Spiegelschwester

Teil 2 von 4


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





 2.

Begegnungen

 

Als Tunara erwachte, war es schon Nachmittag. Ruckartig setzte sie sich auf und blinzelte verwirrt. Dann kam die Erinnerung zurück und sie ließ den Kopf hängen. Richtig, sie war gestern Nacht zu der Höhle gewandert. Am liebsten hätte sie einfach weiter geschlafen. Solange, bis das Jahr ihrer Verbannung um war, aber ihre Neugierde siegte.

 

Sie stand auf und sah sich interessiert um. Jetzt, bei Tag, konnte man erkennen, wie groß die Höhle war. Fast so groß, wie der Kriegsraum in der Clanfestung. Tunara trat aus dem Eingang in das Licht der Nachmittagssonne. Kaum fünfzig Meter entfernt plätscherte die Quelle und wenn man dem kleinen Pfad rund dreihundert Meter hangabwärts folgte, begann der Wald.

 

Tunara lächelte. Es war eigentlich sehr schön hier. Wären die Umstände anders, hätte sie sich sogar darüber freuen können, hier zu sein. Sie kehrte in die Höhle zurück und tauchte nach einer Minute mit ihrer Bürste und einem Lappen in der Hand wieder auf.

 

Das Wasser der Quelle war kalt und klar. Es sprudelte munter aus dem Felsen und sammelte sich in einem natürlichen, kleinen Becken, bevor es den Berg hinunter lief und als Bach im Wald verschwand. Tunara tauchte den Lappen hinein und begann sich zu waschen. Eine halbe Stunde später legte sie die Bürste zur Seite und fuhr mit den Fingern durch ihr Haar. Sie beugte sich über das Becken und betrachtete gedankenverloren ihr Spiegelbild.

 

Dann schien es sich plötzlich zu verändern. Die Züge verwischten und formten sich neu. Ein Gesicht, das das ihre war und doch wieder nicht, sah ihr entgegen. Die Augen waren blau und schienen sie aus dem Wasser heraus anzusehen. Das Haar war nicht rot, sondern dunkelblau und die blassen Gesichtszüge wirkten härter, aber dennoch war es Tunaras Gesicht. Fremd und gleichzeitig erschreckend vertraut. Das Bild lächelte ihr zu.

 

Und mit einem Mal verschwand es wieder, genauso abrupt, wie es aufgetaucht war. Tunara sah wieder ihr gewohntes Selbst. Hastig beugte sie sich zurück.

 

„Was kann das bloß bedeuten? War das eine Vision? Ach, warum kann jetzt nicht Casima hier sein? Sie wüsste bestimmt, was das soll.“

 

Sie blickte noch einmal in den Wasserspiegel. Alles blieb ruhig.

 

„Was auch immer es war. Es war unheimlich!“ entschied sie.

 

Den Rest des Tages verbrachte sie damit, ihre Habseligkeiten in der Höhle unterzubringen und eine neue Schlafmatte aus Zweigen herzustellen. Die ganze Zeit grübelte sie über das Erlebnis an der Quelle nach.

 

„Vielleicht war es tatsächlich eine Vision und sie hat mir gezeigt, was aus mir werden könnte. Es könnte mein dunkles Ich gewesen sein. Vielleicht war das eine Warnung, mich von der schwarzen Magie der Nachtschwestern fernzuhalten, weil ich sonst zu dem werde, was ich im Wasser gesehen habe.“

 

Das war ein ausgesprochen beunruhigender Gedanke. Tunara wünschte sich, sie könnte mit einer anderen Hexe darüber reden, aber das ja leider vollkommen unmöglich.

 

„Rasha?“ flüsterte sie verstohlen. „Kannst du mich hören? War das ein Zeichen?“

 

Das leise Säuseln des Windes blieb die einzige Antwort auf ihre Frage.

 

 

 

 

 

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In dieser Nacht hatte Tunara einen seltsamen Traum. Sie träumte, dass ihr Geist ihren Körper verlassen würde. Sie konnte ihn unter sich liegen sehen. Dann flog sie wie magisch angezogen zur Festung zurück. Ihr Geist huschte durch die Gänge bis zum Zimmer, in dem Mutter Rell auf ihrem Steinklotz saß. Die alte Vettel schlug die Augen auf und schien Tunara anzulächeln.

 

„Ah, da bist du ja, mein Kind. Es ist gut, dass du gekommen bist. Du musst dich vor ihnen in Acht nehmen, weißt du?“

 

„Vor wem, Mutter Rell?“

 

„Sie sind gefährlich. Du darfst nicht zulassen, dass sie deine Erinnerungen manipulieren. Du musst dich immer an Rasha erinnern, daran was passiert ist. Hörst du? Erinnere dich an ihren Tod, das kann dich vor ihnen retten. Halte dich an dieser Erinnerung fest, wenn du in ihren dunklen Sog gerätst.“

 

„Was soll das alles? Redest du von den Nachtschwestern?“

 

„Vergiss meine Warnung nicht!“

 

„Mutter Rell, wovon sprichst du?“

 

„Es ist jetzt genug. Du solltest gehen. Ich hoffe wir werden uns wieder sehen, mein Kind.“

 

Sie vollführte eine kleine Geste und Tunara merkte, wie ihr Geist zurück zu ihrem Körper eilte. Aus der Festung über die Ebene bis zur Höhle.

 

Mit einem Ruck setzte sich Tunara auf. Doch noch bevor sie über diesen merkwürdigen Traum und Mutter Rells Botschaft nachdenken konnte, sank sie wieder zurück in das sanfte Vergessen des Schlafes.

 

 

 

 

 

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Kaya schlich lautlos durch das Unterholz. Die Schwärze der Nacht hüllte sie ein und verbarg sie vor den Augen ihrer Feinde. Die Dunkelheit wurde zu ihrem Verbündeten. Diese albernen Unwissenden behaupteten immer, die Nacht wäre unheimlich. Aber sie wussten nicht, wie man sie nutzen konnte.

 

Jetzt war Kaya froh über das Dunkel, das sie umgab. Hier im Wald konnte man kaum die eigene Hand vor den Augen sehen. Dennoch strauchelte Kaya nicht. Sie brauchte das Tageslicht nicht, um sich zurechtzufinden. Ihre Bewegungen waren die einer Raubkatze. Jetzt hatte sie das Ende des Waldes erreicht. Ein Stück den Hang hinauf erblickte sie den Eingang der Höhle. Auch auf dem kleinen Pfad verursachten Kayas Schritte kein Geräusch. Das Mondlicht versilberte ihre Haut und zauberte schimmernde Reflexe in ihr blaues Haar.

 

Sie trat ein. In der Höhle herrschte Stille. Nur wenn man genau hinhörte, konnte man den gleichmäßigen Atem der Schlafenden bemerken. Kaya entzündete die Fackel, die sie mitgenommen hatte. Das Licht tanzte über die Wände und flackerte über die reglose Gestalt auf der Schlafmatte.

 

Da lag sie, Tunara! Kaya betrachtete sie eingehend. Das Haar war orange und die Züge der jungen Frau wirkten noch weich und kindlich. Dennoch, es war, als würde man tatsächlich in einen Spiegel blicken. Ein Schauer lief Kaya den Rücken hinunter. Plötzlich öffnete ihre Schwester die Augen.

 

Zuerst glaubte Tunara, dass sie wieder träumen würde und zwinkerte ein paar Mal. Aber die Gestalt blieb. Dort stand eine Frau. Nein, nicht irgendeine Frau!

 

Tunara erkannte sie sofort. Es war die Frau aus ihrer Vision, in deren Gesicht sie an der Quelle geblickt hatte. Sie fröstelte. Ihre Stimme hörte sich in ihren eigenen Ohren dünn und ängstlich an: „Wer bist du? Was willst du hier?“

 

Die Gestalt neigte den Kopf und begann zu sprechen: „Mein Name ist Kaya. Ich bin deine Schwester, Tunara. Das wird dich überraschen. Ich weiß, dass man dir nie von mir erzählt hat und...“

 

„Moment mal, meine Schwester ist Casima!“

 

„Ja, ich weiß. Ich bin deine Zwillingsschwester Kaya. Ich hätte dich gerne früher kennen gelernt, aber der Clan hätte mich bestimmt davon abgehalten.“

 

„Wieso hätte man das tun sollen. Ich glaube dir nicht. Verschwinde!“

 

„Weil die Hexen vom Clan seit Jahren verleugnen, was sich immer wieder offenbart.“

 

„Ach, und das wäre?“ Tunara hatte ihre Selbstsicherheit zurückgefunden und ihr Tonfall klang spöttisch.

 

„Unser Weg ist der wahre Weg. Der Weg der Stärke. Wenn sie das noch länger ignorieren und stattdessen an ihrer Schwäche festhalten, dann werden sie bald untergehen.“

 

Tunara lachte. „Natürlich, da hätte ich ja auch sofort drauf kommen können. Wenn du mir nichts weiter zu sagen hast, als dieses Geschwafel, dann bitte ich dich, jetzt dahin zu gehen, wo du hergekommen bist. Ich will nämlich noch ein bisschen schlafen.“

 

„Tunara, du weißt, dass ich dir die Wahrheit sage. Sieh uns doch an. Wir sind zwei Seiten derselben Münze. Und hast du dich nie gefragt, warum dich unsere Mutter ausgerechnet Spiegelschwester genannt hat?“

 

Tunara schüttelte den Kopf. „Das kann unmöglich wahr sein!“

 

„Und doch ist es so! Ich bin deine Schwester.“

 

„Und warum wusste ich bis heute nichts von deiner Existenz?“

 

„Als ich noch ein kleines Kind war, nahmen mich die Schwestern in ihren Kreis auf. Sie bildeten mich aus und zeigten mir die echte Macht der Magie. Du kannst dich daran nicht erinnern. Wir waren erst ein Jahr alt. Ich weiß es nur, weil die Schwestern es mir erzählt haben. Sie haben mir meine Herkunft nie verheimlicht.“

 

Tunara konnte den Vorwurf heraus hören. „Das haben die Hexen des Clans auch nie getan!“ rief sie empört.

 

„Aber sie haben dir nie von mir erzählt, oder?“

 

Ein kurzes Schweigen entstand. „Das dachte ich mir.“ Kayas Stimme klang triumphierend. „Ich bin aber nicht hierher gekommen, um mit dir darüber zu streiten. Ich wollte dich endlich einmal sehen. Weißt du, ich habe mir immer gewünscht, dass wir eines Tages wieder zusammen sein könnten.“

 

„Du hast von den Schwestern gesprochen...“Sie musste ihre Frage nicht aussprechen.

 

Kaya nickte. „Wir nennen uns die Schwestern der Nacht, denn wir kennen die Dunkelheit und fürchten sie nicht.“

 

„Du bist eine Nachtschwester? Verschwinde sofort von hier! Los, ich werde dich sonst eigenhändig erwürgen! Hast du verstanden?“ schrie Tunara entsetzt.

 

Kaya wich zurück. „Nun gut. Das war alles ein wenig viel für dich. Du brauchst Zeit, um das alles zu verarbeiten und dich von den Fesseln zu lösen, die man dir seit deiner Geburt auferlegt hat, so dass du sie heute nicht mehr spürst. Ich werde dich jetzt allein lassen. Wenn die Zeit günstiger ist, werde ich wieder kommen.“

 

„Das wäre dein Todesurteil.“

 

„Du zweifelst an meinen Worten, ich weiß. Aber du wirst es eines Tages verstehen. Und denke nicht, ich hätte gelogen, als ich dir sagte, dass ich deine Schwester bin. Zwischen uns besteht ein besonderes Band, Tunara. Dein Name sagt es dir bereits und seit wir einander im Geiste begegnet sind, hast du es im Grunde auch erkannt. Ich konnte sehen, wie du es erkannt hast. Doch ich sehe auch, dass du verwirrt bist. Die richtige Zeit wird kommen. Und wenn du mich rufen willst, dann weißt du, wie du das tun kannst.“

 

„Darauf kannst du ewig warten!“

 

Kaya verschwand. Tunara blieb mit klopfendem Herzen und schwer atmend zurück. Sie hatte das Gefühl, dass die Höhle und alle Laute rings um sie her plötzlich unwirklich geworden waren.

 

 

 

 

 

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Die nächsten Tage verliefen ruhig und ohne weitere Zwischenfälle. Dennoch grübelte Tunara ununterbrochen über ihre Schwester nach.

 

„Nein“, rief sie sich zur Ordnung „sie ist ja nicht wirklich meine Schwester.“

 

Aber so gern sie das auch geglaubt hätte, auf eine unbestimmte Art wusste sie, dass Kaya nicht gelogen hatte. Sie erbebte innerlich, wenn sie daran dachte, wie unglaublich ähnlich Kaya ihr gesehen hatte.

 

Tunara seufzte. Ihre Gedanken waren so wirr. Warum hatte man ihr nie etwas von ihrer Zwillingsschwester erzählt? Warum war Kaya jetzt zu ihr gekommen? Sie fand keine Antworten auf diese Fragen. Kopfschüttelnd beugte sie sich über den Speer, den sie gerade bearbeitete.

 

Vor wenigen Tagen war ihr Leben noch ganz normal gewesen. Sie hatte sich mit Casima gestritten, mit Rasha gelacht und versucht, die Hexenkunst zu erlernen. Und dann war auf einmal alles in sich zusammengebrochen. Rasha war tot, Tunara eine Ausgestoßene und nun erfuhr sie, dass sie eine Zwillingsschwester hatte, die eine Nachtschwester war.

 

Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Kaya und sie rannten über die Ebene, sie waren gemeinsam auf der Jagd. Tunara vertrieb die Vorstellung aus ihrem Kopf. Kaya war keine Freundin, sie gehörte zu Tunaras erbittertsten Feindinnen.

 

„Aber schade ist es doch“, dachte sie. „Ich habe mir immer eine echte Spiegelschwester gewünscht. Und nun, wo ich weiß, dass es sie gibt, muss ich feststellen, dass sie ein böses und verdorbenes Geschöpf ist.“

 

Was Tunara daran am meisten verwirrte, war die Tatsache, dass Kaya auf sie einen freundlichen Eindruck gemacht hatte.

 

„So hätte ich mir keine Nachtschwester vorstellen können.“

 

Vielleicht gab es Dinge, die sie über diese schwarzen Hexen nicht wusste. Die vielleicht niemand beim Clan wusste.

 

„Nun, wie auch immer. Sie sind allesamt hinterhältige Meuchelmörderinnen.“

 

Damit beschloss sie, dieses Kapitel zu beenden.

 

„Aber am liebsten würdest du doch deine Schwester kennen lernen!“ flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Eine Stimme, die Tunara nur mit Mühe zum Schweigen bringen konnte.

 

 

 

 

 

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Es war erneut Kaya, die den nächsten Schritt unternahm. Sie kam, als Tunara gerade vor einem kleinen Kochfeuer saß, über dem eine erlegte Eidechse brutzelte. Sie tauchte wie ein Schatten aus dem Wald auf.

 

Doch diesmal konnte sie sich nicht anschleichen. Tunara hatte ihre Gegenwart schon gespürt, bevor die Andere zu sehen gewesen war. Sie warf ihr einen finsteren Blick zu.

 

Kaya grinste: „Du siehst nicht so aus, als ob du mich zum Essen einladen möchtest.“

 

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen!“

 

„Das hast du“, nickte Kaya „aber mich interessiert, was du gemeint hast.“

 

„Ich habe es so gemeint, wie ich es gesagt habe. Ich will dich hier nicht sehen.“

 

„Nein, ich glaube, jetzt machst du dir etwas vor. Komm schon, Tunara! Ich weiß, wie es dir gehen muss. Ich war mein Leben lang neugierig darauf, meine andere Hälfte zu treffen. Weißt du, ich wollte immer gern eine Schwester in meinem Alter haben, du nicht?“

 

„Doch, schon“, gab Tunara widerwillig zu.

 

„Umso schöner ist es doch, dass wir uns gefunden haben, nicht wahr?“

 

„Ich will mit einer Nachtschwester nichts zu schaffen haben!“ erklärte Tunara bestimmt.

 

Ihre Schwester verzog das Gesicht. Ihre Stimme klang bitter und enttäuscht, als sie sprach: „Ich hatte es vergessen, du bist beim Clan aufgewachsen. Du hast genau das gleiche lächerliche Bild von uns, dass allen von euch eingetrichtert worden ist. Wie sollte es auch anders sein.“

 

„Oh, natürlich. Wir sehen euch ganz falsch. Ihr mordet, weil ihr so nette Menschen seid und eure ekelhaften schwarzen Zaubersprüche sind im Grunde völlig harmlos.“ Das klang mehr als nur gehässig.

 

„Es ist dieselbe Energie, die auch du gespürt hast.“

 

„Das war ein Fehler!“

 

„Tatsächlich? Glaubst du das wirklich, Tunara?“

 

„Was sonst sollte ich wohl glauben.“

 

„Nun, dann sage mir, kam diese Energie nicht freiwillig zu dir, als du sie gebraucht hast? War es nicht ganz einfach und völlig natürlich? Musstest du vorher alberne Übungen absolvieren und herrischen Lehrerinnen gehorchen? War es nicht vielmehr so, dass diese Kraft viel deutlicher zu deinem Wesen gehört hat, als diese diffuse Energie, von der alle meinten, dass du sie in dir suchen müsstest?“

 

Tunara kam nicht umhin, Kaya zuzustimmen. Dennoch konnte sie sich eines mulmigen Gefühls nicht erwehren. Darum meinte sie nur: „Du verdrehst die Tatsachen.“

 

„Nein! Nein, das tue ich nicht. Jede von uns hat diese Kraft. Sie wurde uns gegeben. Warum sollten wir uns weigern, sie zu benutzen? Es ist viel natürlicher, als alle diese unsinnigen Versuche, unsere ureigene Energie solange zu verzerren, bis sie uns als etwas anderes erscheint. Ja, diese Kraft ist wild und ungezähmt. Wie alles, was du um dich herum in der Natur siehst. Eben darum ist es doch wichtig, dass wir uns ihrer bewusst werden und gezielt lernen, mit ihr umzugehen.“

 

„Ich weiß nicht, Kaya. Das scheint mir...“

 

„Die Schwestern haben es mich gelehrt und sie könnten es dir ebenfalls beibringen.“

 

„Trotzdem seid ihr Mörderinnen. Was immer ihr euch auch dabei denken mögt!“

 

„Ach? Dann sage mir, hat noch nie eine deiner Clanschwestern eine Nachtschwester getötet?“

 

„Das ist Notwehr! Wir müssen uns schließlich gegen euch verteidigen.“

 

„Wer sagt dir, dass wir nicht genauso handeln. Woher weißt du, dass wir es waren, die den Krieg begonnen haben? Doch nur von deinem Clan! Aber würde man es dir dort ehrlich sagen, wenn sie selbst den Kampf angefangen haben?“

 

„Warum hätten wir das tun sollen?“ gab Tunara zurück.

 

Kaya lächelte, als läge die Antwort eigentlich auf der Hand. „Überlege doch mal!“

 

„Ich kann mir keinen plausiblen Grund denken!“ Tunara blieb fest bei ihrer Meinung.

 

„Nun gut. Ich werde dir erzählen, wie alles anfing. Gethzerion, unsere Anführerin erkannte eines Tages, was ich dir eben auch schon gesagt habe. Dass wir unsere natürlichen Energien verfälschen. Sie redete mit anderen Hexen aus den Clans darüber, aber alle sagten ihr, dass sie verrückt sei. Gethzerion ließ sich aber nicht beirren und lernte allein, neue Wege zu finden, wie sie ihre Magie nutzen konnte.

 

Sie brach ihre Ausbildung zur Hexe ab, weil sie ihr nun in dem neuen Licht des wahren Wissens unangebracht und töricht vorkam. Die anderen Hexen sahen, wie gut Gethzerion geworden war, aber sie weigerten sich, es zu glauben. Einige aber erkannten die Wahrheit, die hinter Gethzerions Lehren stand und schlossen sich ihr an.

 

Die Hexen befürchteten nun, ihre Clans würden sich vielleicht deswegen auflösen und sie könnten ihre Vormachtstellung verlieren. Darum beschlossen sie, alle Anhängerinnen Gethzerions zu Ausgestoßenen zu machen, sowie alle, die ihr noch nacheifern würden.

 

Wir wurden zu Verfolgten, Verbannten. In dieser Zeit bekamen wir unseren Namen. Wir lernten den Schutz der Dunkelheit zu schätzen, der uns vor unseren Feinden verbarg. So nannten wir uns schließlich Schwestern der Nacht.

 

Wann immer in den nun folgenden Jahren eine Hexe diese Energie in sich entdeckte, wurde sie auf lange Zeit von ihrem Clan verbannt. Man hatte zumindest aufgehört, uns permanent zu jagen und wir waren auch besser geworden im Umgang mit unseren Fertigkeiten. So kam es nur noch zu gelegentlichen Überfällen. Wir vertrieben die fremden Eindringlinge aus dem Gefängnis und machten es zu unserer Heimat. Wir nahmen uns vieler verbannter Hexen an und zeigten ihnen, wie sie richtig mit der Magie umgehen mussten. Die meisten schlossen sich uns an und fanden ein neues Leben und ein neues Heim.

 

Sicher, es gibt ein Einige, die sind unzufrieden. Solche gibt es überall. Diese Frauen verlassen uns und sind später nur umso lieber bereit, die Schauermärchen, die die Clanführerinnen über uns erzählen, zu unterstützen. So, nun kennst du die ganze Geschichte und kannst dir selbst ein Urteil bilden.“

 

Tunara blickte lange schweigsam zu Boden. Kayas Geschichte hörte sich so logisch an.

 

Schließlich hob sie den Kopf. „Bei dir klingt es so, als wären die Hexen in den Clans gemeine Despotinnen und das Leben dort grausam.“

 

„Nun, du kennst dieses Leben besser als ich. Aber hast du es nicht am eigenen Leib erfahren? Du warst wütend und völlig durcheinander, weil deine Freundin gestorben war...“

 

„Durch einen Angriff der Nachtschwestern!“ ergänzte Tunara.

 

„Hast du denn gesehen, wer zuerst angriff?“

 

Tunara schüttelte zögernd den Kopf.

 

„Das dachte ich mir. Jedenfalls war deine Reaktion auf diesen Schock doch nur verständlich. Aber hat man dich getröstet und sich deiner angenommen? Nein, man hat dich verbannt! Nennst du das vielleicht eine gerechte Entscheidung. Für mich ist das die Entscheidung einer Despotin, die nicht zulassen will, dass du vielleicht ihre sorgsam bewachte Ordnung störst.“

 

„Da ist was Wahres dran“, dachte Tunara. Diese Entscheidung war wirklich nicht besonders fair gewesen.

 

Kaya fuhr fort: „Und hat man dir eine Gelegenheit gegeben, dich zu verteidigen?“

 

Jetzt blitzte der Zorn in Tunaras Augen, den sie seit dem Tag ihrer Verbannung unterdrückt hatte. Kaya hatte Recht! Man hatte ihr nie gestattet, sich zu verteidigen.

 

Kaya nahm das Funkeln im Blick ihrer Schwester wahr. „Nicht einmal deine, dich angeblich so liebende, Schwester hat etwas getan. Und von dir verlangt man dann Verständnis, wo sie es eigentlich zeigen sollten. Du hättest Trost gebraucht und keine ungerechte Strafe!“

 

Kaya konnte ihr Triumphgefühl kaum unterdrücken, als sie spürte, dass Tunaras Zorn zu brodeln begann. Sie war ja so leicht zu manipulieren.

 

Tunara sprang erregt auf: „Ich glaube, es liegt viel Wahrheit in deinen Worten, Kaya. Ich kann noch nicht entscheiden, wessen Sichtweise die richtige ist, aber ich würde mir gern selbst ein Bild machen.“

 

„Das ist gut“, stimmt Kaya zu. „Du solltest dir Zeit nehmen, unsere Gemeinschaft kennen zu lernen. Und mich kennen zu lernen. Ich hoffe doch, dass du das nun tun wirst, oder? Ich wünsche mir schon so lange eine Schwester und...“

 

„Natürlich will ich mehr über dich erfahren. Aber zu den Nachtschwestern gehen, ich weiß nicht. Das klingt nicht nach einer besonders guten Idee.“

 

„Aber wieso denn nicht? Du hast selbst gesagt, dass du dir ein Bild von uns machen willst. Das kannst du kaum tun, wenn du in dieser Höhle sitzen bleibst.“

 

Tunara runzelte bedrückt die Stirn. Es war alles so neu und verwirrend. Sie wollte sehen, welches Leben Kaya und die Nachtschwestern führten, aber sich einfach ihnen anschließen? Das kam ihr übereilt vor. Es gab noch Einiges, über das sie gern in Ruhe nachgedacht hätte.

 

Plötzlich schien Kaya eine Idee zu haben. „Ich weiß etwas! Du könntest ja als Gast für eine Weile bei uns bleiben. Du müsstest dich zu nichts verpflichten. Du kannst unser Leben kennen lernen und wir könnten zusammen sein. das wäre doch ganz wunderbar!“

 

„Meinst du, dass das geht?“

 

„Warum denn nicht? Ich habe dir doch gesagt Tunara, Gethzerion ist keine Diktatorin. Bei uns geht es wesentlich freier und einfacher zu, als beim Clan. Glaub’ mir, alle werden sich freuen, dich kennen zu lernen.“

 

Tunara war immer noch unschlüssig. Andererseits, was sollte schon geschehen. Sie würde mit ihrer Schwester all die Dinge unternehmen können, die sie sich immer gewünscht hatte. Und wenn sie sich nicht sofort entscheiden musste, warum nicht? Sie konnte genauso gut etwas über Nachtschwestern lernen, als ein ganzes Jahr hier herumzusitzen.

 

„Also schön. Ich werde zu euch kommen. Aber nur als Gast!“ setzte sie eindrücklich dazu.

 

„Das ist phantastisch!“ jubelte Kaya. „Wie wäre es, wenn ich dich morgen früh abholen würde? Du könntest bis dahin deine Sachen packen und ich bringe dich dann zum Gefängnis.“

 

Tunara zuckte bei diesen Wort kurz zusammen. Das Gefängnis! Jahrelang war es für sie der Inbegriff des Bösen gewesen, die dunkle Residenz skrupelloser, machthungriger Hexen, die vor nichts zurückschreckten. Es als einen Ort zu betrachten, der ein zu Hause darstellte, kam ihr sonderbar vor. Aber Kaya wartete auf eine Antwort.

 

Tunara schob ihre Bedenken beiseite und nickte.

 

„Schön, dann werde ich drei Stunden nach Sonnenaufgang hier sein.“

 

„Ja, ich werde fertig sein.“

 

„Dann wünsche ich dir eine gute Nacht, meine Schwester.“

 

Tunara empfand ungewohnte Wärme bei diesen Worten. „Gute Nacht.“

 

Kaya erhob sich mit einer einzigen Bewegung und lief den Pfad hinab. Nach einer Weile hatte die Dunkelheit sie verschluckt. Tunara saß am Feuer und starrte vor sich hin. Sie hatte eine Schwester und morgen würde sie mit ihr zu den Nachtschwestern gehen. Wie sonderbar das Leben doch war. Sie trank den inzwischen kalten Rest Kräutertee aus ihrer Tasse und löschte die Glut. Es war besser, nicht über all das nachzudenken. Sonst wurde sie am Ende noch verrückt.

 

 

 

 

 

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Kaya lief durch die Gänge der Gefängnisanlage. Gethzerion wartete auf ihren Bericht. Nun, die alte Hexe würde zufrieden sein. Kaya hätte es nicht besser anfangen können. Ein paar Schwestern kamen ihr entgegen und nickten in Richtung des alten Konferenzraumes. Sie verstand und eilte dorthin.

 

Gethzerion stand vor dem großen Fenster und blickte über den Wald. Sie drehte sich nicht um. Kaya blieb geduldig an der Tür stehen.

 

„So, du bist also zurück.“

 

„Ja, und es ist alles so gelaufen, wie wir es uns gewünscht haben.“

 

„Tatsächlich?“ Gethzerions Stimme klang säuerlich. „Und wo ist sie?“

 

Kaya war verblüfft: „Du willst doch nicht sagen, dass du allen Ernstes von mir erwartet hast, dass ich sie sofort mitbringen würde?“

 

„Warum nicht?“

 

„Das war unmöglich. Ich werde sie morgen herholen. Und außerdem kann ich dir so berichten, was ich ihr über uns erzählt habe“, verteidigte sich die Jüngere.

 

„Ach, das scheint dir notwendig? Wozu lernst du die dunkle Magie, wenn du sie nicht benutzt? Du hättest uns all das auch ohne ein Wort mitteilen können. Aber gut, sie wird also morgen hier ankommen. Wir werden solange warten müssen.“

 

„Wir müssen vorsichtig sein. Sonst wird sie misstrauisch werden.“

 

„Und?“

 

„Dann müssten wir sie beseitigen und hätten unsere Gelegenheit verspielt.“

 

„Und?“

 

„Was meinst du mit und?“

 

„Ich meine damit, dass es schon öfter passiert ist, dass wir eine Hexe nicht überzeugen konnten. Wie kommst du auf die Idee, deine Schwester wäre etwas Besonderes für uns? Ich hoffe doch sehr, dass du dich nicht emotional in diese Sache verwickeln lässt.“ Gethzerions Blick war forschend auf Kaya gerichtet.

 

Diese straffte sich: „Nein, natürlich nicht!“

 

„Gut, dann verschwinde jetzt!“

 

Kaya lief hinaus und ballte ärgerlich die Fäuste. Wie immer hatte Gethzerion ihr bewiesen, dass sie noch eine dumme Schülerin war. Längst nicht in der Lage, die dunkle Magie wirklich zu beherrschen. Aber darin war niemand so gut, wie Gethzerion.

 

Kaya schluckte und schob den Gedanken daran zur Seite, dass sie für einen Augenblick in ihrer Schwester tatsächlich jemand Wichtigen gesehen hatte. Die dunkle Macht ließ keinen Raum für so etwas Unsinniges wie Freundschaften. Das Bild der schlafenden Tunara verschwand aus ihren Gedanken.

 

 

 

 

 

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Der nächste Morgen war klar und schön. Tunara stand mit gemischten Gefühlen vor der Höhle. Erwartungsvolle Neugierde breitete sich in ihr aus und verdrängte die aufkeimende Furcht. Der Bach murmelte leise und schien ihr etwas sagen zu wollen. Dasselbe, was ihr auch die rauschenden Bäume zuzuflüstern versuchten, aber Tunara hörte es nicht.

 

Dort, dort kam ihre Schwester. Kayas schlanke Gestalt tauchte am Waldrand auf. Im hellen Licht des Tages wirkte sie kleiner und weniger unheimlich. Oder vielleicht lag es auch daran, dass Tunara in ihr heute etwas anderes sah, als noch vor ein paar Tagen. Es war eigentlich auch belanglos. Kaya winkte und Tunara erwiderte den Gruß.

 

„So, du bist fertig, wie ich sehe“, sagte Kaya als sie an der Höhle angekommen war. „Ist das alles, was du mitnehmen willst?“

 

Sie blickte den Tragesack an, den Tunara über der Schulter trug.

 

„Ja, ich bin schließlich eine Ausgestoßene, da nimmt man nicht unbedingt einen ganzen Haushalt mit.“

 

„Richtig, ich vergaß. Aber ab heute solltest du dich nicht mehr so bezeichnen. Als Ausgestoßene meine ich. Ab heute bist du ein Gast in unserem Kreis.“

 

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Tunaras Züge.

 

„Gehen wir!“ forderte Kaya ihre Zwillingsschwester auf.

 

Der Marsch durch den Wald war anstrengend, denn das Unterholz war hier dicht und verhinderte ein leichtes Fortkommen. Tunara schlug zum hundertsten Mal nach den kleinen Stechmücken, die sie umschwirrten. Kaya sah es und stutzte.

 

„Warum tust du das?“

 

„Warum tue ich was?“

 

„Warum schlägst du nach ihnen?“

 

„Weil sie mich stören, warum wohl sonst?“ fragte Tunara sichtlich verwirrt.

 

„Aber das ist doch nicht nötig“, erklärte die Dunkelhaarige bestimmt.

 

Jetzt fiel Tunara zum ersten Mal auf, dass ihre Schwester von den kleinen Biestern tatsächlich völlig unbehelligt blieb. „Wie machst du das, dass sie dich in Ruhe lassen?“

 

„Sag’ bloß, das hat dir niemand beigebracht!“

 

„Nein.“

 

„Es ist ganz einfach. Du musst lediglich eine Art Aura um dich errichten, vor der sie Angst haben. Ich zeige es dir.“

 

Sie streckte de Hand nach Tunara aus und ließ Energie über den Körper ihrer Schwester fließen. Sie verdichtete sich um Tunara und hüllte sie ein, wie ein Mantel. Es fühlte sich ausgesprochen seltsam an.

 

„Kannst du sie selbst aufrechterhalten?“

 

„Ich weiß es nicht.“

 

„Versuch’ es!“ Tunara merkte, dass es in der Tat einfach war. Dennoch blieb ein leichtes Unbehagen zurück.

 

Kaya bemerkte es. „Was ist los?“

 

„Es fühlt sich so, ich weiß nicht, falsch an.“

 

„Falsch?“

 

„Ja, unsere Sitten verlangen, dass wir stets im Einklang mit der Natur leben. Seit ich ein kleines Kind war, habe ich mich immer als ein Teil von ihr gefühlt. Jetzt empfinde ich mich als von ihr ausgeschlossen.“

 

„Ach, das ist nur der erste Eindruck des Neuen. Sieh mal, was tun alle Tiere in der Natur, hmmm? Sie tragen eine Tarntracht und manche benutzen Farben oder lange Stacheln, um bedrohlicher auszusehen, als sie sind. Es ist auch nur ein Anzug, eine Maske. So musst du das sehen. Es ist ein Teil von dir, eine Tracht, die du anlegst, um dich zu schützen.“

 

Tunara überlegte kurz und spürte bereits, wie nach Kayas Worten das Unbehagen kleiner und schließlich zu einer blassen Erinnerung in den hintersten Winkeln ihres Bewusstseins wurde.

 

„Ich glaube du hast Recht. Ja, es funktioniert. Jetzt fühle ich mich wohler.“

 

Schließlich erreichten sie den Waldrand und vor ihnen lag die Gefängnisanlage. Tunara konnte ein leichtes Erschauern nicht unterdrücken. Die Aura, die von diesem Ort ausging war durch und durch böse. Böse, verschlagen und vermischt mit der Verzweiflung Unschuldiger.

 

Kaya nahm das Zögern Tunaras wahr. „Es ist schlimm nicht?“

 

Tunara sah sie erstaunt an.

 

„Das liegt an den Imperialen. Wir bemühen uns, den Ort von ihrer grausigen Anwesenheit zu reinigen und heute gehorchen sie uns. Aber die Ausstrahlung ist noch immer vorhanden. Ich schätze, das ist bei jedem Gefängnis so. Nun, am Anfang war das gut, denn es hat die Hexen davon abgehalten, hierher zu kommen und uns anzugreifen.“

 

Tunara nickte, sie verstand.

 

„Als verstoßene Gruppe muss man eben einiges auf sich nehmen und erdulden“, sagte Kaya.

 

Die mit Bedacht gewählten Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Tunaras Blick wurde hart, als die Erinnerung daran zurückkehrte, dass sie eine Verbannte war.

 

„Komm’ jetzt! Ich bin gespannt, was die anderen sagen werden, wenn sie sehen, wie ähnlich wir einander sehen.“

 

Tunara grinste. „Ja, als ich dein Gesicht in der Quelle sah, dachte ich zuerst es wäre eine Vision über mich selbst.“

 

„Es ist in der Tat erstaunlich.“

 

Sie hatten die äußere Mauer erreicht. Ein paar Wachen patrouillierten vorbei. Auf einmal schwang das große Tor vor ihnen auf. Dahinter lag ein Innenhof, dem man noch deutlich ansah, dass hier einst die Sträflinge der Anstalt ihren Freigang verbracht hatten.

 

Das brachte Tunara auf eine Frage: „Was ist eigentlich mit den Insassen des Gefängnisses geschehen?“

 

Kaya schien für einen Moment verärgert über diese Neugierde zu sein, antwortete jedoch sofort: „Das ist unterschiedlich. Einige haben wir freigelassen und sie arbeiten hier. Andere sind schlimme Verbrecher und sitzen noch immer in Haft. Wir haben mehrfach versucht, Kontakt mit den zuständigen Behörden aufzunehmen, damit man die Leute abholt, aber bisher hatten wir keinen Erfolg. Offenbar interessiert sich niemand dort oben“, sie zeigte zum Himmel „für das, was hier vorgeht.“

 

Eine vermummte Gestalt war auf sie zugetreten. „Da seid ihr ja endlich. Wir warten schon die ganze Zeit!“ Die Stimme klang unfreundlich und krächzend.

 

Kaya drehte sich zu der Sprecherin um. „Ich habe doch gesagt, dass wir erst gegen Abend kommen werden. Warum diese Aufregung?“ Stumm übermittelte sie der anderen eine Botschaft.

 

Abrupt änderte sich deren Verhalten. Gekünstelt liebenswürdig sah sie Tunara an. „Natürlich weil wir kaum erwarten konnten, unseren Gast zu begrüßen. Du musst Tunara sein. Willkommen bei den Schwestern der Nacht!“

 

Tunara war sichtlich überrascht von dem plötzlichen Sinneswandel der fremden Hexe. Aber bevor sie die Zeit fand, das zu überdenken, schaltete Kaya sich wieder ein: „Ja, ja. Das können wir alles noch später klären. Ich bin sicher, du hast genauso viel Hunger, wie ich. Wir sollten zuerst etwas essen gehen. Was hältst du davon?“

 

Tunara hielt davon ausgesprochen viel. Seit einem kleinen Happen am Mittag hatte sie nichts mehr zu sich genommen.

 

 

 

 

 

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Die Speisehalle entpuppte sich als riesiger Saal von dem Tunara annahm, dass er früher die Gefängniskantine gewesen sein musste. Graue Tische waren in ordentlichen Reihen aufgestellt. Tunara war ein wenig enttäuscht. In der Burg des singenden Berges war der große Speiseraum ein Zentrum des Zusammenlebens gewesen. Er hatte immer einen einladenden, heimeligen Eindruck erweckt.

 

Dieser Raum war so einladend wie ein Lagerkeller. Aber das Essen, das Kaya nun vor sie hinstellte, roch gut. Ihre Schwester setzte sich ihr gegenüber und tauchte den Löffel in den dampfenden Eintopf. Tunara tat es ihr gleich und stellte fest, dass es sich um eine Mischung aus wildem Gemüse und dem Fleisch eines Gamna-Salamanders handelte.

 

Eine flüchtige Erinnerung durchzuckte sie. Sie saß mit Rasha und Casima zusammen und Erstere tadelte sie wegen einem kleinen Scherz. Das war auch irgendetwas mit einem Gamna-Salamander gewesen. Sie versuchte, sich genauer zu erinnern, aber das schien ihr schon eine halbe Ewigkeit zurück zu liegen.

 

Sie verscheuchte den Gedanken und konzentrierte sich lieber wieder auf die Gegenwart.

 

„Wann werde ich die anderen Schwestern kennen lernen?“

 

„Tja, ich weiß nicht. Ich dachte, dass ich dir nach dem Essen die Anlage zeige. Dabei werden wir sicher einige Schwestern treffen.“

 

„Klingt gut. Sag’ mal, wo werde ich denn schlafen?“

 

„Das zeige ich dir dann.“

 

Tunara betrachtete das Gesicht ihrer Zwillingsschwester. Noch immer empfand sie Erstaunen, wenn sie das tat. Die Züge, die sie von ihrem eigenen Gesicht so gut zu kennen glaubte. Und doch anders. Obwohl, irgendwie kam es ihr so vor, als ob die Unterschiede geringer geworden wären.

 

„Ach was!“ sagte sie zu sich. „Das ist doch bloß Einbildung, weil du Kaya jetzt besser kennst.“

 

 

 

 

 

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Kaya stand auf dem Wachturm und blickte finster zum Himmel hinauf. Tunara schlief bereits in ihrem neuen Zimmer.

 

Den ganzen Abend hatte Kaya ihr das Gefängnis gezeigt und sich nach Kräften bemüht, die freundliche Gastgeberin zu spielen. Eigentlich war alles soweit gut gegangen. Nur einmal hatte es Probleme gegeben, als Tunara unbedingt die Zellenblöcke hatte sehen wollen. Kaya grinste böse vor sich hin.

 

„Du wirst dich noch wundern, meine süße Tunara. Den ersten Schritt hast du getan und mit jedem weiteren wird eine Umkehr schwerer werden.“

 

Nicht, dass es wirklich eine Möglichkeit für Tunara gab umzukehren. Entweder sie würde zu einer Nachtschwester werden oder sterben. Kaya ließ ein grausames Lachen erschallen. Es war perfekt! Ihre Zwillingsschwester war hier und schon bald kam der Tag, an dem der nächste Clan der Hexen vernichtet werden würde. Sie war gespannt, auf welche Hexen Gethzerions Wahl wohl diesmal fallen würde.


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