Opfer

Teil 1 von 3


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





“I fought the war
I fought the war
But the war won.”

- Metric, “Monster Hospital”



Eins



Warum, um alles im Universum, hab ich mich je verpflichtet?

Weil, wisst ihr, als ich mich verpflichtet habe, hätte ich mir ziemlich sicher nie vorstellen können, dass ich mal die Hände sterbender Männer halten und sie anlügen würde. Vor allem, wenn es sich bei dem Betreffenden um den schleimigsten, widerlichsten Bastard der Galaxie handelt, den ich freiwillig nie anfassen würde. Aber hier bin ich jetzt, Tarkkers Hand in meiner, immer noch nicht so ganz sicher, ob ich wirklich weiß, wie es dazu kommen konnte.

Ich meine, okay, eigentlich... eigentlich wurde er von einer Plasmagranate voll ins Gesicht getroffen, und irgendwer konnte ihn vom Schlachtfeld und zum Verbandsplatz zerren, wo ich ihn dann gefunden habe, als ich verzweifelt versuchte, herauszufinden, wer aus meiner Kompanie überlebt hat und wer nicht.

Und dann... dann fing er an, nach seiner Mutter zu rufen, und niemand hatte Zeit, sich um ihn zu kümmern. Niemand außer mir. Ein paar lange Momente lang stand ich einfach nur da, wie angewachsen. Ich sah den Mann, der sich über mich lustig gemacht hatte in dem Kanonenboot, mit dem wir beide abgestürzt sind. Ich sah den Mann, der sich auf meine Kosten eine Beförderung erschlichen hatte. Ich sah den Mann, der uns alle mit seinem verdammten „Ich bin euer Ausbilder, nennt mich Gott.“-Komplex gequält hatte. Und dann blinzelte ich und sah einen Jungen, der es sowieso nie zum Lazarettschiff schaffen würde, und der auf irgendeinem götterverlassenen Hinterwäldlerplaneten sterben würde. Und für was? Für Ideale, die vielleicht nie die seinen waren?

Es war dieser Moment, in dem ich begriff, was Offizier sein wirklich heißt. Es heißt, dass du für alle deine Leute verantwortlich bist. Selbst, wenn das heißt, dass man einen sterbenden Mann, der die Bürde deines Daseins war, trösten musste. Ich ging zu ihm hinüber und nahm eine seiner schrecklich verbrannten und entstellten Hände, während ich versuchte, Augenkontakt herzustellen. In seinem verbrannten Gesicht waren sie eigenartig unversehrt, groß und panisch. Ich holte tief Luft.

„Joric? Hörst du mich?“ Wie gut, dass ich mir die Akten meines Zuges noch mal angesehen hatte, bevor ich ihn endgültig übernommen hab. Sonst hätte ich nicht mal seinen Vornamen gewusst.

Seine Augen versuchten, sich auf mich zu konzentrieren. „Mum?“

Ich schluckte. Bis dahin war es vergleichsweise einfach gewesen – ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Offizierschule, zwei Feldbeförderungen vom 2nd Lieutenant zum Captain und meine im wahrsten Sinne des Wortes sehr heiße Feuerprobe als Offizier überstanden – aber ich erkannte, dass ich vielleicht nicht fähig war, das durchzuziehen, was ich für Tarkker hatte tun wollen.

Er versuchte sich wieder zu konzentrieren, mit zusammengezogenen Augenbrauen und flachem Atem. Der rationale Teil meines Gehirns teilte mir in sehr drastischen Worten mit, dass Tarkker nicht mehr lange durchhalten würde. „Mum?“, fragte er wieder, diesmal mit hörbarer Panik in der Stimme. Okay, dachte ich,
Zeit für ein paar Heldentaten abseits vom Schlachtfeld, Captain.

„Ja, ich bin hier, Joric.“ Seine zerstörten Gesichtszüge verzogen sich zu etwas, das ein Lächeln hätte sein können. Es brach mir fast das Herz, und dafür hasste ich ihn.

„Tut mir leid, Mum. Ich hätte nicht... hätte nicht...“ Ich widerstand der Versuchung, süffisant zu grinsen. Wer hätte gedacht, dass Joric Tarkker, Riesenarschloch, Mamis kleiner Junge war, unter all den Schichten von Größenwahn?

„Ist schon in Ordnung, Joric. Was auch immer du getan hast, es ist okay.“ Ich hasste ihn nur noch mehr. Irgendwo unter all den anderen Soldaten auf dem Schlachtfeld waren Xanas und Danna und Magic und Kierse, und ich hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden, wusste noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch am Leben waren – und was tat ich? Ich hielt die Hand eines sterbenden Bastards und tat so, als wäre ich seine Mutter und erzählte ihm, alles würde wieder gut werden. Wenn ich mich nicht dazu gezwungen hätte, diese Gedanken in die dunkelste Ecke meines Gehirns zu verbannen, wäre ich in diesem Moment wahnsinnig geworden.

Der sterbende Bastard machte ein Geräusch, das ich später als ein bitteres Lachen interpretierte. „Ich sterbe... Mum. Bist du... nicht glücklich... jetzt?“
Heilige Scheiße! Was im Universum kann zwischen Mutter und Sohn passieren, dass er in seinen letzten Momenten an so etwas denken konnte?, war alles, an was ich für ein paar Sekunden denken konnte. Dann entschied ich, dass niemand es verdient hatte, so zu gehen, mit solch bitteren Gefühlen im Herzen. Ich tat eines der schwierigsten Dinge, die ich je tun musste.

„Nein, Joric. Du stirbst nicht, und ich wäre nicht glücklich, wenn du es tätest. Ich bin deine Mutter, und was immer du getan hast: Das verdienst du nicht.“ Große, fette Lüge, schrie mir mein innerer moralischer Kompass zu, aber ich ignorierte ihn.

Sein sowieso schon schwacher Griff um meine Hand lockerte sich, als er langsam schlaff wurde. Ich fühlte, wie meine Kehle enger wurde und mein Magen sich umdrehte. Ich hatte schon eine Menge Leute sterben sehen bis diesem Punkt, aber es war nie so... persönlich gewesen. Ich erkannte, dass das für mich das erste Mal überhaupt war, dass jemand praktisch in meinen Armen starb. Und wie ich mir wünschte, mindestens eine Million Lichtjahre weit weg zu sein. „Lüg mich nicht an... Mum. Lüg mich nie wieder an... Du weißt, dass ich all das verdiene... und ich bereue... nichts.“

Mir war wirklich schlecht in diesem Moment. Was hatte er getan, dass er wusste, dass er genau das verdiente, was ihm in diesem Moment passierte? Was tat ich da an der Seite eines potentiellen Mörders, Vergewaltigers, Drogendealers? Die Antwort war eigentlich einfach, aber ich habe lange gebraucht, um sie zu akzeptieren: Ich tat nur meine Pflicht. „Denk da nicht eine Sekunde dran. Du wirst nicht...“

Und plötzlich brechen seine Augen, und seine Hand rutscht aus der meinen, und der Mann, der Joric Tarkker war – Nervensäge, Bastard, menschliches Wesen – ist nur noch eine tote Hülle. Es braucht fast all meine verbliebene Kraft, mich nicht hier und jetzt zu übergeben.

 Stattdessen hole ich nur tief Luft, stehe auf und mache mich auf die Suche nach dem nächstbesten Sanitäter, um endlich Ordnung in meine nicht-existierenden Dateien zu bekommen.


Ende von Teil 1

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