Everybody's fool


Anmerkung der Autorin:

Das Thema "Eltern" erfreut sich im Star Wars Universum seit jeher besonderer Beliebtheit ("Luke, röchel, ich bin, röchel, dein Vater, röchel."). In den Romanen dauert es sogar immerhin fast 30 Jahre bis Luke und Leia endlich erfahren, wer ihre Mutter war. Dennoch habe ich mich damit ein wenig ausgetobt. Zeitlich ca. 14 J.n.Y (zwischen Planet des Zwielichts und Der Kristallstern) anzusiedeln. Inspiriert wurde die Story durch den gleichnamigen Song von Evanescence.




Der Wind heulte durch die tiefen Straßenschluchten und vermischte sich mit dem monotonen Brummen tausender Triebwerke und dem fernen Krächzen der Flederhabichte, die entlang der kilometerhohen Türme aus kaltem Durastahl und Permabeton nach Nahrung suchten.

 

Luke Skywalker stand bewegungslos auf dem Dach, lehnte sich an die schmucklose Brüstung und sah zum grauen Himmel hinauf, um nach den ersten Anzeichen des neuen Tages zu suchen. Vor seinem geistigen Auge konnte er mit gestochen scharfer Präzision sehen, wie sich die Wetterstationen im Orbit bewegten und den Stadtplaneten umkreisten. Langsam kippende Spiegelreflektoren warfen die Strahlen der Sonne in einem genau kalkulierten Winkel auf die Wolkendecke des Senatsviertels, während andernorts ein Kanalsystem den Wind antrieb und durch die Straßen jagte. Kein Zweifel, bald würde auf Coruscant ein neuer Tag anbrechen, aber welchen Unterschied machte das schon?

 

Egal ob Tag oder Nacht, Coruscant war immer in Bewegung. Milliarden Lebewesen, von der tiefsten Ebene der Unterwelt bis zu den Spitzen der Himmelsdome, vermengten sich zu einer einzigen Maße, einer Kreatur, die niemals schlief, die niemals aß und niemals trank.

 

Einer Kreatur, die niemals genug bekommen konnte.

 

Mit einem Seufzen ließ er seine Blicke über die Stadt schweifen. Nicht weit entfernt ragten die unzähligen Türme des Imperialen Palastes in den Himmel. Lächelnd dachte er an Jaina, Jacen und Anakin, die dafür berüchtigt waren nicht lange zu schlafen. Vermutlich waren sie schon wach und stellten ihr Zimmer auf den Kopf. Selbst auf einer abgelegenen und scheinbar langweiligen Welt wie Yavin 4 waren die drei schon am frühen Morgen durch den alten Massassi-Tempel gerannt. Diese Kinder besaßen einfach zu viel Phantasie, um sich ihre Langeweile nicht auf irgendeine kreative Art zu vertreiben, geschweige denn ihre Zeit mit Schlafen zu vergeuden - auch wenn das darin endete, dass die drei wieder über einen neuen Streich konspirierten, dessen einziger Zweck darin bestand, den Erwachsenen das Leben schwer zu machen.

 

Er konnte sich nur zu gut das Gesicht seiner Schwester vorstellen, wie sie sich vor ihren Kindern aufbaute, um ihnen eine Standpredigt zu halten, nachdem der Schlamassel längst im Gange war. In der Tat schien es so, dass ihre Zurechtweisung angesichts der grinsenden Gesichter seiner Nichte und seiner beiden Neffen dem Ganzen noch die Krone aufsetzte und das Chaos perfekt machte.

 

"Junge, wenn ich sie alle so anschaue", hörte Luke Han noch immer sagen, "Dann frage ich mich ernsthaft, wie das bei dir und Leia abgegangen wäre, wenn ihr zusammen aufgewachsen wärt. Wahrscheinlich hätte der Babysitter-Droide genauso regelmäßig den Geist aufgegeben. Verdammte Jedi!"

 

Jedes Mal wenn Han einen solchen Satz fallen ließ, folgten Lukes Gedanken voller Wehmut dem selben Pfad. Eigentlich sollte er sich nicht darum scheren, woher er kam, doch manchmal drängte sich ihm die Frage nach seiner Herkunft wie ein Brandmal auf.

Mit dem richtigen Status beim Militär, den richtigen Bekanntschaften und den notwendigen Zugangscodes war es im Grunde nicht einmal schwer gewesen, das HoloNet nach Informationen über seinen Vater zu durchsuchen. Erstaunt über die Masse an Aufnahmen und Berichten über die Taten seines Vaters als junger Jedi, hätte er sich jahrelang zum Studium der Vergangenheit in eine dunkle Kammer zurück ziehen können, obwohl die Informationen oft nur unzureichend recherchiert waren.

 

Und dennoch: Anakin Skywalker machte nur die Hälfte des Rätsels aus.

Ohne die anderen Hälfte ließ sich das Puzzle nicht zusammenfügen und das Wenige, das er wusste verlor an Bedeutung. Aber ohne einen Namen oder ein Gesicht hatte er nicht einmal den Hauch einer Chance.

 

Im Grunde hatte er damit gar nichts.

 

"Ich habe ja schon mit allem möglichem gerechnet, aber nicht mit Ihnen, Skywalker!" hörte er plötzlich eine vertraute Stimme in einer Mischung aus Verblüffung und Entrüstung sagen.

 

Die Stimme gehörte Mara Jade.

 

Langsam drehte er sich um und der Wind bauschte seinen braunen Mantel und sein sandfarbenes Jedi-Gewand auf. Er blinzelte überrascht, als er ihre elegante Erscheinung von Kopf bis Fuß musterte. Sie trug ein dunkelgrünes, nahezu ärmelloses Kleid aus Satin oder Seide, das mit Stickereien aus Goldbrokat verziert war und am Bauch durch eine enge, schwarze Korsage zusammen gehalten wurde. Das Kleid war an beiden Seiten geschlitzt und lediglich die feinen Schnürungen auf Hüfthöhe hielten den Stoff davon ab im Wind zu flattern wie eine Fackel im Sturm. In einer Hand hielt sie eine kleine Tasche, in der anderen ein Paar Stilettos, die im Dämmerlicht glitzerten wie kunstvoll geformtes Glas.

 

"Das Kompliment kann ich nur zurück geben!" sagte er, "Obwohl ich mich wundere, was Sie in diesem Outfit, in dieser abgelegenen Gegend und um diese Uhrzeit vorhaben!"

 

Humorlos zog sie einen Mundwinkel nach oben.

 

"Ein Geschäftsessen, drüben im East Port Sektor", sagte sie, kam zu ihm herüber und lehnte sich gegen die Brüstung. Der Wind wehte ihr heftig um die Nase und löste einige kupferfarbene Strähnen aus einem kompliziert gesteckten Haarknoten. "Der Kunde war ein Kuati", fügte sie hinzu, "und Sie kennen ja deren Vorstellung von einem gepflegten Äußeren."

 

"East Port? Das ist ein gutes Stück weit weg von hier!" stellte er fest und lehnte sich ebenfalls rücklings an das alte Durastahlgestänge der Brüstung.

 

"Bewegung schadet nicht", erwiderte Mara tonlos und starrte für einen Moment in die Tiefe hinab.

 

"Und wie war Ihr Abendessen?" fragte er unverblümt. Froh, dass sie ihn aus seinen melancholischen Gedanken gerissen hatte, versuchte er ein wenig Konversation zu machen.

 

"Warum lesen Sie es nicht einfach meine Gedanken?" sagte Mara spitz ohne ihn anzusehen.

 

Luke sparte sich eine Antwort auf diesen Kommentar. Mara hatte das Praxeum lange genug besucht, um zu wissen, dass ein derartiger Eingriff in den Geist eines anderen nur bei mental schwachen Lebewesen möglich war. Und zu dieser Sorte gehörte Mara Jade eindeutig nicht. Abgesehen davon lehrte Luke seine Studenten vom Gebrauch der Gedankenkontrolle abzusehen, also würde er jetzt nicht das Gegenteil versuchen.

 

Nachdem einige Sekunden schweigend verstrichen waren, wandte sie sich vom Abgrund ab, zupfte eine Strähne hinter ihr Ohr und sagte bloß: "Ich habe schon verstanden. Das wäre nicht der Weg eines wahren Jedi."

 

"Sie haben ja doch aufgepasst", erwiderte er lächelnd, "Dabei sah es so aus, als wären Sie mir in der letzten Reihe bei jedem Vortrag eingeschlafen."

 

Sie setzte ihr typisches, süffisantes Lächeln auf, ein Lächeln, das Luke bisher nur an ihr gesehen hatte und vermutlich auch niemals an jemand anderem würde entdecken können. Es gehörte einfach zu ihrem typischen Charme. "Manchmal stimmte das auch", meinte sie unverblümt, "Das kommt davon, wenn Sie immer alles zwei-, drei- oder viermal erzählen müssen. Sie und ihre Übervorsicht."

 

Er schürzte die Lippen. "Da ist wohl etwas Wahres dran", gab er zu, "Aber Sie erinnern sich auch noch, was mit Kyp Durron passiert ist?"

 

Sie seufzte kurz und er wusste, dass sie sich nur zu gut an diese Geschichte erinnerte. Nicht allein durch die Tatsache, dass Kyp den Sonnenhammer geboren und das gesamte Carida-System ausgelöscht hatte, der Vorfall hatte für Mara auch noch eine persönliche Note bekommen, als Lukes junger Schüler ihre geliebte Jadefeuer gestohlen und sich auf und davon gemacht hatte.

 

"Kommen Sie eigentlich häufiger hier entlang?" fragte er, um von diesem eher unangenehmen Thema abzulenken.

 

"Nein", sagte sie schlicht und warf ihm einen vielsagenden Seitenblick zu, "Und Sie?"

 

"Nein!" rief er.

 

Es entstand eine fast peinliche Pause und Mara starrte ihn mit einem wissenden Funkeln in den Augen an.

 

"Sie sind ein schlechter Lügner, Skywalker. Ich wette, Sie kommen häufiger her als Ihnen lieb ist, um über irgendeinem Problem zu brüten, richtig?"

 

Froh, dass die langen Schatten der einsetzenden Dämmerung einen Teil der Farben verwischten, unterdrückte Luke die plötzliche Hitze auf seinen Wangen. "Wie kommen Sie darauf?"

 

Sie lachte nur: "Oh bitte, Skywalker! Auf Yavin 4 sind Sie doch auch schon immer vor Sonnenaufgang herumgetigert und haben auf dem Dach des Tempels meditiert."

 

"Bin ich so leicht durchschaubar?" fragte er peinlich berührt.


Mara legte den Kopf mit einem Gesichtsausdruck zur Seite, als wollte sie die Vor- und Nachteile eines Deals abwägen. "Hin und wieder schon. Aber machen Sie sich nichts daraus. Ich bin mein ganzes Leben lang darauf trainiert worden, die Bedeutung hinter den Worten und Handlungen anderer Menschen zu entdecken."


"Na, dann kann ich wohl von Glück reden, dass Sie eine der wenigen Personen mit einer solchen Beobachtungsgabe sind, hm?"


Wieder entstand eine Pause, in der Mara ihn bloß mit ihren undurchdringlichen, grünen Augen ansah. Und wieder hatte er dieses undefinierbare Gefühl, sie würde sein unscheinbares Äußeres durchdringen und bis in seinen Kern vorstoßen. Mit einem kontrollierten Atemzug straffte er die Schultern und versuchte ihren Blicken zu widerstehen.


"Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang?" sagte sie plötzlich und stieß sich vom Geländer ab.


Er blinzelte. "Wie bitte?"


"Wenn ich noch länger hier stehen muss, fangen meine Füße wieder an zu schmerzen, aber wenn ich in Bewegung bleibe, lässt es sich ertragen", erklärte sie und hob andeutungsweise die Hand, mit der sie ihre Schuhe trug.


"Sie könnten auch...", begann Luke, doch Mara ließ ihn den Satz nie zu Ende bringen. Mit einem schnippischen Lächeln hob sie einen Finger und brachte ihn damit zum Schweigen.

 

 "Ich weiß, Skywalker, ich weiß. Aber ich habe kein Interesse daran mir den Schmerz mit Hilfe der Macht weg zu denken. Ich werde ihn genauso ertragen, wie jede andere Frau auch."


Ihm blieb nichts anderes übrig als ihren Entschluss mit einem Nicken hinzunehmen.
"In Ordnung, ich begleite Sie ein Stück."


Langsam setzten sie sich in Bewegung. Die Plattform, auf der sie einander begegnet waren, diente einem größeren Wohnkomplex als Dach, doch dank mehrerer Turbolifte war sie unmittelbar mit einem weitläufigen Marktplatz verbunden, auf dem Händler an sonnigen Tagen ihre Waren feil boten. Wann immer Luke seine Familie auf Coruscant besuchte, nahm er sich die Zeit mit Jaina, Jacen und Anakin hierher zu kommen. Die Kinder konnten so ihre überschüssige Energie loswerden und sich austoben, während es für ihn eine willkommene Abwechslung von der Stille und der Abgeschiedenheit des Praxeums war. Doch im Vergleich zu den offenen Märkten am Tag war es jetzt ruhig und die Menge der Besucher überschaubar. Hier und da streifen kleine Gruppen von Menschen und Nichtmenschen umher, die sich mal laut, mal leise untereinander Gehör verschafften, aber ansonsten zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um Luke und Mara Beachtung zu schenken. Es war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Luke sich als er selbst in der Öffentlichkeit zeigen konnte, ohne dass Bittsteller, Heldenverehrer, versprengte Reste des Imperiums oder sonstige Spießgesellen seine Aufmerksamkeit erforderten - eine wirklich sehr erfrischende Abwechslung.


Am Horizont durchbrachen die ersten Sonnenstrahlen endlich die grauen Wolken und bedeckten Coruscant in einen Schleier von dunklem Orange und blutigem Rot. Er hob den Blick, dem Licht entgegen, und fragte sich, wann er das letzte Mal diesen beinahe stillen und anmutigen Glanz über Imperial City gesehen hatte.


"Und worüber haben Sie nun nachgedacht?" fragte Mara und zerriss damit die Stille und den endlosen Strang seiner Gedanken.


Luke stutzte. Er musste zugeben, dass ihn die Direktheit ihrer Frage überraschte, schließlich hatte sie in der Vergangenheit nur äußerst selten Interesse an seinem Privatleben gezeigt, doch er schob den Gedanken beiseite und wollte sich nicht davon beirren lassen.


"Die Vergangenheit, die Zukunft", sagte er unschlüssig, "Wo man hingeht, wo man herkommt... solche Dinge eben."


Sie hob fragend eine Augenbraue.
"Versuchen Sie wieder sich das Leid der gesamten Galaxis auf die Schultern zu laden oder ist das hier persönlicher Natur?" fragte sie vorsichtig.


"Persönlich", antwortete er schlicht.


Eine bunt zusammen gewürfelte Truppe von Nichtmenschen kam auf sie zu. Offensichtlich hatte alle dem Alkohol sehr zugesprochen, denn sie erfreuten den gesamten Platz mit lautem, unmelodischem Gesinge in einer Sprache, die Luke nicht bekannt vorkam - insofern es sich bei der Aneinanderreihung von Vokalen und Konsonanten überhaupt um eine existierende Sprache handelte. Mara ließ keinen von ihnen aus den Augen, bis die Gruppe vorbeigezogen und außer Hörweite war.


"Ich hoffe ich treten Ihnen nicht zu nahe, Skywalker, aber trauern Sie etwa immer noch Ihrem Mädchen hinterher?" fragte sie dann.


Luke verzog das Gesicht. "Sie meinen Callista? Nein, nach der Sache auf Nam Chorios habe ich damit abgeschlossen."


Mara gab ein verstehendes Brummen von sich, doch der fragende Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb erhalten. "Also", begann sie langsam, "worüber haben Sie sich dann den Kopf zerbrochen?"


Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte er ihr den Kopf zu. "Sind Sie sich sicher, dass Sie das wirklich hören wollen?" fragte er und ein Hauch von Zweifel und Ironie schwang in seiner Stimme mit.


Doch Mara regte das Kinn, einen leicht säuerlich Ausdruck auf dem Gesicht.
"Würde ich sonst fragen?" gab sie zurück.


Luke gestattete sich, sie einen Moment lang voller Faszination anzustarren. Mara überrasche ihn immer wieder. Möglicherweise würde sie seine Gedanken nicht verstehen, aber es tat gut mit jemandem zu reden, der einen gewissen, persönlichen Abstand zu alledem hatte. Er war nur erstaunt, dass Mara Jade sich bereit erklärte, dieser jemand zu sein.


"Wissen Sie", begann er langsam, "In den Jahren seit Endor kreiste das Thema der Herkunft ständig wie ein Damoklesschwert über Leia, Han und mir, eigentlich über unserer gesamte Familie. Hans vermeintlich königliche Abstammung ist nur ein harmloser und kurzer Auszug aus einer langen Liste von Ereignissen, die keiner von uns beeinflussen konnte, aber unter denen wir trotzdem zu leiden haben. Unsere Eltern - und vielleicht auch unsere Großeltern - sind Glieder einer langen Kette, und damals, auf Tatooine, als ich noch in der Obhut von Onkel Owen und Tante Beru aufwuchs, wollte ich immer wissen, welcher Teil der Kette ich bin und was die Kette an sich ausmacht, verstehen Sie?"


"Das ist fast 14 Jahre her", meinte Mara ernst.


"Mag sein. Doch das ändert nichts daran, dass ich auch heute noch von der Frage heimgesucht werde: 'Woher komme ich?'"


Sie runzelte die Stirn, blieb jedoch stumm.


"Wie viel von dem, was ich heute bin, wurde von den Taten meiner Eltern beeinflusst? Inwiefern kann ich mein Erbe annehmen oder ablehnen? Und ist das überhaupt möglich?" fuhr er dann fort.


"Wie kommen Sie bloß auf solche Gedanken, Skywalker?" fragte sie in einem Tonfall, als hätte er soeben ihr Weltbild zerstört.


"Nun, Callista ist daran nicht ganz unschuldig, immerhin wollte ich mit ihr mein Leben teilen, Kinder groß ziehen... Aber ich denke dabei auch an Anakin und die Zwillinge. Was meinen Sie, wie viel wir Anakin mit seinem Namen aufgebürdet haben?"


"Ich denke", sagte Mara bestimmt, "dass ihre Schwester damit das Andenken eines guten Mannes ehren und die Vergangenheit hinter sich lassen wollte. Und genau das sollten Sie auch tun, Skywalker! Sie denken einfach zu viel! Was geschehen ist können Sie nicht ändern und es wir Ihnen auch nicht dabei helfen, die Kinder ihrer Schwester großzuziehen."


Luke schmunzelte humorlos, angesichts ihrer pragmatischen Antwort.
"Leias Kinder..."


"Von Ihren eigenen kann ich ja schlecht reden", meinte Mara, "Aber sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie eine Frau gefunden haben, die verrückt genug ist, sich auf eine eigene Skywalker-Familie einzulassen!"


"Sie erfahren es als Erste", erwiderte Luke mit einem sardonischen Lächeln.


"Da ist doch noch etwas, oder?" fragte Mara und ihr Tonfall verriet ihm, dass sie nicht davon begeistert war, ihm alles aus der Nase ziehen zu müssen. Trotzdem konnte Luke sich glücklich schätzen: Vor vier Jahren hätte sie an dieser Stelle der Unterhaltung ihren Blaster aus dem Unterarmholster gezogen und ihm mit tödlicher Entschlossenheit gegen die Kehle gepresst. Sie hatte sich wirklich in Geduld geübt. Vielleicht würde aus ihr ja doch noch eine Jedi werden.


"Nun, ich selbst werde mir nie die Fragen über meinen Vater, geschweige denn über meine Mutter beantworten können. Alles, was ich weiß, resultiert aus dem Wenigen, das Ben und Yoda mir preisgegeben haben."


"Unwissenheit kann ein Segen sein", kommentierte Mara trocken, "Die beiden wollten Sie wahrscheinlich nur schützen."


"Beide hatten Angst, dass zuviel Wissen mich auf denselben Pfad wie Anakin Skywalker bringen würde, hin zur Dunklen Seite. Sie fürchteten, dass ich die Schwächen meines Vaters geerbte habe und teilweise stimmt das auch. Dennoch... manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, dass Ben und Yoda mir einfach nicht genug vertrauten. Sie schienen beide nicht zu erwarten, dass ich der Dunklen Seite widerstehen könnte."


"Nun, Ihre überstürzte Abreise von Dagobah war wohl genauso vertrauenserweckend, wie Durrons Flucht von Yavin 4."


Luke nickte und das Gefühl der Wehmut breitete sich erneut ungehemmt in ihm aus. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal soviel Bitterkeit empfunden hatte.
"Ja. Ja, Sie haben Recht. Trotzdem fühle ich mich manchmal, als hätten sie mich zum Narren gehalten."


"Sie fühlen sich doch in der Rolle als Jedermanns Depp sehr wohl."


"Das ist nicht wahr!" stieß er hervor.


Mara blieb abrupt stehen und zog eine Augenbraue nach oben. "Ach ja?"


Auch Luke verharrte in seinen Schritten und ihre Blicke trafen wie zwei Blitze aufeinander.


Dann, schließlich, gab Mara mit einem resignierenden Seufzen nach und schüttelte leicht den Kopf.


"Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen, Skywalker, aber es hat keinen Sinn an der Vergangenheit festzuhalten. Es zählt nur, dass man weiter in die Zukunft blickt und das Beste daraus macht."


"Soll das heißen, Sie haben sich noch nie Gedanken gemacht woher Sie kommen, was ihr Erbe ist, über Palpatine hinaus?"


Offensichtlich hatte er einen überaus empfindlichen Nerv getroffen, denn, obwohl sich nichts an ihrer stolzen Haltung änderte, entdeckte er einen seltsamen, feuchten Glanz in ihren Augen.


"Es gibt nur eines, dass ich mit Sicherheit über meine Eltern weiß: Dass mein Leben nicht wert genug war, um darum zu kämpfen", sagte sie und – auch wenn sie das nicht wollte – schwang ein tiefes, alles durchdringendes Bedauern in ihrer Stimme mit, "Und das ist alles, was ich wissen muss."


Als hätte sie ihm mit ihren Worten die Klinge seines Lichtschwertes in die Brust gestoßen, so fühlte Luke einen Stich in seinem Herzen und er bedauerte, überhaupt mit ihr gesprochen zu haben.


"Es tut mir leid", sagte er.


"Wissen Sie, was Ihr Problem ist, Skywalker?", erwiderte sie daraufhin und gewann langsam die Kontrolle über ihre Stimme und Gefühle wieder, "Ihnen tut ständig irgendetwas leid, selbst dann, wenn Sie gar nichts dafür können."


Luke öffnete rasch den Mund. Die Worte lagen ihm schon auf der Zunge, waren kurz davor über seine Lippen zu kommen, als Mara blitzartig die Hand hob und ihn verstummen ließ.


"Ich habe Sie doch gefragt und mich damit wissentlich auf diese Unterhaltung eingelassen, oder?" sagte Mara und machte eine wegwerfende Geste. "Und jetzt hören Sie bitte auf sich für alles die Schuld zu geben. Das kann einen echt runterziehen!"


Das entlockte Luke schließlich ein Grinsen.


"Ich gebe mir Mühe", sagte er nur, doch er war sich sicher, dass Mara seine Dankbarkeit wie ein sanftes Wogen in der Macht spüren konnte. Ihre Mundwinkel hoben sich kaum merklich; die wage Andeutung eines Lächelns.


"So sind Freunde nun mal."


Luke blinzelte verdutzt über die Bemerkung. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass sie ihre Beziehung zueinander auf diese Weise bedachte. "Freunde?"


"Ja, Freunde.", wiederholte sie voller Entrüstung, doch er war sich nicht sicher, ob sie es so ernst meinte, wie sie es sagte. "Was dachten Sie denn, warum ich mir Ihren Trübsal anhöre?"

 
Er zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht. Vielleicht ein fataler Hang zum Masochismus?"


Sie lachte amüsiert auf und ihr rotes Haar schimmerte wie flüssiges Feuer in der aufgehenden Sonne, während der Wind den feinen, süßlichen Duft ihres Parfüms zu ihm hinüber trug. "Das würde Ihnen gefallen, was, Skywalker?"


"Kann man so sagen.", erwiderte er und gestattete sich ein weiteres, jungenhaftes Grinsen. "Und als Zeichen meiner Dankbarkeit würde ich Sie gern auf einen Kaffee einladen. Immerhin haben Sie meinen Tag gerettet."



"Da sag' ich nicht Nein." gab sie zurück und ergriff mit einem sanften Lächeln die Hand, die er ihr darbot. "Nach dieser langen Nacht könnte mein Körper sicherlich ein bisschen Koffein vertragen!"



ENDE