Endor

Teil 1 von ?


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.






Das sternengesprenkelte Kobaltblau von Endors Abendhimmel verdunkelte sich schon zu einem tiefen satten Indigoton, als ein leuchtender Punkt kometengleich aus der Schwärze des Alls herabstürzte und in die Atmosphäre des Mondes eindrang. Die Raumfähre, deren spiegelglatte Metallhülle im Widerschein ihrer eigenen Positionslichter funkelte, als hätte die absolute Kälte des Weltraums sie mit einer glitzernden Eisschicht überzogen, schien einen Augenblick lang regungslos am Horizont zu verharren, bevor sie in den Sinkflug überging und auf die imperiale Basis zuschoss wie eine silberne Pfeilspitze auf eine Zielscheibe. Schwerelos glitt sie tiefer und tiefer über einem unauslotbaren Ozean aus mächtigen Baumwipfeln dahin und schwebte mit der tödlichen Präzision eines nachtjagenden Raubvogels auf die riesige rechteckige Landeplattform zu, die sich in der grellen Lichtflut einer ganzen Phalanx von Scheinwerfern beinahe schmerzhaft deutlich von dem schweigenden samtschwarzen Hintergrund des Waldes abhob. Das rhythmische Niederfrequenzsummen der Repulsortriebwerke schwoll zu einem bedrohlich klingenden Crescendo an, als die Fähre sich näherte, nur um sofort wieder abzuebben und schließlich ganz zu verstummen, als das kleine Schiff sanft auf der Plattform aufsetzte.

 

„Pünktlich wie immer“, murmelte der ältere der beiden Offiziere, die zusammen mit zwei Dutzend Sturmtruppensoldaten am Rand des Lichtkegels der Landescheinwerfer warteten. “Aber seine Piloten wissen natürlich auch, dass es besser ist, ihn bei Laune zu halten.“ Seine Mundwinkel bogen sich widerstrebend aufwärts und produzierten ein schmallippiges Lächeln, das die durch jahrelangen Drill getemperte Unnachgiebigkeit seines harten kantigen Gesichtes im Schatten der Uniformmütze eher betonte als widerlegte. „Zehn Minuten Verspätung und der nächste Karrieresprung endet garantiert im Cockpit eines Müllfrachters – wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, ist man bald selber nur noch Müll.“

 

Sein Kollege überdachte die drakonischen Strafen, mit denen ein derart banales kleines Vergehen sofort geahndet wurde, und schüttelte wehmütig den Kopf.  Sein rundes rosiges Jungengesicht unter dem drahtigen hellen Bürstenhaarschnitt schien aufrichtiges Mitgefühl für das grausame Schicksal  unpünktlicher Piloten auszudrücken, zeigte aber in Wirklichkeit nur Selbstmitleid. „Also wenn ihn das schon so in Fahrt bringt, Tyrell ... Er reißt uns glatt den Kopf ab,  wenn er rausfindet, was mit dem Captain los ist.“ 

 

„Er wird es nicht rausfinden, wenn Sie es ihm nicht gleich auf die Nase bindest, Draffco. Also halten Sie gefälligst die Klappe und überlassen Sie das Reden mir, wenn es soweit ist“, sagte Tyrell scharf. 

 

Doch Lieutenant Draffco, der bestenfalls seine nächste Beförderung und schlimmstenfalls das glückliche Erreichen seines noch sehr weit entfernten Pensionsalters in ernsthafter Gefahr  sah, gab sich nicht so schnell geschlagen. Nach einem misstrauischen Seitenblick auf die Sturmtruppensoldaten, die sofort demonstrativ in eine andere Richtung sahen und Gleichgültigkeit heuchelten,  als würden sie nicht einmal im Traum auf die Idee kommen, eine private Unterhaltung zwischen Vorgesetzten zu belauschen, zischelte er aufgeregt:  „Was Mavric da abzieht, verstößt gegen ungefähr eine Million Vorschriften. Er muss verrückt geworden sein.  Wir sind seit heute morgen auf Alarmstufe Gelb und der Mann ist sternhagelvoll! Der würde nicht mal zu sich kommen, wenn Mon Mothma höchstpersönlich sein Quartier stürmen und ihm eine Haftmine in den Hintern stecken würde. Und wir geben ihm auch noch Rückendeckung ... Wenn das rauskommt, sind wir dran!“ sagte er traurig.

 

„Wenn Sie den Captain verpfeifen wollen, kann ich Sie natürlich nicht daran hindern“, erwiderte Tyrell mit einer Kälte, die keinen Zweifel daran offen ließ, was er von diesem Mangel an Korpsgeist hielt. „Aber bevor Sie jetzt damit anfangen, mir das ganze Offiziershandbuch vorzubeten,  lassen Sie sich mal das hier durch den Kopf gehen, Draffco: Was ist, wenn Sie eines Tages Rückendeckung brauchen?“

 

Der bloße Gedanke an eine persönliche Krise reichte vollkommen aus, um dem ebenso pflichtbewussten wie ehrgeizigen Junioroffizier sofort die Augen für die Vorteile kameradschaftlicher Solidarität zu öffnen und  ihn mit fliegenden Fahnen den Rückzug antreten zu lassen. „Ich  und  unseren  Captain  verpfeifen? Wie  kommen Sie denn  darauf? Ich würde doch nie  ...“

 

Was auch immer er zu seiner Verteidigung hervorzubringen hatte, es sollte ungesagt bleiben, denn schon öffnete sich die pneumatisch betriebene Ausstiegsluke der Raumfähre mit einem lauten aggressiven Zischen, das die Männer auf der Landeplattform unwillkürlich zusammenzucken ließ, zumal es gleich darauf von einem leiseren, aber kaum weniger unheilverkündenden Zischlaut abgelöst wurde. Sowohl die Offiziere als auch die Soldaten standen mit einem Schlag stramm. Ihre vorschriftsmäßig straffe Haltung – Kopf hoch, Brust raus, Bauch rein, Augen geradeaus – hätte sogar dem anspruchsvollsten imperialen Kasernenhofschleifer vor Stolz die Tränen in die Augen getrieben.

 

Doch es gab nicht das geringste Anzeichen dafür, dass der Anblick von so viel militärischer Bilderbuchperfektion den Zwei–Meter–Hünen, der gerade in einem kontrollierten Wirbelsturm aus flatternden schwarzen Gewändern die Fährenrampe hinunterrauschte, mit ähnlich sentimentalen Gefühlsaufwallungen erfüllte. Tatsächlich gelangten die meisten Lebewesen, die mit ihm in Berührung kamen, ziemlich schnell zu der Überzeugung, dass sie wahrscheinlich nie wieder jemandem begegnen würden, der noch weiter von sentimentalen oder anderen Gefühlsaufwallungen entfernt war. Was Tyrell betraf, den an diesem Abend unerwartet wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Pflicht getroffen hatte,  seinerseits ohne Rückendeckung Empfangskomitee spielen zu müssen,  so hätte er bedenkenlos seinen ganzen Monatssold darauf verwettet, dass das unbekannte Gesicht des Mannes, der jetzt mit weit ausgreifenden Schritten auf ihn zumarschierte,  genauso ausdruckslos und undurchdringlich war wie die unheimliche Maske, hinter der es sich verbarg. Wie auch immer,  es war höchste Zeit, endlich in Aktion zu treten und den späten Gast willkommen zu heißen – auch wenn er alles andere als willkommen war. Tyrell trat zwei Schritte vor, um dem Besucher wenigstens symbolisch entgegenzukommen, neigte leicht den Kopf in einem respektvollen, wenn auch etwas steifen Nicken und sagte mit der formvollendeten Höflichkeit eines Zeremonienmeisters: „Guten Abend, Lord Vader. Hatten Sie einen angenehmen Flug?“

 

Er war hellhörig genug, um den grollenden Laut, der jetzt neben dem gleichmäßigen Fauchen mechanisch regulierter Atemzüge aus der schwarzen Durastahlmaske drang, als das elektronische Äquivalent eines ungeduldigen Seufzers zu identifizieren,  bevor die tiefe Messinggongstimme, die auch ohne das dramatische Erscheinungsbild ihres Besitzers überall einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätte, leicht gereizt verkündete: „Der Flug war nicht angenehmer oder unangenehmer als alle anderen auch, die ich jeden Tag überstehen muss. Wir müssen nicht immer und ewig das gleiche Begrüßungsritual abspulen, Commander.“

 

Vader musterte flüchtig die Sturmtruppensoldaten, die immer noch in perfekter Habt-Acht-Stellung  erstarrt waren und wie mit Blastergewehren bewaffnete Salzsäulen aussahen, warf dann über Tyrells Schulter hinweg einen  etwas  längeren Blick  auf  Draffco, der  unter  der  geballten Aufmerksamkeit des großen Sith-Lords sofort in sich zusammenschrumpfte wie eine absterbende Bakterienkultur auf dem Objektträger eines Mikroskops, und wandte sich schließlich wieder dem Commander zu, um endlich die Frage zu stellen, die inzwischen von allen Anwesenden mit einer gewissen Spannung erwartet wurde:  „Wo ist Mavric?“

 

Tyrell starrte entschlossen in die getönten Sichtschirme, die die Augen seines Gegenübers verhüllten, und sagte in einem vollkommen neutralen Tonfall, den er ebenso sorgfältig einstudiert hatte wie seine Antwort: „Captain Mavric bedauert unendlich, Sie nicht persönlich empfangen zu können, Mylord, aber er ist leider indisponiert.“

 

„Was heißt hier indisponiert?“

 

Vor Tyrells geistigem Auge stieg unwillkürlich das malerische Bild seines Captains  auf, der nur mit einer zerknautschten Uniformhose bekleidet und schnarchend wie ein narkotisierter Gundark quer über seinem Bett lag, den linken Arm in einem zärtlichen Würgegriff um sein Kopfkissen geschlungen  und mit der auf den Boden herunterhängenden rechten Hand immer noch den Hals einer fast leeren Brandyflasche umklammernd. Die Besuche, die Lord Vader in letzter Zeit der Endor–Basis Abend für Abend abstattete – und das ohne einen halbwegs vernünftigen Grund, den  ein  Offizier  mit halbwegs  gesundem Menschenverstand noch irgendwie hätte nachvollziehen können! –, hatten Mavrics ohnehin schon leicht zerschlissenes Nervenkostüm offensichtlich weit mehr strapaziert, als er in nüchternem Zustand zu ertragen bereit war.

 

„Das Lassidara-Fieber, Mylord.“ Und mit dieser kleinen Notlüge war er nicht einmal allzu weit von der Wahrheit entfernt, rechtfertigte sich Tyrell vor dem ersten siedendheißen Funken eines aufflackernden schlechten  Gewissens, denn der Zustand, in dem sich der Captain morgen früh befinden würde,  sobald er seine verquollenen Augen aufschlug und sich aus seinem selbst verordneten Koma in die raue Wirklichkeit eines gigantischen Katers zurücktastete, wies zweifellos eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Symptomen der neuesten Grippewelle auf.

 

„Und er ist nicht der einzige, Sir. Letzte Woche hatten wir allein im Mannschaftsstand  vierzehn Ausfälle  und jetzt liegt die halbe Techniker-Crew flach. Doktor Senyo meint, das Virus verändert sich so schnell, dass es hoffnungslos ist, überhaupt an eine Impfung zu denken. Da hilft nur noch eine Ladung Immunblocker und Quarantäne ... mindestens drei Tage lang“, fügte er enthusiastisch hinzu, um den kleinen Schwindel, den er gerade inszenierte, effektvoll abzurunden. Außerdem hielt er es in Anbetracht der Umstände für weise, Mavric auch gleich für die nächsten achtundvierzig Stunden zu entschuldigen, sozusagen prophylaktisch – wer konnte schließlich  wissen, was der Captain morgen anstellen würde, um dem nächsten nervenzermürbenden Rendezvous mit dem Chef aus dem Weg zu gehen?

 

Was nun den Chef anging, so ließ er sich mit seiner Antwort ziemlich viel Zeit. Tatsächlich schwieg er so lange, dass Draffco, der sich unauffällig im Hintergrund gehalten und  sich mit dem Gedanken an seine makellose Personalakte getröstet hatte, vor Nervosität zu zappeln begann – Tyrell konnte es nicht nur aus den Augenwinkeln sehen, er konnte es fühlen. Und er konnte es verstehen. Lord Vaders Art einfach so dazustehen und auszusehen wie die aus Obsidian gemeißelte Statue eines antiken Rachegottes, stumm, regungslos und in ominöses Schweigen gehüllt, war schon ein wenig ... nun ja ... beunruhigend. Man fragte sich unwillkürlich, was in dem Kopf unter diesem schwarzen Helm vor sich ging. Man fragte sich, ob die Gerüchte,  die über Vader im Umlauf waren, wirklich nur das Produkt klatschsüchtiger Flottenoffiziere mit einer überreizten Phantasie und zuviel Freizeit waren  oder ob  sie  nicht  doch wenigstens ein Körnchen Wahrheit enthielten. (Besonders  dieses eine Gerücht, das behauptete, dass Seine Lordschaft regelrecht Gedanken lesen konnte und auf Ausreden, Flunkereien und andere Versuche, ihn an der Nase herumzuführen, je nach Laune und Tagesform bissig, cholerisch oder einfach dämonisch reagierte – letzteres übrigens auf ziemlich spektakuläre Weise.)

 

Man fragte sich auch, ob man in einem ebenso ehrenwerten wie leichtsinnigen Anfall von Selbstlosigkeit seinen guten Ruf ruiniert und eine blendende Karriere geopfert hatte  – und all das für einen Vorgesetzten, der sich zur falschen Zeit und am falschen Ort in den bernsteinfarbenen Tiefen einer Brandyflasche ertränkte und soviel Seelengröße eigentlich gar nicht verdiente. Und wenn man schon soweit war, dann fragte man sich irgendwann auch, ob man möglicherweise noch viel mehr geopfert hatte als nur eine Karriere, deren Verlust man immerhin überlebt hätte. Und spätestens in diesem Augenblick fühlte man ganz deutlich, wie sich sämtliche Verdauungsorgane zu einer Sammlung von kalten harten Kugeln zusammenballten, während Hautporen,  deren Existenz man nicht einmal geahnt hatte, einen Schweißausbruch von ebenfalls ungeahnten Ausmaßen produzierten.

 

Ja, es war genau diese Wirkung, die Lord Vader für gewöhnlich auf Leute hatte ... und es war genau dieser Augenblick, in dem er ausdruckslos sagte: „Das hört sich ja nach einer richtigen Epidemie an. Ich hoffe, Doktor Senyo hat die Situation im Griff.“

 

Tyrell versuchte krampfhaft, nicht allzu überrascht auszusehen, was ihm nicht leicht fiel,  weil Draffco, der direkt hinter ihm stand,   ausgerechnet jetzt seiner Anspannung Luft machen musste und einen Laut von sich gab, der sich anhörte wie das letzte Stöhnen einer verdammten Seele. „Äh ... ja, Mylord“, sagte er und unterdrückte nur mühsam den lebhaften Impuls, sich auf dem Absatz umzudrehen und das unerwünschte Ablenkungsmanöver seines jungen Kollegen mit einem tödlichen Blick zu vergelten.

 

„Dann richten Sie Mavric aus, dass ich ihm gute Besserung wünsche ...“

 

Bildete Tyrell sich das nur ein oder schwang tatsächlich ein leiser Unterton von Ironie in Vaders Stimme mit?  Er weiß es - oder vielleicht doch nicht? „Äh ... ja, Mylord“, stammelte er und dachte gleichzeitig in einer Mischung aus Verzweiflung und Galgenhumor: Gute Antwort, Mann. Wirklich clever, vor allem in der Wiederholung! Noch so ein Geistesblitz von dir und er wird dafür sorgen, dass der Schwierigkeitsgrad der Offiziersanwärter-Eignungstests verdoppelt wird. Oder gleich verdreifacht.

 

„... und dass ich auch hoffe, dass er in Zukunft sich im Griff hat!“ fuhr die Stentorstimme mit erbarmungslosem Sarkasmus fort − und jetzt gab es keinen Zweifel mehr, nicht den allerkleinsten.

 

Er weiß es! ER WEIß ES! Die furchtbare Erkenntnis jagte einen Adrenalinstoß durch Tyrells Körper, der in Energie umgewandelt stark genug gewesen wäre, einen Turbolaser abzufeuern.  Oh nein!  Was soll ich nur machen, was soll ich nur sagen? „Äh ... ja, Mylord.“ OH NEIN! Er muss mich für einen kompletten Idioten halten!

 

„Wie ich sehe, verstehen wir uns, Commander“, schnurrte Vader, jetzt ganz Samtpfotenstimme, die Krallen unter dem Samt gerade noch spürbar.  

 

Und er weiß, dass ich weiß, dass er weiß, dass ich ... Tyrell verlor den Faden, als seine Logik von blinder Panik umzingelt und überwältigt wurde. „Ja, Mylord“, sagte er matt. Er schloss schicksalsergeben die Augen und machte sich auf das Schlimmste gefasst.

 

„Gut. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?“ 

 

Tyrell machte die Augen behutsam wieder auf und starrte zu seiner Nemesis hinauf, die ihn fast um Haupteslänge überragte. Was zum Henker will er jetzt noch von mir hören? Die berühmten letzten Worte?!

 

Aus der schwarzen Durastahlmaske drang ein neuer akustisch verzerrter Seufzer, der jetzt eher resigniert als ungeduldig klang. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse, Commander?“ fragte Vader sehr langsam und jede einzelne Silbe überdeutlich betonend, als müsste er einem Taubstummen die Gelegenheit geben, ihm die Worte von den Lippen abzulesen.

 

Es dauerte eine schier endlose Sekunde lang, bis Tyrell, der weder seinen Ohren noch seinem Glück über den Weg  traute, begriff, dass die Vergeltung für seinen Fehltritt an ihm vorbeigezogen war wie eine Gewitterfront, donnergrollend, aber harmlos. Der Chef ließ in einem unerwarteten Anfall von Milde  oder aus einer Laune heraus Gnade vor Recht ergehen und ging wieder zur Tagesordnung über – einfach so! Tyrell war abwechselnd verblüfft, erleichtert, dankbar, beschämt und ein ganz klein wenig verwirrt. Doch sein Verstand flog jetzt unter Autopilot und das nächste aus einer intellektuellen Fehlzündung geborene „Äh ... ja, Mylord!“ kam ganz mechanisch und so unaufhaltsam wie ein Absturz.

 

Irgendwo mitten in der präzisen weiß gepanzerten Doppelreihe der Sturmtruppen verlor irgendjemand die viel gerühmte Selbstbeherrschung des imperialen Elitesoldaten und wurde zum Schandfleck seiner Einheit, weil er sich zu einem halberstickten Kichern hinreißen ließ, was eine unerhörte und unverzeihliche Respektlosigkeit darstellte. (Ein Vorgesetzter wurde nicht ausgelacht,  niemals und unter gar keinen Umständen – auch wenn er sich noch so lächerlich aufführte.) Natürlich wurde dieser unqualifizierte Heiterkeitsausbruch sofort durch den rabiaten Ellbogeneinsatz der etwas weniger humorvollen  Nachbarn des Spaßvogels ganz und gar erstickt, aber es entstand doch eine gewisse Unruhe im Hintergrund, die sich jäh wieder legte, als Vader den Kopf wandte und die Abteilung einer neuen und diesmal etwas gründlicheren Musterung unterzog. (Ein Blick von Lord Vader reichte auch in den kritischsten Situationen aus, um die schwankende Moral der Truppe im Handumdrehen in eherne Disziplin zurückzuverwandeln.) Das empörte Schnauben, das gleich darauf aus Draffcos Richtung kam, besiegelte die Wiederherstellung der Ordnung nur noch.

 

Den Soldaten wurde plötzlich klar, dass sie gute Aussichten hatten, am nächstbesten Regentag auf einen gemütlichen kleinen Dreißig-Meilen-Marathonlauf über schlammige, gestrüppumwucherte Trampelpfade geschickt zu werden,  ein netter kleiner Ausflug, bei dem sich jeder einzelne von ihnen so lange und so gründlich amüsieren würde, bis ihm unter dem  kräftezehrenden Gewicht von vierzig Pfund Marschgepäck das Lachen und andere Anwandlungen von schlechtem Benehmen endgültig vergangen war.  Und das alles hatten sie nur diesem Witzbold zu verdanken, der nicht einmal genug Grips oder Selbsterhaltungstrieb hatte, sich in der Gegenwart von Vorgesetzten ein bisschen am Riemen zu reißen. Dreiundzwanzig aufgebrachte Sturmtruppensoldaten schworen sich, der unglückseligen Nummer Vierundzwanzig noch heute Nacht einen handfesten Denkzettel zu verpassen – vielleicht auch gleich mehrere Denkzettel auf einmal. (Wie viele seiner Offizierskollegen hielt Draffco große Stücke auf das Prinzip der Kollektivstrafe – immer  vorausgesetzt,  dass  er nicht selbst  davon  betroffen  war! –, weil sie  ihm nicht nur das mühselige Herauspicken des einsamen schwarzen Schafes in seiner fügsamen Herde ersparte, sondern auch noch sicherstellte, dass besagtes Schaf gleich doppelt und dreifach bestraft wurde, was den Abschreckungseffekt für künftige Missetaten um eine Zehnerpotenz erhöhte. Und wie man an diesem einen Beispiel unschwer erkennen kann,  trafen Draffco und Konsorten mit ihrer Theorie ziemlich genau ins Schwarze.)

 

Auch Tyrell hatte sich inzwischen an die ihm eingebläute Haltung in jeder Lebenslage erinnert – Nimm dich endlich zusammen, Mann! – und seine Wirbelsäule wieder in die schneidige Pose gezwungen, die von den meisten Imperialen mit dem sprichwörtlichen „Rückgrat haben“ verwechselt wurde. Und als er so dastand,  aufrecht wie eine Lanze und scheinbar unberührt von den Heimsuchungen des Schicksals im allgemeinen und der Heimsuchung durch Darth Vader im besonderen, fühlte er sich gleich so viel besser, dass er sogar schon wieder dazu in der Lage war,  die gewünschte Meldung mit der ihm ebenfalls eingebläuten Zackigkeit  herunterzuschnarren. (Was übrigens in den Augen seiner Untergebenen vollkommen ausreichte, um sein Gesicht zu wahren und seine leicht angeknackste Autorität umgehend wiederherzustellen.) „Wir haben offenbar acht Scouts in Sektor 65 verloren, Mylord. Sie haben sich Punkt 14.00 Uhr zum letzten Mal bei ihrem Einsatzleiter gemeldet. Seither ist der Funkkontakt zu ihnen abgebrochen. Soll ich noch einen Suchtrupp formieren, Mylord, oder soll ich die Einheit abkommandieren, die in Sektor 73 nach der Tydirium und ihrer Besatzung sucht?“

 

Vader starrte auf die nachtdunklen Bäume jenseits der Landeplattform, die in den Himmel hinaufstrebten wie gigantische Marmorsäulen, als wollte Endor durch diese Demonstration seiner unbezähmbaren Lebenskraft die von ihrer trügerischen technologischen Überlegenheit besessenen Menschen herausfordern, die in der Illusion ihrer Unverwundbarkeit durch die undurchdringlichen Tiefen seiner urwüchsigen Wälder irrten wie Ameisen durch eine Kathedrale. Es war nicht ganz klar, ob Seine Lordschaft nur über die durchaus realen Gefahren von Endors teilweise ziemlich aggressiver Flora und Fauna für die keineswegs unverwundbaren Scouts meditierte oder ob er gerade versuchte, Aufenthaltsort und Zustand der Vermissten herauszufinden, was, nebenbei erwähnt, für Tyrell schon deshalb hochinteressant gewesen wäre, weil es an diesem Abend noch mehr unerwünschte Gäste auf Endor gab, nämlich Rebellen (bis an die Zähne bewaffnet und zu allen möglichen Schurkenstreichen bereit!), die sich nach einer illegalen Landung mit der Raumfähre Tydirium (gestohlen!) genauso in Luft aufgelöst hatten wie die bedauernswerten Scouts, bei deren Verschwinden sie höchstwahrscheinlich (natürlich!) die Hand im Spiel hatten. So wie die Dinge lagen, hätte es Tyrell jedenfalls nicht einmal mehr gewundert, wenn sich seine verschollenen Männer direkt vor seiner Nase aus dem Nichts heraus materialisiert hätten, lebend oder tot oder in einem Stadium  irgendwo dazwischen plus eine Hand voll gefangener Möchtegern-Terroristen, einzeln und mit  Handschellen gefesselt oder gruppenweise mit Schlingpflanzen umwickelt – es gab momentan wirklich nicht viel, was er Vader nicht zugetraut hätte.

 

Doch vielleicht hatten letzten Endes sogar die geradezu magischen Fähigkeiten des Siths ihre Grenzen oder Vader hatte andere Gründe (strategische Gründe?) nicht in Aktion zu treten und die Aktionen seiner Truppen auf ein Mindestmaß zu beschränken. Jedenfalls war alles, was er auf Tyrells Vorschlag hin zu sagen hatte, ein gleichgültiges: „Ich denke, wir können auf einen weiteren Suchtrupp verzichten, Commander. Aber gehen Sie zu Alarmstufe Rot über und machen Sie Ihren Leuten klar, dass sie Augen und Ohren offen halten sollen.“

 

Und damit drehte er sich abrupt um und ging mit der langbeinigen Zielstrebigkeit, die so typisch für ihn war, auf den zylinderförmigen Lift am Rand der Plattform zu. Tyrell, der nicht ganz sicher war, ob seine Begleitung überhaupt erwünscht war, es aber für schrecklich unhöflich gehalten hätte, einfach stehen zu bleiben wie angewurzelt, folgte Vader und hatte dabei alle Mühe, ihm auf den Fersen zu bleiben, ohne in einen würdelosen Laufschritt auszubrechen. (Die Vermeidung von weiteren Demütigungen lag ihm verständlicherweise sehr am Herzen – er hatte sich für einen Tag genug blamiert.) Doch Draffco schienen derart triviale  Peinlichkeiten keine Kopfschmerzen zu bereiten, denn nachdem er den zurückbleibenden Sturmtruppensoldaten ein stressheiseres „Wegtreten!“ zugebellt hatte,  stob er hinter ihnen her wie ein übereifriger Welpe, der beim Gassigehen zum erstenmal von der Leine gelassen worden war und beim Herumschnuppern an Straßenlaternen und ähnlich verheißungsvollen Geruchsquellen Herrchen und Frauchen aus den Augen verloren hatte. Als er als Letzter in den Aufzug hineinstürzte, wobei er seinen schwer geprüften Kollegen beinahe über den Haufen rannte,  war er so außer Atem, dass er buchstäblich hechelte – es war schwer zu sagen, ob vor Anstrengung oder vor Aufregung. Tyrell rechnete jeden Augenblick damit, ihn jaulend und schwanzwedelnd auf allen Vieren um Lord Vaders Stiefel herumscharwenzeln zu sehen. (Und wäre Draffco rein anatomisch gesehen zum Schwanzwedeln oder ähnlich drastischen  Beweisen seiner Unterwürfigkeit in der Lage gewesen, dann hätte er es vielleicht sogar getan.)

 

Die transparenten Plastahltüren schlossen sich lautlos und durch den Lift ging ein sanfter Ruck,  bevor er in die Tiefe sackte, um nach wenigen Sekunden die Erdgeschossebene zu erreichen. Die Kabine öffnete sich in der milden Brise des Sommerabends wie die Knospe einer nachtblühenden Blume und Vader glitt mit einer Schnelligkeit und Geschmeidigkeit hinaus, die niemand seinem athletischen Körperbau und seinem normalerweise praktizierten forschen Marschschritt zugetraut hätte. Als Tyrell und Draffco ins Freie kamen, hatte Vader die glatte hellgraue Permabetondecke, die den sorgfältig planierten Waldboden unterhalb der haushohen Landeplattform mit vorschriftsmäßiger Leblosigkeit überzog,  bereits hinter sich gelassen. Er tigerte mit der Stahlfedermuskel-Anmut einer großen Raubkatze durch das üppig wuchernde taufeuchte Gras jenseits der sterilen Fläche ... und plötzlich war trotz der waffenstarrenden AT-ATs, die in dem grellen Scheinwerferlicht gigantische Schlagschatten über das ganze Areal warfen,  trotz der tristen Kasernen, Lagerschuppen,  Treibstofftanks, Energiegeneratoren und all der anderen aufdringlichen Zeugnisse der imperialen Version von Zivilisation die Wildnis sehr, sehr nahe. Der warme Wind spielte mit dem langen schwarzen Umhang, der so unvermeidlich zu den Attributen des Sith-Lords gehörte wie seine Maske, ließ ihn hierhin und dahin flattern, bis Vader ihn mit einem lässigen Schulterschwung zurückwarf und sich bückte, um einen undefinierbaren Gegenstand (einen Stein?) aufzuheben, den er gedankenverloren betrachtete. Er schien seine Begleiter vollkommen vergessen zu haben.

 

Tyrell räusperte sich, aber sein diskreter Versuch Aufmerksamkeit zu erregen, wurde ignoriert. Er räusperte sich noch einmal, ein wenig lauter jetzt – keine Reaktion. Er öffnete gerade den Mund, um einen weiteren Vorschlag loszuwerden, einen obligatorischen Vorschlag,  der der Form halber gemacht werden musste, obwohl er erfahrungsgemäß auf wenig Begeisterung stieß, als Vader, ohne ihn auch nur anzusehen, mit Nachdruck sagte: „Nein, ich werde keine Leibwache mitnehmen. Wir müssen auch nicht immer und ewig das gleiche Abschiedsritual abspulen, Commander.“

 

„Ja, Mylord“, sagte Tyrell ergeben. (Er hatte es immerhin versucht, nicht wahr?)

 

Und Vader, der kein Freund von gesellschaftlichen Konventionen war und grundsätzlich weder seine Zeit noch seinen Atem an Smalltalk oder ähnlich überflüssige Wortwechsel verschwendete, schlenderte auf und davon – einfach so! Die beiden Offiziere starrten ihm nach, bis er den Waldsaum erreicht hatte und von der duftgeschwängerten Dunkelheit aufgesogen wurde, die aus einem Hain von Flydarsträuchern  zu ihnen herüberwehte.

 

„Was zum Henker treibt er bloß jeden Abend hier unten?“ murmelte Tyrell vor sich hin. Seine Frage war eigentlich rein rhetorisch gemeint, aber Draffco, der sich im Zeitlupentempo von seiner unheimlichen Begegnung mit der Sith-Art erholte, fühlte sich trotzdem angesprochen.

 

„Vielleicht ... vielleicht geht er ja einfach nur spazieren ... sein Abendessen verdauen und ein bisschen frische Luft schnappen,  bis sein Bettzipfel winkt und er sich in seine Koje haut“, überlegte er in dem Versuch, eine harmlose menschliche Erklärung für das Unerklärliche zu finden.

 

Tyrell zog eine Augenbraue hoch und sah seinen Kollegen mitleidig an, gerührt von soviel jugendlicher Naivität – oder wenigstens  beinahe gerührt.  Allein die Vorstellung, dass der zweitmächtigste Mann der Galaxis in dem dschungelartigen Dickicht von Endors Wäldern  umherwanderte,  als  ob  er  durch  den Stadtpark von Imperial City flanierte, war absurd. Frische Luft schnappen, bis sein Bettzipfel winkt – also wirklich! Tyrell schüttelte den Kopf.  „Ein Mann wie Lord Vader geht nicht einfach nur spazieren“, sagte er entschieden.

 

„Na und wenn schon. Kann uns doch egal sein, was er treibt. Hauptsache, ihm passiert dabei nichts. Ich meine, was ist, wenn  er von einem Thark angefallen wird oder von einer Moosviper gebissen wird ...  oder  in einer Ewok-Falle landet ... oder in einem Sumpfloch ... oder bei den Rebellen?“ Draffco schwieg eine Weile, überwältigt von all den schrecklichen Möglichkeiten, die seine sonst nicht gerade lebhafte Phantasie in Sekundenschnelle ausgebrütet hatte, und schon im Voraus niedergeschmettert von der allgemeinen Ungerechtigkeit des Lebens. (Schließlich war es nicht ihre Schuld, wenn Lord Vader darauf bestand, mutterseelenallein durch die Gegend zu laufen ... Was den Imperator natürlich nicht davon abhalten würde, ihnen eigenhändig das Fell über die Ohren zu ziehen, sollte seiner kostbaren rechten Hand auch nur ein Haar gekrümmt werden ... Hatte Vader überhaupt Haare?)  Draffco stieß einen tiefen Seufzer aus. „Wenn das rauskommt, sind wir dran!“ sagte er melancholisch.

 

Womit wir wieder  beim Thema wären, dachte Tyrell sardonisch. „Ich glaube, darüber müssen wir uns keine Sorgen machen.  Das Gefährlichste, was heute Nacht durch’s Gebüsch kriecht, ist garantiert Lord Vader selber“, erwiderte er trocken.

 

Und damit war die Angelegenheit erledigt. Die beiden Offiziere machten sich wieder an die Arbeit; schließlich war die Endor-Basis jetzt auf Alarmstufe Rot und sie hatten neben ihren eigenen Pflichten auch noch die Aufgaben zu erfüllen, für die normalerweise Captain Mavric zuständig gewesen wäre. Keiner von ihnen verfiel auf die Idee, Vaders Wunsch nach Einsamkeit zu missachten und ihm heimlich zu folgen und das war auch gut so.  Denn wären sie ihm gefolgt, hätten sie eine sensationelle Entdeckung gemacht und ein Geheimnis gelüftet, über das sich nicht nur die imperialen Truppen, sondern die Völker ganzer Welten seit zwei Jahrzehnten den Kopf zerbrachen –  und sie hätten dafür mit ihrem Leben bezahlt ...




Ende von Teil 1

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