Überlebende

Teil 1 von 4


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.






Überlebende

“Where did I go wrong, I lost a friend
Somewhere along in the bitterness
And I would have stayed up with you all night
Had I known how to save a life.”

The Fray, “How to save a life”


Eins


“Echo 3, hier ist Rot 1. Können Sie mich hören?” Mechanisch hebe ich mein Handgelenk und betätige den Antwortschalter.

„Rot 1, hier ist Echo 3. Ich höre Sie. Was gibt’s?“ Während ich auf die Antwort warte, sehe ich mich kurz um. Überall liegen Trümmer und kleine Gruppen von Sanitätern laufen langsam die Reihen der verwundeten Soldaten ab, untersuchen sie, geben Medikamente, schließen Augen…

“General Oreth befiehlt Ihnen, sich in 20 Minuten zu einer Besprechung auf der Warhawk einzufinden. Es wartet bereits ein Shuttle auf Sie und die anderen noch auf dem Boden befindlichen Offiziere. Wir werden Ihnen die Koordinaten übersenden.“ Okay. Eine Besprechung an Bord der Warhawk gehört so ziemlich zu den letzten Dingen, auf die ich jetzt scharf bin. Ich hab immer noch nicht herausgefunden, wie viele meiner Soldaten überlebt haben, wer verletzt ist und wer heil davon gekommen ist.

Ein paar Schwerverletzte warten immer noch auf ihren Transport. Ich muss meine Zugführer finden und sichergehen, dass genug hier sind, um für mich zu übernehmen. Ich hab eine Schrapnellwunde in meinem Arm, die ziemlich blutet. Und eine Platzwunde über meinem rechten Auge, die auch blutet und mir die Sicht erheblich erschwert. Aber das sind wirklich die geringsten Sorgen, die ich habe, und es ist mir ehrlich gesagt egal, ob ich die Möblierung der Warhawk voll blute und sie damit ruiniere. Nein, ich will hier bleiben, und sicherstellen, dass alle meine verbliebenen Soldaten behandelt und versorgt werden.

“Echo 3, das Shuttle wird in 5 Minuten starten. Seien Sie pünktlich dort. Der General hat es zur Priorität gemacht, dass alle seine Offiziere über Kompanieebene da sind.“ Ich seufze und sehe mich noch einmal um. Endlich finde ich einen meiner Zugführer, 1st Lieutenant Thuiv, ein Rodianer, der zweitjüngste Offizier im Regiment. Dreimal dürft ihr raten, wer der jüngste ist.

Er fängt meinen Blick auf und kommt rüber. „Captain?“

Thu sieht genauso schlimm aus wie ich, und er humpelt ein bisschen. Ich wünschte, ich könnte ihn mit dem nächsten Transporter einfach hoch zur Liberty schicken. „Oreth hat mich auf die Warhawk befohlen. Sie übernehmen die Verantwortung für die Kompanie, solange ich oben bin.“ Ich will „Ich hoffe, das ist okay für Sie?“ hinzufügen, kann mich aber grade noch selbst davon abhalten. Hab wirklich lange genug gebraucht, um zu lernen, Leuten Befehle zu geben, statt sie nett zu fragen.

Er nickt. „Ja, Ma’am. Noch etwas?“ Ich will meinen Kopf schütteln, überlege es mir im letzten Moment aber noch mal anders.

„Lassen Sie Ihr Bein so bald wie möglich behandeln Wollen ja nicht noch mehr Offiziere verlieren, was?“ Leuten Befehle geben zu müssen, statt sie zu fragen heißt noch lange nicht, sich nicht um sie zu kümmern. Was sowieso eine meiner Pflichten ist.

Er nickt nur und salutiert kurz als Antwort. Mit einem Nicken meinerseits mache ich mich auf den Weg zur Landezone des Shuttles. Nur mit Zwang schaffe ich es, meinen zerschundenen und müden Körper zum Laufen zu bringen und das Shuttle gerade noch so zu kriegen. Ich lasse mich in den letzten freien Sitz fallen, lehne meinen Kopf an die Wand und schließe die Augen. Gute Sache, dass ich gerade nichts habe, hinter dass ich mich verkriechen kann, so wie bei der Schlacht in der Xelric-Niederung. Ich würde heulen wie ein Schlosshund, wenn ich das hätte.


~*~






“Meine Damen und Herren, ich bin erfreut, dass Sie es alle so schnell schaffen konnten.” Ich wünschte, Commodore Ichigan würde einfach sagen, was er von uns will. Wenn er’s nicht macht, laufe ich nämlich Gefahr, im Stehen einzuschlafen. Es hat herausgestellt, dass der Besprechungsraum auf der Warhawk, in den der General uns befohlen hat, keine anderen Möbel aufweist außer einem großen Holo-Tisch, einigen Markierungswänden und ein paar Konsolen ohne Stühle. War ja klar, dass Oreth ausgerechnet das einzige Flottenschiff, dessen Gefechtsbesprechungsraum keine Stühle hat, aussucht.  

„Ich habe Sie hierher befohlen, weil es ein paar sehr schlechte Nachrichten gibt.“ Oooh, großartig, ich liebe schlechte Nachrichten. Und überhaupt… ich habe eben einen ziemlich harten und sehr blutigen Dschungel- und Häuserkampf hinter mir, hab ungefähr… ach… die Hälfte meiner Kompanie verloren, musste mit ansehen, wie einer meiner besten Freunde von heißem Plasma geradezu gegrillt wurde… Ich meine… wie viel schlimmer kann es noch werden?

„Ibit, wenn Sie so freundlich wären?“ fragt der Commodore den Mon Calamari hinter ihm in einem freundlichen Ton, aber jeder kann den Stahl darunter hören. Wenn der Commodore nach etwas fragt, dann ist es immer ein Befehl. Der Mon Calamari nickt nur und drückt einen der Knöpfe der Fernbedienung in seiner Flossenhand. Vor uns erwacht ein Miniaturabbild Naboos zum Leben, komplett mit darüber hängenden Kriegsschiffen und dem Rest der Flotte. Offensichtlich ist es ein Echtzeit-Bild.

Ichigan machte eine Geste in Richtung des in der Luft hängenden Planeten mit seiner Flossenhand und fährt fort: „Wie Sie sehen können, ist das ein Bild der jetzigen Situation um Naboo. Wir haben sowohl zwei Kampfschiffe, ein Lazarettschiff und ein paar kleinere Transporte im Orbit als auch Truppen auf dem Boden. Was einige von Ihnen nicht wissen, ist das.“, er nickt wieder seinem Adjutanten zu und die Kamera fährt weg von dem Planeten, um einen größeren Ausschnitt zu zeigen.

Und da, ganz am Rande des Sichtfeldes, hängt eine alarmierend große Wolke von roten Punkten. Sobald sie erscheint geht ein kollektives Japsen durch die Reihe der Offiziere, die den Holo-Tisch umstehen. Commodore Ichigan zeigt auf die Wolke und seine Antennen zucken vor Empörung als er weiter spricht: „Die Punkte, die Sie hier sehen, markieren eine große Imperiale Kampfgruppe, die direkt auf uns zukommt. Wir hatten Glück, denn einer unserer Aufklärer konnte weit genug kommen, um diese Daten zu sammeln, da die Imperialen offenbar einen massiven Gegenangriff planen, sobald die Kämpfe auf dem Boden aufgehört haben. Ad-hoc-Analysen bestätigen das. Bis jetzt gibt es noch keine Anzeichen, dass sie unseren Jäger entdeckt haben, aber das kann sich jeden Moment ändern. Also…“ sein Blick schweift über alle von uns, als ob er analysieren will, wie wir alle auf den nächsten Teil seines Satzes reagieren werden, „irgendwelche Vorschläge, meine Damen und Herren?“

Einen Moment lang ist der Raum still. Dann räuspert sich Borlin und sagt: „Es gibt nur eine Möglichkeit, Sir: Sofortiger Rückzug.“

Bevor er noch etwas sagen kann, hebt eine andere Mon Calamari – die Streifen an ihrer Uniform weisen sie als Captain aus und auf dem Namensschild steht „Aaksam“, der Captain des anderen Schlachtschiffs, die Lusla – ihre Hand und sagt: „Wir sollen all diese Leute hier ihrem Schicksal überlassen? Was für Befreier wären wir, wenn wir das täten?“

“Ja, für euch ist das einfach zu sagen…” mischt sich jetzt ein ziemlich fies aussehender Devaronianer ein. Ich kenne den. Major Raal Sirra, kommandierender Offizier einer der anderen Kompanien. Kann mich nur nie erinnern, welche.

Aasksams Antennen zittern, und selbst jemand, der nicht an Mon-Calamarianisches Verhalten gewöhnt ist kann ziemlich leicht sehen, dass sie nicht glücklich darüber ist, von irgendwem unterbrochen zu werden und schon gar nicht von einem Infanterieknecht. „Und warum, denken Sie, ist das so, Major?“

Ich wette, wenn Mon Calamari Augenbrauen hätten, würde Aaksam ihre jetzt in Erwartung heben. Aber so wie es ist, starren ihre großen Augen Sirra lediglich an, fordern ihn heraus, etwas Übereiltes und Dummes zu sagen. Wenn ich sie wäre, würde ich das auch tun. Sirra ist nicht gerade ein gelassener Mann. „Weil ihr nur hier oben in euren kleinen Raumschiffen sitzt, mit euren sauberen Uniformen, und euch nie die Hände schmutzig macht, ihr…“

“Major Sirra, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihr Urteilsvermögen nicht durch Differenzen zwischen den Teilstreitkräften trüben lassen würden.“ Der Commodore hat seine Augen ebenfalls auf Sirra gerichtet, der sich für einen Moment tatsächlich unter dem durchdringenden Blick zu ducken scheint. „Es gibt wesentlich wichtigere Dinge als kleinliche Auseinandersetzungen, wer den größten Teil des Kampfes abbekommen hat. Also, haben Sie noch etwas anderes als ungerechtfertigte Anschuldigungen vorzubringen?“ Einen Moment lang glitzern Sirras Augen und er bleckt seine eindrucksvollen Zähne.

Aber dann sehe ich, wie Oreth dem aufmüpfigen Devaronianer einen warnenden Blick zuwirft und Sirra schüttelt nur seinen Kopf und murmelt ein: „Nein, Sir.“ Niemandem entgeht, dass er sich weder bei Aaksam noch bei Ichigan entschuldigt hat. Eines Tages, Sirra, wirst du über dein großes Maul stolpern, direkt in Scheiße, die so tief ist, dass nicht mal mehr deine Hörner rausschauen werden.

Was dann folgt, ist eine Schlacht der Willen und Argumente, eine Schlacht von Infanterie- und Recon-Offizieren gegen Flottenoffiziere, eine Schlacht von Offizieren mit höheren Dienstgraden gegen Offiziere mit niedrigeren Dienstgraden… und die einzige Schlacht, die ich schlage ist die gegen die Erschöpfung. Jetzt, da das Adrenalin endgültig zurückgegangen ist und meine Wunden wieder anfangen, richtig wehzutun – trotz der provisorischen Versorgung während des Kampfes – verliere ich langsam den Kampf gegen den Schlaf.

Bis eine tiefe Mon-Calamari-Stimme plötzlich sagt: „Genug. Diese Diskussion wird uns nirgendwo hinbringen. Wir werden jetzt abstimmen, und das wird die definitive Entscheidung sein.“ Oh großartig, eine Abstimmung! Mein armes ramponiertes und vernachlässigtes chandrilanisches Herz macht einen kleinen Freudensprung bei der Erwähnung von Demokratie zur Entscheidungsfindung. Wenn ich nur nicht so müde wäre… „Gut, jeder, der dafür ist, hier zu bleiben, hebt bitte die Hand. Danke. Jetzt hebt bitte jeder die Hand, der für einen Rückzug stimmt… Captain Melara?“ Ich schüttele meinen Kopf. Ich bin gerade nicht eingeschlafen, oder?

Aber ein Blick in die Runde sagt mir, dass ich das sehr wahrscheinlich getan habe. Jeder sieht mich entweder missbilligend, mitleidig und/oder schadenfroh an. Ich räuspere mich. „Ja, Sir?“ Ichigan sieht mich mit seinen großen Augen an und ich habe das starke Gefühl, dass er absolut angefressen ist.

„Ihre Stimme, Captain. Hier bleiben oder Rückzug?“ Ich schlucke. Äh… noch ein Blick in die Runde. Alle, die für Rückzug gestimmt haben, haben ihre Hände noch erhoben, und es sieht aus, als wenn es ein Patt gibt. Eine Hälfte der anwesenden Offiziere ist gegen Rückzug, die andere ist für Rückzug. Als mir klar wird, dass meine Stimme über das Schicksal von… ungezählten Wesen entscheiden wird, bete ich tatsächlich, dass die Götter mich in irgendeinen Teil des Universums, der weit weg ist, verschwinden lassen, aber natürlich wird mir der Wunsch wie immer nicht erfüllt. Na toll.

Muss nachdenken. Bleiben… bleiben würde den Tod für noch mehr von unseren Leuten bedeuten, höchstwahrscheinlich die totale Zerstörung sowohl der Flotte als auch der Infanterieeinheiten. Rückzug… Rückzug würde heißen, dass wir die Bewohner von Naboo einem ungewissen Schicksal in den Händen des Universums überantworten. Andererseits… wäre es nicht sogar schlimmer, wenn wir bleiben würden? Hätten sie nicht zumindest eine Chance auf eine Kapitulation, wenn wir gehen würden? Ich hole tief Luft. „Ich stimme für Rückzug, Sir.“ Ichigan nickt nur, und die angespannte Stille im Raum explodiert in ein Stimmenchaos.

Aber bevor die ermüdende Diskussion wieder von vorne losgehen kann, bellt Ichigan ein lautes „Sie können gehen.“ in den Raum und ich kann endlich zum Ausgang. Schlaf… ganz nah… „Das war eine kluge Entscheidung, Captain. Aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie das einige Freundschaften kosten wird.“ Oder auch nicht. Ich drehe mich um. Inmitten der Offiziere, die den Raum verlassen, steht Borlin vor mir und wirft mir einen dieser berechnenden Blicke zu, die einem immer das Gefühl geben, als sei man die Beute eines großen Raubtiers kurz vor dem Ende der Jagd.

Aber mir reicht’s jetzt. “Wie immer Sie meinen, Sir. Ich will Sie nur daran erinnern, dass meine Freundschaften Sie nichts angehen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden…“

„Oh doch, das tun sie, wenn es sich um meine Leute handelt. Wenn ich Sie wäre, würde ich Sergeant Nalan die nächsten vier Wochen in Ruhe lassen. Und wenn Sie es nicht tun: Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“ Und damit nickt er mir nur noch mal zu und eilt an mir vorbei. Was zum…? Wie kann er es wagen… Das Comm fiept. Argh. Ärgerlich hebe ich es zum Mund.

„Echo 3, hier ist Echo-Delta 1, hören Sie?“ Lieutenant Thuiv. Was will der denn jetzt?

„Echo-Delta 1, ich höre. Was wollen Sie?“ Ich kann ihn zuerst wegen einer Statikwelle nicht verstehen, aber dann wird es wieder klar.

„Wir haben hier unten etwas Ärger mit der Materialausgabe… Ich würde empfehlen, dass Sie wieder runterkommen, Ma’am.“ Ich seufze. Na schön. Ich hätte sowieso wieder runterfliegen müssen, um die Evakuierung zu überwachen. Und vielleicht kann ich diese ganze „Ich würde Sergeant Nalan in Ruhe lassen, wenn ich Sie wäre“-Sache aufklären, wenn ich schon dabei bin.

„Zustimmung, Lieutenant. Bereiten Sie alles für eine schnelle Evakuierung des verbliebenen Personals vor, während ich auf dem Rückflug bin. Echo 3 Ende.“



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