Sturm in der Macht

Teil 1 von 5


Disclaimer: Die Figuren aus Star Wars gehören George Lucas. Diese Fanfiction dient der Unterhaltung und ist ohne jedes finanzielle Interesse. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben beim jeweiligen Autor.Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.





Vor langer langer langer Zeit in einer weit weit entfernten Galaxie...

 

Auf der Brücke des imperialen Sternzerstörers Croloque war Commodore Peyrac Pierrick gerade in seinem Kommando-Sessel eingenickt und drohte von diesem hinunterzugleiten, als ein herzzerreißendes Geschrei an sein Ohr drang. Sofort war er hellwach und sprang erschrocken auf: „Das Kind! Lieutenant Gaston, Sie haben die Brücke!“

Zut Gaston, ein Camargue von dem Wasserplaneten  Thalys, salutierte ordnungsgemäß und befolgte den Befehl seines Vorgesetzten umgehend, woraufhin dieser ohne Rücksicht auf Etikette hinausstürmte, in Richtung Mannschaftsunterkünfte. Die Schreie kamen näher als Pierrick den Gang entlang rannte. Er riss die Tür seiner Kabine auf und fand seine kleine Tochter, die sich die Seele aus dem Leib schrie, in ihrem Form-Kinderbettchen auf. Er hatte noch keine Gelegenheit dazu gehabt, ihr einen Namen zu geben und ihre Mutter war bei ihrer Geburt vor einer Standardwoche tragisch verstorben. Pierricks Schmerz war noch zu nah, um ohne seine geliebte Frau an eine traditionelle adjanische Taufe zu denken, in der die Säuglinge mit kostbarem, grünen Weihwasser aus einer kristallenen Vase beträufelt wurden. Auch er selbst hatte dieses Ritual über sich ergehen lassen müssen und war immer noch etwas grün hinter den Ohren. Er nahm sein Kind aus der Wiege und schaukelte es behutsam in seinen starken Armen. Die Kleine hörte sofort auf zu weinen und kuschelte sich in seine imperiale Uniform aus Vaucluse-Garn in freundlichem Grau. Sie war derart entspannt, dass sie es sich nicht nehmen ließ, die frisch gewaschene Jacke vollzusabbern.

Peyrac sah sich in dem Kinderzimmer um, das seine Frau Aziz  und er noch gemeinsam eingerichtet hatten. Es war gänzlich untypisch für einen imperialen Sternzerstörer und wenn der Imperator davon erfahren hätte, hätte er ihm sofort die Kommando-Lizenz entzogen und ihn zum Kadetten degradiert. Die Wände waren in dunklem Blau bemalt und kleine funkelnde Holo-Bildchen stellten die Milliarden Sterne des Universums dar. In drei, mit Hilfe von Repulsor-Aggregaten kurz unter der Decke schwebenden, Terrakotta-Blumentöpfen wuchsen drei Quimper-Palmen mit ihren weiten gefächerten lila-orange-gesprenkelten Blättern. Die Natur hatte die Pflanzen so konzipiert, dass jedes Quäntchen Tauwasser, das auf ihrer Oberfläche landete, über die Blätterrinnen direkt zum Pflanzenkelch floss, wo sich die Flüssigkeit sammelte. Jedes mal, wenn Peyrac die Quimper-Palmen sah, musste er unwillkürlich an seine Gattin denken, denn  sie hatte diese Pflanzen geliebt.

Das Tauwasser glitzerte silbern im künstlichen Tageslicht des Zimmers und als Peyrac es betrachtete, begannen sich plötzlich drei Tröpfchen aus der ruhigen Wasseroberfläche zu lösen, schwebten in die Höhe, flogen langsam durch den Raum und verharrten dann rotierend über seinem Kopf. Verwirrt ließ er seine Augen durch die Kabine wandern und fragte sich einen Augenblick lang verblüfft ob er dieses Wunderwerk wohl verbracht haben mochte. Obwohl er sich mit der eisernen Disziplin eines wahrhaft imperialen Commodore dagegen wehrte, hatte die Trauer seine Sinne doch zusehends vernebelt und er traute sich in seinem geistigen Zustand allerhand zu. Aber dann wandte er seinen Blick seiner Tochter zu, deren Augen in einer Art Konzentration auf den schwebenden Wassertropfen ruhten. „Nein! Niemals! Nicht in meinem Sternzerstörer!“, rief er entsetzt aus. In diesem Moment fielen die drei kleinen Tröpfchen auf sein schütteres Haar, das Kind in seinen Armen fing an zu brüllen und ließ sich nicht mehr beruhigen. Ratlos stand der Commodore in mitten der Kabine und wurde sich des schrecklichen Geheimnisses bewusst, das nur er und seine Frau kannten. Ein Geheimnis, bei dessen Enthüllung der Imperator ihm sicherlich mehr antun würde, als ihm nur die Kommando-Lizenz zu entziehen...


* * *


Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, besann sich Peyrac auf die alten Traditionen seines Volkes. Er beschloss, dem Kind einen Namen zu geben, einen Namen, der es einst berühmt machen würde vom einen Ende der Galaxie bis zum anderen. Die Tropfen des Tauwassers waren der Beweis – Das Kind des imperialen Offiziers war begabt in der Macht. Peyrac war von unbändigem Stolz erfüllt über diese verbotene Gabe, jedoch hatte er bereits einen grausamen Entschluss gefasst. Bebend vor Schmerz und Trauer ergriff er die Vase voll grünem Wasser, die er schon seit Jahren in einem abgeschlossenen Küchenschränkchen neben dem als Corellia-Curry getarnten Glitzerstim-Streuer aufbewahrte. Dann besprenkelte er feierlich die Stirn des Babys und sprach den lebensspendenden Segen in der melodischen Sprache seiner Heimatwelt Adjan, welche übersetzt ungefähr bedeuteten: „Auf dass der Name Nenomith dich geleiten möge durch ein langes und erfülltes Leben.“

Ja, Commodore Pierrick hatte seine kleine Tochter auf den Namen „Nenomith“ getauft, was auf Adjan die Bedeutung „Tauwasser“ hatte. Vorsichtig fischte er dann ein feines, silbern glitzerndes Kettchen aus der Brusttasche seiner Uniform. Ein kleiner, einfacher, tropfenförmiger Anhänger zierte die zerbrechlichen Kettenglieder. Auf der Oberfläche des Tropfens war Nenomiths Name eingraviert. Peyrac legte die Kette behutsam um Nenomiths Hals und streichelte ihr über das Köpfchen, auf dem schon der erste Babyflaum zu sehen war.

Sie hatte die Augen ihrer Mutter, stellte er bitter fest. Und bald würden Mutter und Tochter beide unerreichbar für ihn sein.

 

* * *

 

Ruhig und glitzernd wie eine silbergraue Speerspitze glitt die Croloque durch das Sternenmeer. Commodore Pierrick schaute aus der schwarzgetönten Transparistahl-Scheibe seines heißgeliebten Schiffes. Seine Gedanken schweiften ebenso unruhig und ziellos durch Raum und Zeit wie die Croloque. Er spürte das sanfte Gewicht Nenomiths auf seinem Schoß, die mit großen, kindlich interessierten Augen den Raum in sich aufzusaugen schien. Peyrac hatte gehört, dass einige seiner untergebenen Offiziere in der Messe über sein Verhalten hinsichtlich des Kindes hinter seinem Rücken geredet hatten. „Die Brücke ist ja schließlich kein Wickelraum!“ oder auch „Pierrick macht aus einem furchterregenden Sternzerstörer des Imperiums eine Kinderkrippe!“ Das waren die Worte gewesen. Peyrac hatte sie mit eigenen Ohren gehört und er hätte die betreffenden Offiziere ohne weiteres zur Rechenschaft ziehen können. Aber er hatte es nicht getan, obwohl er sehr stolz auf seine frisch erlernten Wickel-Künste war und ruhig wollte, dass seine Crew auch einmal seine nicht-militärischen Fähigkeiten zu sehen bekam. Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass sich die Mannschaft zurecht beschwerte. Ein Sternzerstörer war nun mal kein Aufenthaltsort für ein kleines Kind. Außerdem wäre es früher oder später so wie so ans Licht gekommen und der Commodore wollte auf keinen Fall seinen sehr gut bezahlten Job bei der imperialen Flotte aufs Spiel setzen, geschweige denn seinen Hals.

„Und darum wirst du irgendwo dort zwischen den Sternen ein neues Zuhause finden.“, flüsterte er seiner Tochter zu, die vergnügt vor sich hin quietschte und mit ihrer winzigen Hand auf den Knopf zur Aktivierung der Deflektorschilde schlug. Er leuchtete rot auf. Nenomith patschte erneut auf den Knopf und das Licht erlosch wieder. Sie tat es ein drittes mal und wieder leuchtete der Knopf. Nenomith lachte, schien begeistert von diesem Spiel und versuchte es weiterhin. An Peyrac ging dies alles unbemerkt vorbei, bis schließlich Lieutenant Gaston völlig außer Atem auf die Brücke gerannt kam und in einem Anflug von Panik ohne zu salutieren Bericht erstattete, dass die Deflektoren defekt seien.

Commodore Pierrick wurde aus seinen Gedanken gerissen und fand sich in der peinlichen Situation wieder, dass Gaston ihn erwischt hatte, als seine Tochter an den Bedienungseinrichtungen der Croloque herumspielte. Hastig setzte er sie auf eine nicht aktivierte Kontroll-Konsole.

„Bei allem nötigen Respekt, Sir,“, begann der Lieutenant, der Mühe hatte, die Fassung zu bewahren, „aber ich glaube nicht, dass Ihre Tochter etwas auf der Brücke zu suchen hat. Es reicht bereits, dass sich das Kind hier auf dem Schiff aufhält. Schon das hat Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Urteilsvermögen sehr geschmälert. Die Crew hat vollstes Verständnis für Ihre Trauer um Ihre Frau, die ja ebenfalls ein verdientes Mitglieder der imperialen Flotte war, aber sie muss sich auch auf ihren Befehlshaber verlassen können. Und im Moment kommt es vielen eher so vor, als hätte ein zehn Standardtage altes Baby hier das Kommando.“

Dies war ein direkter Angriff auf seine Autorität... auf seiner Brücke, auf seinem Schiff. Peyrac spürte die Blitze der elektrisiert gespannten Blicke der anderen Offiziere auf der Brücke, die sich wie tausend Stiche in seinem Rücken bohrten. Er durfte sich dies nicht bieten lassen. Nicht von Gaston.

„Schweigen Sie, Lieutenant! Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, eine Familie zu haben, ein Kind zu haben, oder?“

„Nein, Sir.“

„Dann unterlassen Sie bitte fortan an Ihre Kritik an meiner Verhaltensweise. Ich weiß, was ich tue und brauche mir meine Aufgaben nicht von Ihnen erklären zu lassen! Wegtreten!“

Der Camargue zeigte keinerlei Reaktion. Stattdessen blickte er wie erstarrt an Peyrac vorbei.

„Ich sagte Wegtreten, Lieutenant!“, wiederholte Peyrac in einem aggressiven, fauchenden Tonfall. Er hatte das beißende Gefühl, sich wegen seiner Unachtsamkeit beweisen zu müssen. Lieutenant Gaston trug keine Schuld an dem Vorfall, aber er musste Peyracs Wut nun ausbaden.

Gaston schien sich nur mit Mühe von dem unheimlichen Anblick loszureisen, der sich ihm bot. Doch dann überwand er sich, schluckte schwer und verließ die Brücke.

Einen Augenblick bevor Commodore Pierrick sich wieder umdrehte und sich seiner Tochter zuwandte, wurde der leuchtende Knopf zur Aktivierung der Deflektorschilde wie von Geisterhand nach unten gedrückt und das rote Licht erlosch wieder. Nenomith brabbelte erfreut vor sich hin. Die Offiziere auf der Brücke starrten, so wie Lieutenant Gaston gestarrt hatte. Peyrac nahm sein Kind nichtsahnend auf den Arm und wiegte es sanft.

 

* * *

 

In der folgenden Nacht fand Pierrick keinen Schlaf. Er wälzte sich hin und her, erwog das Für und Wider seines aberwitzigen Planes und kam doch viele endlose Stunden lang zu keinem rechten Ergebnis. Am frühen Morgen des nächsten Standardtages aber fasste der imperiale Commodore einen endgültigen Entschluss. Hatte er zunächst vorgegeben nichts von der wachsenden Beunruhigung seiner Mannschaft, welche von Nenomiths seltsamen Taten herrührte, zu bemerken, ließen sich das Getuschel und die entsetzten Blicke nun nicht mehr ignorieren. Peyrac wusste, er musste handeln und jetzt schien ihm die Zeit dafür gekommen. Schweren Herzens nahm er seine über alles geliebte Tochter aus ihrem Bettchen und trug sie auf die Kommandobrücke hinaus, um mit ihr ein letztes Mal gemeinsam spazieren zu gehen. Dann brachte er die Kleine zu ihrer Amme, erteilte der Crew ein paar mehr oder weniger sinnvolle Befehle, um sicherzugehen, dass sie beschäftigt waren und stahl sich mit einem unguten Gefühl in der Magengegend zurück in sein Quartier.

Doch zuvor holte er noch eine der kleineren Kurierkapseln, über die der Sternzerstörer verfügte, gerade mal groß genug, um ein Neugeborenes darin unterzubringen. Schon zu Zeiten seiner Ausbildung an der imperialen Akademie war Peyrac ein begnadeter Techniker gewesen und hatte zahllose Seminare zur Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten besucht - und er hatte nichts von seinem Talent eingebüßt. Er kramte etwas Werkzeug hervor und begann mit geschickten Händen die Kapsel zu modifizieren. Seine Arbeit ging rasch vonstatten. Alles, was er dazu brauchte, um aus dem kleinen Metallbehälter ein Transportmittel für ein lebendiges Wesen zu machen, hatte er mit wenigen Handgriffen angebracht. Stolz betrachtete er sein Werk. Das Innere des Kästchens war weich gepolstert und er hatte eigens eine Art Saugnapf angebracht, aus welchem, gleich einer Babyflasche, künstliche Muttermilch floss. Die hatte er unbemerkt aus den Vorräten der Kinderfrau entwendet, als er diese vorhin aufgesucht hatte. Es war kein Problem gewesen, denn das hungrige Baby hatte sofort all ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Schnuller führte zu einem prall gefüllten Behälter, der die nährhaltige Flüssigkeit enthielt und hoffentlich so lange ausreichen würde, bis die Kurierkapsel irgendwo gestrandet war. Wenn nicht... Er wollte gar nicht daran denken. Die Milchdrüse war mit einer Art Zeitschaltuhr ausgestattet, die er so programmiert hatte, dass sie das Kind zu bestimmten Zeiten mit einer festgelegten Menge an Milch versorgte. Mehr konnte er nicht tun.

Er überprüfte noch einmal die Schläuche für die Sauerstoffzufuhr und nickte zufrieden. Alles war bereit. Selbst für die Exkremente des Babys war gesorgt. Seit längerem hatte eine umweltfreundliche, herkömmliche Windeln sparende Erfindung den galaktischen Markt erobert, die es ermöglichte ruhende Kinder nicht mehr winkeln zu müssen. Sie bekamen ein Höschen aus formbarem Kunststoff umgeschnallt, aus welcher mit Hilfe einer Röhre Kot und Urin abflossen, der Babypopo durch ein ausgeklügeltes Wasserdampfverfahren gereinigt und durch angenehm warme Luft wieder getrocknet wurde. Versonnen schüttelte er den Kopf und schmunzelte über dieses eigentümliche Konstrukt. Derartige Erfindungen, die das alltägliche Leben angenehmer gestalteten, hatten ihn nie sonderlich interessiert. Sein Interessengebiet war vielmehr die Rüstungsindustrie und ihre Fortschritte. Und das Imperium hatte beachtliche Erfolge auf diesem Gebiet vorzuweisen, wusste er aus erster Hand. Das höchst erbauliche Abendessen mit Grandmoff Tarkin auf Coruscant, welches vor ca. zwei Standardmonaten stattgefunden hatte, kam ihm in den Sinn. Der Nerfrücken war köstlich gewesen und die Unterhaltung exquisit in vielerlei Hinsicht. Nirgends erfuhr man so interessante Dinge wie bei einem zwanglosen Abendessen mit einem Kollegen. Er besann sich und lenkte seine Gedanken zurück in die Gegenwart, ehe sie vollends abzuschweifen drohten.

Ein letzter Blick auf die umgestaltete Kapsel, dann schlüpfte er zur Tür hinaus und hastete den tristen Korridor hinunter. Der bis zur Perfektion hin polierte Boden hallte unter den Schritten seiner schweren Militärstiefeln wieder, obwohl er es sorgsam vermied Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und so lautlos wie möglich ging. Er begegnete lediglich zwei einfachen, ehrerbietig grüßenden Soldaten, ehe er sein Ziel erreichte. Peyrac war vor einer schmalen Tür zum Stehen gekommen, hinter der etwas Verbotenes liegen musste. Das unverkennbare Symbol darauf bewies es. Aber als Commodore hatte er natürlich Zugang zu allen Sektionen des Schiffes und es war ein leichtes den Zugang zu öffnen. Er vergewisserte sich, dass er nicht beobachtet wurde und glitt in den Raum dahinter. Die Tür schloss sich mit einem Zischen.

Der Raum, der sich hinter der verbotenen Tür verbarg, erfüllte sich, als Peyrac eintrat, sofort mit gelblichem, flackernden Licht. Die Luft war spröde, trocken und gesättigt mit einem Geruch von einer Menge technischer Geräte, die hier arbeiteten. Für einen Laien sah diese technische Sektion aus wie jede andere auf der Croloque, doch in Wirklichkeit konnte ein böser Wille hier großen Schaden anrichten. Peyrac legte seinen Kopf ins Genick und blickte an den turmhohen Prozessoren aus mattem Metall hinauf, die das Herzstück des Sternzerstörers bildeten. Er schritt langsam, fast ehrfürchtig um sie herum und fand auf der Rückseite die deaktivierte Kontroll-Konsole. Peyrac hatte sich bis jetzt noch nie dazu gezwungen gesehen, sie zu benutzen. Sie war nur für den äußersten Notfall vorgesehen und nur der Commodore selbst konnte sie benutzen. Dies war ein Notfall. War es ein Notfall?

Zögernd, halb widerstrebend näherten sich Peyracs Finger den runden, dunklen Knöpfen. Er tippte den großen blauen Knopf leicht an und schon erwachte die Maschine begleitet von einem Summen, das in Peyracs Kopf tausendfach wiederhallte, zum Leben. Auf dem Bildschirm erschien die Aufforderung, einen Autorisationscode der Stufe 5 einzugeben. Als Commodore hatte Peyrac sämtliche Codes bis hinauf zur Stufe 7, wozu auch der für das Sicherheitsschloss des Privat-Kühlschranks von Grandmoff Tarkin gehörte, folglich war er mühelos in der Lage, auch diese Sicherheitsvorkehrung zu überwinden. Ein neues Menü übersäht mit Warnhinweisen und roten „Achtung!“-Zeichen öffnete sich auf dem Bildschirm und flink und geschickt tanzten Peyracs Finger über die Tasten der Konsole.

Nach ein paar Minuten hatte er sein Werk vollbracht. „Bestätige Probealarm, Fluchtsektion Deck 16, anschließende Rathan-Gasreinigung des Decks 16 und Abtrennung des Decks 16 vom Schiff.“ Schwer und keuchend atmete er auf, doch sein Herz ließ sich durch diese Sauerstoffzufuhr kein bisschen erleichtern und auch seine Gewissensbisse wurden in keiner Weise gelindert. Man hätte die Aktion, die er plante, ohne zu übertreiben als Hochverrat an der imperialen Flotte bezeichnen können. Aber dies war es nicht, was Peyrac zögern ließ. Es ging hierbei um das Leben von genau 2.823 Wesen an Bord der Croloque. Aber gegen diese Leben stand das Leben seiner Tochter und nicht zuletzt sein eigenes. Und wenn es um das eigene Leben ging, so fand Peyrac, war es wahrlich keine Schande, ein wenig egoistisch zu sein.

Der Boden unter seinen Füßen vibrierte schwach. Ein regelmäßiges Stampfen würde hörbar, das Geräusch des Auftretens mehrerer Füße im Gleichklang – eine Patrouille! Er wusste, dass die Patrouille für ihn keine Gefahr darstellte, aber seine Gefühle standen nicht länger mit seinem Verstand in Einklang. Er fühlte sich schrecklich, schuldig, niedergedrückt von seiner Entscheidung und glühend in einer hitzigen Welle von Panik. Wenn er jetzt zurückzuckte, würde er es kein zweites Mal wagen! Hastig wie ein auf frischer Tat ertappter Verbrecher kam Peyrac der Eingabeaufforderung des Computers nach und bestätigte die geplanten Aktionen. Der Computer piepste neutral und kalt. Seine Schaltkreise waren nicht weit genug entwickelt, um zu begreifen, dass er soeben das Todesurteil für die Besatzung der Croloque unterzeichnet hatte.

Dann schrillte der Evakuierungs-Alarm durch den massigen Körper des Sternzerstörers, brüllte aus allen Lautsprechern und übertönte die schnellen Schritte des Commodores, der rasch aus dem gelblichen Raum und in Richtung Brücke stürmte.

Auf halbem Weg kam ihm ein junges Mädchen entgegen, die Augen panisch geweitet, ein Baby fest an sich gedrückt. Keuchend hielt sie vor ihm an. „Commodore...“, begann sie mit bebender Stimme, dann unterband ein heftiger Tränenfluss den Wortschwall, der in Begriff war ihr zu entgleiten. „Gib sie mir!“, forderte Pierrick die Amme auf und entriss ihr Nenomith, ehe das Kindermädchen begreifen konnte, was hier vor sich ging. Sie blickte ihren Herrn mit großen, fragenden Augen an und er scheuchte sie mit einer Handbewegung davon. „Bring dich in Sicherheit, Zeyda. Ich kümmere mich um mein Kind.“ Sie nickte ein wenig widerwillig und stob davon. Bald war sie im Gedränge der angsterfüllten Crew verschwunden. Alle rannten sie zu Deck 16, alle hofften sie dort Zuflucht und Rettung zu finden. Unter schwersten Gewissensbissen bahnte sich Peyrac einen Weg zurück zu seinem Quartier. In all dem Chaos fiel er nicht weiter auf. Das winzige Kind in seinen Armen rührte sich nicht. Verwunderte stellte er fest, dass seine Tochter es tatsächlich fertig brachte, trotz allen Alarmgeheuls seelenruhig zu schlafen. Ein liebevolles Lächeln stahl sich auf sein Gesicht und er strich ihr behutsam über die Wange, so sanft, dass sie davon nicht wach wurde. Er hastete weiter und erreichte schließlich seine privaten Räumlichkeiten.

 

* * *


Lieutenant Zut Gaston konnte seine Furcht nur schwerlich im Zaum halten. Er hatte dafür gesorgt, dass das Schiff auf Autopilot weiterflog und dann die gesamte Brücke evakuiert. Es war ihm unbegreiflich wie plötzlich so etwas passieren konnte und noch rätselhafter war der Verbleib von Commodore Pierrick. Wo war er in dieser schweren Stunde, in der seine Mannschaft sich dem Untergang geweiht sah? Gaston hoffte nur, dass sein Vorgesetzter nicht irgendwo bewusstlos lag, niedergestreckt von dem Gas, das laut dem Bordcomputer unvermittelt begonnen hatte durch die Croloque zu strömen. So schnell ihn seine Beine trugen rannte der Camargue zur einzigen sicheren Zone auf dem Schiff. Er hatte alles daran gesetzt um die Verbreitung von Panik zu vermeiden, aber sein Bestreben war erfolglos gewesen. Man roch förmlich den Angstschweiß der Massen, die sich durch die engen Gänge quetschten und die Turbolifte bestürmten. Jeder wollte sich in Sicherheit bringen, keiner achtete mehr auf den anderen.

„Was für ein unwürdiges Betragen für eine Imperiale Mannschaft“, murmelte er enttäuscht, als ein Soldat ein Stück weit vor ihm der Länge nach hinschlug und sich gerade noch aufrappeln konnte, ehe er von zahlreichen Stiefeln zerquetscht wurde. Er setzte seinen Weg beharrlich fort und hoffte irgendwo ein Lebenszeichen von Peyrac Pierrick zu entdecken, jedoch vergebens. Endlich erreichte er Deck 16. Zut war einer der letzten, der dort ankam. Das Deck war bis zum Bersten voll, die Luft bereits stickig und die Furcht allgegenwärtig. Unsanft drängte er sich zu einer Gruppe heftig diskutierender Lieutenants durch. „Wo ist der Commodore?“, fragte er atemlos, aber die Männer schüttelten nur zerknirscht die Köpfe. Sie schienen restlos überfordert. „Keine Spur von ihm, Gaston“, bestätigte Lond Pirgon seine Befürchtungen.

Gaston gestattete sich einen Moment sein Gegenüber zu betrachten. Pirgon war ein junger Mann von Coruscant, zählte noch keine 20 Lenze und hatte sich auf der Akademie so hervorragend bewährt, dass er in der Hierarchie des Imperiums bereits bis zum Lieutenant aufgestiegen war. Welch ein Talent wäre hier beinahe verschwendet worden, fuhr es dem Camargue durch den Kopf. Er war sich bewusst, dass es pures Glück war, dass das Gas so schnell hatte geortet werden können und sie so im Stande waren alle Lebewesen an Bord des Sternzerstörers zu retten. Glück oder die Macht. Aber davon sprach man hier nicht.

Er nickte knapp in die Runde und versuchte sich Überblick über die Lage zu verschaffen. Ein Droide berichtete ihm, dass die Crew vollständig anwesend sei und nur noch eine Minute Zeit bliebe, um die Schleusen zu schließen. Gaston fuhr sich verzweifelt über die schuppigen Kopftentakel. Alle waren da, nur der Commodore nicht. „Sir“, mahnte der Droide. „Die Zeit wird knapp.“ Der Lieutenant nickte zögerlich aber bestimmt. „Machen wir die Schotten dicht und hoffen auf ein Wunder.“ Doch ehe er den Befehl ausgesprochen hatte, begannen sich die Schleusen, die Deck 16 vom Rest des Schiffes trennen sollten, zu schließen. Jemand musste sie vorher darauf programmiert haben, erkannte Gaston und konnte nicht verhindern, dass sich ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete. Die Luft kam ihm plötzlich trübe vor, neben ihm hustete jemand und dann... ging das Licht aus. Angstschreie erhoben sich und der Camargue fing an zu beten. Er betete zu den Göttern seines Volkes und zu alles umfassenden Macht. Aber er wusste es würde nichts nützen.

 

* * *

Fest entschlossen hielt Pierrick die kleine Kurierkapsel in beiden Händen und starrte hinaus auf das unendliche Sternenmeer. Nenomith lag bereits in ihrer Metallhülse, doch durch den Stahl war kein Laut zu hören. Er widerstand nur mit Mühe dem Drang die Kapsel ein letztes Mal zu öffnen und sein Baby zu betrachten, denn hätte er es getan, wäre es wohl unmöglich für ihn gewesen sein Vorhaben durchzuführen. Plötzlich kam ihm die junge Amme in den Sinn, die er zusammen mit dem Rest seiner Leute in den sicheren Tod geschickt hatte. Sie war ein hübsches Mädchen gewesen und er fragte sich wie es gewesen wäre zwischen ihren Schenkeln zu liegen und... „Nein!“, entfuhr es ihm, dann schüttelte er verwirrt den Kopf.

Seine untypisch unzüchtigen und obendrein vollkommen unangebrachten Fantasien ängstigten ihn. Er war völlig durcheinander, vielleicht sogar schon beinahe unzurechnungsfähig. Er wusste es war nicht der richtige Weg, den er ging, denn was hätte rechtens daran sein können so viele Kreaturen, die allesamt seinem Schutz unterstellt waren, zu töten, nur, um sich und sein Balg zu retten. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Schweren Herzens näherte er sich der Luftschleuse. Er drückte den Knopf und die Schotten öffneten sich. Ein Zischen zerschnitt die Luft und Commodore Peyrac Pierrick trat beherzt nach vorne, um seine Tochter endgültig den unendlichen Weiten des Weltalls zu übergeben. Mit zitternden Händen legte er die Rettungskapsel in die Schleuse. Seine Augen füllten sich mit salzigen Tränen, als er sich in der adjanischen Sprache von Nenomith verabschiedete:

„Geft gyiughh Gjobcdski lucdxn Opuda fjahdekl céd Hicvus atcrrah!“

Er wich zurück und die Öffnung schloss sich vor seinen wässrig blauen Augen. Gespannt wie der alte Lieblingsschirm des Imperators wartete er darauf, dass die Kapsel ins Vakuum katapultiert wurde. Und tatsächlich flog sie ein Stück nach vorne, blieb dann aber an der Schiffsschraube, die Peyrac aus ästhetischen Gründen gleich neben der Luftschleuse des Kommandodecks angebracht hatte, hängen. „Oh nein!“, stieß Pierrick aus und schlug sich die Hände vor die Augen. In Gedanken sah er seine Tochter schon zerhackstückelt im Getriebe der Schraube hängen, die Überreste der Kapsel verstreut in alle im luftleeren Raum nicht vorhandenen Winde.

Todesmutig schlug er auf den Notschalter, der das Tor erneut öffnete. Für kurze Zeit würde er noch atmen können, denn der Druckausgleich gewährleistete eine letzte Gnadenfrist und seine Lungen waren überdies durch das adjanische Vakuumtraining gestärkt. Doch seine Angst war übermächtig und damit sie ihn nicht vollständig beherrschte, holte seine Feldflasche mit corellianischem Whiskey hervor und sog das scharfe Gebräu gierig in sich ein. Sofort wurde seine Seele beschwingter und er hangelte sich durch die Öffnung, um die Rettungskapsel mitsamt seiner Tochter vor dem Verderben durch die Schiffsschraube zu retten. Es kostete ihn einiges an Kraft zu ihr zu gelangen, aber der Commodore kämpfte sich unermüdlich voran. Schließlich trennte ihn nur noch eine Handlänge von seinem Ziel. Seine Lungen brannten trotz all des Trainings und seine Glieder drohten steif zu werden und zu erfrieren. Unter Aktivierung seiner letzten Reserven gab Peyrac der Kapsel einen kräftigen Schubs und befreite sie vom tödlichen Griff der Schiffsschraube und sie glitt anmutig davon in Richtung der endlosen Schwärze.

In seinen Lungen spürte Peyrac, wie jedes einzelne Lungenbläschen zerbarst und der Drang einzuatmen wurde unwiderstehlich. Ohne weiter nachzudenken oder zurückzublicken stieß er sich rückwärts ab, zurück in das rettende Sanktuarium der Croloque. Doch bevor er sich wieder mit seinem gesamten Körper im Schiffsinneren befand, wurde die Selbstschutz-Einrichtung der Schleuse aktiviert und das Tor schloss sich erneut. Peyrac blickte durch die sich immer weiter verkleinernde Öffnung, riss die Augen weit auf im Schock und in Todesangst. Dann spürte er auch schon einen pulsierenden Schmerz, der seine Hüften zerquetschte, zermantschte, zerpresste, zertrümmerte, zerriss, zerbiss, zerlegte, zerteilte und zerschmetterte.

Sein Mund öffnete sich um zu schreien, doch es kam kein Laut aus ihm. Das Vakuum verschluckte seinen Todesschrei. wie das Schlundzentrum einst von der Ballung schwarzer Löcher unfern von Kessel verschluckt worden war. Tarkin hatte ihm kürzlich bei ihrem gemeinsamen Abendessen davon erzählt. Verärgert fragte sich der Oberköper von Peyrac, warum er in diesen letzten dramatischen Augenblicken seines kurzen Lebens ausgerechnet an den Grandmoff mit dem Prototyp des einzig wahren ultimativen Special Advanced Extended Edition mit Protonengas betriebenen Kühlschrank dachte. Seine Gedanken fanden zurück zu seiner einzigen Stammhalterin, doch ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte, spürte wie der Sog der Schiffsschraube den Rest seines zerstörten Körpers anzog. Die rotierenden Blätter der Schraube schnitten wie messerscharfe Klingen durch seinen gepeinigten Leib und bereiteten ihm unsägliche Qualen, bevor sein Geist erlöst wurde und aus seinem Körper fuhr.


* * *


Zut Gaston lag röchelnd in seinen eigenen Exkrementen. Seine Organe waren erschlafft und sein letzter Blick wanderte den Horizont entlang. Seine Stirn war an die kalte Scheibe aus Transparistahl gepresst und sein Odem zeichnete sich in unregelmäßigen langsamen Atemzügen an dem Fenster ab. In diesem Augenblick klatschte mit der Wucht eines Blasterschusses eine ekelerregende Masse aus schleimigen Eingeweiden, Gedärmen und Gehirnpartikeln an das glasähnliche Material vor Zuts Augen. Der Camargue spürte wie sein Magen sich umdrehte, übergab sich und drohte an seinem Erbrochenen zu ersticken. Das Rathan-Gas, das das abgetrennte Abteil durchströmte, raubte ihm das Bewusstsein, noch bevor er realisieren konnte, dass die Eingeweide seinem Vorgesetzten gehört hatten, der für seine schandhafte Tat gebüßt hatte.



Ende von Teil 1

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