum. Nachdem er eine Ehrenrunde um Zevs und Sondras Fußknöchel gedreht hatte, blieb er vor Jessamy stehen und deponierte seine feuchte fadenscheinige Trophäe direkt auf ihrem rechten Hausschuh - ein großartiges Geschenk,  mit dem er gnädig ihren Status als Rudelführerin bestätigte. Jessamy, die wusste, was sie der Ausgeglichenheit seiner Katzenseele schuldig war, streichelte und lobte ihn ausgiebig und überschwänglich für diese Ehrenbezeugung,  nahm  sich aber heimlich vor, das leicht unappetitliche Überbleibsel seiner Spielstunde später so unauffällig wie möglich zu entsorgen.

 

Zev, der ihre Gedanken erriet, grinste. „Dein Glück, dass es im guten alten Shaalizaar keine echten Mäuse gibt, Sam, sonst würde er dir noch was ganz anderes anschleppen.“

 

Jessamy fand auch, dass das ein Glück für sie war  - auf den Anblick von leicht angeknabberten, aber möglicherweise noch nicht hundertprozentig toten Nagetieren konnte sie ganz gut verzichten und auf ihre stückweise apportierten sterblichen Überreste sowieso. Aber dass Zev jetzt endlich den dringend benötigten Themawechsel geliefert hatte, war zweifellos  für alle Anwesenden ein Segen. Darum  hakte  sie auch sofort ein  und verbreitete sich ausführlich über die artgerechte Haltung von Katzen im allgemeinen und angewandte Katzenpsychologie im besonderen, ein Thema, das beinahe unerschöpflich war. Wenn es sein musste, konnte sie allein damit die Unterhaltung stundenlang solo bestreiten.

 

Aber das war gar nicht nötig, wie sich bald herausstellte, denn Zev trug sein Teil dazu bei, die leicht eingefrorene Atmosphäre wieder aufzutauen, in dem er das Gespräch nach einer Weile von Stubentigern auf Hunde lenkte, von denen er weit mehr verstand, weil das elegante Einfamilienhaus, in dem er mit seinen Eltern und Schwestern lebte, seit kurzem von einem absolut anbetungswürdigen, aber ziemlich zerstörungswütigen jungen Rodarbal heimgesucht wurde, der sein Milchzahngebiss an allem erprobte, was das Pech hatte,  in Reich- und Beißweite zu kommen: Teppichkanten, Mantelärmel, Handtücher, Schuhe, Taucherbrillen, Sofakissen, Kabel, Vorhangkordeln oder die Finger seiner von seinem wuschelhaarigen Welpen-Charme völlig  verzauberten Besitzer - nichts war vor ihm sicher.

 

Jessamy und Sondra - ja, auch Sondra! - lachten Tränen über Zevs mit pantomimischen Einlagen untermalten Bericht. Das kollektive Stimmungsbarometer kletterte schnell wieder von wolkig auf heiter und vielleicht sogar noch um ein oder zwei Stufen aufwärts. Bald dachte niemand mehr an den zurückliegenden kleinen Missklang. Stattdessen wurde plötzlich für den folgenden Tag ein Segelausflug zu dritt geplant und das kam so: Jessamy und Zev wollten die Gelegenheit nutzen und  endlich wieder einmal gemeinsam zu Tirna Nook fahren, einer großen Insel, die ein paar Seemeilen vor Delameres Küste lag und immer ein beliebtes Ziel für einen gemütlichen Tagestörn war. Für diesen Trip wollten sie wie üblich die Nivess nehmen. (Die Gilfoys besaßen zwar selbst eine ganz ansehnliche Yacht, aber Zev bekam nur selten die Chance, den ziemlich luxuriösen „Familienkahn“  für sich zu nutzen, weil das gute Stück beinahe immer von seinen Schwestern mit Beschlag belegt wurde. Wie alle Teenager konnten die beiden Mädchen nur in Horden existieren und gondelten daher  in den Sommermonaten fast jeden Tag mit einer ständig wechselnden Besatzung aus Freundinnen und Verehrern kreuz und quer in der Gegend herum. Da Zev seine kleinen Schwestern trotz häufiger temperamentvoller Streitereien abgöttisch liebte und es einfach nicht über das Herz brachte, ihrem kontaktfreudigen  Rudeldasein im Weg zu stehen, indem er  die „verwöhnten Krabben“ an Land verbannte, verzichtete er meistens gutmütig auf seine eigene ungestörte Freizeitgestaltung und griff  dafür auf  Jessamys Gastfreundschaft zurück -  was in Anbetracht der ringsum aufkeimenden zarten  Gefühle vielleicht nicht gerade ein Paradebeispiel für selbstlose brüderliche Aufopferungsbereitschaft  war, aber es war ja immerhin der gute Wille, der zählte.)

 

Zev war gerade dabei, den Einkaufszettel für einen Picknickkorb zusammenzustellen, dessen üppiger Inhalt jeden Feinschmecker und wahrscheinlich auch jeden Vielfraß vor Neid hätte  erblassen lassen. (Er hielt große Stücke auf reichhaltiges Essen in ausreichenden Mengen. Außerdem rechnete er grundsätzlich seine Schwestern mit ein, die die Angewohnheit hatten, mit oder ohne Anhang überall dort aufzutauchen, wo ihr großer Bruder weilte, um wie ein Heuschreckenschwarm über alles Essbare herzufallen. Seeluft machte alle Mitglieder der Familie Gilfoy sehr, sehr hungrig.) Als er halb im Selbstgespräch, halb an Jessamys Adresse gerichtet, laut darüber nachdachte, ob ein gegrillter Capuan wohl genug war oder ob sie nicht doch lieber gleich zwei mitnehmen sollten - sicher war sicher -, sah Sondra  so deprimiert aus, dass Jessamy unwillkürlich fragte: „Was hast du eigentlich morgen vor?“

 

„Ach, nichts Besonderes“, murmelte Sondra. „Vielleicht mache ich einen Stadtbummel. Vielleicht auch nicht.“

 

Das klang trübsinnig genug, um Jessamy zu einer spontanen Einladung zu veranlassen. „Hast du Lust, mit uns zu kommen? Bei diesem herrlichen Wetter macht es einen Heidenspaß, da draußen rumzukurven,  und wir würden uns freuen - nicht wahr, Zev?“

 

Zev war sofort Lichtjahre  entfernt von allen Gefühlen, die etwas mit dem Begriff „Freude“ zu tun hatten,  schmolz aber unter Jessamys beschwörendem Blick dahin wie ein Eiszapfen in der Sonne. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte mit leicht scharfkantiger Herzlichkeit: „Ja, klar, komm doch mit.“

 

Sondra strahlte  über das ganze Gesicht. „Danke, das ist ja so lieb von euch! Vielen, vielen Dank!“

 

„Gut, das wäre dann also abgemacht“, sagte Jessamy vergnügt und war sehr zufrieden mit sich und ihrem Edelmut. Es war ja so einfach, seine Mitmenschen glücklich zu machen ...

 

„Also doch zwei Capuans  ... und eine Packung Sovirax, damit Sondra ihr Mittagessen nicht gleich wieder los wird“,  schlug  Zev vor und es ließ sich nicht leugnen, dass sein Lächeln dieses Mal  einen Hauch von Bosheit enthielt.

 

„Das sind Tabletten gegen Seekrankheit ... die sind wirklich gut“, erklärte Jessamy, als Sondra wieder diesen großäugigen leeren Blick produzierte, den sie immer dann auf Lager zu haben schien, wenn sie offensichtlich keine Ahnung hatte, wovon die Rede war.

 

„Ach so ... ach nein, lieber nicht. Ich schlucke nie Pillen, nie!“ sagte Sondra mit einer Entschiedenheit, die in einem bemerkenswerten Gegensatz  zu ihrem sonst eher vagen Wesen stand.

 

„Nicht mal, wenn du  grässliche Kopfschmerzen hast?“ fragte Zev mit unüberhörbarer Ironie.

 

Doch entweder verstand Sondra seine Anspielung nicht oder sie wollte sie nicht verstehen.  „Nicht mal dann.“

 

Zev schoss einen spöttisch-belustigten Blick zu Jessamy hinüber, die jetzt ein wenig bedenklich aussah. Um nach Tirna Nook zu kommen, mussten sie um das Nordkap der Delamere-Küste  herumfahren, wo dank starker Unterströmungen  ein etwas rauerer Wellengang herrschte,  was auf Leute mit einem überentwickelten Gleichgewichtssinn ziemlich verheerende Auswirkungen haben konnte. Jessamy hatte nicht den Wunsch, Sondra dabei zuzusehen, wie sie ihr Innenleben auf die hingebungsvoll polierten Deckplanken der Nivess ausspuckte, nur weil sie sich aus purem Eigensinn geweigert hatte,  rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen und sich ein völlig harmloses, aber im Notfall sehr wirkungsvolles Medikament  einzuverleiben.

 

„Na ja, darüber reden wir besser morgen früh noch mal, Sondra“, sagte sie schließlich und damit war dieser Punkt auf der Liste vorläufig abgehakt.

 

Kurz darauf verabschiedete sich Zev und schwebte davon, um den nächsten Supermarkt zu stürmen und die halbe Lebensmittelabteilung leer zu kaufen  - diesen Eindruck erweckte zumindest der Umfang seines Einkaufszettels. Jessamy, die ihn an die Tür begleitet hatte,  schwebte ebenfalls und zwar erst durch den Flur, wo sie das Durcheinander beseitigte, das durch die leidenschaftliche Pseudojagd  des Katers noch verdreifacht worden war, und dann wieder in die Küche, wo sie zusammen mit Sondra den Tisch abräumte.  Dass sie sich all diesen Tätigkeiten  nur sehr  zerstreut widmete, weil sie  gleichzeitig im siebten Himmel oder an einem ähnlich idyllisch-überirdischen Ort weilte, sei hier nur am Rande erwähnt. Jedenfalls lag es an dieser leichten Geistesabwesenheit, dass Sondra sie  zwei- oder dreimal ansprach, ohne irgendeine Reaktion zu  erhalten. Erst als sie sich ziemlich laut  und energisch räusperte, erregte sie so etwas wie Aufmerksamkeit.

 

„Was ist?“ fragte Jessamy, jäh auf den Boden der Realität zurückgeholt.

 

„Ich habe gerade gesagt, wie sehr ich mich darauf freue, mit euch zu kommen und bei der Gelegenheit auch mal dein Boot zu sehen, was ich schon immer gerne wollte. Das ist so nett von dir, Sam, ehrlich ...“

 

„Ist schon okay.“

 

„Ich meine, es ist so besonders nett von dir, weil du doch bestimmt lieber alleine mit Zev losgezogen wärst, nachdem ihr euch schon so lange nicht mehr gesehen habt.“

 

Das entsprach allerdings der Wahrheit, aber Jessamy war taktvoll genug, es abzustreiten.

 

„Er ist wirklich nett, dieser Zev.“ Sondra zögerte einen Augenblick lang, dann konnte sie ihre Neugier nicht länger bezähmen. „Kennst du ihn schon lange?“

 

„Schon ewig“, sagte Jessamy versonnen und dachte darüber nach, wie kurios das Ganze doch war. Da stand man jahrein jahraus mit einem Menschen auf so vertrautem Fuß  und merkte eines Tages ganz plötzlich,  dass man sich irgendwie und irgendwann ineinander verliebt hatte, obwohl ...

 

„Ist er dein Freund?“

 

„Was? Oh ...  eher ein Freund“, korrigierte Jessamy, was allerdings nicht mehr so ganz der Wahrheit entsprach,  aber das musste sie Sondra ja nicht unbedingt gleich auf die Nase binden. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sich ein verklärtes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete und das verriet Sondra wahrscheinlich schon mehr als genug.

 

 

 

Aber auch Sondra stellte jetzt so etwas wie Taktgefühl unter Beweis - oder sie erkannte einfach nur, dass eine Fortsetzung des Verhörs im Augenblick sinnlos war. Auf jeden Fall verkniff sie sich jede weitere Frage und ging ins Wohnzimmer hinüber, wo sie vor dem großen Wandregal Aufstellung nahm und Jessamys CD-Sammlung unter kritisch zusammengezogenen Augenbrauen hervor so aufmerksam begutachtete, als sähe sie sie zum allerersten Mal. 

 

Jessamy wurde plötzlich erneut von dem Bedürfnis überwältigt, sich mit Kaye Drumheller auszusprechen, die sowohl sie selbst als auch Zev gut genug kannte, um alle Implikationen und Komplikationen des heutigen Tages zu begreifen, ohne erst langatmig und umständlich über die ganze Vorgeschichte aufgeklärt werden zu müssen, wie es bei Sondra der Fall gewesen wäre. Und der Wunsch war der Vater der Tat: Schon einen Augenblick später versuchte es Jessamy mit einem Anruf auf Soraya.

 

Doch wie immer in letzter Zeit landete sie nicht direkt in Kayes Quartier, sondern nur im Callcenter der Giantana-Basis, wo sie mit viel Charme und noch mehr Nachdruck darüber informiert wurde, dass Lieutenant Drumheller  momentan leider nicht erreichbar war - eine  stereotype Standardantwort, die Jessamy  inzwischen schon so oft zu hören bekommen hatte, dass sie ihr beinahe aus den Ohren heraushing.

 

„Das ist doch wie verhext!“ murrte sie vor sich hin, als das Gespräch beendet war. Aber es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als sich auch heute mit einem E-Mail zu begnügen. Sie überlegte einen Augenblick lang vor dem schon geöffneten Textfenster und tippte schließlich rasch: Hallo Kaye!  Habe WIEDER MAL bei dir angerufen, aber wie üblich Pech gehabt. Was ist bei euch da oben eigentlich los? Und wenn wir schon beim Thema sind: Was ist eigentlich mit DIR los? Ruf mich BITTE endlich mal an!!! Muss dir dringend was erzählen. Grüße, Sam. Als sie das Mail abschickte, fragte sie sich mit einer Spur von Resignation, ob Kaye wenigstens auf diesen sprichwörtlichen Wink mit dem Zaunpfahl reagieren würde -  die  Vorgänger dieser Nachricht waren nämlich genau wie all die mündlichen Bitten um Rückruf bis heute unbeantwortet geblieben.

 

Aus dem  Wohnzimmer, wo bis zu diesem Augenblick ehrfürchtige Stille geherrscht hatte,  drang plötzlich ein langgezogener melodischer Klageschrei, dicht gefolgt von einem Schwung schmerzlich vibrierender E-Gitarren-Akkorde und einem aufbrausenden Trommelwirbel, der sofort in dröhnende pulsierende Bassrhythmen überging.  Offenbar hatte Sondra gerade einen von Yaksonns frühesten Hits unter Jessamys Favoriten entdeckt.

 

Jessamy riskierte einen vorsichtigen Blick durch die offene Tür und wurde prompt mit einem Anblick belohnt, der sie zum Schmunzeln brachte und sogar die rätselhafte Funkstille zwischen ihr und Kaye wieder in einer Warteschleife ihres Unterbewusstseins versinken ließ:  Sondra tanzte so ausgelassen durch den Raum, dass ihre langen lockigen Haare um sie herumwirbelten wie wild gewordene Partyluftschlangen. Ihr weiter knöchellanger Glockenrock - eine Art Zirkuszelt aus weißem Leinen, das von verspielten Kätzchen, Äffchen und ähnlich rührendem Getier in zarten Beige- und Rosatönen  nur so wimmelte  (wo um Himmels willen fand Sondra eigentlich diese schaurig niedlichen Fähnchen? In einem  speziellen Versandhauskatalog für Kinder mit Wachstumsstörungen?!) -,  flatterte und wehte um ihre Beine wie die imperialen Flaggen auf den Dächern des Gouverneurspalastes bei Windstärke zehn um ihre Fahnenstangen. Für jemanden, der nach seiner eigenen Aussage eher der „stille klassische Typ“ war, legte sie erstaunlich viel Begeisterung für die leidenschaftlich-heiseren, mit grollenden Synthesizer-Sequenzen untermalten Baritonschluchzer an den Tag,  mit denen Mikhall Yaksonn gebrochene Herzen und blutrünstige Fehden unter rivalisierenden Jugendbanden in den Slums von Coruscant beweinte. Es war ein Bild für die Götter und Jessamy war davon beinahe genauso hingerissen wie von der großen tragischen Ballade, die beinahe mit Maximallautstärke  aus den Lautsprechern ihrer Stereoanlage toste.

 

„Versuchst du es doch mal mit ein bisschen Redrox?“ überschrie sie schließlich das dramatische Finale des  Songs, das von explosionsartig donnernden Schlagzeugen begleitet wurde, weil die verfeindeten Ghettokids  nämlich gerade in einer wilden Schießerei mit korrupten und auch sonst schurkischen Gesetzeshütern aus der benachbarten Polizeirevier-Lasterhöhle einen frühen, aber dafür glorreichen Tod fanden. (Es war kein Wunder, dass Yaksonn immer wieder Schwierigkeiten mit der  Zensur hatte - und es wäre auch kein Wunder gewesen, wenn plötzlich Madame Rozianko oder Major Nestroy vor Jessamys Tür gestanden hätte, schäumend vor Wut über diese abendliche Ruhestörung und jederzeit bereit, reale und höchstwahrscheinlich unbestechliche Gesetzeshüter ins Spiel zu bringen.)

 

Sondra blieb mitten in einem letzten schwungvollen Hüpfer stehen und schrie atemlos zurück: „Weißt du, es ist wirklich höchste Zeit, dass ich meinen Horizont erweitere!“ Sie hörte sich an wie eine Ethnologin, die sich dazu gezwungen sah, die primitive, aber komplizierte  Sprache einer gänzlich unbekannten Dschungelzivilisation zu erlernen, um sich besser mit den Eingeborenen verständigen zu können ... oder wie eine illegale Einwanderin, für die absolute Unauffälligkeit überlebenswichtig war, so dass sie sich so schnell wie möglich mit den bizarren Sitten und Gebräuchen ihrer  feindseligen neuen Heimatwelt vertraut  machen musste ...

 

„NA, DANN VIEL SPAß!“

 

„WAAAS?“

 

Jessamy lächelte nachsichtig, drehte aber trotzdem den Volumeregler der Stereoanlage wieder auf Zimmerlautstärke herunter, um sich und Sondra einen Hörsturz und der ganzen Nachbarschaft einen kollektiven Nervenzusammenbruch zu ersparen, bevor sie ihren Wunsch in leiseren Tönen wiederholte. Danach  überließ sie Sondra ihrer selbstverordneten musikalischen Neuorientierung und zog sich  in ihre Badewanne zurück, wo sie den Tag in aller Ruhe ausklingen ließ, indem sie im  romantischen  Schummerlicht von ein paar Duftkerzen bis zum Kinn in wohlig heißem Wasser lag und ein bisschen vor sich hinträumte.

 

Sogar wenn sie sich in dieser gelösten Stimmung an das immer noch ungelöste Rätsel ihres umorganisierten Kleiderschrankes erinnert hätte, hätte sie sich viel zu entspannt und behaglich gefühlt, um es auch nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen, die Harmonie dieses  Abends mit einer ziemlich überflüssigen Auseinandersetzung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aber da ihr Kopf momentan ohnehin von ganz anderen Dingen stark in Anspruch genommen war, dachte sie nicht einmal mehr daran.

 

*

 

Die Nivess glitt anmutig wie ein Schwan durch das tiefe leuchtende Blau, ihr geschwungener weißer Kiel schnitt durch die Wellenkämme und ließ im Sonnenlicht wie Diamanten funkelnde Tropfenschauer nach allen Seiten sprühen. Jessamys Augen glitten von diesem juwelenartigen Schimmern und Flimmern hinauf zu den geblähten Segeln, die aussahen, als hätte man schneeige  Wattebauschwolken an den Mast geknüpft, und dann in die Ferne, wo die grenzenlose Weite des Meeres mit einem unendlichen Himmel verschmolz. Sie war glücklich. Nirgendwo sonst fühlte sie sich je so erfüllt, so ganz und gar mit sich selbst im Reinen wie auf ihrem Boot, wie hier und jetzt.  Es war ein vollkommener Augenblick an einem vollkommenen Tag. Es war Poesie pur.

 

Der Anblick von Zev, der mit langbeiniger  Zielstrebigkeit  vom Kajütdach zum Vordeck herüberturnte,  um sich über seinen dort verstauten Rucksack zu beugen und darin herumzukramen, setzte Jessamys lyrischer Stimmung die Krone auf. Sie fuhr zart mit dem Daumen über das glatte plastahlfiberverstärkte Holz der Ruderpinne in ihrer Hand und deklamierte voller Pathos: „Lasst mir mein Schiff, mein stolzes Schiff und den gleißenden Stern in der Höh ... Ich verlange vom Leben nur wallende Segel und das glitzernde Wogen der heiteren See ...“

 

„Das ist wunderschön“, sagte Sondra, die neben ihr auf einer der Cockpitsitzbänke saß, leise. „Von wem ist das?“

 

„Pol Edramarek ...  Palast der Winde.“

 

„Ist das ein Roman?“

 

„Ein Gedichtband.“

 

„Den hast du aber nicht unter deinen Büchern daheim, oder?“ fragte Sondra zweifelnd.

 

Jessamy warf ihr unter dem Rand ihrer Schirmmütze einen schnellen prüfenden Blick zu. Na, sieh mal einer an, dachte sie. Was bei mir so alles an Lesestoff herumliegt, hat sie aber ganz genau unter die Lupe genommen. „Noch nicht, obwohl ich mir diesen Chip eigentlich schon ewig kaufen wollte. Bin aber irgendwie nie dazu gekommen. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich immer eine gedruckte Ausgabe mit mir herumschleppe, die Zev mir geliehen hat. Der Arme ... ich muss ihm das Teil endlich mal zurückgeben.“

 

Sondra war sichtlich beeindruckt. „Ihr  beiden lest wirklich Gedichte und solche Sachen?“

 

„Wenn sie von Edramarek sind ...“

 

Sondra blinzelte in das grelle Sonnenlicht, beschattete ihre Augen mit der Hand und sah zu Zev hinüber, der immer noch in den bauchigen Tiefen seines Rucksacks herumstöberte. Jetzt zerrte er mit einem triumphierenden „Ha!“  ein zerknautschtes buntes Kopftuch heraus, wedelte es ein oder zweimal lässig hin und her, um die schlimmsten Knitterfalten und ein paar Sandkörner herauszuschütteln,  und knüpfte es sich dann mit einem verwegenen Doppelknoten um die Stirn, so dass nur noch ein dekorativer langer Zipfel auf seinen Rücken herunterhing. Jessamy musste zugeben, dass er mit dieser Kopfbedeckung, seinen verblichenen khakifarbenen Shorts und den ausgelatschten Sandalen an seinen nackten Füßen  nicht gerade wie der typische Intellektuelle aussah, der sich in einsamen Mußestunden gerne hoch- und schöngeistige Lektüre reinzog. Das galt übrigens auch für sie selbst. Die Tiamatfrucht, die sie vorhin gegessen  hatte,  war zwar köstlich gewesen, hatte aber Spuren auf ihrer ärmellosen Bluse hinterlassen. Auch ihre abgewetzte, unter den Knien ausgefranste Hose war meilenweit vom Stadium frischgewaschener und -gebügelter Makellosigkeit  entfernt. (Wäre sie in einer Uniform in ähnlich desolatem Zustand  auf der Brücke der Warbride erschienen, hätte Captain Dakall sie  wahrscheinlich sofort verhaften und für die nächsten hundert Jahre in eine Arrestzelle stecken lassen - wenn er nicht schon vorher vor Entsetzen über dieses unvorstellbar schreckliche Sakrileg mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen wäre!) Aber wer achtete schon an einem Tag wie heute auf Äußerlichkeiten?

 

Jessamy äugte zu Zev hinüber, dessen Äußerlichkeiten es durchaus wert waren, beachtet zu werden, Kopftuch hin, Weltenbummlerlook her. Als er ihren Blick auffing, schenkte sie ihm ein schmelzendes Lächeln, eine stumme, aber vielsagende  Botschaft, die von Zev offenbar richtig interpretiert wurde,   denn auf seinem Gesicht erschien sofort ein unwiderstehlich freches Grinsen. Er flirtete schon den ganzen Morgen schamlos mit ihr herum, es war schrecklich und wunderbar. Jessamy wirbelte der Kopf, wenn er sie nur ansah. Und wenn er auch noch dieses kesse Was-kostet-die-Welt-ich-kaufe-sie-Grinsen aufsetzte ...

 

Zev  wandte sich wieder seinem Rucksack zu und wühlte darin herum, bis er  einen faustgroßen silbrig glänzenden Gegenstand zu Tage förderte, den er ausgiebig untersuchte.  Jessamy nahm an, dass es sich dabei um seine heißgeliebte VidCam handelte, die er grundsätzlich immer mit sich herumschleppte. Ihre Vermutung bestätigte sich, als Zev sich auf den schmalen Laufgang zwischen Kajütdach und Reling hinunterschwang und auf sie zugeschlendert kam. Die  Linse des bereits geöffneten Objektivs  blitzte in der Sonne auf wie eine Notsignal-Funkbake und verriet Sinn und Zweck des jetzt an einem Halteriemen um Zevs Handgelenk baumelnden Gerätes schon lange bevor er nahe genug heran war, um eine eindeutige Identifizierung der Kamera zu erlauben.  Sondra, die bis jetzt regungslos auf ihrer Sitzbank verharrt hatte wie ein vor sich hin dösender Salzwasser-Kaimaniak in einer Lagune, stand so abrupt auf, dass Jessamy unwillkürlich zusammenzuckte.

 

„Was ist denn?“

 

„Nichts. Ich muss nur mal kurz nach unten.“ Noch bevor die letzte Silbe verklungen war, war Sondra auch schon in dem Niedergang verschwunden, der in die Kajüte hinunterführte.

 

Jessamy blieb keine Zeit, sich über diesen schnellen Abgang zu wundern, denn schon stand Zev mit gezückter Kamera vor ihr und rief mit dramatisch rollenden Augen und in einem stark nasalen Akzent affektiert: „Abär, abär ... Isch biiitte disch, meine Liebä, bringä deinän göttlischen Körpärr in dieses wündervöllige Sommertag-auf-Meer-Kreeeasiong endlisch in Positür, damit isch anfangän kann,  wündervöllige Bildär von dir zu machän!“

 

Er markierte offensichtlich einen bekannten neimodianischen Mode-Holografen. Jessamy ging sofort auf das Spiel ein und verwandelte sich in ein arrogantes Supermodel, das in eine sündhaft teure Designerkluft gehüllt für irgendeinen Hochglanz-3D-Katalog  posierte. Sie produzierte sich mit hochmütig gerümpfter Nase in gezierten Drehungen und Wendungen, während Zev, der in seiner Rolle völlig aufging, die absurdesten Anweisungen auf sie abfeuerte, wobei sein neimodianischer Dialekt einen zunehmend schlechten Einfluss auf seine  Grammatik ausübte.

 

„Denk immär daran, mein’ Liebä: Dü bist ein’ Verführerin, ein’  Sirän’ in Modellkleid, ein’ sexy Piratbräut,  ein’ Mänschenfrässerin ... ah, nein! ... ein’ Männerfrässerin, ein isch weiß nischt was!“ rief er, während er ununterbrochen seine Stellung wechselte, mit fanatischem Eifer wild auf sämtlichen Tasten der VidCam herumknipste und den von seinem kreativen Schaffensdrang völlig überwältigten Künstler mimte.

 

Jessamy spielte dafür die betörende, menschen- oder männerfressende Piratenbraut-Sirene mit soviel professioneller Langeweile, dass Zev händeringende Verzweiflung über die Lustlosigkeit seines kostspieligen Models vorspiegelte. „Abär ... abär ... dü müsst dir schon etwas mähr Mühe gebän, meine ’ärzblatt! Mähr Weiblischkeit, mähr Verführung, mähr Schmollmünd, mähr Irgendwas, wenn isch bittän darf!“ schrie er und fuchtelte drohend mit der VidCam in der Luft herum.

 

Jessamy war „’ärzblatt“ oder auch Herzblatt genug, ihm den Gefallen zu tun. Sie warf ihre Mütze auf den Boden und den Kopf in den Nacken und wand sich wie eine angriffslustige Seeschlange hin und her, während sie sich mit übertrieben lasziven Gesten durch die Haare fuhr und ihre Vorführung auch noch mit dem  ausdrücklich erwünschten  „Schmollmünd“  abrundete. So alberten sie unter viel Gekicher weiter herum, bis sie sich so verausgabt hatten, dass sie sich hinsetzen mussten, um sich von ihrem Zwei-Mann-Sketch zu erholen. Als es schließlich soweit war, machte  Zev endlich eine echte Aufnahme von Jessamy, die sich wieder ans Ruder der Nivess begeben hatte, und sah sich dann nach einem neuen Opfer für seine VidCam um.

 

„Wo ist eigentlich Sondra abgeblieben?“

 

Jessamy warf einen flüchtigen Blick auf den Kompass und korrigierte den Kurs der Nivess mit einem gefühlvollen Druck auf die Ruderpinne um zwei Grad steuerbord.  (Die Nivess verfügte zwar über ein vollautomatisches Navigationssystem, aber Jessamy zog die manuelle Steuerung immer vor. Ihrer Meinung nach war das Navigationssystem genau wie der Autopilot etwas für Anfänger und Notfälle - zwei Faktoren, die  meistens Hand in Hand gingen.)  „Ich weiß auch nicht, sie wollte nur mal kurz unter Deck gehen“, antwortete sie.  Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Sondra tatsächlich schon ziemlich lange weg war. „Ich sehe besser mal nach ihr - vielleicht ist ihr  ja doch noch schlecht geworden.“

 

Obwohl Jessamy ihr gut zugeredet hatte - lebhaft unterstützt von Zev, dessen farbenfrohe und detailreiche Schilderung sämtlicher unerfreulicher Symptome der Seekrankheit jeden Pharmakonzern dazu veranlasst hätte, ihn vom Fleck weg als Werbetexter anzuheuern -, hatte Sondra am Morgen ihren Kopf durchgesetzt und auf das ihr angebotene Sovirax verzichtet. Jessamy hatte die Diskussion an irgendeinem Punkt aufgegeben und beschlossen, den Dingen einfach ihren natürlichen Lauf zu lassen - sie  beging nie den Fehler, sich sinnlos den Mund fusslig zu reden, wenn sie auf einen granitharten Kern aus mit Unvernunft gepaarter Halsstarrigkeit stieß.  Sie hatte sich damit begnügt, Sondra während der heikelsten Phase der Fahrt im Auge zu behalten, aber  zu ihrer Erleichterung  hatten sie die Nordkap-Passage ohne jeden  unerfreulichen Zwischenfall hinter sich gebracht. Offenbar verfügte Sondra  genau wie Jessamy selbst über einen angeborenen Seefahrermagen - oder vielleicht doch nicht?

 

Jessamy kletterte die leiterartig schmalen Stufen in die Kabine hinunter, nur um gleich darauf festzustellen, dass es Sondra offensichtlich glänzend ging. Sie hatte es sich in der Sitzecke direkt neben der Pantry gemütlich gemacht und knabberte dort in aller Ruhe an einem Capuanflügel herum, der nur das Reststück einer größeren Mahlzeit darstellte, denn vor ihr türmte sich neben einem filigranen Brustgerippe und einem zierlichen Schenkelknochen, die ebenfalls von dem Capuan stammten,  auch noch ein kleiner Berg aus weißen Tiamatkernen auf, so dass Sondras geleerter Teller wie ein Stilleben aus hypermodernen Elfenbeinschnitzereien aussah. 

 

„Entschuldige, dass ich nicht mit dem Essen auf euch gewartet habe, aber ich hatte plötzlich so einen Hunger ...“ , erklärte sie mit vollem Mund.

 

Jessamy lachte. „Und ich dachte schon, du hängst hier unten herum wie ein Häufchen Elend und opferst den Meergöttern. Na, dann guten Appetit! Aber du hast ganz Recht - ich könnte jetzt selber einen kleinen Happen vertragen. Was ist mit dir, Zev?“ Zev, der ihr inzwischen gefolgt war, schüttelte den Kopf, beobachtete aber voller Faszination, wie sie ihren eigenen Teller voll häufte. „Willst du wirklich nichts?“ fragte Jessamy,  als sie sich  zu Sondra setzte.

 

„Später. Jetzt habe ich zu tun.“ Zev grinste.  „Also wirklich, das hier würde ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen. Wisst ihr was? Ich werde hier und jetzt einen Dokumentarfilm mit euch machen, okay? Legenden der Fleischeslust ... hm ... nein, zu schwülstig! Vielleicht lieber Im Rausch des Capuans? Ja, das klingt doch schon viel besser! Also: Szene eins, Take eins: Sam und Sondra  mitten in einer Fressorgie!“

 

Er hob die VidCam, strahlend wie ein kleiner Junge, der mit seinem Lieblingsraumjägermodell spielen durfte. Jessamy lachte nur und drohte ihm spielerisch mit dem Finger. Niemand hätte damit rechnen können, was als nächstes geschah.

 

 

 

Sondra stieß einen halberstickten Schrei aus und sprang so heftig auf, dass sie beinahe ihren Teller von dem fest montierten Klapptisch gefegt hätte. „Nein, nicht!“ Sie riss die Arme hoch und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen, als wäre Zevs Kamera eine Waffe, die jeden Augenblick Tod und Verderben in ihre Richtung speien konnte.

 

Zev, völlig entgeistert von dieser unerwarteten Reaktion, sah hilfesuchend zu Jessamy hinüber, die so konsterniert war, dass sie selbst nicht wusste, was sie denken oder sagen sollte. „Warum denn nicht?“

 

„Weil ... weil ich überhaupt nicht fotogen bin“,  stammelte Sondra.

 

Zev verdrehte die Augen, kam aber nicht mehr dazu, einen Kommentar abzugeben, denn jetzt schaltete Jessamy sich ein. „Unsinn, das stimmt ja gar nicht, was redest du dir da ein?“ sagte sie beschwichtigend und fragte sich gleichzeitig, warum Sondras ganzes Leben von völlig abstrusen Hemmungen bestimmt wurde. Einen realistischen Hintergrund hatten ihre Komplexe jedenfalls nicht. Gut, sie sah vielleicht nicht gerade wie ein Filmstar aus, aber das traf schließlich auf neunundneunzig Prozent aller weiblichen Wesen in der Galaxis zu. Wenn  sie sich ein bisschen peppiger zurechtmachen würde, statt immer in diesen faden mausgrauen Sekretärinnenkostümchen oder diesen komischen Kindergartenklamotten durch die Gegend zu laufen, würde sie  eigentlich  ganz  flott aussehen, dachte Jessamy.

 

 „Und weil ich  nicht will, dass irgendjemand irgendwelche Bilder oder Filme oder sonst was von mir macht“, fuhr Sondra fort, ohne Jessamys Einwurf  auch nur die geringste Beachtung zu schenken. „Ich will es einfach nicht!“ Und dieser letzte Satz klang schon beinahe genau so resolut wie ihre Weigerung, Sovirax-Pillen zu schlucken.

 

Zev riss der Geduldsfaden - die ganze Situation war einfach lächerlich und diese Sondra war ja hysterisch oder neurotisch oder irgendwas in dieser Art.  „Ach, hab dich doch nicht so! Was soll das Theater?“ fauchte er. 

 

„Komm schon, Zev, lass sie in Ruhe“, mahnte Jessamy, die einen Streit vermeiden wollte.

 

„Ist ja gut“, sagte Zev verdrossen. Doch dann nahm er sich zusammen und fügte mit einem kleinen Aufblitzen von Humor, das allein Jessamy galt, hinzu: „Dann gehe ich mal lieber wieder nach oben und  halte die Augen offen. Einer muss schließlich aufpassen, dass unser Kahn nicht von irgendwas gerammt wird  und mit Mann und  Maus absäuft, während ihr euch hier unten die Futterluken voll stopft.“  Nachdem er so einen ehrenhaften Grund für diesen taktischen Rückzug gefunden hatte, entwischte er nach draußen, wo es zumindest für die nächsten zehn Minuten keine Problemfrau und damit auch keine Probleme geben würde.

 

„Wenn ich fertig bin, komme ich gleich wieder hoch. Willst du hier essen oder soll ich dir was mitbringen?“ rief Jessamy ihm nach.

 

„Nicht nötig. Wenn es sein muss, kann ich tagelang hungernd und durstend und schlaflos Wache schieben“, klang es markig  zurück.

 

„Angeber!“ flüsterte Jessamy halb spöttisch, halb zärtlich vor sich hin. Sie warf einen schrägen Blick zu Sondra hinüber, die sich immer noch hinter ihren Händen versteckte. „Er ist weg. Du kannst den Schutzschild jetzt langsam wieder runterfahren“, sagte sie trocken.

 

 

 

Sondra spähte voller Argwohn durch das Gitter ihrer Finger hindurch, sah, dass die Gefahr gebannt war, und ließ mit einem erleichterten Seufzer die Hände in den Schoß sinken. „Tut mir Leid, dass ich mich so angestellt habe, Sam. Du denkst jetzt bestimmt, dass ich mich einfach unmöglich benehme“,  sagte sie zögernd.

 

Das dachte Jessamy wirklich, aber sie hätte sich eher die Zunge abgebissen, als es zuzugeben.  Sie trat niemanden, der ohnehin schon am Boden war.

 

„Ich kann nichts dafür ... ich bin eben so“, sagte Sondra kläglich. „Findest du das sehr schlimm?“

 

„Ich finde es schlimm, dass du dich selbst so fertig machst“,  erwiderte Jessamy ruhig. „ Weißt du,   es gibt bestimmt genug Leute,  die nichts Besseres zu tun haben, als ununterbrochen auf dir herumzuhacken. Du wirst auch immer wieder auf jemanden stoßen, der sich auf deine Kosten etwas beweisen muss oder der  dich aus irgendeinem Grund  nicht leiden kann oder dem es einfach Spaß macht, dir das Leben schwer zu machen.  Und wer es auch ist, er wird  sich die größte Mühe geben, dein Selbstbild in tausend Scherben zu zerschlagen, um dich klein zu kriegen, um genau das von dir zu bekommen, was er unbedingt von dir haben will,  um dich in eine  willenlose Marionette zu verwandeln, die er rund um die Uhr  kontrollieren kann. Und das reicht doch schon, oder? Da musst du doch nicht auch noch bei jeder Gelegenheit selber auf dir herumhacken und Scherben produzieren.

 

Du machst dich nur unglücklich, wenn du dich auf diese Arme-Mauerblümchen-Rolle versteifst, Sondra. Wenn du dich immer nur in Selbstmitleid wälzt oder mit waidwundem Blick wie ein angeschossenes Reh in der Gegend herumstehst, wirst du nur zur Zielscheibe für jeden kleinen Westentaschentyrannen, der auf der Suche nach dem perfekten Fußabtreter ist. Ebenso gut könntest du dir ein Schild um den Hals hängen, auf dem steht: ‚Würde bitte endlich jemand kommen und auf mir herumtrampeln?’ Du musst versuchen, dich irgendwie aufzubauen, ein bisschen mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln.“

 

„Du hast gut reden“, murmelte Sondra. „Dir fällt es leicht, selbstbewusst zu sein. Du bist klug und hübsch und witzig und jeder hat dich gern. Du stehst mit beiden Beinen mitten im Leben und du lebst es so, wie es dir gefällt. Du hast alles, was du willst,  und du machst, was du willst -  einfach so!“ Sie wandte den Blick ab und sagte sehr leise:  „Manchmal bin ich beinahe ein bisschen neidisch auf dich, Sam.“

 

Es war schwer, darauf eine Antwort zu finden. Von der Bitterkeit in Sondras Tonfall ebenso betroffen wie von ihren Worten, sagte Jessamy schließlich: „Glaubst du nicht, dass du das ein bisschen zu einseitig siehst? Niemand ist auf Rosen gebettet, niemand tanzt vierundzwanzig Stunden am Tag auf einem Regenbogen herum. Was weißt du schon von meinem Leben, Sondra? Du kennst nur die Schokoladenseite - in jeder Beziehung.“

 

„Aber du kannst immerhin  ...“

 

„Na, was?“

 

„Ach, ist nicht so wichtig“, seufzte Sondra.

 

„Ich mache es einfach nur genauso wie alle anderen auch. Ich richte mir mein Leben so gut ein wie ich kann und arrangiere mich irgendwie mit dem Rest. Wer hindert dich daran, genau dasselbe zu tun?“

 

„Niemand“, sagte  Sondra,  aber es klang nicht ganz überzeugt.

 

Jessamy fand, dass es an der Zeit war, Tante Sams Kummerkasten für krisengeschüttelte Aschenputtel wieder zu schließen, wenigstens für heute. Sie schob ihren Teller von sich und sagte leichthin: „Komm, lösen wir Zev da oben ab, bevor er vor Verzweiflung den Rettungsring annagt.“

 

Das brachte Sondra immerhin zum Lächeln und genau das hatte Jessamy auch beabsichtigt.

 

Wie sich wenige Minuten später herausstellte, war Zev  zwar noch weit davon entfernt, das Inventar der Nivess anzunagen, aber doch dankbar für die Gelegenheit, seinen leeren Magen zu füllen, der inzwischen herzzerreißende Geräusche von sich gab.

 

„Lass dir Zeit, ich brauche dich erst wieder, wenn wir bei der  Gall-Bucht sind“, rief Jessamy ihm nach.

 

„Und wann genau ist das?“

 

„Ach, das dauert schon noch ein halbes Stündchen oder so“, sagte Jessamy, nachdem sie ihr Armbandchrono zu Rate gezogen hatte.

 

„Na, das reicht ja für ein 3-Gänge-Menü plus Verdauungsschläfchen“, meinte Zev mit leicht übertriebenem Optimismus und verschwand in der Kajüte.

 

„Muss man eigentlich immer zu zweit auf so einem Boot sein?“ fragte Sondra, die inzwischen wieder ihren Platz auf  der Cockpitsitzbank eingenommen hatte. 

 

„Nein, so anspruchsvoll ist die Nivess zum Glück nicht, sonst könnte ich ja nie solo losziehen.  Zev macht immer den Vorschoter, wenn wir zu zweit unterwegs sind, das ist so was wie Tradition bei uns, aber im Prinzip komme ich natürlich auch alleine klar“, antwortete Jessamy. „Sieh mal, da drüben - Tirna Nook! Von hier aus hat man einen tollen Blick. Wunderschön, diese Kreidefelsen, nicht wahr?“ 

 

Sondra reckte gehorsam den Hals und bedachte das malerische Felsmassiv, das die majestätische Steilküste von Tirna Nook krönte, mit gebührender Bewunderung. Doch sobald das Naturschauspiel ausgiebig genug gewürdigt worden war, sagte sie: „Und was ist mit der Segelei an sich? Ist das sehr schwierig? Ich meine, das sieht schon ziemlich knifflig aus, was du da mit diesen ... diesen Seilen und dem ganzen anderen Zeug machst. Ist bestimmt ganz schön kompliziert,  was?“

 

„Ach, alles halb so wild. Wenn du erstmal die Grundkenntnisse intus hast, ist es eigentlich ganz einfach. Der Rest ist Erfahrung.“

 

„Aber richtig lernen muss man das schon, oder?“

 

„Oh ja. Du musst  immer genau wissen, was du zu tun hast, und dein Boot jederzeit im Griff  haben, sonst kann das ganz schnell ins Auge gehen.“ Jessamy sah zu dem Focksegel hinauf, das wie auf Stichwort plötzlich im Wind knatterte und knallte,  als wollte es in Fetzen reißen, und regulierte seine Stellung mit einem geübten Hebeldruck.

 

„Was hast du da gerade gemacht?“ wollte Sondra wissen.

 

Und Jessamy klärte sie über die Geheimnisse des Segelreffens auf. Aber ihre Ausführungen erweckten nur Sondras scheinbar unermesslichen Wissensdurst zu neuem Leben. Und wie immer, wenn das der Fall war, bombardierte sie Jessamy sofort mit einem Dutzend weiterer Fragen und widmete sich jeder Antwort, die sie bekam,  mit der andächtigen Aufmerksamkeit  einer Gläubigen, die den Offenbarungen ihres ganz persönlichen Gurus lauschte. Jessamy - amüsiert über diese Kombination aus Forscherdrang und Hingabe - ließ das weitschweifige Interview, das teilweise mit der Intensität und Detailsucht eines Staatsanwalts-Kreuzverhörs geführt wurde, geduldig über sich ergehen. Sondra war offenbar plötzlich von dem Wunsch beseelt, die hohe Kunst des Segelsports hier und jetzt mit all ihren Finessen zu erfassen. Sie  ließ sich jeden Gegenstand, auf den ihr Auge fiel, und jeden einzelnen Handgriff, den Jessamy tat, haargenau erklären. Das entpuppte sich als reichlich umständliche Angelegenheit, weil Jessamy immer wieder dazu gezwungen war, das technische Kauderwelsch ihres Fachjargons in Begriffe zu übersetzen, die für einen Laien wenigstens halbwegs verständlich waren. Aber Sondra schien damit keine Probleme zu haben -  nach  ihrem entrückten Gesichtsausdruck zu urteilen, hätte man meinen können, dass es auf der ganzen Welt nichts Faszinierenderes gab als die genaue Funktion von Fallwinschen oder den Unterschied zwischen Toppwanten und Unterwanten. 

 

„Also das scheint dich ja wirklich brennend zu  interessieren“,  sagte Jessamy lächelnd, als sie sah, dass ihr Publikum sogar von einem kurzen Vortrag über die Vor- und Nachteile der Sluptakelung völlig gefesselt war. „Hör mal, hast du vielleicht Lust, segeln zu lernen? Ich könnte  es dir hier auf der Nivess beibringen, wenn du willst, das ist gar kein Problem. So eine Art Crashkurs in Sachen Theorie hast du ja jetzt schon hinter dir und den Rest kriegen wir auch noch hin. Was hältst du davon? Du würdest auf jeden Fall einen Haufen Geld sparen. Diese Segelschulen sind nämlich irrsinnig teuer und du ...“

 

„Segeln? Ich?!“  Sondra starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an, als hätte Jessamy sie gerade dazu aufgefordert, mit einem aufgespannten Regenschirm in der Hand vom Dach des Shaalizaar Inns zu springen, um herauszufinden, ob sie fliegen konnte. „Oh nein,  Hilfe, an so was würde ich ja nicht mal im Traum denken! Ich bin doch hoffnungslos unsportlich und so was von ungeschickt ... Und was da  alles  passieren  kann ... Ich bin nicht so mutig wie du, Sam. Ich würde einfach sterben vor Angst, so ganz allein hier draußen.  Nein, nein, das ist nichts für mich, absolut nicht!“ Sie schüttelte so heftig den Kopf, als könnte sie nie wieder damit aufhören.

 

„Na ja, war ja nur so eine Idee“, sagte Jessamy achselzuckend.

 

Ihrer vorgespiegelten Gleichgültigkeit zum Trotz fühlte sie sich ein wenig ernüchtert von dieser reichlich lauen Reaktion auf ihr großzügiges Angebot, zumal sie im Stillen davon überzeugt war, dass das Segeln  genau die Art von lebensbejahender Herausforderung war, die für einen Menschen wie Sondra ein Segen gewesen wäre und auf lange Sicht womöglich wahre Wunder bei diesem wandelnden Komplexbündel bewirkt hätte. Aber natürlich konnte man niemanden zu seinem Glück zwingen. Sondra war  erwachsen - obwohl man das  manchmal kaum für möglich hielt - und sie musste selbst entscheiden, was gut für sie war und was nicht. Aber ihre impulsive Ablehnung irritierte Jessamy doch irgendwie.  Denn eines stand fest:  Für jemanden, der nicht einmal im Traum daran dachte, segeln zu lernen, hatte Sondra nicht nur eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit, sondern auch verdächtig viel Enthusiasmus bei ihrer Ausfragerei an den Tag gelegt. Warum zum Henker fragt sie mir praktisch ein Loch in den Bauch, wenn sie in Wirklichkeit überhaupt kein Interesse  an der ganzen Sache hat? grübelte Jessamy vor sich hin.

 

Vielleicht spürte Sondra, dass ihr paradoxes Verhalten einer Erklärung bedurfte, aber da sie diese nicht geben konnte oder nicht geben wollte, versuchte sie es mit einer Art Entschuldigung, indem sie nach einer kleinen Pause schüchtern sagte: „Aber trotzdem danke für deinen Vorschlag, Sam. Das war sehr lieb von dir.“

 

„Schon gut“, sagte Jessamy kurz. Einen Augenblick später fügte sie etwas weicher hinzu: „Und wenn du es dir doch noch mal anders überlegst, sag mir ruhig Bescheid.  Mein Angebot steht.“

 

„Du bist so nett zu mir!“  sagte Sondra voller Wärme.

 

 „Hab ich irgendwas verpasst?“ fragte Zev, der gerade wieder zum Vorschein kam.

 

„Nur die üblichen Mädchengespräche", erwiderte Jessamy.

 

„Oh Gott!“ sagte Zev mit einer leisen Panik, die nicht ganz und gar geheuchelt war. „Soll ich wieder runtergehen, bis ihr fertig seid?“

 

„Das könnte dir so passen, du Faulpelz!“ neckte Jessamy. „Rauf mit dir. Es gibt Arbeit.“

 

„Aye, aye, Sir-Ma’am-Sir!“ Zev salutierte zackig und knallte die Hacken zusammen oder versuchte es jedenfalls, denn sein Schuhwerk war definitiv nicht dafür geeignet,  den schmissigen Klangeffekt von  sehr viel solideren Armeestiefeln nachzuahmen. Dass auch seine nackten Fersen unter dieser missglückten Demonstration militärischer Forschheit gelitten hatten, wurde gleich darauf offenbart, als er das Gesicht verzog und ein  wehleidiges: „Aua, aua!“ von sich gab.

 

Jessamy grinste.  „Na, dann humpeln Sie  mal schnell auf Ihren Posten, Soldat Fußwund.“ 

 

„Zu Befehl, Captain Eisenherz“, flachste Zev zurück und machte sich auf den Weg zum Vordeck.

 

In den nächsten paar Minuten hatten sie alle Hände voll zu tun und weder zum Frotzeln noch zum Flirten Zeit. Sie waren ein so gut aufeinander eingespieltes Team, dass sie ohne großen Aufwand und mit einem Minimum an hin- und hergebellten Kommandos ein Bilderbuchwendemanöver durchführten, auf das jede Regattacrew stolz gewesen wäre.  Etwa zweihundertfünfzig Meter vor dem nur scheinbar durchbrochenen Ring aus zerklüfteten Klippen, der die Einfahrt der Gall-Bucht säumte, drehte Jessamy die Nivess in den Wind und brachte sie dadurch zum Stehen. Zev holte die Segel ein, während  sie den Anker setzte.

 

„Warum ankern wir hier? Wollen wir denn nicht in die Bucht rein?“ fragte Sondra von ihrem Zuschauerposten aus.

 

„Geht leider nicht. Wir haben bald Ebbe und wenn wir jetzt in die Gall-Bucht reinfahren, sitzen wir bis heute Abend da drinnen fest. Wir könnten uns erst wieder auf den Heimweg machen, wenn die Flut kommt, und dann wären wir erst weit nach Mitternacht  zu Hause.“

 

„Wieso? Ist das Wasser da drinnen so flach?“

 

„In der Bucht selbst nicht, aber in der Einfahrt schon. Du kannst es von hier aus  nicht sehen - noch nicht -, aber da ist ein Riff ziemlich dicht unter der Wasseroberfläche. Jetzt könnten wir mit der Nivess gerade noch durchwitschen, ohne auf Grund zu laufen, aber in einer Dreiviertelstunde kämen wir  nicht mal mehr auf einer Luftmatratze heil da rüber.“

 

 „Dann können wir ja gar nicht an Land gehen. Und dabei ist da drüben so ein toller Strand. Sieh dir bloß diesen Sand an ... ganz fein und weiß ...  wie Puderzucker.  Schaaade!“ sagte Sondra gedehnt.

 

„Macht nichts. Wir können  doch auch hier schwimmen“, erwiderte Jessamy.

 

Sondras Augen weiteten sich ein wenig. „Schwimmen? Hier?!“

 

„Natürlich. Warum nicht?“

 

„Na, ich weiß nicht ... Ist das nicht ein bisschen gefährlich? Hier draußen gibt es doch bestimmt Barrakaidas oder so was in der Art.“ Sondra starrte misstrauisch auf das spiegelglatte Wasser hinunter und schien jeden Augenblick damit zu rechnen, dass sich ein zähnestarrendes Ungeheuer  aus den Tiefen des Ozeans herauskatapultierte, um sie anzufallen.

 

„Ach was, hier  doch nicht. Keine Angst, Sondra,  es ist so sicher wie in einer Badewanne.“

 

„Stimmt genau. Und um einen Barrakaida zu finden, der dich in den Hintern beißt, Schätzchen, müsstest du schon bis nach Jorsay rauffahren und als lebendes Lunchpaket direkt vor einer Heulerkolonie herumplanschen“, sagte Zev laut. Sehr viel leiser fügte er hinzu: „Und selbst wenn - der arme Barrakaida!  Das grenzt ja schon an Tierquälerei.“

 

„ZEV!“ zischte Jessamy entrüstet und äugte besorgt zu Sondra hinüber, die aber glücklicherweise so sehr damit beschäftigt war, sich nach angriffslustigen Meeresbewohnern umzusehen, dass sie den Rest gar nicht mitbekommen hatte. So blieb es also Jessamy selbst überlassen, die Entfaltung von soviel Boshaftigkeit zu ahnden, was sie auch sofort tat - wenn auch nicht sehr überzeugend -, indem sie ziemlich sanft an ein paar windzerzausten Haarsträhnen des Übeltäters zupfte, die leichtsinnigerweise unter dem Kopftuch hervorlugten. Aber Zev schrie natürlich prompt auf, als wäre er gerade skalpiert worden.

 

"Oh Gott! Womit hab ich das bloß verdient?" klagte er, mit einer großen theatralischen Geste die Arme ausbreitend und gen Himmel blickend, als wollte er mindestens ein höheres Wesen zum Zeugen für soviel Ungerechtigkeit anrufen.

 

„Das weißt du ganz genau“,  murmelte Jessamy und versuchte ein strenges Gesicht zu machen, was ihr aber irgendwie nicht ganz gelingen wollte - sie war viel zu verzaubert von seiner Darbietung, um ernsthaft böse zu sein, was Zev natürlich nicht entging.

 

Mit einem Verführerblick im Gesicht und einem übermütigen Funkeln in den Augen raunte er ihr zu: „Weißt du was, Sam? Ich bete dich einfach an! Reiß mir die Haare gleich büschelweise aus,  leg mich bei Wasser und Brot in Ketten, fessle mich an den Mast und gib mir die neunschwänzige Katze zu schmecken wie die Skipper in der guten alten Zeit - nichts wird daran je etwas ändern. Also mach mit mir, was du willst, und mach es schnell, bevor das Schicksal uns wieder auseinanderreißt. Schlag mich, beiß mich, küss mich hier und jetzt!“

 

„Alberner Kerl!“ Jessamy musste lachen, aber die Versuchung, wenigstens auf sein letztes Angebot einzugehen, war ziemlich groß. Magisch angezogen von der hypnotischen Leuchtkraft seiner grünen Augen beugte sie sich ein wenig vor und Zev kam ihr entgegen. Der Abstand zwischen ihren Lippen war gerade dabei, auf null zusammenzuschrumpfen,  als  direkt hinter Jessamy ein sehr leises und diskretes Räuspern zu hören war. Sondra hatte es offenbar aufgegeben, nach stromlinienförmigen Schatten, dreieckigen Rückenflossen und ähnlich beklemmenden Lebenszeichen der einheimischen Unterwasserfauna Ausschau zu halten und Jessamy kam mit leisem  Bedauern  zu dem Schluss, dass dies nicht der richtige Augenblick für einen Erstkontakt der besonderen Art war.

 

„Also, was ist? Gehst du jetzt mit mir eine Runde schwimmen oder nicht?“ fragte sie betont munter in Sondras Richtung, nachdem sie wieder einen kleinen Sicherheitsabstand zwischen sich und einen ziemlich frustrierten Zev gebracht hatte, der seinen Gefühlen sofort mit Märtyrerblicken und brunnentiefen Seufzern Luft  machte.

 

„Ach nein, lieber nicht“, sagte Sondra zögernd, was in Wirklichkeit ‚Auf gar keinen Fall!’ bedeutete, wie Jessamy inzwischen nur zu gut wusste. „Ich  hab’s dir ja vorhin schon gesagt, ich bin eben keine Sportkanone und so besonders gut schwimmen kann  ich auch nicht. Und wenn ich genau weiß, dass ich keinen Grund mehr unter den Füßen habe ...“

 

„Keine Sorge, ich pass schon auf dich auf.“

 

Doch Sondras skeptischer Blick verriet, dass sie nicht dazu bereit war, die Probe aufs Exempel zu machen und darauf zu vertrauen, dass Jessamy  im Notfall rechtzeitig genug zur Stelle sein würde, um sie buchstäblich vor dem Untergang zu retten.

 

Soviel Zaghaftigkeit brachte Zev hitziges Temperament, das ohnehin schon die ganze Zeit auf Sparflamme vor sich hinbrodelte, zum Überkochen. „Meine Güte, du bist vielleicht ein Angsthase! Wenn du so weitermachst, werfe ich dich irgendwann einfach rein, mit Kleidern und allem.“

 

Es war schwer zu sagen, ob das ernst gemeint war oder nicht, aber es bestand  nicht der leiseste Zweifel daran, dass Sondra es ernst nahm, denn es war diese  Drohung,  die sie endlich zu einem längst fälligen Geständnis bewegte und sie nach einer Schrecksekunde verlegen stammeln ließ: „Eigentlich ... eigentlich kann ich überhaupt nicht schwimmen.“

 

„Was?! Du wohnst dein ganzes Leben lang direkt an der Küste, keine zwanzig Minuten von kilometerlangen Traumstränden entfernt und kannst nicht einmal schwimmen? Das hält man ja im Kopf nicht aus!“ stöhnte Zev und griff sich unwillkürlich an die Stirn.

 

Doch Jessamy sah das Problem von einem ganz anderen Standpunkt aus und vielleicht bekam ihre Stimme deshalb sofort einen leicht metallischen Beiklang und wurde damit zu einem ziemlich deutlichen Echo von Lieutenant-Sorkin-auf-dem-Kriegspfad, als sie sagte: „Wenn ich das heute morgen schon gewusst hätte, hätte ich dir gleich als allererstes eine Schwimmweste verpasst. Immerhin habe ich die Verantwortung für dich, solange du  auf meinem Boot bist. Stell dir bloß mal vor, du wärst uns unterwegs über Bord gegangen ... Also wirklich, Sondra, das hättest du mir  ruhig ein bisschen früher sagen können!“

 

„Tut mir Leid, Sam“, stammelte Sondra und brachte das Kunststück fertig, unter Jessamys vorwurfsvollem Blick kleiner und kleiner zu werden.

 

Sie war gerade im Begriff,  in ein Stadium relativer Unsichtbarkeit zu entschwinden, als irgendjemand schrie: „He, ihr da drüben! Was ist bloß los mit euch? Kein Salutschuss? Nicht mal Jubelgeschrei? Was für ein lahmer Empfang! Wir sind schwer enttäuscht!“ Die angebliche schwere Enttäuschung wurde sofort durch einen mehrstimmigen Chor aus Gelächter widerlegt.

 

„Überraschung, Überraschung!“ rief Zev und feixte, als Jessamy sich verblüfft umdrehte und die beiden anderen Boote entdeckte, deren Ankunft sie im Eifer des Gefechtes gar nicht bemerkt hatte.

 

Auch Jessamys Miene hellte sich wieder auf, als sie die Neuankömmlinge sah, die jetzt unter großem Hallo längsseits kamen. Wie sich herausstellte, hatte Zev den letzten Abend nicht nur mit Einkaufen verbracht, sondern auch noch so viele Seglerfreunde wie möglich für ein Treffen bei Tirna Nook zusammengetrommelt - natürlich nur mit den besten Absichten und garantiert ohne jeden Hintergedanken, wie er Jessamy bei der erstbesten Gelegenheit allen Ernstes ins Ohr wisperte. Jessamy quittierte diese ziemlich gewagte Behauptung mit einem verständnisinnigen Grinsen - sie kannte Zev bis in die Fingerspitzen und fiel auf diesen Unschuldsblick nicht mehr herein. Gemäß dem alten Sprichwort, nach dem zwei Leute eine Gesellschaft und drei eine Menschenmenge waren, hatte Zev wohl kurzerhand beschlossen, diese Menschenmenge einfach noch um ein paar angenehme Zeitgenossen zu bereichern. Wenn die erhoffte traute Zweisamkeit mit Jessamy sowieso schon durch Sondras Anwesenheit mehr oder weniger torpediert wurde, konnte man ebenso gut  gleich eine richtige Party daraus machen - auf diesen oder ähnlichen Bahnen mussten sich Zevs Gedankengänge irgendwo zwischen der Supermarktkasse  und der nächstbesten Kom-Einheit bewegt haben. Aber es war eine gelungene Überraschung und schon deshalb war Jessamy gerne bereit, soviel schlitzohrige Scheinheiligkeit mit Nachsicht zu betrachten.

 

Eine richtige Party wurde es dann auch, wofür vor allem Zevs quirlige Schwestern verantwortlich waren, die zu guter Letzt auch noch mit der Catai eintrudelten und einen ganzen Schwarm von aufgekratzten Teenagern anschleppten. In dem allgemeinen Trubel, der nun einsetzte, verlor Jessamy Sondra ein wenig aus den Augen, obwohl sie irgendwie und irgendwann zwischen dem ständigen Hin- und Herklettern von Boot zu Boot, den wilden Wasserballschlachten, dem einen oder anderen gemütlichen Plausch bei einem Glas Eistee, den üblichen Witzeleien und den immer wieder spontan ausbrechenden Frisbeeturnieren den Eindruck gewann, dass der Begriff „Stimmungskanone“ genauso wenig auf Sondra anzuwenden war wie der Begriff „Sportkanone“. (Sie beteiligte sich an keinem einzigen Spiel und war nach allem, was Jessamy am Rande mitbekam, außergewöhnlich erfolgreich darin,  jedem aus dem Weg zu gehen, der versuchte, sie  in ein Gespräch zu verwickeln. Und es war schon eine bemerkenswerte Leistung, einen so hartnäckigen Schürzenjäger wie Wes Adonay loszuwerden - wenn er es sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Frau zu becircen, war er nämlich so dickfellig wie ein Banthabulle und so klebrig wie ein Honigbonbon.)

 

Aber Tatsache war, dass Jessamy während dem Sonnenbad, das sie sich nach einem anstrengenden Wettschwimmen mit Lelja und Godis Gilfoy auf der Catai gönnte, einschlief und deshalb den genauen Ablauf der Dinge verpasste. Als sie die Augen öffnete, fand sie lediglich Zev neben sich, der seine langen Beine in einem verzwickt aussehenden und bestimmt nicht völlig schmerzfreien Lotossitz verknotet hatte, aber trotzdem eine stille Selbstzufriedenheit ausstrahlte, die Jessamy unwillkürlich an ihren Kater erinnerte, wenn es ihm gelungen war, in einem unbeobachteten Augenblick auf den Frühstückstisch zu springen und ein oder zwei verbotene Schinkenscheiben zu erbeuten.

 

„Hab sie doch noch erwischt“, verkündete Zev prompt, als er sah, dass Jessamy langsam wieder zum Leben erwachte.

 

Jessamy reckte und streckte sich und versuchte vergeblich, die Sommernachmittags- schlaftrunkenheit abzuschütteln, die sie immer noch fest im Griff hatte.  „Wen hast du erwischt?“ fragte sie zwischen zwei Gähnattacken träge.

 

„Sondra. Hab mich einfach von hinten an sie herangeschlichen und geschrien: ‚Keine Bewegung!’ Sie dreht sich natürlich prompt zu mir um - und  zack! Schon war das holde Antlitz der scheuen Maid verewigt!“ Zev kicherte vor sich hin; sogar seine Sommersprossen schienen vor Übermut zu blinken.

 

Jessamy sann über diese Lausejungen-Mentalität nach, die neben heftigen Testosteronschüben alle männlichen Wesen  der Galaxis bis an ihr Lebensende  beherrschte, ganz egal, ob sie auf zwei oder  vier Beinen unterwegs waren.  Nun ja, vielleicht nicht alle männlichen Wesen der Galaxis, aber immerhin.  „Musste das unbedingt sein?“ fragte sie schließlich.

 

„Ja!“ sagte Zev schlicht, aber mit einem entwaffnenden Grinsen, das von einem Ohr bis zum anderen reichte.

 

„Du bist einfach unmöglich! Hat sie sich sehr aufgeregt?“

 

„Keine Ahnung.  Sie hat keinen Mucks von sich gegeben. Hat einfach nur da gehockt und ein langes Gesicht gemacht - genau wie jetzt“, fügte Zev  hinzu und spähte über Jessamy hinweg in Richtung Nivess.

 

Jessamy drehte sich auf den Bauch und sah ebenfalls zu der Nivess hinüber, wo Sondra - natürlich alleine - auf dem Kajütdach kauerte und vor sich hinstarrte. Von einem langen Gesicht konnte nicht die Rede sein, eher von einem völlig ausdruckslosen. „Also  wirklich, Zev!“

 

„Was ist? Sie wird es überleben. Außerdem wird es ihr eine Lehre sein - in Zukunft wird sie vielleicht nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit herumzicken. Ach, jetzt sieh mich doch nicht gleich so an, Sam. Ich habe sie  ja nicht mal ins Wasser geschubst  - und die Versuchung war groß,  das  kann  ich  dir  sagen. Warte mal ... weißt du eigentlich, dass du richtig niedlich aussiehst, wenn du diesen finsteren Blick draufhast? Die Kerle auf der Warbride sind zu beneiden. Du musst einfach unwiderstehlich sein, wenn du wirklich wütend wirst. He! Okay, das mit dem Niedlichsein nehme ich zurück. Hörst du? Sam! Ich nehme es zurück. Ich ... SAM!!!“

 

Was  auch immer er  noch an Protestgeschrei hervorzubringen hatte, ging in den anfeuernden Zurufen von Lelja und Godis und verschiedenen anderen Zuschauern  unter, als er in ein Gerangel verwickelt wurde, aus dem Jessamy dank einem regelmäßig absolvierten Kampfsporttraining als überlegene Siegerin hervorging, ohne auch  nur schneller zu atmen.

 

 „Und? Sind die Kerle auf der Warbride immer noch zu beneiden?“ fragte sie zuckersüß, als sie rittlings auf ihrem keuchenden und auch sonst ziemlich überwältigten Opfer saß.

 

„Mehr denn je“, japste Zev und lachte oder versuchte es wenigstens.

 

Jessamy verharrte noch eine Weile in ihrer überaus befriedigenden Position und studierte seine mit Sommersprossen gesprenkelte Nase, die aus dieser Perspektive wie eine exotische Sternenkarte aussah. Dann befreite sie Zev aus ihrem Hebelgriff und von ihrem Gewicht und stand auf. Sie reichte ihm großmütig die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen, und  Zev war seinerseits großmütig genug, ihre Hilfe mit einem Grinsen anzunehmen. Aber  seine jüngeren Schwestern, die im Hintergrund immer noch kicherten, bekamen trotzdem einen scharfen Blick ab.

 

„Wie spät ist es eigentlich?“ fragte Jessamy, was als rein rhetorische Frage gemeint war -  sie hatte selbst ein Chrono -, aber Zev antwortete, bevor sie danach sehen konnte. „Was, schon? Wie schnell die Zeit vergeht ... Wir sollten uns bald auf den Heimweg machen, Zev. Heute ist Neumond und ich will nicht unbedingt am Nordkap vorbeigondeln, wenn es stockfinster ist.“

 

Das leuchtete  Zev ein  - nicht zuletzt deshalb, weil es ihm einen hervorragenden Vorwand bot, sofort seinen Rang als stellvertretendes Familienoberhaupt herauszukehren.  „Habt ihr das gehört, ihr Krabben? Ihr macht euch am besten auch gleich auf die Socken ... und vergesst ja nicht, vorher die ganze Rasselbande wieder einzusammeln“, mahnte er.

 

Lelja  schleuderte mit einem Ruck ihren fast hüftlangen kupferfarbenen Zopf über ihre Schulter und fragte angriffslustig: „Was heißt hier die ganze Rasselbande?“

 

„Das heißt, dass Sam und ich keine Lust haben, schon wieder  ein paar vergessene Mitglieder von eurem wandernden Flohzirkus nach Hause zu kutschieren, Süße. Wir sind nicht eure Kindermädchen.“

 

„Ach ja? Warum benehmt ihr euch dann so?“  sagte Godis frech und streckte ihm die Zunge raus. (Genau wie Lelja war sie Zev so ähnlich, dass sie wie eine ins Weibliche verkehrte Miniaturausgabe von ihm aussah und diese Ähnlichkeit beschränkte sich keineswegs nur auf ihr Äußeres. Es war kein Wunder, dass die drei  sich so oft in die Haare bekamen - was natürlich vor allem dann der Fall war, wenn Zev versuchte, auf seinen Status als Respektsperson zu pochen.)

 

„Eins zu null für den Flohzirkus, Zev“, sagte Jessamy, die sich köstlich amüsierte.

 

Zev verdrehte die Augen und stieß einen tiefen  nachsichtigen Seufzer aus, um allen Anwesenden klarzumachen,  dass er auch diese Niederlage mit einer Mischung aus Würde und Humor einstecken würde.

 

Godis legte ihre Hände vor den Mund wie ein Sprachrohr und schrie mit sich überschlagender Sopranstimme einer lärmenden Gruppe junger Leute im Wasser zu, dass sie gefälligst zurückkommen sollten und das innerhalb der nächsten zehn Minuten,  falls sie nicht den Wunsch verspürten, mutterseelenallein auf Tirna Nook ausgesetzt zu werden. Sie freute sich diebisch, als ihre besten und zweitbesten  Freundinnen sofort unter großem Gekreische aus dem Wasser flüchteten und hastig an Bord kletterten. Die besten und zweitbesten Freunde folgten etwas langsamer, aber doch noch hastig genug. Es dauerte keine zehn Minuten, bis alle  genau dort waren, wo sie sein  sollten,  lachend und schwatzend und mit ohrenbetäubender Begeisterung einen Ohrwurm singend, den irgendein Radiosender im Hintergrund vordudelte. Der Geräuschpegel war unglaublich. Das Gedränge aus viel zu vielen sonnengebräunten Gesichtern, Armen und Beinen zwischen klammen Badehandtüchern und diversen Kleidungsstücken  auch.

 

„Worauf wartest du noch, Bruderherz? Runter von unserem Boot - oder fährst du etwa mit uns zurück?“ überschrie Godis den allgemeinen Tumult. 

 

„Lieber würde ich mich mutterseelenallein auf Tirna Nook aussetzen lassen, Schwesterherz“, erwiderte Zev liebenswürdig und schwang sich über die Reling, gefolgt von Jessamy. „Was meinst du, waren wir auch mal so jung?“ fragte er kopfschüttelnd, als sie wieder auf der Nivess waren.

 

„Noch viel jünger“, sagte Jessamy weise. 

 

Als sie sich von ihren eigenen Freunden verabschiedeten, die noch bleiben wollten, glitt die Catai schon davon, und bis sie die Nivess startklar gemacht hatten, war das Boot der Gilfoys nur noch ein weißer Fleck am Horizont.

 

 „Ich staune immer wieder darüber, wie schnell die Catai ist. Sie werden lange vor uns zu Hause sein“, sagte Jessamy, als die Nivess  Fahrt aufnahm und sie Tirna Nook hinter sich ließen.

 

„Na, hoffentlich. Und daheim werde ich mal ein Wörtchen mit ihnen reden müssen. Diese Kinder  sind wirklich verrückt - wie können sie nur so viele Leute in dieser Nussschale zusammenpferchen?“

 

„Vielleicht hätten wir doch ein paar von ihnen auf der Nivess mitnehmen sollen.“

 

„Auf keinen Fall! Wenn sie es unbedingt so gemütlich haben wollen wie die Ölsardinen in der Büchse, na, von mir aus. Außerdem ...“ Zevs Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern herab, „... außerdem hätte ich dann ja überhaupt keine Chance mehr bekommen,  dich wenigstens ein paar Minuten lang für mich alleine zu haben.“

 

Jessamy lachte. „Und das sagst ausgerechnet du! Wer hat denn ungefähr tausend Leute eingeladen?“

 

„Na ja, irgendwie musste ich ja die Zeit totschlagen, aber jetzt ...“, aus dem Verschwörerflüstern wurde ein seidiges Raunen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem zufriedenen Katerschnurren  aufwies, „... jetzt  sind wir ganz unter uns.“

 

„Nicht ganz“, erinnerte Jessamy und sah zu Sondra hinüber, die immer noch auf dem Kajütdach saß,  regungslos und ohne einen Laut von sich zu geben und das schon seit einer ganzen Weile. Ob sie auch eingeschlafen war?

 

„So gut wie“, entschied Zev, als er Jessamys Blickrichtung bis zum erklärten Störfaktor jedes romantischen Intermezzos verfolgt hatte. „Man  sollte günstige  Gelegenheiten  immer  nützen. Also ... was hältst du davon, die Nivess für ein Viertelstündchen oder so dem Autopiloten zu  überlassen, während wir zwei nach unten gehen und uns mal in aller Ruhe unterhalten?“

 

Jessamy konnte es nicht lassen, ihn ein wenig aufzuziehen, obwohl der berühmte Schmetterlingsschwarm gerade wieder in Aktion getreten war. „Und worüber wollen wir uns unterhalten?“ fragte sie mit großem unschuldsvollen Augenaufschlag.

 

„Über seeehr viele, seeehr wichtige Dinge.“

 

„Na, dann habe ich ja wohl keine andere Wahl.“ 

 

„Du sagst es!“

 

Soviel Einigkeit, gepaart mit einer doppelten magnetischen Anziehungskraft, konnte natürlich nur in einem Kuss enden und endete auch tatsächlich darin,  sobald sie unter Deck waren. Und dem ersten Kuss folgte ein zweiter und dann ein dritter ... und dann hörte das Universum auf, um seine unsichtbare  Achse  zu  rotieren  und  die  Zeit stand still ... für ein Viertelstündchen ... oder auch länger ...

 

... bis ein leiser Aufschrei  und ein ziemlich lautes  Platschen zu hören war!

 

Jessamy löste sich leicht benommen aus einem Augenblick der Ewigkeit und der gegenseitigen Umklammerung. „Was war das?“

 

„Sogar wenn du jetzt gefragt hättest ‚Wer war das?’ wäre es immer noch eine vollkommen überflüssige Frage“, murrte Zev  leise und versuchte sie wieder an sich zu ziehen.

 

Doch Jessamy trat einen Schritt zurück, legte den Kopf zur Seite und lauschte aufmerksam nach draußen, wo es jetzt verdächtig still war. „Alles in Ordnung, Sondra?“ rief sie beunruhigt. Aber es kam keine Antwort.

 

„Vielleicht hat sie ja doch noch  Lust auf ein kleines Bad bekommen und ist einfach über Bord gesprungen“, sagte Zev hoffnungsvoll.

 

„Das ist nicht komisch!“

 

„Ach, reg dich doch nicht gleich wieder auf. Der passiert schon nichts. Sie hat doch jetzt eine Schwimmweste an und überhaupt ... “

 

Aber  Jessamy  war schon auf dem Weg nach draußen.

 

Obwohl die Sonne inzwischen schon ziemlich tief stand,  war es immer noch so hell, dass sie eine Sekunde lang geblendet war, bis sich ihre von dem Schummerlicht in der Kajüte geweiteten Pupillen wieder verengt hatten. Erst dann sah sie Sondra, die wie eine falsch platzierte Galionsfigur auf dem Vordeck stand und am Bugspriet vorbei ins Meer hinunterstarrte, als hätte sie dort mindestens  einen versunkenen Kontinent entdeckt.

 

Halb verärgert, halb erleichtert rief Jessamy: „Sondra! Wir haben schon gedacht, dir wäre irgendwas passiert. Warum um Himmels willen schreist du erst hier herum und gibst dann  keinen Mucks mehr von dir, wenn man nach dir ruft?“

 

Sondra drehte sich langsam um. Vielleicht lag es nur an dem Gegenlicht, aber das schmale Gesicht in der windzerzausten Halo aus dunklem Haar wirkte so weiß wie der Schaum auf den Wellenkämmen und seltsam angespannt. „Es tut mir ja so Leid, Sam!“ stammelte sie.

 

„Was ist jetzt wieder?“

 

„Zevs Rucksack“,  klang es zaghaft zurück. „Ich wollte ihn doch nur wegstellen, damit er nicht nass wird. Er war ja direkt hier vorne an der Reling, wo dauernd Gischt reinspritzt, und er war schon ganz feucht. Ich hab’s nur gut gemeint, Sam, ehrlich.“

 

„Was ist denn mit dem Rucksack?“

 

„Da war plötzlich so eine Bö ... und das Boot ist irgendwie hin- und hergeschlingert ... und ich bin gestolpert ... und  da habe ich ihn fallen lassen. Ich wollte ihn noch oben an der Tragschlaufe festhalten, aber der Stoff war ja klitschnass und da ist er mir einfach aus der Hand gerutscht. Ich konnte es nicht verhindern, Sam, ehrlich.“

 

Es dauerte einen Augenblick, bis Jessamy realisierte, was Sondra ihr damit de facto sagen wollte.  „Er ist ins Wasser gefallen?“

 

Sondra nickte unglücklich. „Ich dachte, dass er vielleicht nach oben treibt und  dass ich ihn einfach wieder rausfischen kann, aber er ist sofort untergegangen wie ein Stein.“

 

„Was ist untergegangen wie ein Stein?“ fragte Zev aus dem Hintergrund alarmiert.

 

Sondra warf Jessamy einen flehenden Blick zu. Jessamy stieß einen kleinen Seufzer aus, ließ Gnade vor Recht ergehen und übernahm es selbst,  Zev über die Situation aufzuklären.

 

Seine Reaktion überraschte sogar sie. Er starrte Sondra eine volle Minute lang wortlos an - und Sprachlosigkeit war an sich schon ein schlechtes Zeichen bei einem für gewöhnlich ziemlich redseligen jungen Mann, der sein Herz auf der Zunge trug und nur selten ein Blatt vor den Mund nahm. Dann kam  ein gefährliches Wetterleuchten in seine Augen - hätten sie Blitze geschleudert,  es hätte Jessamy nicht  weiter gewundert.

 

„Es tut mir so Leid“, sagte Sondra kläglich.

 

„Ach ja?“ sagte Zev so eisig,  als wäre ein klirrend  kalter Frosthauch aus Devons Polarregionen direkt in seine Stimmbänder implantiert worden.

 

„Ich hab’s doch nur gut gemeint.“

 

Ach ja?“

 

„Können wir ihn nicht irgendwie wieder da rausholen?" fragte Sondra verzweifelt.

 

Und das brachte Zev endlich  zu der längst überfälligen  Explosion.  "Rausholen?! Wie soll ich denn das Ding da wieder rausholen? Wir sind auf See, Sondra! Laut Nav-Karte und Echolot haben wir hier gut und gerne tausend Fuß Wasser unterm Kiel - falls das einer so hoffnungslosen Landratte wie dir überhaupt irgendwas sagt! Also was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen? Soll ich vielleicht die Küstenwache oder das Ozeanographische Institut in Delamere anfunken, damit sie mir eben mal ganz kurz eins von ihren U-Booten ausleihen? Oder soll ich lieber darauf warten, dass irgendwann eine nette Meerjungfrau  auftaucht, die mir einen Gefallen tut? Ich könnte mich natürlich auch einfach  in einen Delphin verwandeln und selber da runtertauchen ... DAS IST BESTIMMT KEIN PROBLEM FÜR MICH, WENN ICH MIR WIRKLICH MÜHE GEBE!“

 

In seinem Zorn war er mit jedem Satz lauter geworden, aber erst für den letzten setzte er sein ganzes Lungenvolumen ein. Er schrie so laut,  dass ein paar Feenschleierpelikane, die ganz in der Nähe friedlich in  der Dünung hin- und herschaukelten, aufgescheucht wurden und mit klatschenden Flügelschlägen davonflatterten.

 

Sondra war so niedergeschmettert, dass sie  kein Wort mehr herausbrachte. Sie klappte den Mund auf und wieder zu  wie ein Fisch auf dem Trockenen und sah sich dann hilfesuchend nach Jessamy um.

 

Jessamy fand auch, dass  eine Einmischung angebracht war - bevor die Situation endgültig eskalierte - und sagte schnell: "Der Rucksack ist eben futsch,  Zev. Aber Sondra wird ihn dir natürlich ersetzen. "

 

"Oh ja, das werde ich, Zev, ganz bestimmt. So schnell wie möglich. Du musst mir nur sagen,  was da alles drin war und was es gekostet hat und ich gebe es sofort an meinen ... an meine Haftpflichtversicherung weiter. Wir ... die Versicherung kommt für alles auf“, plapperte Sondra aufgeregt. Niemand konnte daran zweifeln, dass sie sich die größte Mühe gab, ihr Missgeschick wieder gutzumachen - niemand außer Zev, der von diesem Versöhnungsversuch offensichtlich überhaupt nicht  beeindruckt war.

 

Er stand einfach nur regungslos da und starrte  Sondra an und die Art und Weise, wie er es tat, gefiel Jessamy gar nicht.  Er taxierte Sondra mit seinem Blick,  er maß sie ab, er kalkulierte, bewertete und rechnete zusammen, was er sah. Es war der Blick eines Fechters, der kurz vor einem entscheidenden Duell die Stärken und Schwächen seines unbekannten Gegners einzuschätzen versuchte. Es war der Blick eines Soldaten, der dem Feind endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, die Hand schon am Griff seines Blasters, kampfbereit. Es war ein Blick, den Jessamy noch nie in seinen Augen gesehen hatte und auch nie wieder sehen wollte.

 

 „Zev ...“, sagte sie so behutsam, als müsste  sie einen Schlafwandler ansprechen, der nicht zu abrupt aufgeweckt werden durfte. „Hast du nicht gehört, was Sondra gesagt hat?“

 

Er atmete tief durch, sichtlich um  Selbstbeherrschung ringend, dann sagte er gepresst: "Ich habe ganz genau gehört, was sie gesagt hat, Sam - und im Gegensatz zu dir habe ich sie sogar  verstanden!“ Mit dieser kryptischen Bemerkung wandte er sich ab und schickte sich an,  wieder in die Kajüte hinunterzugehen.

 

„Zev!“ rief Sondra bestürzt hinter ihm her.

 

„Vergiss es, Sondra, okay? Vergiss es einfach!" fauchte er, ohne sich auch nur nach ihr umzudrehen. Aber das war auch gar nicht nötig. Sogar sein stocksteifer Rücken sah wütend aus,  als er im Niedergang verschwand.

 

"Oh Gott, er ist so böse auf mich, dass er nicht mal Geld von mir will. Was soll ich jetzt bloß machen, Sam?“

 

„Im Moment gar nichts.  Lass  ihn einfach eine Weile in Ruhe. Er beruhigt sich schon wieder und wenn er sich erst ein bisschen abreagiert hat, wird er anders darüber denken“, erwiderte Jessamy, obwohl sie sich in diesem Punkt  gar nicht so sicher war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, Zev je so aufgebracht gesehen zu haben. Und was zum Henker sollte diese Anspielung? Was glaubte  er im Gegensatz zu ihr verstanden zu haben? Aber wenn sie eine Antwort auf diese Frage haben wollte,  dann würde auch sie warten müssen, bis Zev sich wieder beruhigt hatte.

 

"Es tut mir so Leid“, wiederholte Sondra zum x-ten Mal.

 

Wenn überhaupt irgendwas, dann  ist das  ihr Leitmotiv, dachte Jessamy müde.  „Ich weiß“, seufzte sie.

 

Sie ließ dem erhitzten Gemüt fast eine Stunde Zeit zur Abkühlung, bevor sie das Ruder erneut dem Autopilot übergab und unter Deck ging, um mit Zev zu reden, aber sie sah auf den ersten Blick, dass sich seine Laune nicht  wesentlich gebessert hatte. Er brütete in der Sitzecke neben der Pantry vor sich hin und sein Gesicht unter dem Kopftuch war so grimmig, dass er aussah wie ein Kumpan von Van’Dal dem Grausamen, einer blutrünstigen Seeräuberlegende aus Delameres wild bewegter und keineswegs nur romantischer Vergangenheit. Es fehlte eigentlich nur noch die obligatorische schwarze Augenklappe oder ein Krummsäbel in seiner Hand,  um das Bild zu vervollständigen. Jessamy rechnete jeden Augenblick damit, ihn in einen Schwall von Flüchen in dem bildgewaltigen Idiom des siebzehnten Jahrhunderts prä-imperialer Zeitrechnung ausbrechen zu sehen.

 

„Hallo“, sagte sie betont beiläufig und erntete für ihren Gruß nur ein Knurren. „Ich brauche jetzt unbedingt etwas Kaltes zu trinken, ich bin völlig ausgedörrt. Was ist mit dir?“

 

Zevs Antwort bestand in einer Grimasse, die man nur noch als Zähnefletschen bezeichnen konnte. Doch immerhin akzeptierte er das gefüllte Glas, das sie trotzdem vor ihm auf den Tisch stellte, ohne ihr gleich den Kopf abzureißen, was Jessamy für einen Fortschritt hielt. Als er sich dann sogar dazu herabließ, das Glas  in die Hand zu nehmen  und es hin und her zu drehen, so dass die  Eiswürfel in dem Rangoonasaft sachte vor sich hinklingelten, sagte sie sich, dass er möglicherweise schon wieder zu einem mehr als einsilbigen Akt der Kommunikation bereit war - anderenfalls hätte er das Ding wahrscheinlich einfach an die Wand geworfen, um seinem Frust wenigstens symbolisch Luft zu machen.

 

„Können wir darüber reden?“

 

Noch ein  Knurren.

 

Irgendwo in der Nähe von Jessamys Zwerchfell blubberte Heiterkeit aufwärts wie Grundwasser in einem artesischen Brunnen und drohte, sich in einer Fontäne aus Gekicher zu entladen, was von Zev natürlich sofort bemerkt und ziemlich  finster zur Kenntnis genommen wurde. „Na gut. Dann lass wenigstens mich darüber reden, ja?“ sagte sie, als sie den spontanen Lachreiz zusammen mit ihren Gesichtsmuskeln wieder einigermaßen unter Kontrolle  gebracht hatte.

 

Dieses Mal blieb das Knurren aus, was sie der Einfachheit halber als Zustimmung wertete. „Okay. Die Fakten. Erstens: Dein Rucksack geht Sondra natürlich überhaupt nichts an und hätte sie einfach die Finger davon gelassen, wäre er auch nicht im Wasser gelandet. Zweitens: Ja, sie ist ein Tollpatsch, aber das ist ja schließlich kein Kapitalverbrechen. Drittens: Niemand ist unfehlbar, nicht mal du. So was hätte jedem von uns passieren können. Es war einfach nur Pech, ein dummer kleiner Zufall. “

 

„War es das?“ schnappte Zev.

 

Und Jessamy erkannte endlich den Kern des Problems.  „Glaubst du etwa, sie hat das mit Absicht gemacht?“

 

„Ich glaube es nicht, ich weiß es.“

 

„Ach, Unsinn!“

 

„Bist du dir da wirklich so sicher, Sam?“

 

„Natürlich. Das ist doch absurd. Warum sollte  Sondra deinen Rucksack über Bord werfen?“

 

„Hm, lass mich mal nachdenken. Könnte es vielleicht sein, weil irgendetwas in ihm war,  etwas ganz Bestimmtes, das ich ungefähr zehn Minuten vorher direkt vor Miss Pechvogels spitzer  Nase eingepackt habe? Na, und was glaubst du wohl, was das war? Dreimal darfst du raten.“

 

„Die VidCam?“ 

 

„Der Kandidat hat hundert Punkte“, verkündete Zev verdrossen und leerte sein Glas in einem Zug, bevor er es mit einem Knall wieder auf der Tischplatte absetzte.

 

„Also das  glaube  ich  einfach  nicht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass  Sondra  ...“

 

„Sie wollte nicht, dass ich sie filme, oder? Aber ich habe es trotzdem getan. Und jetzt liegt meine VidCam zusammen mit meinem ganzen anderen Zeug auf dem Grund des Meeres - na,  wenn das kein Zufall ist!“ gab Zev mit beißendem Sarkasmus zurück.

 

„Warum sollte sie so etwas machen?“ beharrte Jessamy.

 

„Warum, warum - woher soll ich das wissen?“ rief Zev ungeduldig. „Vielleicht ist sie ja irgend so eine durchgeknallte Sekten-Braut und bildet sich ein, dass ihr Astralkörper Pickel bekommt oder dass sie bei ihrer nächsten  Reinkarnation als Blutegel wiedergeboren wird,  wenn ein ungläubiger Sünder wie Zev Gilfoy Bilder von ihr macht. Vielleicht kann sie mich einfach nicht leiden und wollte mir eins auswischen. Vielleicht hat sie auch irgendeinen anderen Grund, auf den kein normaler Mensch je kommen würde. Aber wen interessiert das schon?  Für mich zählt hier nur eines: Diese Frau tickt doch irgendwie nicht ganz richtig. Pass bloß auf,  Sam, mit der wirst du noch dein blaues Wunder erleben!“

 

Und bei dieser Meinung blieb er, egal, was Jessamy zu diesem Thema sagte und sie hatte noch eine ganze Menge dazu zu sagen.

 

 

 

Auf dem letzten Teil  der Heimfahrt  herrschte eine  ziemlich gedrückte Stimmung auf  der Nivess. Zev grollte und schmollte schweigend auf dem Vordeck vor sich hin, wenn er nicht gebraucht wurde. (Jessamys Weigerung,  seine messerscharfe und natürlich völlig vorurteilsfreie Logik anzuerkennen und die in seinen Augen lückenlose Beweiskette für Sondras doppelzüngige Hinterhältigkeit zu akzeptieren, hatte ihn schwer getroffen.) Sondra kauerte von Schuldgefühlen gebeutelt auf ihrem üblichen Platz und schien jederzeit bereit zu sein, in Tränen auszubrechen.  Und Jessamy saß am Ruder und meditierte über Fragen von kosmischer Bedeutung: Warum mussten sogar vollkommene Tage  immer wieder mit einem Paukenschlag enden? Warum führten selbst die besten Absichten grundsätzlich direkt in eine mittelprächtige Katastrophe? Und warum entpuppte sich jeder Mann, den sie kannte, früher oder später als kompliziertes und halsstarriges Wesen mit einem deutlichen Hang zur Paranoia? Ach ja, das Leben war hart und ungerecht -  vielleicht nicht immer, aber  immer öfter!

 

Sie war heilfroh, als sie mit Einbruch der Dunkelheit endlich im Yachthafen von Delamere einliefen und dicht neben der Catai, die tatsächlich vor ihnen eingetroffen war,  am Pier anlegten.  Zev hatte inzwischen schon die Segel geborgen und  die schützenden Persennings mit riesigen Knoten befestigt, die er so straff anzog, als sollten sie bis ans Ende aller Zeiten  halten. Jetzt warf er Godis, die sie auf dem Kai  erwartete, um ihnen beim Vertäuen zu helfen, die Bugleine mit einem so aggressiven Schwung zu, dass das Mädchen  sich unwillkürlich erschrocken duckte.

 

„He! Was soll denn das?“ schimpfte sie.

 

„Hör auf zu jammern und mach vorwärts! Na los, wird’s bald?“ herrschte Zev sie an.

 

 „Na, du hast vielleicht eine Laune ... Sklaventreiber ... Blödmann!“ maulte Godis, die fünfzehn und damit gerade in einer kritischen Phase war, in der sie auf jede Form von Druck instinktiv mit Meuterei reagierte.

 

„Noch ein Wort und du kannst morgen zu Hause bleiben, junge Dame!  Mom hat erst gestern wieder  gesagt,  dass du in letzter Zeit einfach unerträglich bist und dass dir ein bisschen Hausarrest  mal ganz gut tun würde. Und Dad sucht sowieso noch nach einem Glücklichen, der ihm beim   Anpinseln vom  Gartenpavillon helfen darf. Also pass bloß auf, du verzogenes Gör, wie du mit deinem großen Bruder sprichst, der immer nett, verständnisvoll und vor allem höflich  ist!“

 

Der eklatante Widerspruch zwischen dieser Aussage und seinem aktuellen Verhalten schien ihm im Augenblick der Erregung gar nicht aufzufallen.  Jessamy schüttelte den Kopf, ersparte sich aber eine entsprechende Bemerkung. Sie ließ die Nivess nach achtern absacken, damit auch die Heckleine am Poller festgemacht werden konnte, eine Aufgabe, die  Lelja übernahm, die gerade im Scheinwerferlicht des Kais aufgetaucht war und ihr fröhlich zuwinkte. Sobald die Nivess ordnungsgemäß vertäut war, sprang Zev auf die Mole hinüber - er schien es gar nicht mehr erwarten zu können, von Bord zu kommen. Der Abschied von Jessamy fiel entsprechend kurz und ziemlich ungnädig aus; Sondra wurde nicht eines Blickes gewürdigt. Als er mit seinen Schwestern auf und davonging, sehr steif und aufrecht und sehr, sehr verschnupft, hörte Jessamy, wie Lelja ihn neugierig fragte: „Was ist denn los mit euch Turteltäubchen? Habt ihr euch gezankt?“

 

Woraufhin ihr großer Bruder auch den letzten Zweifel an seinem netten, verständnisvollen und vor allem höflichen Wesen erfolgreich zerstreute, in dem er gereizt „Ach, halt die Klappe!“ brummte. 

 

Leljas Antwort fiel scharf und wortreich aus, wurde aber teilweise von Godis’ ziemlich schrillen Feststellungen über Erwachsene im allgemeinen und nur scheinbar erwachsene Brüder im besonderen übertönt.  Das Letzte, was Jessamy an diesem Abend von den Gilfoys sah, war eine Dreiergruppe aus heftig gestikulierenden und lautstark streitenden Schatten, die in der Dunkelheit hinter dem hellerleuchteten Restaurant des Nautilus-Clubs verschwand.

 

„Ich hab euch den  ganzen Tag verdorben“, sagte eine weinerliche Stimme hinter Jessamys Rücken.

 

Und vielleicht nicht nur diesen einen Tag, dachte Jessamy düster, denn sie war selbst gerade dabei, in  eine Art Weltuntergangsstimmung hineinzurutschen und hatte daher weder den Wunsch noch die Energie, sich mit der neuesten Version von Sondras endlosen seelischen Tiefflügen zu befassen. „Lass uns hier Schluss machen und einfach nach Hause fahren, okay?“

 

Und genau das taten sie dann auch.

 

 

Vardiss:

 

„Ich weiß immer noch nicht, ob sie es mit Absicht gemacht hat oder nicht.  Ich meine, mir ist  bis heute kein halbwegs vernünftiger Grund eingefallen, warum sie es getan haben sollte. Aus reiner  Gehässigkeit? Das traue ich ihr nicht zu. Aber Zev hat nie damit aufgehört, solche Theorien auszubrüten.“ Jessamy lächelte ein wenig. „Er hat eine blühende Phantasie.“

 

Breghala quittierte diese nebensächliche Information mit einem beiläufigen Nicken. Er hielt es für vollkommen überflüssig, Sorkin darauf hinzuweisen, dass sie mit all ihrer Intelligenz das wahrscheinlichste Motiv von Rakoshs Verhaltensweise genauso übersehen hatte wie ihr ziemlich leicht entflammbarer Freund mit  seiner ganzen blühenden Phantasie. Er erwiderte Sorkins Lächeln, voller wohlwollender Nachsicht für die erfrischende Naivität braver gesetzestreuer Bürger, die in ihrer Arglosigkeit gar nicht erst auf die Idee kamen, dass schon jeder kleine Durchschnittsgauner einen sehr vernünftigen Grund hatte, eine Krise zu bekommen, wenn seine künftigen Opfer sich anschickten, Bilder oder Filmaufnahmen von ihm zu machen. Und für Rebellen, die schon etwas mehr waren als nur kleine Durchschnittsgauner - wenn auch nicht sehr viel mehr! -, galt natürlich dasselbe. Man konnte wohl davon ausgehen, dass nicht einmal eine so drittklassige Amateurspionin wie Sondra Rakosh es einfach zulassen würde, dass ihr Konterfei eines Tages in die Datenbanken des imperialen Geheimdienstes wanderte und vielleicht sogar auf den Fahndungsdisplays erschien, die auf allen öffentlichen Plätzen ausgehängt waren.

 

„Damals habe ich jedenfalls keinen Gedanken mehr daran verschwendet“, fuhr Jessamy fort. „Natürlich war ich auch viel zu sehr damit beschäftigt, die vielen gesträubten Federn um mich herum wieder glatt zu streicheln, vor allem Zevs Federn.“ Ihr Lächeln wurde strahlender und ihre Augen  leuchteten auf wie immer, wenn sie seinen Namen aussprach. Breghala, der mit leicht zerstreuter Belustigung die Symptome hochgradiger Verliebtheit registrierte,  dachte, dass dieser Gilfoy absolut keinen Grund hatte, Sorkins Kollegen von der Warbride zu beneiden - wenn überhaupt irgendjemand in dieser Geschichte zu beneiden war, dann er selbst.

 

„Aber das ist ja auch nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass Zev felsenfest davon überzeugt war und dass er Sondra von diesem Tag an nicht mehr über den Weg getraut hat.  Das ging so weit, dass er sie jedes Mal, wenn er bei mir war, die ganze Zeit über mit Argusaugen beobachtet hat. Das ist mir manchmal ganz schön auf die Nerven gegangen, aber heute bin ich eigentlich froh darüber. Denn wäre er Sondra gegenüber nicht so misstrauisch gewesen, hätte ich mir später, als ich selber langsam gemerkt habe, dass da etwas nicht stimmt, wahrscheinlich sofort eingeredet, dass ich  mir das alles nur einbilde. Aber dazu kommen wir noch  ... es hat schließlich noch eine ganze Weile gedauert, bis es bei mir so weit war. Tja,  was  soll ich  sagen? Als  mir zum  ersten Mal wirklich aufgefallen ist, dass die Sache irgendwie anfing  aus dem Ruder zu  laufen, habe ich es einfach nur für eine von  Sondras Macken gehalten  ...“

Devon:

 

Die drückende Hitze des Spätsommerabends entlud sich gerade in einem halbherzigen Gewitter, als Jessamy von der Straße in die angenehm temperierte Halle des Shaalizaar Inns flüchtete. Doch die dumpfe abgestandene Luft, die ihr aus ihrer Wohnung entgegenwehte, sobald sie die Tür aufschloss, war auch nicht viel besser als das schwül-feuchte Waschküchenklima, das draußen dank dem prasselnden Regenschauer herrschte. Sondra hatte völlig vergessen, die Umweltkontrollen einzuschalten, bevor sie ausgegangen war. Und sie hatte  vergessen, ein anderes Gerät auszuschalten, wie Jessamy gleich darauf feststellte, als ihr aus dem Halbdunkel des Flurs eine einzelne rote Leuchtdiode entgegenglühte wie ein winziges Dämonenauge.

 

„Licht an und Thermostat auf Stufe vier“, sagte sie laut. Als prompt sämtliche Deckenfluter  gleichzeitig aufflammten und die Klimaanlage leise  ächzend eine sehr willkommene kühle Brise durch die stickigen Räume zu hecheln begann, setzte Jessamy ihre Reisetasche ab - beinahe auf den Kopf des vierbeinigen Empfangskomitees, das gerade lautlos zum üblichen Begrüßungszeremoniell angehuscht war! - und nahm den Reader in die Hand, der mit der Rückseite nach oben auf der Greelholzkommode neben der Garderobe lag. Sie wollte das Lesegerät gerade abschalten, als ihr Blick auf die erste Textzeile auf dem handtellergroßen Bildschirm fiel. Und ich hörte, wie Sirenen nach mir riefen, zeitloser Zauber aus kristallklaren Tiefen ...

 

Diese Worte waren Jessamy so geläufig, dass es eigentlich gar nicht nötig war, sich über ihren Ursprung zu vergewissern. Trotzdem klickte sie ganz mechanisch und ohne weiter darüber nachzudenken das Hauptmenü des Buchchips auf und von dort aus das Inhaltsverzeichnis,  wo der Name des Autors und der Titel des Buches in anmutig verschnörkelten  Lettern direkt über der  Kapitelübersicht standen. Natürlich war es Edramareks Palast der Winde -  was hätte es auch sonst sein sollen? Sondra war inzwischen wohl zu dem Schluss gekommen,  dass  auch ihr  literarischer  Horizont  erweitert werden musste  ...

 

Einer plötzlichen Eingebung folgend, wechselte Jessamy mit einem weiteren Tastendruck in die Systemsteuerung des Readers und von dort aus in ein Unterverzeichnis, in dem eine statistische Auflistung aller zuletzt geöffneten Dateien mit Datum und Uhrzeit abgespeichert war. Und was sie dort vorfand, übertraf ihre kühnsten Erwartungen.

 

Nach der Zahl der Eintragungen zu urteilen,  hatte  Sondra wesentlich mehr getan, als Edramareks unsterbliche Balladensammlung einfach nur zu lesen.  Allein Die Windsbraut, das Poem, aus dem der Vers stammte, den Jessamy  auf der Nivess zitiert hatte, war innerhalb  der letzten  zwei Wochen sage und schreibe siebenunddreißigmal geöffnet worden. Davon muss sie ja wirklich begeistert  sein, wenn sie es gleich auswendig lernt, dachte Jessamy amüsiert. Aber das war noch längst nicht alles ...

 

Sie zögerte einen Augenblick lang. Noch vor einer Minute hatte sie nichts anderes im Sinn gehabt, als sich so schnell wie möglich aus ihrer verschwitzten Uniform herauszuschälen, die wie eine zweite Haut an ihr klebte, und unter der Dusche  zu verschwinden, wo sie so lange zu bleiben gedachte, bis die Zimmertemperatur auf höchstens dreiundzwanzig Grad abgesunken war. Außerdem war es höchste Zeit für ein kleines Abendessen, sie kam fast um vor Hunger.  Aber es gab nun einmal Momente, wo man ... nein ... frau die Zähne zusammenbeißen und sich um Dinge kümmern musste, die viel wichtiger waren als die Befriedigung von kleinen persönlichen Bedürfnissen ... zum Beispiel die Befriedigung einer sehr persönlichen und gar nicht so kleinen Neugier!

 

 

 

Kurzentschlossen  trabte sie in ihr Wohnzimmer hinüber und nahm sich dort das  Regal vor, wo dank Sondra jetzt alles so übersichtlich angeordnet war, dass Jessamy die Stapel transparenter kubusförmiger Chips in ihren beschrifteten und bunt bebilderten Kunststoffhülsen einfach nur noch mit der Readerstatistik vergleichen musste. Doch das Ergebnis dieser sorgfältigen Prüfung war nur eine Bestätigung für das, was Jessamy schon nach dem allerersten Blick auf den Textschirm des Readers vermutet hatte: Sondra hatte die Monate seit ihrem Einzug damit verbracht, sich systematisch durch Jessamys ganze Bibliothek hindurchzuarbeiten. Sie hatte jedes einzelne Buch gelesen, das sie vorgefunden hatte, einfach alles, manches  davon sogar mehrmals  wie zum Beispiel die beiden Ratgeber für Katzenhalter  (Deine Katze - das unbekannte Wesen und Mit einem Raubtier auf Du und Du), verschiedene Reisebeschreibungen (unter anderem Veetan - Wege  durch die Wildnis oder Gelebte Geschichte auf Celja III) und sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf noch eine ganze Phalanx von grässlich kitschigen Abenteuer- und Liebesromanen, die eigentlich Kaye Drumheller gehörten, aber in der Hektik ihrer ziemlich überstürzten Abreise zurückgeblieben waren (Schatten über Coruscant, Die Hexenkönigin von Dathomir, In den Fängen der Jedis, Die Sklavin des Sith-Lords und ähnlich haarsträubende Herz-Schmerz-Schmonzetten).

 

Sondra hatte nicht einmal vor dem Allgemeinen Vorschriften-Handbuch für imperiales Militärpersonal, überarbeitete Ausgabe, Band I bis V  oder dem Standard-Leitfaden für Flottenoffiziere Halt gemacht,  obwohl diese buchstäblich bedeutungsschweren Werke mit Sicherheit das genaue Gegenteil von dem waren,  was man unter einem interessanten oder geistig anregenden Lesestoff verstand. Tatsächlich hatte zu Jessamys Akademiezeiten die klassische Bestrafung von allzu vorwitzigen Kadetten darin bestanden, sie hundert Absätze aus den Allgemeinen Vorschriften  abschreiben zu lassen, auf echtem Papier und mit einem echten, speziell für dieses Martyrium vorgesehenen Füller, einem fast schon prähistorischen Schreibutensil aus dunklen, barbarischen Zeiten, das mit einer als Tinte bezeichneten Flüssigkeit  verwendet wurde und immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnete,  hässliche Kleckse produzierte. Diese von tödlicher Langeweile erfüllte Tortur hatte sogar den hartgesottensten Frechdachs bemerkenswert schnell zu aufrichtiger Reue veranlasst und ihn, soweit Jessamy das beurteilen konnte, ziemlich nachhaltig zur Räson gebracht. Und was den Standard-Leitfaden anging, so kannte Jessamy jemanden, der schwor,  mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie der hochdekorierte Commander einer TIE-Jäger-Staffel unter dem paralysierenden Einfluss dieser mühseligen Lektüre vorübergehend ins Wachkoma gefallen war.

 

Die bloße Vorstellung, dass sich irgendjemand die ebenso wortgewaltigen wie gehirnlähmenden Kopfgeburten irgendwelcher Stabsstellen-Schreibtischhengste freiwillig zu Gemüte führte, erfüllte Jessamy mit einem Gefühl ungläubiger Ehrfurcht. Und doch bestand kein Zweifel daran, dass Sondra sie genauso verschlungen hatte wie all die anderen Bücher auch - welcher seltsame Impuls auch immer sie dazu getrieben haben mochte ...

 

„Verstehst du das?“ fragte Jessamy den Kater, der schmeichelnd um ihre Beine strich und sie immer wieder auffordernd mit dem Kopf in die Kniekehlen knuffte, um die Aufmerksamkeit seiner Dosenöffnerin in die einzig richtige Richtung zu lenken.  Der Kater warf ihr einen konzentrierten topasfarbenen Blick zu und maunzte einmal kurz, was man als eindeutiges  ‚Nein!’ interpretieren konnte oder auch als Aufforderung, sofort eine kleine Rückenmassage und einen vollen Futternapf rüberwachsen zu lassen.

 

Jessamy, die ihre Katzen-Ratgeber noch öfter gelesen hatte als Sondra (was man von den  Allgemeinen Vorschriften und dem Standard-Leitfaden nicht unbedingt behaupten konnte) und sich daher keinerlei Illusionen über die Prioritäten dieses ganz bestimmten unbekannten Wesens machte, interpretierte seine Botschaft richtig und widmete sich ausgiebig dem vernachlässigten Wohlbefinden ihres anschmiegsamen Mini-Raubtieres, bevor sie endlich den Weg in Badezimmer und Küche fand, um nach einer ausgiebigen Reinigung in eigener Mission den Kühlschrank zu plündern. Doch ihre Entdeckung konnte sie weder unter dem sanften lauwarmen Geriesel der Dusche noch vor ihrem mit  Appetithappen gefüllten Teller vergessen. Und so kam es, dass sie ihr Abendessen sofort im Stich ließ und sich selbst in ein Empfangskomitee verwandelte, als sie die Wohnungstür aufgehen hörte.

 

„Hallo Sondra. Sag mal, warum hast du ...“ Jessamy brach jäh ab, als sie ihre Untermieterin erblickte, die regungslos vor der Tür stand, den Codeschlüssel noch in der Hand,  und nach einer Schrecksekunde sofort wie das personifizierte schlechte Gewissen aussah. Und dazu hatte sie auch allen Grund, denn das fesche lindgrüne Kleid, das sie trug,  passte ihr zwar wie angegossen, war aber leider nicht ihr Eigentum.

 

Sieh mal einer an, dachte Jessamy in dem betäubten, aber fragilen Schweigen, das sich jetzt wie eine schillernde Seifenblase zwischen ihnen ausdehnte,  jederzeit bereit zur Implosion. Sie ist auf den Zentimeter genauso groß wie ich. Sie starrte unwillkürlich von Sondras schmaler Taille, die von einem breiten weißen Gürtel besonders vorteilhaft zur Geltung gebracht wurde, auf ihre Füße hinunter, die in zierlichen,  ebenfalls verdächtig bekannt wirkenden Sandaletten steckten. Alles an ihr ist auf den Zentimeter genauso groß wie ich!

 

„Sam ... ich wusste nicht ... ich hatte ja keine Ahnung, dass du heute schon zurückkommst“, hauchte Sondra schließlich verlegen.

 

„Ja, das sehe ich.  Jetzt komm schon rein oder willst du da draußen Wurzeln schlagen?“ sagte Jessamy  mit einer Schärfe, die sie selbst überraschte.

 

Sondra huschte sofort herein und schloss leise die Tür hinter sich. „Ich kann alles erklären, Sam.“

 

„So?“ Jessamy verschränkte die  Arme über der Brust und musterte ihr Gegenüber noch einmal von oben bis unten, was zur Folge hatte, dass sie auch noch eine feine Goldkette mit einem Medaillonanhänger an Sondras Hals entdeckte, die sie zum letzten Mal in ihrem eigenen Schmuckkästchen gesehen hatte. Und irgendwie setzte das der ganzen Angelegenheit die Krone auf, denn diese Kette war das letzte Geburtstagsgeschenk, das Jessamy von ihren Eltern bekommen hatte. Das Medaillon enthielt ein winziges Holo - das letzte gemeinsame Holo von Jeoff und Elissa Sorkin überhaupt - und bedeutete ihr schon aus diesem Grund sehr viel.  „Na, auf die Erklärung bin ich jetzt aber gespannt.“

 

Sondra knetete nervös ihre Finger. „Hör zu, Sam, ich weiß, das du wütend bist, aber versuch wenigstens, es zu verstehen ...“

 

„Was soll ich verstehen? Dass du hinter meinem Rücken in meinen Sachen herumschnüffelst oder dass du sie dir einfach nach Lust und Laune ausleihst?“

 

„Ich hab’s nicht böse gemeint. Ich hätte ja auch alles sofort wieder zurückgegeben.“

 

„Oh! Jetzt fühle ich mich natürlich gleich viel besser!“

 

„Ich weiß, ich hätte das nicht tun dürfen ...“

 

„Da hast du verdammt Recht!“

 

„Es tut mir wirklich sehr, sehr Leid. Es war ja auch nur dieses eine Mal und ...“

 

„Ach, nur dieses eine Mal? Komm schon, Sondra - glaubst du wirklich, dass ich nicht gemerkt habe, dass du meinen ganzen Kleiderschrank umorganisiert hast?“

 

„Na schön, ich geb’s ja zu. Aber es war nicht so, wie du denkst. Ich wollte eigentlich nur eine von deinen Blusen aufhängen, die ich mitgewaschen habe,  und dabei ist rein zufällig eine andere vom Bügel runtergerutscht  und weil ich schon mal  dabei war ... na ja ... da habe ich eben gleich ein bisschen aufgeräumt.“

 

„Wie nett von dir!“

 

„Ich dachte, du würdest dich darüber freuen.“

 

„Würdest du dich darüber freuen, wenn ich rein zufällig in deinem  Schrank herumkrame?“

 

„Sei bitte nicht böse auf mich, Sam. Es ist nur ... du siehst immer so  schick aus, ohne dir große Umstände zu machen. Und ich habe gedacht ... ich habe einfach gedacht, wenn ich  deine Sachen mal anprobiere ... nur um zu sehen, wie sie mir stehen, wie sie an mir wirken, dann würde ich vielleicht ... na ja, du weißt schon.“

 

„Du meinst, du wolltest rausfinden, wie man sich in Schale wirft, ohne dir erst einen Berg neue Kleider kaufen und dafür einen Haufen Credits aus dem Fenster werfen zu müssen?“

 

„So  ungefähr.“

 

„Aber ich habe dich nicht nur bei einer kleinen Modenschau vor dem Spiegel erwischt, Sondra. Ich habe dich dabei erwischt, dass du in meinen Sachen unterwegs warst, den ganzen Tag, vielleicht sogar schon die ganze Zeit über! Vielleicht findest du jetzt, dass ich einen Riesenwirbel darum  mache. Aber es geht mir gar nicht mal so sehr darum, dass du dir etwas von mir ausgeliehen hast, nein, der springende Punkt ist, dass du es dir einfach klammheimlich genommen hast. Du hättest mich wenigstens vorher fragen können.“

 

 „Aber du warst doch gar nicht da.“

 

„Dann hättest du eben warten müssen, bis ich wieder  heimkomme!“

 

Sondra biss sich auf die Lippen. „Du hast ja Recht, Sam. Ich hätte es nicht tun sollen. Es  ist nur  ... heute war  ein ganz besonderer Tag für  mich und da wollte ich eben ganz besonders gut aussehen.“

 

Wenn es ihre Absicht gewesen war, mit diesem Geständnis Jessamy den Wind aus den Segeln zu nehmen, dann hatte sie es geschafft. Jessamy war von einem Augenblick auf den anderen völlig entwaffnet. Als sie Sondra so vor sich stehen sah, ebenso demütig wie reumütig und irgendwie wehrlos wie ein sehr junges Mädchen, das ganz alleine den ersten unsicheren Schritt in die Untiefen der Erwachsenenwelt wagte, fühlte sie förmlich, wie ihr Ärger dahinschmolz und sich in nichts auflöste. Etwas milder sagte sie: „Du wolltest dich nur für ein Date aufbrezeln?“

 

„So eine Art Date, ja.“

 

Jessamy fragte sich, wie ein Rendezvous aussehen und ablaufen mochte, das hinterher mit der leicht ominösen Klassifizierung „so eine Art  abgetan wurde, aber Sondras Beziehungskisten gingen sie Gott sei Dank überhaupt nichts an - noch nicht. „Und? Sind ihm wenigstens fast die Augen aus dem Kopf gefallen vor lauter Bewunderung?“ sagte sie trocken.

 

„Ja.“ Sondra lächelte ein wenig. Ob dieses Lächeln der Erinnerung an den offenbar ziemlich erfolgreich verlaufenen Abend galt oder dem Friedensangebot, das ihr gerade gemacht worden war, konnte Jessamy nicht beurteilen.

 

„Na schön“, sagte sie, als ihre edleren Regungen widerstrebend die Oberhand gewannen. „Aber wenn du das nächste Mal vorhast, in  meinem mühsam zusammengesparten Jorgos-Gardani-Fummel Männerherzen zu brechen, dann fragst du mich vorher, okay?“

 

Sondra strahlte sofort auf wie eine Supernova. „Danke, Sam. Du bist immer so nett zu mir.“

 

„Ich bin zu nett für diese Welt“, seufzte Jessamy und damit war das Thema gegessen und vom Tisch – ganz im Gegensatz zu ihrem Abendessen.

 

Erst als sie sich wieder darüber hermachte – unter den wachsamen und zunehmend vorwurfsvollen goldenen Augen des Katers, der im Interesse seiner stark gefährdeten schlanken Linie dieses eine Mal vergeblich auf ein Extrahäppchen hoffte –, fiel Jessamy ein, dass in der allgemeinen Aufregung ein ganz anderes Thema sang- und klanglos unter den Tisch gefallen war. Aber Sondra trällerte im  Badezimmer leise vor sich hin – ihre Verabredung musste wirklich sehr erfolgreich verlaufen sein – und angesichts ihrer  ungewohnt gelösten Stimmung brachte Jessamy es einfach nicht über das Herz, sie damit aufzuziehen, dass sie sich irgendwo zwischen Edramareks lyrischen Ergüssen und Kayes Zuckerwatten-Romantik ausgerechnet die imperialen Dienstvorschriften reingezogen hatte, die  mit Poesie und ähnlich zarten Empfindungen herzlich wenig zu tun hatten.  Vielleicht war sie tatsächlich zu nett für diese Welt. Vielleicht war sie sogar viel zu nett – das war jedenfalls Zev Gilfoys Meinung. Und mit dieser Meinung hielt er auch nicht hinter dem Berg.

 

Jessamy war sich nicht sicher, ob es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gab, aber Hass auf den ersten Blick gab es ganz bestimmt – Zev war der lebende Beweis dafür. Die unterschwellige Antipathie, die er Sondra von Anfang an entgegengebracht hatte, hatte sich nach dem Vorfall auf der Nivess zu einer offenen Aversion ausgewachsen. Wann immer er Sondra begegnete, was sich leider nicht ganz vermeiden ließ, legte er ihr gegenüber eine mit Gift geladene Höflichkeit an den Tag, die zusammen mit seinem feindseligen Blick vielsagender war als eine offene Beleidigung. Nicht einmal die Regresszahlung von Interstellar Floyd, der größten Versicherungsgesellschaft von Devon, hatte daran etwas geändert. (Es war Jessamy übrigens immer noch ein Rätsel, wie Sondra es geschafft hatte,  ihre Versicherung dazu zu bringen, Schadensersatz zu leisten, denn Zev hatte aus purem Trotz bis zum Schluss jede Kooperation verweigert und weder die geforderte schriftliche Aufstellung über seine im Meer versenkten Habseligkeiten noch die besonders begehrte Rechnung für die neue VidCam herausgerückt. Aber Interstellar Floyd hatte trotzdem einen sehr großzügig bemessenen Scheck ausgestellt, der in Sondras Auftrag  von Jessamy überreicht und erst nach einer langen hitzigen Diskussion mit Todesverachtung angenommen worden war.)

 

Unter diesen Umständen war die Episode mit dem Ausgeh-Outfit, das Sondra sich einfach so unter den Nagel gerissen hatte, natürlich Wasser auf Zevs Mühle. Jessamy  bereute sofort,  ihm überhaupt davon erzählt zu haben - von Sondras Bücherwurmaktivitäten ganz zu schweigen -,  denn wenn Zev erst einmal anfing, sich über Sondra auszulassen, fand er so schnell kein Ende mehr damit. Als der Sturm sich nach einer Viertelstunde immer noch nicht gelegt hatte, versuchte sie es mit einem Kuss, aber mit einem so durchsichtigen Trick ließ Zev sich nicht ablenken, wenn es um seine Erzfeindin ging. 

 

Doch irgendwann fand Jessamy, dass sie sich jetzt wirklich genug wilde Spekulationen über Sondras mutmaßliches Verständnis von grundsätzlichen Begriffen wie „mein“ und „dein“ angehört hatte.

 

„Es war ja schließlich nur dieses eine Mal!“ sagte sie schroff, obwohl sie nicht eine Minute lang  an Sondras Beteuerungen in diesem Punkt geglaubt hatte.  Aber  Zev ignorierte diesen Warnschuss vor den Bug natürlich und sprach ungeniert laut aus, was Jessamy heimlich dachte.

 

„Woher willst du das wissen? Du hast doch keine Ahnung, was diese Frau so alles treibt, während du durch das All kurvst. Wahrscheinlich bedient sie sich jeden Tag aus deinem Kleiderschrank. Wahrscheinlich schläft sie jede Nacht in deinem Schlafanzug hier in diesem Bett. Wundern würde es mich jedenfalls nicht.“

 

„Findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“

 

„Findest du nicht, dass du ein bisschen zu mitfühlend und verständnisvoll bist? Aber auf diese Tour reitet sie ja, deine kleine Neurotiker-Freundin. Vielen, vielen, viiielen Dank, ihr seid ja alle sooo lieb zu mir!“ säuselte Zev mit hoher Fistelstimme.

 

„Musst du sie unbedingt nachäffen?“

 

„Wer äfft hier wen nach? Sam, merkst du eigentlich gar nicht, was hier los ist?“

 

„Scheinbar stehe ich heute irgendwie auf der Leitung, ich habe nämlich wirklich keinen blassen Schimmer, wovon du  überhaupt redest,  Professor Allwissend. Na, was ist? Weihst du mich irgendwann in das große Geheimnis ein oder sonderst du lieber weiter Orakelsprüche ab, bis ich vor Neugier gestorben bin?“

 

Es war bezeichnend für die momentan ziemlich einseitige Zielerfassung von Zevs Kampfgeist,   dass diese geballte Ladung Spott wirkungslos an ihm abprallte. Er nickte nur nachdenklich vor sich hin und sagte aufreizend gönnerhaft: „Dir fällt es natürlich nicht so auf wie mir. Du kannst dich ja schließlich nicht selbst beobachten und dich mit Sondra vergleichen. Nein, nein, man muss schon daneben stehen,  man muss euch beide zusammen sehen und erleben, um es zu merken.“

 

„Um was zu merken? Würdest du mir bitte endlich klipp und klar sagen ...“

 

„Warte, nicht so schnell. Dazu muss ich erstmal ein bisschen weiter ausholen. Also...“

 

„ZEV!“

 

„Wie kann man nur so ungeduldig sein?“ rief Zev, der selbst die Ungeduld in Person war. „Sag mal, springst du den Lamettaträgern  in deinem fliegenden Eimer  auch immer gleich an die Kehle, wenn sie mehr als zwei Sätze zu dir sagen?“

 

Jessamy dachte, dass es von Zeit zu Zeit durchaus gute Gründe gab, den „Lamettaträgern“ an die Kehle zu springen, aber übertriebene Redseligkeit gehörte glücklicherweise nicht dazu. Und natürlich war es weder auf der Warbride noch sonst wo ratsam, irgendjemandem, der ein imperiales Rangabzeichen trug,  an die Kehle zu springen. Deshalb war es auch meilenweit von der eher zahmen Wirklichkeit entfernt, als sie jetzt aus reinem Widerspruchsgeist  tollkühn behauptete: „Bei jeder  Gelegenheit!“

 

„Wow, das macht sich bestimmt wirklich gut in deiner Personalakte. Auf diese Weise bringst du es garantiert noch bis zum Admiral - in tausend Jahren oder so. Falls sie dich nicht vorher vors Kriegsgericht stellen oder dich einfach aus der nächstbesten Luftschleuse werfen, was zwar eine schreckliche Verschwendung, aber irgendwie menschlich verständlich wäre. Aber lassen wir das.  Spitz lieber mal die Ohren und hör mir einfach nur ganz ruhig zu  -  versuch es wenigstens, okay?“

 

Jessamy warf ihr Kopfkissen nach ihm (das Gespräch fand, wie schon erwähnt, in ihrem Bett statt, das aus den verschiedensten Gründen die ideale Arena für einen Beinahe-Streit war), was nicht unbedingt ein Beweis für ihre Bereitschaft war, die Ohren zu spitzen und einfach nur ganz  ruhig  zuzuhören, aber so leicht war Zev nicht zu entmutigen.  Er ließ das Kissen, das er gerade noch abgefangen hatte, auf den Boden fallen und entsorgte vorsichtshalber auch gleich zwei oder drei andere potentielle Wurfgeschosse in dieselbe Richtung, um Jessamy nicht unnötig in Versuchung zu führen. Nachdem er auch noch den Kater verscheucht hatte, der auf die unerklärliche und sehr verwirrende Anwesenheit eines weiteren splitterfasernackten Zweibeiners auf seiner üppig gepolsterten Spielwiese mit Eifersucht reagierte und am Fußende auf der Lauer lag, um alle Zehen, Sohlen und Fersen, die sich in seine Nähe wagten, mit zornigen Tatzenhieben in die Flucht zu schlagen, rollte Zev sich in eine bequeme Seitenlage, stützte das Kinn in die Hand und den Ellbogen auf das allerletzte Kissen, und begann damit, die Perlen seiner Weisheit vor seinem undankbaren Publikum auszuschütten.

 

„Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass deine Sondra überhaupt keine eigene Meinung hat? Sie orientiert sich in allem, was sie sagt und tut,  immer mehr nach dir und nur nach dir allein, Sam.“

 

„Jetzt übertreibst du aber wirklich!“  protestierte Jessamy und rettete mit einem schnellen Griff ihre schöne Patchwork-Tagesdecke vor dem frustgeladenen Tatendrang des Katers. Sie wollte ihn zu sich zu locken, um ihn über die Enttäuschung hinwegzutrösten, aber der Kater strafte sie mit Nichtachtung. Er bezog vor der geschlossenen Schlafzimmertür Stellung, fixierte das unüberwindliche Hindernis, das seinem würdevollen Abgang im Weg stand, mit starrem Blick und haderte sichtlich mit sich und der hartherzigen verständnislosen Menschenwelt, die ihn umgab. Jessamy war davon so beeindruckt, dass sie aufstand und ihm den Weg in die Freiheit öffnete, woraufhin der Kater gravitätisch wie eine verbannte königliche Hoheit in sein Exil schritt, ohne ihr auch nur einen Blick zu gönnen. Jessamy schwor sich, später alles wieder gutzumachen, kehrte aber vorläufig zu Zev zurück, der genau so viel  Aufmerksamkeit verdiente - wenn auch nicht ganz so viel, wie er sich einbildete.

 

„Ach ja? Dann denk doch mal nach, Sam. Erinnerst du dich noch an die Sache mit diesem Wie-heißt-er-noch-gleich-Komponisten? Erst findet sie ihn ganz toll, dann plötzlich nicht mehr - und das keine drei Sekunden, nachdem du klar gestellt hast,  dass du von seinem Gedudel gar nichts hältst.

 

Und wie war das  gestern,  als wir uns  alle zusammen die Nachrichten  angesehen haben? Weißt du noch, wie sie das Interview mit Gelana Mer’Kell gebracht haben, als sie grünes Licht für den Abbau von Tibannagas im Sirangatti-Nationalpark geben wollte? Die aufgetakelte alte  Schachtel hat doch wirklich die Stirn gehabt, irgendwas von neuen Arbeitsplätzen und einer besseren Infrastruktur für die ganze Region zu faseln, obwohl sie sich die vielen teuren Klunker an ihren Wurstfingern  bestimmt erst seit den Bestechungsgeldern der Minengilde-Lobby leisten kann. Aber deine Sondra war einfach hingerissen von dem ganzen Gelaber - bis du gesagt hast, dass man eine Umweltministerin, die zulässt, dass ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet ein Bergwerk eröffnet wird, ohne Taschenlampe in einem Grubenschacht aussetzen sollte. Und prompt stößt Klein-Sondra ins selbe Horn und trompetet heraus, dass Umweltschutz natürlich immer vorgeht und dass korrupte  Politiker sowieso der Bodensatz der Menschheit sind und bla bla bla ...

 

Und so geht das ständig, Sam. Ich könnte dir jetzt auf Anhieb noch ein Dutzend Beispiele  aufzählen, wenn es mir nicht einfach zu  mühsam wäre. Aber Tatsache ist, dass  Sondra -  egal, worum es geht! -  ständig auf deine Seite umschwenkt. Wenn du weiß sagst, sagt sie  grundsätzlich auch weiß. Und wenn für dich etwas schwarz ist, dann ist es für sie gleich schwarz wie die Nacht.“

 

Jessamy fühlte sich dazu verpflichtet, Sondras Partei zu ergreifen. „Sie ist einfach nur zu schüchtern, um auf ihrer eigenen Meinung zu bestehen, das ist alles. Sie mag  mich. Sie  bewundert  mich sogar. Sie will irgendwie so sein wie ich. Wahrscheinlich passt sie sich deshalb so total an. Das ist natürlich nicht gut - nicht gut für sie, meine ich -, aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

 

„Du willst es einfach nicht verstehen, oder?“

 

„Na, was denn?“

 

„Am Anfang wusste Sondra nicht einmal, was Redrox überhaupt ist, oder? Jetzt dröhnt sie sich den ganzen Tag damit zu.  Edramarek war für sie praktisch ein Fremdwort. Jetzt zieht sie ihn sich rein bis zum Gehtnichtmehr, zusammen mit deinem ganzen anderen Kram. Sie hört  deine Musik,  sie liest deine Bücher, sie  plappert deine Ansichten nach und jetzt fängt sie auch noch damit an, deine Kleider anzuziehen. So schlimm ist es nun auch wieder nicht? Vielleicht doch, Sam,   denn das ist  nur die  Spitze vom Eisberg.

 

Ja, sie bewundert dich und ja, sie will irgendwie so sein wie du. Aber was hier läuft, geht schon einen Tick über eine ganz normale Schwärmerei plus Nachahmungstrieb hinaus. Sondra übernimmt nicht nur deinen Geschmack, deinen Lebensstil, deine Weltanschauung, nein, Sam, sie übernimmt dich, dich selbst von Kopf bis Fuß. Sie äfft dich nach. Sie imitiert deine ganze Gestik, die Art, wie du gehst, wie du dasitzt,  wie du redest, wie du lachst,  wie du deine komische Himmelfahrtsnase rümpfst, wenn du dich über mich aufregst, die tausend Kleinigkeiten, die aus dir unverwechselbar Sam Sorkin machen. Sie macht dir  alles nach, alles. Sie ist wie dieser Pantomime in der 68. Straße, du weißt schon,  dieser Typ in der Fußgängerzone, der immer die Leute parodiert. Aber was  Sondra da abzieht, ist  keine Parodie. Es ist todernst.“

 

„Ach, das ist ja verrückt.“

 

„Ja,  das ist es. Und ganz schön unheimlich!“

 

„So habe ich es nicht gemeint, Zev, und das weißt du auch ganz genau. Du bist verrückt! Was soll das alles? Na schön, du kannst Sondra nicht ausstehen, aber du steigerst dich da allmählich in etwas rein ...“

 

„Ich mache mir nur Sorgen um dich“, protestierte Zev.

 

„Und ich mache mir Sorgen um dich. Du bist ja  richtig besessen von Sondra.“ Jessamy schwieg einen Augenblick, bevor sie leiser fortfuhr: „Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, wenn ich nicht genau wüsste, dass so etwas einfach unter deinem Niveau ist, dann würde ich mich jetzt langsam fragen, ob du mich vielleicht gegen sie aufhetzen willst  ... und zwar aus einem ganz bestimmten Grund.“

 

„Um sie los zu werden, damit ich bei dir einziehen kann? Das ist absurd, Sam!“

 

„Ich weiß. Und ich bin sehr froh darüber, dass ich es so genau weiß - es wäre ganz schön traurig, wenn es nicht so wäre.“

 

„Du glaubst mir nur nicht, weil du es nicht mit eigenen Augen sehen kannst. Aber irgendwann wird es sogar dir auffallen. Ich kann warten.“

 

„Oh, Zev, wirklich!“

 

„Ich habe es dir schon damals auf der Nivess gesagt und ich sage es dir hier und heute noch mal: Diese Frau hat einen gewaltigen Sprung! Ich weiß nicht, was ihr Problem ist, aber wenn das mit ihr so weiter geht,  wird es eines Tages todsicher unser Problem sein. Du wirst schon noch sehen, wer  hier von wem besessen ist, Sam. Und spätestens dann wirst du mir glauben.“

 

Obwohl Jessamy das Eintreffen dieser Prophezeiung genauso sehr bezweifelte wie Zevs Unvoreingenommenheit in dieser ganzen Angelegenheit, machte sie sich Gedanken darüber, sobald sie dazu Gelegenheit und vor allem die nötige Muße fand, was erst der Fall war, nachdem Zev wieder gegangen war - geschniegelt und gebügelt für ein wichtiges Geschäftsessen in der City, aber immer noch ziemlich in Wallung, was weniger an dem vorangegangenen Geplänkel lag als an den ziemlich intensiven Friedensverhandlungen, die es unweigerlich nach sich gezogen hatte. Doch so sehr Jessamy sich in der wieder eingekehrten Stille auch den Kopf zerbrach, sie kam einfach zu keinem vernünftigen Ergebnis.

 

In ihren Lieblingssessel gekuschelt und  den Kater auf den Knien -  er war zur Versöhnung  bereit, sobald die bedrohlich dominante männliche Präsenz aus seinem Revier verschwunden war - grübelte sie vor sich hin, während sie sanft das seidig schimmernde Fell kraulte, was mit einem  seligen Schnurren gewürdigt wurde. Bauschte Zev alles nur auf oder sah er, dessen Blick in Sondras Fall nicht gerade durch die rosarote Brille reiner Menschenfreundlichkeit getrübt wurde, klarer und tiefer als Jessamy? War Jessamy für Sondra  einfach nur ein Ideal, dem sie nacheiferte? Hoffte sie nur, sich weiter zu entwickeln,  ein ganz neuer Mensch zu werden, eine erfolgreichere, glücklichere Frau, wenn sie sich ein paar Facetten von Jessamys Wesen und Lebensart aneignete?  Oder war sie schon im Begriff, sich selbst einer radikalen Umerziehung, ja beinahe schon einer Art Gehirnwäsche zu unterziehen? Bahnte sich hier vielleicht sogar eine ausgewachsene Persönlichkeitskrise an? Wo lag überhaupt die Grenze zwischen Anpassungsfähigkeit und Identitätsverlust und wer bestimmte ihren Verlauf? Zev? Jessamy? Sondra selbst?

 

Jessamy seufzte. So verworren die Sache auch war, in einem Punkt hatte Zev leider Recht:  Sondra hatte sie offensichtlich zu ihrer ganz privaten Heldenikone auserkoren und so schmeichelhaft das auf den ersten Blick auch sein mochte, auf den zweiten war es eher belastend, um nicht zu sagen lästig.  Jessamy wollte kein Idol sein, sie wollte nicht auf einen Sockel gestellt und  angehimmelt werden. Und auf keinen Fall  wollte sie nachgeahmt werden - und schon gar nicht nachgeäfft!

 

„Aber das kann ich mir sowieso nicht vorstellen. Ich glaube, Zev hört einfach nur das Gras wachsen - eben typisch Mann“, erklärte Jessamy dem Kater.

 

„Mauuu!“ sagte der Kater und kniff sie spielerisch in die Hand und das war alles, was er dazu beizutragen hatte.

 

Zevs Unkenrufen zum Trotz verliefen die nächsten Wochen ruhig und friedlich und völlig ereignislos - wenn man mal davon absah, dass Sondra in einem Anfall von Kaufrausch kreuz und quer durch sämtliche Läden und Secondhandshops  der Stadt jagte und sich eine komplette neue Garderobe zulegte, die zu neunzig Prozent aus Zwillingsstücken von Jessamys eigenen Kleidern bestand. Aber das war eben typisch Frau und vollkommen normal, wie Jessamy ein wenig gereizt verkündete, als sie von Zev prompt mit einem triumphierenden Na-was-hab-ich-  dir-gesagt-Blick bedacht wurde. Zevs Antwort beschränkte sich auf eine skeptisch hochgezogene Augenbraue. Er hatte dazugelernt oder tat jedenfalls so als ob.

 

 

 

Die Hitzewelle der letzten Sommertage war beinahe nahtlos in einen langen goldenen Herbst übergegangen, der die Straßenschluchten von Delamere mit flirrenden Lichtspeeren füllte und die zahllosen  dicht belaubten Baumkronen in den Alleen und Stadtparks in einem spektakulären Feuerwerk aufflammen ließ. Unter der kühlen klaren saphirblauen Glaskuppel des Himmels leuchtete und funkelte und strahlte einfach alles, die Bäume, die Fensterfronten  der Häuser, die Menschen ...

 

Kaye Drumheller strahlte nicht. Tatsächlich sah sie ziemlich finster aus, als sie aus dem flachen Plasmabildschirm von Jessamys Kom-Einheit herausstarrte. Ihre Stirn war von drei strengen waagrechten Falten durchkerbt und ihr großzügig geschwungener Mund, der von der Natur nur zum Lachen vorgesehen zu sein schien, war zu einer dünnen ärgerlichen Linie zusammengekniffen, wenn er nicht gerade eine Flut von unverständlichen Worten heraussprudelte. Alles in allem machte sie den Eindruck, als ob irgendjemand oder irgendetwas sie gewaltig in Harnisch gebracht hatte. Das Problem war nur, dass der größte Teil von dem, was sie von sich gab, von rhythmisch auf- und abschwellenden Pfeiftönen und Knistergeräuschen überlagert wurde, was vermutlich auf irgendeinen technischen Defekt zurückzuführen war. Doch die wenigen Wortfetzen, die nicht in dem allgemeinen Rauschen und Piepsen untergingen, klangen bedenklich genug.

 

„... dachte, wir wollten ... schon so lange ...  immer wieder und wieder versucht ... Aus den Augen ... was?“

 

An diesem Punkt schien Kaye selbst aufgefallen zu sein, dass mit der Übertragung etwas nicht ganz so war wie es sein sollte, denn plötzlich schüttelte sie irritiert den Kopf und beugte sich ein wenig zur Seite, so dass sie kurz aus dem Sichtbereich der Kamera verschwand. Was auch immer sie in diesen Sekundenbruchteilen angestellt hatte, es bewirkte nur, dass die ganze Geräuschkulisse mit der Phonstärke eines überhitzten Ionentriebwerkes aufheulte und Kayes verdrossenes rundes Gesicht - jetzt wieder sichtbar - sich Pixel für Pixel in das auflöste, was in Funkerkreisen nicht umsonst als „Schneesturm“ bezeichnet wurde. Im nächsten Augenblick brach die Verbindung völlig zusammen und Jessamy, die ebenfalls stirnrunzelnd  vor lauter Konzentration über dieser stark verstümmelten Botschaft in ihrer Mailbox gebrütet hatte, war genauso klug wie vorher. Sie spielte die Aufnahme noch zweimal ab, nachdem sie den akustischen Verstärker ihrer Kom-Einheit ein wenig modifiziert hatte, aber sogar der Equalizer mit seinem Anti-Verzerrungs-Effekt war machtlos, wenn der aufgezeichnete Anruf von so erbarmungswürdiger Qualität war. Am Ende blieb Jessamy nichts anderes übrig als Kaye einfach zurückzurufen, was sie ohnehin getan hätte.

 

Seltsamerweise war ihre Verbindung mit der Giantana-Basis glockenklar und von keinerlei wie auch immer gearteten Störungen heimgesucht. (Die Wartungsteams auf Soraya mussten mit einer geradezu atemberaubenden Effizienz und Schnelligkeit arbeiten - schließlich lag Kayes Anruf laut der Echtzeitanzeige der Mailbox noch keine Stunde zurück.)  Ob es allerdings wirklich ein Vorteil war, das blasierte Dressmangesicht des Lieutenants, der das Callcenter von Giantana regierte, in seiner ganzen Pracht vor sich zu sehen, war eher fragwürdig - vor allem deshalb, weil sofort nachdem er Jessamy erkannt hatte,  ein breites selbstgefälliges Grinsen  darauf erschien, das das weißeste Gebiss seit der Erfindung des Zahnbleachings zur Schau stellte.

 

„Hallo Sonnenschein! Also wirklich, Sie scheinen ja ohne mich gar nicht mehr leben zu können“, gurrte er. „Und was verschafft mir heute wieder die Ehre?“

 

„Dasselbe wie immer“, erwiderte Jessamy in dem  kühlen indifferenten Ton, den sie zusammen mit einer Miene sphinxenhafter Undurchdringlichkeit speziell für Möchtegern-Charmebolzen wie ihn reserviert hatte. (Sie hatte schon früh gelernt, dass man gewissen Schwierigkeiten in ihrem Beruf am Besten aus dem Weg ging, indem man sich Flirtversuchen gegenüber  ungefähr so zugänglich zeigte wie eine mittelalterliche Burg während einer Belagerung:  Fallgatter runter, Zugbrücke hoch, hinter jeder Schießscharte und  Zinne ein Bogenschütze und oben auf dem Wehrgang jede Menge Kessel mit siedendem Pech.)

 

 „Oh nein! Wie kann jemand, der so hübsch ist,  nur so grausam sein? Jedes Mal, wenn ich Sie  sehe, hoffe ich auf ein kleines Lächeln, auf einen Hauch von Interesse an meiner Wenigkeit, aber leider, leider ...“ Der Lieutenant seufzte schmerzlich. „Sie brechen mir noch das Herz!“ klagte er.

 

„Ach wirklich? Na, geben Sie mir ruhig  Bescheid, wenn es soweit ist. Dann kaufe ich mir extra für Sie ein  mit Spitzen besetztes Taschentuch  und  weine es  jeden  Tag  um  diese  Uhrzeit klitschnass  -  wenn ich nicht gerade etwas Besseres vorhabe. Und jetzt stellen Sie mich bitte endlich durch, ja?“

 

Doch der Lieutenant schmollte jetzt und musste erst seine makellos manikürten Fingernägel einer eingehenden Begutachtung unterziehen, bevor er sich zu einer Antwort herablassen konnte. „Ich glaube nicht, dass Drumheller hier auf dem Stützpunkt ist“, sagte er schließlich.

 

„Glauben ist nicht wissen, wie ein sehr weiser Mann mal behauptet hat. Also warum tun Sie uns beiden nicht den Gefallen und sehen einfach mal nach? Natürlich nur, wenn es Ihnen nicht allzu viel Mühe macht“, sagte Jessamy und lächelte jetzt wirklich, was aber nur daran lag, dass sie gerade einen intensiven und überraschend realistischen Tagtraum durchlebte, in dem sie diesem uniformierten Lackaffen voller Wonne einen kräftigen Tritt in seine vier Buchstaben versetzte.

 

Vielleicht war es ein  Fall von Gedankenübertragung, vielleicht auch nicht, jedenfalls verdrehte der Lieutenant vielsagend seine großen babylauen Augen unter den schmalen schwarzen Bögen seiner Brauen, die so vollkommen waren, als würde sich regelmäßig eine Kosmetikerin darum kümmern, dass auch ja kein überflüssiges Härchen in die falsche Richtung wuchs, und seufzte noch einmal, sehr viel lauter als zuvor.  Nachdem er so wortlos, aber unmissverständlich klargestellt hatte, dass von all den kaltherzigen männerhassenden Emanzen, die ihn jemals hatten abblitzen lassen,  Jessamy die Allerschlimmste  war, eine richtige Hexe,  die roh und gefühllos auf seinem empfindsamen Ego herumtrampelte, fügte er sich in sein Schicksal. „Na schön.  Eine Minute“,  sagte er resigniert und drückte auf eine Taste.

 

Sofort erschien auf dem Bildschirm das imperiale Hoheitszeichen, während aus dem  Lautsprecher zackige Marschmusik klirrte. Es mochte Zeitgenossen geben, die sich von dem Anblick dieses Ehrfurcht gebietenden Pausensymbols und den mitreißenden Pauken- und Trompetenklängen in eine so erhabene Stimmung versetzt fühlten, dass sie darüber jedes Zeitgefühl verloren, doch Jessamy gehörte nicht dazu. Als aus der angekündigten einen Minute bereits zehn Minuten geworden waren, trommelten ihre Fingerspitzen auf der Tischplatte neben ihrem Kom einen zunehmend ungeduldigen Kontrapunkt zu der fünften Wiederholung der „Carida-Hymne“. Sie war gerade dabei, in einen neuen Tagtraum hinüberzugleiten, in dem dieser Callcenter-Dandy zum Gegenstand einer rabiaten, aber ziemlich eindrucksvollen Hai’Ki-Würgegriff-Demonstration wurde, als die Musik abrupt verstummte und das Pausensymbol  wieder durch sein Gesicht ersetzt wurde. 

 

„Tut mir unendlich Leid“, verkündete der Lieutenant so fidel, dass man allen Grund hatte, an dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu zweifeln. „Aber ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt. Drumheller ist nicht da. Um genau zu sein: Sie ist seit gestern zusammen mit unseren anderen Softwareingenieuren bei einem Fortbildungsseminar auf Sarskojeselo.“

 

Jessamy wollte schon widersprechen - wie konnte Kaye seit gestern weg sein, wenn sie erst heute Abend von der  Giantana-Basis aus auf Devon angerufen hatte? -, als ihr ein gewagter, aber sehr einleuchtender Gedanke durch den Kopf schoss, der sie dazu veranlasste, ihren bereits geöffneten Mund wieder zuzuklappen, ohne den Süßholzraspler am anderen Ende der Leitung ganz offen der Lüge zu bezichtigen.

 

„Die kommen alle erst nächste Woche zurück. Zwecklos, es vorher noch mal  zu versuchen - es sei denn, Sie entwickeln zwischendurch doch noch ein bisschen Sehnsucht nach mir, Sonnenschein. Man gibt die Hoffnung ja nie auf“, sagte Mr. Universum ölig und zwinkerte ihr zu.

 

Jessamy zog es vor, das Gespräch zu beenden, bevor er auch noch auf die Idee verfiel, ihr zum Abschied eine Kusshand zuzuwerfen, was statt der erwünschten Sehnsucht eher einen spontanen Brechreiz bei ihr ausgelöst hätte. Doch nachdem sie aufgelegt hatte, ließ sie sofort die Aufnahme von Kayes Anruf zum vierten Mal ablaufen. Und dieses Mal achtete sie nicht mehr auf das ausdrucksstarke Mienenspiel ihrer Freundin oder auf die  Störgeräusche - das alles lenkte nur ab -, sondern hörte einfach nur ganz genau hin, die Augen halbgeschlossen, konzentrierter als je zuvor.

 

„... dachte, wir wollten ... schon so lange ...  immer wieder und wieder versucht ... Aus den Augen ...was?“

 

Konnte sie nicht doch einen Sinn aus diesen abgehackten Sätzen herausfiltern? Konnte sie nicht, wenn sie nur ein kleines bisschen ihre Phantasie anstrengte, die Lücken zwischen den einzelnen Worten schließen, sie logisch ergänzen und sich ungefähr zusammenreimen, worum es hier ging? Vielleicht doch, denn im Grunde genommen hatte das, was Kaye da von sich gab,   bemerkenswert viel Ähnlichkeit mit dem, was Jessamy selbst schon ein paar Mal ausgesprochen und  niedergeschrieben hatte. Vielleicht hatte Kaye ja nichts anderes gesagt als: Ich dachte, wir wollten in Kontakt bleiben. Wir haben schon so lange nichts mehr voneinander gehört. Ich habe immer wieder und wieder versucht dich zu erreichen. Aus den Augen, aus dem  Sinn, was?

 

War das möglich? Hatte Kaye, wie immer zwischen Gutmütigkeit und Hitzköpfigkeit hin- und hergerissen, mitten in einem kleinen Zornausbruch angerufen,  um Jessamy auszuzanken und ihr denselben Vorwurf  um die Ohren zu schlagen,  den auch Jessamy inzwischen schon mehrfach gegen sie erhoben hatte, nämlich dass sie sich  seit einer Ewigkeit in Schweigen hüllte und jeden Kontaktversuch ignorierte?

 

Aber wenn das stimmt, dann würde das ja bedeuten, dass meine ganzen E-Mails und Anrufe in letzter Zeit gar nicht bei ihr angekommen sind -  und ihre nicht bei mir!  Jessamy schnalzte leise mit der Zunge, als ihr die Implikationen dieser Schlussfolgerung bewusst wurden. Wurden ihre Anrufe deshalb immer sofort in das Callcenter umgeleitet, wurde sie deshalb immer wieder von Lieutenant Un(Wider)steh(lich) abgewimmelt? Warum hatte er Jessamy vorhin zehn Minuten lang in einer Warteschleife hängen lassen? Hatte es wirklich so lange gedauert, eine einzelne simple Information aus dem Basisnetzwerk zu fischen, oder  hatte er einfach nur genug Zeit gebraucht, um sich an eine ganz bestimmte Person zu wenden und von ihr ganz bestimmte Anweisungen zu erhalten? Gab es da vielleicht jemanden in Giantana, der ein Interesse daran hatte, Kaye Drumheller zu isolieren, sie völlig von der Außenwelt abzuschotten? Ließ dieser Jemand einfach ihre ganze Korrespondenz unterschlagen und jeden Anruf, der  für sie hereinkam, von einem gut dressierten Wachhund abfangen? Und wenn man schon mal soweit war: War Kayes letzte Nachricht  wirklich nur von einem zufälligen technischen Defekt  ramponiert worden oder hatte jemand mit einem Störsender ein bisschen nachgeholfen?

 

Jessamy schaltete das Kom ab und ging in die Küche, um sich einen Tee zu machen. Sie hatte das Gefühl, dass angesichts der jüngsten Entwicklungen eine kleine Stärkung angebracht war. Der Kater schien derselben Meinung zu sein, denn er machte sich lautstark bemerkbar, sobald er Jessamys Zielrichtung angepeilt hatte. Er gab erst wieder Ruhe, nachdem sie ihm einen Kisscat- Knusperriegel mit naturidentischem Lachsaroma  spendiert hatte, über den er so gierig herfiel, dass die garantiert katzenfellpflegenden Cerealien und Gemüseflocken in alle Richtungen davonstoben. Zu seinem Glück war seine Besitzerin zu beschäftigt, um sich darüber aufzuregen.  Sie wirbelte mit ihrem Löffel einen Beutel Orla Cray Spezial durch das kochendheiße Wasser in der riesigen magentaroten Tasse, die vor ihr stand, und starrte verträumt in die aufsteigenden Dampfwölkchen hinein wie eine Wahrsagerin in ihre Kristallkugel. Sie war Parsecs von ihrer Küche und dem kleinen Krümelmonster neben ihr entfernt. 

 

Im Gegensatz zu Tausenden von Wehrdienstpflichtigen, die nur durch einen Einberufungsbefehl und oft genug gegen ihren Willen den Weg in die imperiale Armee fanden, hatte Jessamy sich aus freien Stücken für eine Offizierskarriere bei der Raumflotte entschieden.  Schon aus diesem Grund  war sie auf ihre eigene Weise durchaus loyal, was ihre Einstellung gegenüber dem Militär an sich anging. Aber sie verwechselte Loyalität nie mit Blauäugigkeit oder gar Blindheit. Sie sah sehr wohl die Schwächen, ja Gefahren eines Systems, das nur auf den granitharten Eckpfeilern Hierarchie, Kommandostruktur und Gehorsam beruhte. Denn letzten Endes waren sie alle -  vom niedrigsten Frontschwein bis zum höchsten Lamettaträger, wie Zev es auf seine blumige und nicht sehr respektvolle Weise ausgedrückt hätte  - nur Menschen aus Fleisch und Blut und jeder von ihnen hatte seine individuellen Fehler und Macken. Die Werbeplakate der Rekrutierungsbüros, die Vorträge der Ausbilder an den Akademien und die hochtrabenden, auf Publikumswirkung bedachten öffentlichen Reden von Admiralen und Generälen waren immer mit großartigen Phrasen gespickt, wenn es um so theoretische Begriffe wie Charakterstärke oder Kameradschaftsgeist unter Soldaten ging. Wenn man ihnen Glauben schenken wollte, dann war die ganze Streitmacht des Imperiums eine einzige große Familie, in der jeder seinen ganz persönlichen Traum vom Glück wahrmachen konnte, solange er dazu bereit war, sich an die Regeln  zu halten.  Aber das war eben nur eine schöne Theorie.  Jessamy hatte während ihrer kurzen Laufbahn schon genug gesehen und gehört, um zu wissen, dass die Praxis anders aussah. Ganz anders.

 

Es war einfach eine Tatsache, dass es viel zu viele Schiffe, Raumbasen und Garnisonen  gab, wo ein so unerfreuliches Phänomen wie Mobbing an der Tagesordnung war.  Und es war ein offenes Geheimnis - auch wenn es aus Prestigegründen immer wieder vehement bestritten wurde -, dass gerade die Frauen, die schon aufgrund ihrer rein zahlenmäßigen Unterlegenheit und dem allgemein vorherrschenden Machismo einen schweren Stand hatten, auffallend oft Mobbingattacken ausgesetzt waren. Doch Jessamy war sich vollkommen darüber im Klaren, dass bloßer Sexismus in solchen Fällen nicht unbedingt der ausschlaggebende Faktor war - es gab überall Leute, die gar keinen besonderen Grund brauchten, um eine Abneigung gegen irgendeinen Außenseiter zu fassen,  dem sie von da an das Leben zur Hölle machten. Und es mussten nicht einmal Vorgesetzte sein, die zu Quälgeistern mutierten, es konnten durchaus die vielgerühmten „Kameraden“ sein. (Obwohl natürlich irgendwann immer eine maßgebliche Persönlichkeit die Bühne betrat, die  entweder aktiv in dem Geschehen mitmischte  oder passiv, indem sie  die Täter deckte oder einfach ignorierte, was sich direkt vor ihrer Nase abspielte.) Aber falls jemand doch das Pech hatte, ausgerechnet seinem Vorgesetzten ein Dorn im Auge zu sein, konnte er sich auf etwas gefasst machen -  schließlich  gab es niemanden, der einem das Leben besser und leichter zur Hölle machen konnte als „der Chef“, der allein schon durch seinen Rang  grundsätzlich am längeren Hebel saß. (Jessamy hatte schon ihre eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt, aber sie kannte aus der ewig brodelnden Gerüchteküche  ihrer zahlreichen Kollegen auch Namen, neben denen Sergeant Pinnbec und Captain Dakall so human und fürsorglich wirkten wie die Vorstandsvorsitzenden eines Vereins gegen Kindesmisshandlung.)

 

Wenn Kaye, die durch ihren „Frischfleisch“-Status  in einer fest etablierten Gruppe besonders leicht verletzbar war,  sich in Giantana mit den falschen Leuten angelegt hatte oder einfach so zur Zielscheibe für alle möglichen gehässigen Schikanen geworden war,  dann steckte sie bis zum Hals in Schwierigkeiten. Und je länger Jessamy darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass es sich genau so verhielt. Schließlich  hatte Kaye bei ihrem letzten Gespräch  genug Andeutungen fallen lassen,  die man gar nicht anders interpretieren konnte. Und unter diesen Umständen hätte man schon ziemlich naiv sein müssen, um noch einen Zufall darin zu sehen,  dass Kaye jetzt grundsätzlich nie mehr  zu  erreichen  war, egal wann oder wie oft Jessamy es versuchte.  Und natürlich gipfelte alles in diesem fast unverständlichen Anruf  heute und der offensichtlichen Flunkerei über Kayes erneute angebliche Abwesenheit. Die Fakten passten einfach viel zu gut zusammen ...

 

Jessamy schüttelte langsam den Kopf und seufzte  ein wenig. Wenn es nur nach ihr gegangen wäre, wäre sie sofort nach Soraya geflogen,  um nach Kaye zu sehen, aber eine derart überstürzte Aktion  war schon von vornherein  zum Scheitern verurteilt. Sie konnte nicht einfach unangemeldet vor einem imperialen Stützpunkt auftauchen und der Wache am Tor erzählen, dass  sie  eine liebe alte Freundin besuchen wollte. Es fing schon damit an, dass sie gar nicht erst  an das  Tor und seine Wachen herankam, denn ohne Passierschein durfte sie nicht einmal die Sperrzone durchqueren, von der jede Basis umgeben war. Und für diesen Passierschein brauchte sie natürlich erstmal eine Genehmigung, die wiederum beantragt werden musste - mit ungefähr hundert Formularen und mindestens tausend Durchschlägen für die verschiedenen zuständigen Stabsstellen. Aber das A und O war eine gute Begründung, warum um Himmels willen sie auf die Schnapsidee verfallen war, überhaupt einen solchen Antrag einzureichen. Und Jessamy, die schon bei dem bloßen Gedanken an den zu entfesselnden Papierkrieg von einem leisen Schwindelgefühl erfasst wurde, glaubte irgendwie nicht daran,  dass der Wunsch, Kaye Drumheller wiederzusehen, von offizieller Seite her als ausreichend gute Begründung angesehen werden würde. Eher würde man in  einer so überflüssigen und emotional überfrachteten Kapriole einen guten Grund  sehen, an Lieutenant Sorkins Verstand zu zweifeln. Und in diesem Fall würde man ihren Antrag nicht nur kategorisch ablehnen, sondern auch gleich noch dafür sorgen, dass Jessamys nächster Med-Check, der  standardmäßig alle sechs Monate fällig war, ein bisschen vorverlegt wurde, damit ein erfahrener Psy-Tech sie sorgfältig auf weitere eindeutige Symptome für einen stressbedingten Nervenzusammenbruch oder eine noch ernstere  Variation geistiger Zerrüttung untersuchen konnte.

 

Aber sogar wenn Jessamys Antrag durch einen glücklichen Zufall auf dem Schreibtisch eines gutgelaunten Weltbürgers mit einer besonders sozialen Ader landete, der in einem  Anfall von  königlichem Großmut dazu bereit war,  beide Augen zuzudrücken und ein Gesuch zu bewilligen, das im Widerspruch zu allen derzeit gültigen Sicherheitsbestimmungen stand, ja, selbst dann hatte sie noch lange nicht gewonnen, denn das allerletzte Wort in so einer Angelegenheit hatte sowieso der kommandierende Offizier des Stützpunktes. Ohne seine ausdrückliche Erlaubnis lief hier gar nichts und wenn er sein Veto einlegte - was nach   Lage  der  Dinge  ziemlich wahrscheinlich  war, auch wenn er sich natürlich auf die heiligen Prinzipien der militärischen Geheimhaltung  und Spionageabwehr berufen würde -, dann konnte Jessamy sich ihre offizielle Genehmigung sonst wohin stecken und sich vor den Laserzaunbarrikaden von Giantana auf den Kopf stellen, bis sie blau anlief.

 

Und dann gab es da noch einen Aspekt, der ganz entschieden gegen einen Besuch auf Soraya sprach, der wichtigste Aspekt von allen: Was hatte Kaye schon davon, wenn Jessamy  plötzlich auf der Bildfläche erschien? Natürlich würde sie sich darüber freuen,  natürlich würde ihr ein bisschen moralische Unterstützung ganz gut tun, aber letzten Endes würde sich ihre Situation dadurch auch nicht verbessern.

 

Im Endeffekt würde sie sich sogar verschlechtern, denn eines stand fest: Wer auch immer dafür verantwortlich war, was in Giantana vor sich ging, sein  Einfluss dort war so groß,  dass er Kaye regelrecht in der Versenkung verschwinden  lassen und diesen Callcenter-Burschen in ein  williges Sprachrohr für seine Schwindelgeschichten verwandeln konnte. Und er würde es ganz bestimmt nicht gerne sehen, wenn Kaye doch noch Gelegenheit bekam, sich einer außenstehenden Person anzuvertrauen, weil dadurch unweigerlich die Gefahr bestand, dass seine üblen Manipulationen ans Tageslicht kamen, von seinen anderen kleinen Machtspielchen ganz zu schweigen. Und was dann? Auf jeden Fall würde er seine Wut an Kaye auslassen, die ihm bis zu ihrer nächsten Versetzung auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war. Er würde es ihr heimzahlen oder es wenigstens versuchen - und das war etwas, das um jeden Preis vermieden werden musste.

 

Jessamy angelte den Teebeutel heraus,  beäugte kritisch das grünlichbraune Gebräu in ihrer  Tasse und nippte behutsam daran. Doch das liebliche Aroma der Spezialmischung füllte ihren Mund, ohne den bitteren Geschmack von hilflosem Zorn fortzuspülen. Denn sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte, und alle vernünftigen Argumente  der Welt ins Feld führen, aber irgendwie wurde sie das dunkle Gefühl nicht los, dass sie im Begriff war, Kaye  im Stich zu lassen. Sie sann gerade darüber nach, ob sie die Vernunft  zum Teufel jagen und doch ein Flugticket nach Soraya buchen sollte, Passierschein hin oder her, als sie die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte und gleich darauf das gedämpfte Poltern von abgestreiften Schuhen, die im Flur auf den Boden fielen.

 

„Hallo! Du bist ja heute ganz schön spät dran. Haben sie dir  Überstunden aufgebrummt?“ rief sie.

 

Sondras Antwort klang so atemlos, als wäre sie im Galopp das ganze Treppenhaus hochgestürmt, statt den Lift zu nehmen. „Nein, aber ich war auf dem Heimweg noch unten bei Ninios und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie voll es in diesem Laden war. Ich musste ewig warten, bis ich endlich dran war. Vielleicht hätte ich mir doch lieber einen Termin geben lassen sollen, aber ich wollte es endlich hinter mich bringen.“

 

Jessamy wollte schon fragen, was genau Sondra endlich hinter sich hatte bringen wollen, als ihr einfiel, dass mit „unten bei Ninios“  nur der Friseursalon an der Ecke zur 75. Straße gemeint sein konnte.  Außerdem erübrigte sich ihre Frage sowieso, weil Sondra genau in diesem Augenblick in all ihrem neuen Glanz in die Küche hereinschwebte. Und jetzt war es Jessamy, die unwillkürlich nach Luft schnappte, was  bei dem Anblick, der sich ihr bot, auch kein Wunder war.

 

Sondras Wangen waren hochrot, ihre Augen glitzerten wie Sterne und ihre Stimme war vor Stolz und Aufregung mindestens eine Oktave höher als sonst. „Es steht mir wirklich gut, nicht wahr? Sieht es nicht einfach toll aus?“  Sie wirbelte herum wie ein aufgedrehter Kreisel, damit Jessamy sie von allen Seiten bewundern konnte.

 

Doch Jessamy war beim besten Willen nicht dazu in der Lage, ein Kompliment oder auch nur einen Kommentar über die Lippen zu bringen. Die Sekunden tickten vorüber und sie saß einfach nur da und starrte. Sie konnte nicht glauben, was sie da sah.

 

Sondras Ekstase verebbte und verwandelte sich in Enttäuschung. „Es gefällt  dir nicht.“

 

„Doch, doch! Es ist nur so ...“,  Jessamy suchte krampfhaft nach einem passenden Wort und fand in ihrer  Verwirrung keines, „... so ungewohnt“, fügte sie matt hinzu. Sie hatte keine Ahnung, was sie sonst noch sagen sollte, obwohl sie jetzt schon in allen Einzelheiten wusste, was Zev dazu sagen würde, sobald er es erfuhr.

 

Sondras Löwenmähnenzeiten waren aus und vorbei. Die wallenden schulterlangen Kringellocken waren verschwunden. Sie hatten einem frechen jungenhaften Kurzhaarschnitt Platz gemacht, der Sondra tatsächlich ausgezeichnet stand ...  und der von dem M-förmigen Ansatz in ihrem schmalen Nacken über die Position des  Seitenscheitels bis hin zur letzten welligen Ponyfranse eine buchstäblich haargenaue Kopie von Jessamys eigener Frisur war!

 

 

 

Vardiss:

 

„In diesem Augenblick habe ich begriffen, dass Zev vollkommen Recht hatte: Sondra war wirklich auf dem besten Weg, sich in so eine Art Abziehbild von mir zu verwandeln. Aber ich wusste immer noch nicht, warum. Ich meine, ich habe es immer noch für einen Spleen von ihr gehalten, verrückt, aber harmlos, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wie hätte ich auch darauf  kommen sollen, dass da noch etwas ganz anderes dahinter steckt, etwas, das überhaupt nicht harmlos ist?“ 

 

Der verteidigende Unterton entging Breghala nicht, obwohl er scheinbar gerade vollkommen davon absorbiert  war,  seine Datenblocknotizen mit einem Strichmännchen zu dekorieren.  „Ja, wie?“ murmelte er halb zustimmend, halb besänftigend.

 

Jessamy, die sich in Feuer geredet hatte,  atmete tief durch und strich sich eine der Haarsträhnen, die sie jetzt unfreiwillig mit Sondra Rakosh teilte, aus der erhitzten Stirn. Breghala schob einladend eines der Kaltgetränke, mit denen Paejonn sie inzwischen reichlich versorgt hatte, zu ihr hinüber  und beobachtete amüsiert, wie sie es  hinunterstürzte. „Sind Sie eigentlich nach Soraya geflogen?“

 

Die Frage kam betont beiläufig, während ein weiteres Strichmännchen das Licht der Welt erblickte,

aber Jessamy geriet trotzdem sofort in Verlegenheit. Natürlich hatte sie ihre ganz persönliche Meinung über Art und Umfang von Kayes Krise diskret unter den Tisch fallen lassen - schließlich würde niemand, der seine fünf Sinne beieinander hatte, ausgerechnet einem Geheimdienstmann auf die Nase binden, was er von der durchschnittlichen imperialen Personalpolitik und ihren Auswirkungen auf besagtes Personal hielt! Nein, Jessamys Gedanken waren nicht nur frei, sondern auch immer noch ihre ganz private Angelegenheit  und sie würde sie genauso wenig in allen Einzelheiten vor Breghala ausbreiten wie  gewisse intimere Details ihrer Geschichte. Der Colonel musste schließlich nicht alles wissen, oder? Es reichte vollkommen, wenn Jessamy ihm eine hier und da leicht geschönte ... leicht gekürzte Fassung präsentierte.

 

„Dazu hatte ich gar keine Gelegenheit mehr. Die ganze Organisation war ziemlich ... äh ...  umständlich  und mir blieb einfach keine Zeit dafür. Es ging irgendwie alles so schnell ...“ Sie brach ab und starrte fasziniert auf die leere Mehrwegdose, die sie immer noch in der Hand hielt. Das Werbeholo, das auf dem Deckel  installiert war, blinkte in regelmäßigen Abständen auf und schrieb mit grellen neonpinkfarbenen Buchstaben Kool’s - wenn du weißt, was gut für dich ist! in die Luft. Eine Warnung? Jessamy fühlte ganz deutlich die Hitzewelle, die  über ihr Gesicht rollte. 

 

Wenn Breghala ihre Befangenheit auffiel, dann ließ er es sich nicht anmerken. „Weiter“, sagte er mit derselben unverbindlichen Freundlichkeit, die er immer an den Tag legte - wahrscheinlich sogar dann, wenn er ein echtes Verhör führte. 

 

Jessamy stellte die Dose sehr behutsam auf Breghalas Schreibtischkante ab und machte weiter.


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